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Renate Schepker, Mehmet Toker: Transkulturelle Kinder- und Jugendpsychiatrie

Cover Renate Schepker, Mehmet Toker: Transkulturelle Kinder- und Jugendpsychiatrie. Grundlagen und Praxis. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. 212 Seiten. ISBN 978-3-939069-60-7. D: 29,95 EUR, A: 30,85 EUR, CH: 52,30 sFr.
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Thema

Psychotherapeuten und Psychiater sind es gewohnt, ihre Kommunikation auf die verschiedenen Bezugssysteme einzustellen, denen ihre Patienten zugehören. Dieses Einfühlungsvermögen ist eine Voraussetzung erfolgreicher Behandlungsprozesse. Für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen ist die Einstellung auf das familiäre Milieu, in dem die Indexpatienten leben, von besonderer Bedeutung.

  • Welche unausgesprochenen Erwartungen haben Betroffene und Bezugspersonen an eine Behandlung?
  • Wie ist ihre Veränderungskompetenz einzuschätzen?
  • Welche Vorstellungen über die Gründe des behandlungsrelevanten Problems haben die Beteiligten?
  • Was, glauben sie, erwartet der Behandler von ihnen und welche Unsicherheiten bestehen diesem gegenüber?

Entsprechende Fragen stehen beim therapeutischen Erstkontakt im Raum und beeinflussen den weiteren therapeutischen Prozeß. Steuern wechselseitige Grundannahmen den Prozess, die miteinander nicht ausreichend in Kontakt kommen, bleibt eine therapeutische Begegnung aus. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, dass Behandlungen, in denen interkulturelle Differenzen zwischen Therapeut und Betroffenen bestehen, umso eher gelingen werden, je mehr transkulturelle Kompetenz auf Therapeutenseite vorliegt. Diesem Anliegen ist das vorliegende Buch verpflichtet. Es soll (und kann!) beitragen, die psychische Behandlung junger Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern; eine große Aufgabe, die in Deutschland erst seit diesem Jahrzehnt übergreifende fachliche Aufmerksamkeit erhält. Mit den Worten der Autoren: „Das Etablieren einer fachlich adäquaten Behandlung für Patienten jeglichen Kulturhintergrundes kann als eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht nur für unser Fachgebiet bezeichnet werden.“

Entstehungshintergrund

Empirische Grundlage der Veröffentlichung ist die Essener Feldstudie, die in den 90er Jahren im Rahmen eines DFG-Projektes „Folgen der Arbeitsmigration für Bildung und Erziehung (FABER)“ von den Autoren durchgeführt wurde. Die Essener Studie untersuchte, was Jugendliche türkischer Herkunft im Sinne primärer Prävention gesund hält und was ihre Familien im Krankheitsfall unternehmen. Prof. Dr. Renate Schepker, Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie & Psychotherapie des Zentrums für Psychiatrie Weissenau und Dr. Mehmet Toker, Leitender Psychologe an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LWL-Klinik Hamm, zählen zu den Experten in Deutschland, die sich seither am intensivsten mit transkulturellen Fragestellungen bei der psychischen Behandlung junger Menschen auseinandergesetzt haben. Renate Schepker war unter anderem an der Ausformulierung der Sonnenberger Leitlinien zur Integration von Migranten in Psychiatrie und Psychotherapie beteiligt.

Aufbau und Inhalte

Das Grundlagenkapitel Geschichte und Erkenntnisstand analysiert verschiedene theoretische Annahmen zum Zusammenhang von Migration und psychischer Gesundheit. Die Autoren unterscheiden, ausgehend vom frühen Migration-Stress-Paradigma, dessen determinstische Grundlogik überholt ist, relevante Perspektiven auf psychische Risiken junger Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Das Gesundheitsverhalten junger Menschen und die erlebte familiäre Unterstützung variieren in der Regel mit der Schichtzugehörigkeit der Eltern. Statistisch sind migrationstypische Risiken in Deutschland stark mit schichtbezogenen Risiken konfundiert. Auf diese sofort einleuchtende, aber in der Diskussion oft vernachlässigte Tatsache weisen die Autoren unter dem Stichwort „Unterschichtungs-Paradigma“ sehr klar hin und konkretisieren in vielen Passagen des Buches verschiedene Aspekte der gegebenen strukturellen Benachteiligung. In der Diskussion werden aber auch die Grenzen des Unterschichtungs-Paradigmas aufgezeigt. Die klinische Betrachtung belegt eine evidente Risikobelastung von Zuwandererkindern, die sich aber offenbar nicht direkt in eine erhöhte psychopathologische Belastung umsetzt. Die Autoren diskutieren die gefundenen Auftretensraten psychischer Störungen bei Zuwanderern hinsichtlich verschiedener Referenzgruppen in den Herkunftsländern und in Deutschland. Allein schon diese gründliche Diskussion der verstreuten epidemiologischen Daten ist ein fachlicher Beitrag, der kaum überschätzt werden kann.

Wie sind Hilfesysteme und Therapeuten auf die Begegnung mit migrationsspezifischen Anforderungen eingestellt? Dies ist die Frage des zweiten Buchabschnitts. Wichtige Orientierungspunkte bei der Entwicklung einer kultursensiblen Psychiatrie und Psychotherapie sind die Sonnenberger Leitlinien und die Richtlinien zur Formulierung einer kulturbezogenen Diagnose im Klassifikationssystem DSM-IV-TR. Diese werden an den Beginn des Kapitels gestellt. Ein zentrales Anliegen kultursensibler Versorgung ist die Überwindung migrationstypischer „Inanspruchnahmebarrieren“ gegenüber fachlicher Hilfe. Die Autoren gehen detailliert auf Therapeutenhaltungen und konkrete Settingfragen ein, die sich günstig auf eine transkulturelle therapeutische Begegnung auswirken. Eine wesentliche Voraussetzung transkulturellen Einfühlungsvermögens ist Wissen über kultur- und migrationstypische soziale Tatsachen. Das Kapitel beschreibt migrationstypische Familienstrukturen und die Stellung von Frauen und Mädchen. Zum Schluss des Abschnitts wird ein schwerwiegendes psychodiagnostisches Problem thematisiert. Bislang setzen sich nur die wenigsten der in Deutschland gebräuchlichen testdiagnostischen Verfahren mit der Frage ihrer Kultursensibilität auseinander. In der Regel muss von erheblichen migrationsspezifischen Verzerrungen der Testergebnisse ausgegangen werden.

Wo kann Prävention als Förderung einer „normalen“ Entwicklung ansetzen? Das Thema des dritten Buchabschnitts geht vertieft auf die Ergebnisse der Essener Feldstudie ein. Für Deutschland vorliegende empirische Befunde zu den Bedingungen des Aufwachsens junger Menschen mit Migrationshintergrund werden bezüglich ihrer protektiven oder vulnerabilisierenden Bedeutung diskutiert. Einen Schwerpunkt des Kapitels bildet die Auseinandersetzung mit Besonderheiten der Adoleszenzentwicklung von Zuwandererkindern.

Der folgende, vierte Buchabschnitt geht vertieft auf die Bedeutung von intrafamiliären Risiken und Ressourcen für die psychische Gesundheit der Kinder mit Migrationshintergrund ein. In einem statistischen Gruppenvergleich wurden Familien mit psychisch gesunden und Familien mit auffälligen Kindern hinsichtlich verschiedener familienbezogener Risiken und Ressourcen kontrastiert. Die Gegenüberstellung gibt wertvolle empirische Informationen zur Bedeutung der unterschiedlichen Risiken für die Entwicklung von Zuwandererkindern.

Die Autoren unterstreichen im Weiteren die erforderliche interkulturelle Öffnung der Regeldienste für die psychische Versorgung junger Menschen mit Migrationshintergrund und diskutieren entsprechende Qualitätsaspekte.

Das siebte Kapitel konkretisiert die Ausführungen anhand kommentierter Fallbeispielen und Familientypologien.

Das zusammenfassende Schlusskapitel nimmt eindeutig Stellung: Migration als solche „wirkt nicht pathogen“ hinsichtlich psychischer Krankheit. Zu betonen ist aus Sicht der Autoren „demgegenüber der große Einfluss, den die soziale Lage und die aktuelle Lebenswirklichkeit auf die psychische Befindlichkeit haben und die Gefahr einer „Kulturalisierung“ solcher Fakten durch eine Fokussierung auf den Zuwandererstatus“. Als Eckpunkte angemessener Versorgung für Zuwandererfamilien, deren Kinder von psychischer Krankheit betroffen sind, beschreiben die Autoren

  • Ressourcenstärkung im sozialen Bereich,
  • kultursensible Diagnostik,
  • kultursensible Modelle zu Bindung und Entwicklung,
  • muttersprachliche Behandlungsangebote und,
  • insbesondere wo diese nicht verfügbar sind, eine Vernetzung der Behandlungseinrichtungen mit Sprach- und Kulturmittlern.

Zusammenfassung und Fazit

Renate Schepker und Mehmet Toker haben ein außergewöhnliches Buch vorgelegt. „Transkulturelle Kinder- und Jugendpsychiatrie“ ist engagiert ohne dabei auf wissenschaftliche Fundierung und theoretische Präzision zu verzichten. Die Vielfalt der empirischen Datenlage wird aufgezeigt und zu klaren Interpretationen mit praktischen Schlussfolgerungen für die Behandlung verdichtet. Die Veröffentlichung ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer angemessenen Versorgung junger Menschen mit Migrationshintergrund.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 01.12.2009 zu: Renate Schepker, Mehmet Toker: Transkulturelle Kinder- und Jugendpsychiatrie. Grundlagen und Praxis. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2009. ISBN 978-3-939069-60-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7432.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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