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Peter Reinicke: Sozialarbeit im Gesundheitswesen

Cover Peter Reinicke: Sozialarbeit im Gesundheitswesen. Geschichte, Dokumente, Lebensbilder. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. 158 Seiten. ISBN 978-3-7841-1861-1. 19,80 EUR.

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Peter Reinicke : Sozialarbeit im Gesundheitswesen. Geschichte, Dokumente, Lebensbilder. Erschienen in der Schriftenreihe Sonderdrucke und Sonderveröffentlichungen im Eigenverlag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Berlin) 2008.158 Seiten. ISBN 978-3-7841-1861-1. 19,80 EUR, für Mitglieder des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. 15,80 EUR.

Autor

Dr. phil. Peter Reinicke ist Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Diplompädagoge und em. Professor der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Er hat sich als Autor und Herausgeber einer Vielzahl von Publikationen mit Themenstellungen zu den Möglichkeiten und Erfordernissen sozialarbeiterischer bzw. sozialpädagogischer Hilfen für kranke und behinderte Menschen einen Namen gemacht. Weitere Arbeitsschwerpunkte in Lehre und Forschung zentrierten sich auf Fragestellungen zur Rolle und Geschichte sowie den Theorien und Handlungsfeldern sozialer Arbeit vor allem im Wirkungsfeld des öffentlichen Gesundheitswesens und des sozialen Dienstes im Krankenhaus.

Themenstellung und Zielsetzung

Ein primäres Anliegen des Autors ist es, im gesundheits- und sozialpolitischen Kontext der letzten 100 Jahre, die Bedeutung und Rolle der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter als wichtige Partner bei der Versorgung kranker und behinderter Menschen vorzustellen. Dieser Bezugsrahmen und dieses Arbeitsfeld haben in der Vergangenheit nur wenige Fachautoren zu Veröffentlichungen stimuliert. Reinicke will hier ein offensichtliches Defizit ausgleichen und Lücken schließen. Dabei stellt er sich die anspruchsvolle Aufgabe einen großen Bogen zu spannen von den Anfängen des sozialarbeiterischen Wirkens in der Gesundheitsfürsorge bei der Bekämpfung von Tuberkulose und Säuglingssterblichkeit im 19. Jahrhundert bis zu den aktuellen Rahmenvorgaben für „Case-Manager“ in Arbeitsfeldern eines sehr komplexen modernen Versorgungssystems des 21. Jahrhunderts. Auf dieser Zeit- und Geschichtsreise referiert Reinicke auch über die Bedeutung und die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft auf die Institutionen der Wohlfahrtspflege und auf die Menschen die in der Gesundheitsfürsorge tätig waren bzw. bis zur Machtübernahme dort wirkten.

Aufbau und Inhalt

Es sind im Wesentlichen drei Zeitzonen in die sich die Kapitel des Buches aufteilen lassen:

  1. Gesundheitsfürsorge und Professionalisierung zum Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik
  2. Gesundheitsfürsorge im Nationalsozialismus sowie Verfolgung und Widerstand mit Kurzbiografien
  3. Gesundheitsfürsorge in der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR seit 1945

Die ersten Schritte sozialarbeiterischer Tätigkeiten in der Gesundheitsfürsorge begannen mit dem ehrenamtlichen Engagement bei der Bekämpfung der Tuberkulose gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Mit der Errichtung von Fürsorgestellen und dem Aufbau kommunaler Beratungs- und Förderstellen vertraten die damals tonangebenden Fachärzte aber auch Stadträte und die Träger großer Wohlfahrtsverbände die Auffassung, dass Frauen in der sozialen Arbeit nicht nur ehrenamtlich tätig sein sollten. Immer deutlicher erkannte man die Notwendigkeit, Gesundheitsfürsorge nicht nur als eine medizinische Versorgungsaufgabe zu verstehen. Eine „andere Dimension des Helfens“ sollte den Hilfeprozess um die soziale Dimension ergänzen. Eine ausgebildete Fachkraft flankierte künftig die Arbeit des Arztes. Um die qualifizierte Ausbildung kümmerten sich neu gegründete Wohlfahrtsschulen, soziale Frauenschulen und Akademien. In den ersten beiden Kapiteln werden die Entstehung und inhaltliche Ausrichtung der ersten Ausbildungsinstitute beschrieben. Mit der einsetzenden Professionalisierung sozialer Arbeit entwickelten sich auch neue Arbeitsfelder in denen die ausgebildeten Fachkräfte ihre neue Professionalität zu behaupten hatten. In dieser frühen Phase zeigte sich eine deutliche institutionelle Nähe der beiden Tätigkeitsfelder des Arztes und der Fürsorge. Man arbeitete in vielen Beratungsdiensten gemeinsam - zwar in unterschiedlicher beruflicher Stellung und Aufgabe - aber am selben Fall und oft auch in gleicher Trägerschaft.

Mit Blick auf die Kapitel zur Gesundheitsfürsorge im Nationalsozialismus vermisst man allerdings, dass der Autor in diesen ersten Kapiteln auf die Tendenzen und Entwicklungen zur Eugenik und Rassenhygiene aus dieser Vor-Hitler Zeit keinen Einblick gewährt. Immerhin entwickelte sich, zumindest in den letzten Jahren der Weimarer Republik, das geistige Klima das günstige Voraussetzungen bot, bereits kurz nach der Machtübernahme ein „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft zu setzen. Wirtschaftliche Krisen kennzeichneten die Weimarer Republik. In diesen Zeiten gab es auch in den verschiedensten Ausschüssen der Wohlfahrtsverbände Diskussionen zur Tötung lebensunwerten Lebens und zur – immerhin noch – freiwilligen Sterilisierung von nicht „Fortpflanzungswürdigen“. Auch die Verhinderung von Eheschließungen oder eine eugenisch indizierte Empfängnisverhütung und andere ideologisierte pronatalistische Maßnahmen waren Bestandteile gesundheitspolitischer Zielsetzungen. Die Eugenik beeinflusste also bereits in dieser Zeit in vielen Tätigkeitsfeldern den Handlungsrahmen der sozialen Fürsorge und des medizinischen Dienstes. Eine Beschreibung der Entwicklungen in der Gesundheitsfürsorge dieser frühen Zeit bietet deshalb Einsichten, warum es so schnell möglich war die Weichen in der Gesundheitsfürsorge und Gesundheitspolitik in Richtung nationalsozialistischer Vorstellungen zu stellen.

Die Kapitel zur Gesundheitsfürsorge im Nationalsozialismus und die Berufs-und Lebenswege von Menschen die Widerstand leisteten und verfolgt wurden, widmet sich dann sehr ausführlich den Rahmenvorgaben und Vorgehensweisen nationalsozialistischer Herrschaft. Die zentralen Bezugspunkte des gesundheitlichen Auftrages im Nationalsozialismus werden umfassend dargestellt und hier finden sich auch einige kleinere Hinweise, dass rassenhygienische Vorstellungen nicht erst jetzt neu eingeführt werden mussten. Die Wichtigkeit der Rolle der „Volkspflegerin“ und der Fürsorgestellen wird von den Nationalsozialisten darin gesehen „ asoziale Menschen auszusondern, die aller Einsicht bar durch Alkohol – oder sonstige Sucht sich jeder Arbeitsleistung unfähig machen…und eine Belastung der städtischen Finanzen darstellen“. Dass solche Zielsetzungen auch indoktriniert werden müssen, versteht sich von selbst. Ausführlich wird über die damaligen Ausbildungsstätten und deren Lehrinhalte berichtet. Der Autor widmet sich in der Folge dann mit Akribie der Darstellung von Arbeitsweisen und Zielsetzungen verschiedener Arbeitsfelder wie z. B. der Säuglingsfürsorge und der Betreuung Alkoholkranker unter den Vorgaben und der Regie der Nazi-Machthaber. Allerdings erfährt man nichts über die Verbrechen der Nazis gegen „unheilbar psychisch Kranke und geistig behinderte Menschen“ in der stationären Psychiatrie - auch dort gab es Fürsorgedienste. Durch die T4 – Euthanasie Aktion (die Zentrale dieser Aktion hatte ihren Sitz in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin) wurden 10.000 Menschen in Gaskammern umgebracht.

In einem historischen Rückblick widmet sich Reinicke im Abschnitt zur Verfolgung und Widerstand um die Berufs- und Lebenswege vieler Menschen die in der Gesundheitsfürsorge in den verschiedensten Positionen mitgestalteten und durch die Nazis aus ihrer beruflichen Existenz geworfen, zur Emigration gezwungen oder in Konzentrationslager und Vernichtungslager gebracht wurden. Einige für die Sozialarbeit dieser Zeit prägende Persönlichkeiten wie z. B. Bruno Harms oder auch Alice Salomon werden in Kurzbiografien vorgestellt.

In den drei abschließenden Kapitel präsentiert der Autor einen umfassenden Einblick in die schwierigen Anfangsjahre nach Ende der Nazi- Herrschaft, die vielen Reformschritte bei der Ausbildung des Sozialarbeiters und die rasanten Verbesserungen der rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen im Gesundheits- und Sozialwesen in den Jahren von 1945 bis 1990. Es wird dokumentiert, welche neuen Arbeitsfelder sich in dieser Zeit in der Gesundheits- und Sozialhilfe entwickeln konnten.

Ein kleineres Kapitel beschäftigt sich mit den doch deutlich anders verlaufenden Entwicklungen in der damaligen DDR. In der DDR blieb es bei den klassischen Aufgaben der Gesundheitsfürsorger/innen. Wir erfahren Näheres über die Ausbildung dieser Fachkräfte und die Übergangsregelungen nach der deutsch-deutschen Vereinigung.

Das abschließende Kapitel benennt und beschreibt die aktuellen Entwicklungen und Problemstellungen der Sozialarbeit im Gesundheitswesen seit 1990. Besonders in diesem Abschnitt wird dem Leser deutlich, wie breit gestreut und mit welcher Vielfalt die verschiedenen Arbeitsfelder sich in heutiger Perspektive im Schnittfeld Soziale Arbeit und Gesundheit über die Jahrzehnte entwickeln konnten.

Im Ausblick betont der Autor die Notwendigkeit auch künftig auf die bewährte und unverzichtbare Rolle der professionellen sozialen Arbeit in der psychosozialen Versorgung zu bauen. Die Erfahrungen zeigen, dass Sozialarbeit oft erst dann einsetzt, wenn die jeweiligen Probleme gesellschaftlich oder fallbezogen nicht mehr tolerabel sind. Reinicke wünscht sich für die Zukunft ein stärkeres Engagement der Sozialarbeit in der Prävention.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich vorzüglich für Studierende und Berufsanfänger die einen ersten Einblick bekommen wollen über die Entwicklung eines wichtigen Arbeitsfeldes in der Sozialarbeit. Es bietet wichtige Orientierungshilfen mit Blick auf die Schnittstellen der Sozialen Arbeit.

Für den professionell bereits aktiven Sozialarbeiter werden insbesondere die Kapitel über die NS- Zeit von besonderem Interesse sein.

Fazit

Insgesamt ein Buch aus einem Guss: es ist gut lesbar und hält sich vom Umfang her an Grenzen, die den Leser auch zeitlich nicht so stark einbinden. Der Autor ist ein erfahrener Praktiker und will den Lesern handfestes Material zur Verfügung stellen, um vertiefende Einblicke in ein zentrales Arbeitsfeld sozialer Arbeit zu erhalten. Zur Darstellung seines Stoffes benutzt er viele Primärquellen - also Archive der Wohlfahrtsverbänden und Institute. Sein eigenes Archiv scheint auch eine sehr ergiebige Quelle gewesen zu sein. Der große Vorzug des Buches ist es, ohne eine abstrahierende Formelsprache, Entwicklungen und inhaltliche Auseinandersetzungen aus einem sehr tradierten und heute immer wichtiger werdenden Arbeitsfeld schlüssig und plausibel in einen historischen Kontext zu stellen. Weniger überzeugend bleibt allerdings die ideengeschichtliche Präsentation der Entwicklung der Rassenhygiene und Eugenik. Ergänzende Literaturhinweise für eine gründlichere Auseinandersetzung wären hilfreich (z. B. Veröffentlichungen von Ernst Klee). Auch werden in diesen Kapiteln in der Tendenz die Gesundheitsfürsorger meist nur als Opfer der Umstände und seltener als Täter beschrieben. Besonders lesenswert dann die Kurzbiografien von Frauen und Männern, die die Nazi- Chargen in Gefängnisse steckten oder in Konzentrations- und Vernichtungslager verbrachten.

Bei den Beiträgen, die die neueren Entwicklungen in der Sozialarbeit darstellen, bleiben einflussreiche Paradigmen, die sich aus der Public Health Perspektive ergeben, und die Wirkungskraft der Gesundheitswissenschaften auf die moderne öffentliche Gesundheitshilfe, unerwähnt. Mag sein, dass die Grundlagen dieser Ansätze das kleinformatige der Veröffentlichung gesprengt hätten. Im Ergebnis: vor allem für Studenten und Praktiker ein lesenswertes und fachlich fundiertes Buch.


Rezensent
Dr. Peter Michael Hoffmann
freier Autor, Lehrbeauftragter Hochschule Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Peter Michael Hoffmann. Rezension vom 11.03.2009 zu: Peter Reinicke: Sozialarbeit im Gesundheitswesen. Geschichte, Dokumente, Lebensbilder. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2008. ISBN 978-3-7841-1861-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7444.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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