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Hans-Martin Brüll, Eike Bohlen (Hrsg.): Autonomie in Beziehung (Ethik von Sozialunternehmen)

Cover Hans-Martin Brüll, Eike Bohlen (Hrsg.): Autonomie in Beziehung. Zur Ethik von Sozialunternehmen mit christlichem Anspruch. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. 304 Seiten. ISBN 978-3-7841-1882-6. 24,90 EUR.
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Autoren

Das Buch „Autonomie in Beziehung“ wird von Martin Brüll und Eike Bohlken herausgegeben. Weitere Autoren sind Rolf Prim sowie Bruno Schmid.

Dr. Eike Bohlken ist wissenschaftlicher Assistent am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Politische Philosophie sowie Angewandte Ethik.

Dipl. Theol., Dipl. Päd. Hans-Martin Brüll ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für politische und ökonomische Bildung an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten. Darüber hinaus ist er als Fortbildner und Organisationsberater tätig.

Prof. Dr. Rolf Prim ist emeritierter Hochschullehrer für Erziehungswissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Methoden, moralische Bildung sowie Organisationsentwicklung.

Prof. Dr. Bruno Schmidt war bis zu seiner Emeritierung Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Ethik.

Thema

In dem Buch „Autonomie und Beziehung“ werden mehrere Studien zusammengefasst, die zwischen 2002 und 2008 am Institut für Bildung und Ethik bzw. im Zentrum für politisch-ethische und ökonomische Bildung in der Pädagogischen Hochschule Weingarten verfasst wurden. Wie auf Grundlage der Berufsqualifikation der Autoren zu erwarten, handelt es sich um soziologische, ethische bzw. theologische Reflexionen, die in enger Kooperation der Hochschule mit Sozialleistungsunternehmen entstanden sind. Katholische und evangelische Einrichtungen sind an die Hochschule mit der Bitte herangetreten, ethisch relevante Fragen ihrer Arbeit zu klären. Hieraus erschien im Jahr 2008 der Band von Hans-Martin Brüll und Bruno Schmid (Herausgeber) „Leben zwischen Autonomie und Fürsorge. Beiträge zu einer anwaltschaftlichen Ethik“ (Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau). Aufbauend auf dieser Publikation wenden sich die Autoren in diesem Werk noch stärker der Autonomie in Beziehung zu und legen einen Schwerpunkt auf die Implikationen für die Unternehmensführung. Die Einrichtungen, mit denen die Autoren intensiv zusammengearbeitet haben, gehören überwiegend zum so genannten „Brüsseler Kreis“, der sich aus evangelischen und katholischen Sozialleistungsunternehmen in Deutschland zusammensetzt.

Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes ist die zweifelsohne korrekte Aussage, dass die Führung von Unternehmen eine ständige Reflexion von Werten und Zielen erfordert. Das „richtige“ Handeln ist letztlich primär ein Managen von Wertkonflikten. Hierin unterscheiden sich Sozialunternehmen mit christlichem Anspruch nicht von anderen Unternehmen, wenn auch die spezifisch christliche Prägung ein spezielles Wertesystem impliziert. Die Autoren haben in ihrer Forschungsarbeit mehrere christlich geprägte Sozialleistungsunternehmen begleitet und beraten und hierbei festgestellt, dass der Autonomiebegriff von besonderer Bedeutung für den Wertekonflikt ist. In fünf Beiträgen entwickeln die Autoren deshalb den Autonomiebegriff und wenden ihn auf verschiedene Teilprobleme der Unternehmensführung an.

Aufbau und Inhalt

  1. Grundlegend ist hierbei im ersten Kapitel von Eike Bohlken und Hans Martin Brüll die Autonomie in Beziehung als eine Leitidee sozialunternehmerischen Handelns. Die Autonomie ist hierbei ein zentraler Wert, der sich strukturell und personell äußert. Die personelle Autonomie kann auf alle Stakeholdergruppen ausgedehnt werden. So ist z. B. in der Betreuungssituation von Patienten, Bewohnern oder ähnlichen Klientengruppen eine individuelle Autonomie von hoher Bedeutung. Auch die Mitarbeiter, die Sozialleistungsträger, die Öffentlichkeit, die Lieferanten etc. streben nach Autonomie. Gleichzeitig ist auch die strukturelle Autonomie des Unternehmens selbst im Rahmen des strategischen Managements von Relevanz. Neben der Autonomie ist jedoch auch die notwendige Interdependenz von Unternehmen und ihren Subsystemen inkl. Mitarbeitern, Kunden etc. eine Grundbedingung des sozial-wirtschaftlichen Handelns. Die Abwägung zwischen interdependenten Beziehungen und Autonomie in Beziehungsnetzen stellt eine Herausforderung dar, der sich die weiteren Ausführungen stellen.
  2. Im zweiten Kapitel diskutieren Hans Martin Brüll und Rolf Prim die berufsmoralische Kompetenz im Organisationskontext von Sozialleistungsunternehmen. Aufbauend auf der in der Führungsethik weit verbreiteten Konzeption der ethischen Entwicklung nach Kohlberg, benennen sie relevante Verhaltens- und Organisationsvariablen, wobei sie diese mit Umfrageergebnissen ihrer eigenen Studien konfrontieren. Es zeigt sich, dass die ethische Reflexionsfähigkeit und die Kapazität zum Managen von Wertekonflikten auf einem relativ niedrigen Niveau liegen. Hier ist eine berufsmoralische Weiterbildung und Kompetenzerhöhung von Mitarbeitern und Führungskräften gefordert.
  3. Im dritten Kapitel stellt Hans Martin Brüll unter dem Titel zwischen „Sollen und Können“ ethische Grundlagen sozialunternehmerischen Handelns mit christlichem Anspruch dar. Er definiert hierbei zentrale Anforderungen an eine moderne Unternehmensethik für Sozialleistungsunternehmen mit christlichem Anspruch. Sie muss sowohl die ethisch begründbaren Ansprüche der Stakeholder und die verschiedenen Entwicklungsphasen von Unternehmen berücksichtigen, als auch ein gut funktionierendes Ethikmanagement aufweisen. Darauf aufbauend entwickelt der Autor Prüfsteine einer Ethik sozialer Unternehmen mit christlichem Anspruch. Er empfiehlt, dass sie ihre Ziele, Werte und Normen transparent definieren, was insbesondere auch eine klare Definition des Stellenwertes der Wirtschaftlichkeit impliziert. Weiterhin sollen sie die möglichen Stakeholder in ihre Entscheidung mit einbeziehen, wobei die jeweiligen Standards, die an die moralische Entwicklung des Unternehmens gestellt werden, von dessen Entwicklungsphase abhängen. Weiterhin soll ein kompetentes Ethikmanagement eingeführt werden, das auch die christlichen Grundlagen des Unternehmens ausführlich würdigt und pflegt.
  4. Hans Martin Brüll und Eike Bohlken diskutieren im vierten Kapitel die gerechte Ressourcenverteilung in sozialen Unternehmen. Sie möchten darin sozialethische Grundlagen und Kriterien darstellen. Die entscheidenden Kriterien sind für die Autoren faire Verteilungsverfahren, Bedarfsgerechtigkeit gegenüber Klienten, Lohngerechtigkeit gegenüber Mitarbeitern und die Nachhaltigkeit gegenüber zukünftigen Klienten und Mitarbeitergenerationen. Eine ausführliche Darstellung der Problematik der Begriffe erfolgt nur ansatzweise. Die entsprechenden Zielkonflikte z. B. zwischen Mitarbeiter- und Klienteninteressen werden nicht befriedigend diskutiert.
  5. Abschließend beschäftigen sich Hans Martin Brüll und Bruno Schmidt im fünften Kapitel mit der ethischen Urteilsbildung in kirchlichen Sozialunternehmen. Sie schließen damit unmittelbar an den ersten Beitrag an und entwickeln eine christliche Basis einer autonomen Ethik. Mit Hilfe von Studien bzw. Modellen zeigen sie die Notwendigkeit eines spezifischen Ethikmanagements für Sozialunternehmen auf, wobei sie konsequent ihre Aussagen erst einmal auf christlich geprägte Sozialleistungsunternehmen beschränken, jedoch die Erweiterungen auf Unternehmen anderer Prägung offen lassen.

Diskussion

Das vorliegende Buch stellt einen sehr interessanten Beitrag zur Unternehmensführung von Sozialleistungsunternehmen dar. Es füllt in einer schmalen Nische eine Forschungslücke zwischen praktischer Unternehmensführung und theologischer Ethik, wobei die starke Fokussierung auf die Autonomie andere Aspekte zurücktreten lässt. Das vorliegende Buch ist deshalb allen Lesern, die sich mit soziologischen, ethischen und insbesondere theologischen Fragestellungen der Unternehmensführung von Sozialleistungsanbietern beschäftigen, bestens zu empfehlen. Für die praktische Unternehmensführung, insbesondere aus betriebswirtschaftlicher Sicht, leistet das vorliegende Buch nur einen bedingten Beitrag. Dies liegt zum einen daran, dass die Autoren in ihrer Sprache sehr viel näher an der Soziologie und Ethik angelehnt sind als an der Betriebswirtschaftslehre. Dies ist per se kein Malus und auf Grundlage der Berufe der Autoren verständlich, stellt jedoch eine Verständnisbarriere für viele Verantwortliche in Sozialleistungsunternehmen dar. Darüber hinaus kann man an mehreren Stellen sehen, dass die Autoren dem Wirtschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere den Entwicklungen auf den Sozialmärkten der letzten Jahre kritisch gegenüber stehen. Wenn sie beispielsweise von einer „ökonomisch erzeugten Knappheit der Ressourcen“ sprechen, so zeugt dies einerseits von Unkenntnis grundlegender ökonomischer Zusammenhänge und andererseits von Vorbehalten gegenüber einer Wettbewerbsordnung. Es ist deshalb auch wenig verwunderlich, dass die Autoren sich für eine Bedarfsgerechtigkeit und eine wenig reflektierte Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums aussprechen. Schließlich diskutieren die vorliegenden Arbeiten in keiner Weise, ob überhaupt ein Existenzgrund für Sozialleistungsunternehmen mit christlichem Anspruch besteht. Angesichts der Wettbewerbssituation bleibt zu fragen, ob die von den Autoren geforderte Autonomie tatsächlich in kirchlichen Einrichtungen größer ist als in kommerziellen oder staatlichen Institutionen oder ob sich Autonomie in den Beziehungen nicht primär durch die Marktmacht der Stakeholder ausdrückt. In diesem Fall wäre die geforderte Autonomie in der Wettbewerbsgesellschaft deutlich besser ausgeprägt als in einem Schutzraum kirchlicher Sozialleister, der, so kann man an einigen Stellen erahnen, den Autoren doch als die bessere Variante vorschwebt. Versteht man den Existenzgründen des Unternehmens ausschließlich in der Befriedigung von Kundenbedürfnissen und setzt man weiterhin voraus, dass Autonomie ein essentielles Bedürfnis eben dieser Kunden ist, so müsste gerade der kommerzielle Sektor die Autonomie als relevante Dimension der Ergebnisqualität definieren. Diesen, für die Verantwortlichen von Sozialleistungsunternehmen höchst relevanten Fragen, gehen die Autoren leider nicht nach.

Fazit

Das vorliegende Buch „Autonomie in Beziehung - Zur Ethik von Sozialunternehmen mit christlichem Anspruch“ von Martin Brüll und Eike Bohlken (Herausgeber) gibt eine interessante und kompetente Einführung in ein Spezialgebiet der Unternehmensethik. Für Leser mit soziologischen, ethischen oder theologischen Hintergrund dürfte es von hoher Relevanz sein. Wenn es dem Buch gelingt, Führungskräfte mit dieser Prägung dazu zu veranlassen, ihr berufliches Handeln neu zu reflektieren, so hat das Buch seine Funktion erfüllt.


Rezensent
Prof. Dr. Steffen Fleßa
Universität Greifswald, Department of Health Care Management


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Zitiervorschlag
Steffen Fleßa. Rezension vom 02.04.2009 zu: Hans-Martin Brüll, Eike Bohlen (Hrsg.): Autonomie in Beziehung. Zur Ethik von Sozialunternehmen mit christlichem Anspruch. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-7841-1882-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7437.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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