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Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen

Rezensiert von Prof. Dr. Erik Weber, 10.10.2009

Cover Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen ISBN 978-3-7841-1857-4

Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2008. 5., Auflage. 232 Seiten. ISBN 978-3-7841-1857-4. 22,50 EUR.
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Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-2438-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema

Die Lebenssituation von vielen Menschen, die traditionell als ‚geistig behindert‘ bezeichnet wurden, ist dadurch gekennzeichnet, dass sie hohen psycho-sozialen Belastungen ausgesetzt sind. Dies kann, wie bei allen Menschen, dazu führen, dass sie psychisch erkranken und Symptome entwickeln, die man gemeinhin als psychische Störung bezeichnet. Hinzu kommt, dass bei diesem Personenkreis immer wieder auch Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten sind, die aber nicht gleichzusetzen sind mit einer psychischen Erkrankung. In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Buch von Lingg und Theunissen, das nach seinem Ersterscheinen im Jahre 1993 nun in fünfter und überarbeiteter Auflage vorliegt. Die Autoren betonen, dass diese Schrift aus einem interdisziplinären Diskurs (S. 9) rühre, ein Diskurs zwischen Psychiatrie und Heilpädagogik, der nicht immer so fruchtbare Züge hat, wie die Zusammenarbeit der beiden Autoren.

Aufbau und Inhalt

Wie in ähnlichen aktuellen Veröffentlichungen besonders Theunissens, wird bereits zu Beginn des Buches die Problematik des Begriffes der ‚geistigen Behinderung‘, im Buchtitel ja noch vorhanden, diskutiert. Der besonders aus Betroffenenperspektive in die Diskussion gebrachte Begriff der ‚Menschen mit Lernschwierigkeiten‘ wird hier kritisch-konstruktiv erörtert, es bleibt aber letztlich bei diesem Spannungsfeld, insbesondere wenn es sich um eine Veröffentlichung handelt, die sich im Spannungsfeld heilpädagogisch-psychiatrischer Diskussionen bewegt. Im Kontext dieser Debatte ist denn auch das gesamte Wer zu lesen, das sich wie folgt gliedert.

In Kapitel 1 wird das oben erwähnte Spannungsfeld geistig behindert – verhaltensauffällig – psychisch gestört erörtert und die Autoren versuchen in bewährter Art und Weise den Spagat zwischen Vermeidung defizitären Denkens und Benennens und der Nutzung eines handlungsleitenden Konzeptes zur Beschreibung psychischen Erkrankens bei o.g. Personengruppe.

Kapitel 2 legt psychiatrische Grundlagen zu Klassifikation und Therapie bei psychischen Störungen von Menschen, die traditionell geistig behindert genannt wurden. Bereits hier wird das hohe Reflexionsniveau der Autoren in Bezug auf die Begrifflichkeiten deutlich, wenn sie beispielsweise vor neuen Diskriminierungen waren (S. 37ff.). Das Feld der Psychopathologie in Bezug auf Grundlagen, Kontexte, psychiatrische Werkzeuge und Untersuchungsmethoden, sowie in Bezug auf Symptome und Syndrome wird im Folgenden erörtert, woran sich eine Beschreibung spezieller psychosozialer Auffälligkeiten anschließt, in Anlehnung an die ICD-10. Sexuelle Auffälligkeiten und Störungen durch Misshandlung, autistische Störungen und die ADHS runden das Bild der beschriebenen Störungen ab. Kapitel 2 endet mit einem Überblick über die psychiatrische Therapie, unter Berücksichtigung von Soziotherapie und Psychopharmakotherapie.

Kapitel 3 widmet sich ausgewiesenen psychotherapeutischen Konzepten und enthält neben bekannten „klassischen“ Verfahren wie beispielsweise der Gesprächspsychotherapie, der Verhaltenstherapie oder der systemischen Therapien auch neue Angaben über Methoden der Neuropsychotherapie, einem vielversprechenden modernenn Ansatz.

Kapitel 4 ist dem gegenüber Konzepten der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit in Bezug auf psychische Störungen bei Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet wurden, gewidmet. Das noch recht unbekannte Konzept der Positiven Verhaltensunterstützung nimmt hier einen im Sinne der Überarbeitung des Buches zentralen Platz ein. Das vierte Kapitel schließ mit zusätzlichen lebensweltbezogenen Gedanken und macht noch Vorschläge zur Gestaltung des Wohnalltags, zur Bedeutung des Paradigmas der ‚Inklusion‘ in diesem Zusammenhang, sowie zur Bedeutung einer systemisch-stärkeorientierten Praxisberatung. Ein nützliches Sachwortverzeichnis, ein ausgedehntes Literaturverzeichnis und Angaben zu den Autoren beschließen das Werk.

Diskussion und Fazit

Auch in der fünften Auflage dieses Klassikers der Erklärungsansätze, Interventionsmöglichkeiten und Prophylaxe von psychischen Störungen bei Menschen, die traditionell als geistig behindert bezeichnet wurden, fällt positiv auf, dass die Autoren das sensible Feld der psychiatrisch-heilpädagogischen Übergänge behutsam modellieren und im Sinne eines interdisziplinären Austausches wirksame Hinweise für die Praxis liefern können. Dass das Buch den Untertitel ‚Lehrbuch und Kompendium für die Praxis‘ trägt, mag dazu verleiten, dass die Leserin und der Leser „Rezepte“ erwarten, die das Buch eingedenk der Komplexität der beschriebenen Störungen aber nicht bieten kann und will. Es ist daher fraglich, warum in jüngerer Zeit viele Handbücher der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit diesen Untertitel tragen, denn es hat den Anschein, als sei jedes zweite Buch ein Kompendium oder ein Lehrbuch. Hier gilt es kritisch nachzufragen, ob dies wirklich bedeutsam ist.

Darüber hinaus bietet das Buch aber eine gute Orientierung in einem schwierigen Themenbereich und es ist den beiden Autoren hoch anzurechnen, dass sie es immer wieder vermeiden, in eine defizitär-psychiatrische Sichtweise zu verfallen. Es wäre zu wünschen, dass das Buch weiter tieferen Eingang in den medizinisch-psychiatrischen Diskurs fände, damit dort angesiedelte Lehrbücher und -meinungen sich von der Vorstellung verabschieden können, geistige Behinderung und psychische Störung seien naturhaft miteinander verwoben.

Rezension von
Prof. Dr. Erik Weber
Diplom-Heilpädagoge, Ev. Hochschule Darmstadt, Studiengangsleitung im BA-Studiengang Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik
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Es gibt 9 Rezensionen von Erik Weber.

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Zitiervorschlag
Erik Weber. Rezension vom 10.10.2009 zu: Albert Lingg, Georg Theunissen: Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2008. 5., Auflage. ISBN 978-3-7841-1857-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7443.php, Datum des Zugriffs 28.11.2022.


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