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Ulrich Deinet, Heike Okroy u.a. (Hrsg.): [...] Verdrängung Jugendlicher aus dem öffentlichen Raum

Cover Ulrich Deinet, Heike Okroy, Georg Dodt, Angela Wüsthof (Hrsg.): Betreten Erlaubt! Projekte gegen die Verdrängung Jugendlicher aus dem öffentlichen Raum. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 246 Seiten. ISBN 978-3-86649-193-9. 17,90 EUR.

Soziale Arbeit und sozialer Raum. Bd. 1.
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Thema

Der Kontext der vorliegenden Publikation wird von der Diskussion um den sozialräumlichen Aspekt in der Sozialen Arbeit gebildet. Mit Fokus auf die Offene Kinder- und Jugendarbeit wurde sie erstmalig 1990 von Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier in ihrem Band „Pädagogik des Jugendraums. Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendpädagogik“ angestoßen. Theoretisch bezieht sich der Ansatz auf ein sozialökologisches Modell, das die sozialräumlichen Strukturen der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen als Inselmodell beschreibt (Helga Zeiher 1983, Dieter Baacke 1984). Basis ist eine gesellschaftliche Analyse, nach der die Auflösung traditioneller Werte und Normen und der damit verbundenen Freisetzung jugendlicher Lebensverläufe und Beziehungsmuster eine Hinwendung zu den funktionalen Aspekten der Pädagogik haben muss. Es geht um neue Formen des Kompetenzerwerbs zur Lebensbewältigung durch Aneignung sozialer Räume. Dieser Ansatz wurde von Ulrich Deinet konsequent weiterentwickelt mit dem Schwerpunkt, Methoden zur Konzeptentwicklung für die Praxis der Kinder- und Jugendarbeit zu reflektieren (Das Konzept „Aneignung“ im Jugendhaus. Neue Impulse für die Offene Kinder- und Jugendarbeit 1992, Sozialräumliche Jugendarbeit. Eine praxisbezogene Anleitung zur Konzeptentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit 1999, Der sozialräumliche Blick in der Jugendarbeit. Methoden und Bausteine zur Konzeptentwicklung und Qualifizierung 2002).

Entstehungshintergrund

Seit 2006 fördert die Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW e.V. im Auftrag des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes NRW Projekte und Einrichtungen mit konkreten Beteiligungsideen zur Schaffung und Rückgewinnung öffentlicher Räume durch Jugendliche unter dem Thema „Betreten Erlaubt“. Das vorliegende Buch fasst die Evaluation der Praxisprojekte aus den Jahren 2006 und 2007 zusammen, die unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Deinet durchgeführt wurde (Forschungsstelle Sozialraumorientierte Praxisforschung und –entwicklung der Fachhochschule Düsseldorf).

Autoren/innen und Herausgeberin

Deinet Ulrich, Dr. rer. soc., Dipl.Pädagoge, Professor für Didaktik/Methoden, Verwaltung und Organisation der Sozialpädagogik an der Fachhochschule Düsseldorf; Themen: Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Sozialräumliche Jugendarbeit, Sozialraumorientierung, Konzept- und Qualitätsentwicklung

Dodt, Georg, Dipl. Sozialarbeiter, Jugendamt der Stadt Greven, Leiter der Mobilen Jugendarbeit Hansaviertel, zurzeit Masterstudium im Fach „Sozialmanagement" an der FH Münster

Okroy, Heike, Dipl. Soz. Päd. (FH), Streetworkerin, Fachkraft für Gewaltprävention, Anti-Aggressivitäts-Trainerin©, ausgebildete Trainerin und Referentin in der Arbeit mit strafrechtlich vorbelasteten Jugendlichen, den Zielgruppen des Arbeitsfeldes Streetwork, sowie spezifischen Trainings für Erwachsene und Jugendliche im Kontext von Gewaltprävention

Wüsthof Angela, Sonderschullehrerin, Diplompädagogin, Vorsitzende der LAG Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW e.V., Bildungsreferentin im Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland

u.a. Autoren/innen

Aufbau

Die vorliegende Publikation ist in drei Hauptabschnitte gegliedert:

  1. Im ersten Abschnitt werden die theoretischen Grundlagen der Aneignung von öffentlichen Räumen für Jugendliche (Ulrich Deinet) und insbesondere die städtische Entwicklung skizziert (Alexander Flohe, Reinhold Knopp).
  2. Im zweiten Abschnitt werden das Untersuchungsdesign und die Ergebnisse der Evaluation der Praxisprojekte unter dem Titel „Einblicke: Evaluation der Praxisprojekte „Betreten erlaubt““ vorgestellt (Ulrich Deinet, Angela Hasters, Sarah Holtwick, Michael Janowicz, Markus Mildner, Peter-Ulrich Wendt, Heike Okroy, Angela Wüsthof).
  3. Der dritte Abschnitt mit dem Titel „Ausblicke: Konzepte und interdisziplinäre Sichtweisen“ beschäftigt sich mit konkreten Praxiskonzepten (Georg Dodt, Katja Klein, Willy Essmann, Klaus Riekenbrauk, Christa Reicher).

Der Band schließt mit einem ausführlichen Autorenverzeichnis ab. Weiterführende Literatur ist den jeweiligen Projektbeschreibungen zugeordnet.

Inhalte

Im einleitenden Beitrag setzt sich Ulrich Deinet kritisch mit der aktuellen Entwicklung der Diskussion zur sozialräumlichen Aneignung und zur Bedeutung des öffentlichen Raums („gefährliche Straße“) für Jugendliche auseinander (sozialökologische Modelle und Aneignungskonzepte). Unter dem Stichwort „Spaltung der Stadt“ wird im folgenden Beitrag der Blickwinkel auf die Veränderung des städtischen Raums auf Stigmatisierung und Verlusterfahrungen Jugendlicher gelenkt aber auch auf Wiederangeignungen und Rückeroberungen durch neue Möglichkeiten der politischen Beteiligung.

Im zweiten Teil des Buches geht es nun konkret um die Evaluation der Praxisprojekte „Betreten erlaubt“. In einer prozessbegleitenden Evaluation mit einem einheitlichen Beschreibungs- und Auswertungsraster werden 9 städtische Projekte präsentiert: Sendenhorst, Düren, Kerpen, Selm, Greven, Hörstel, St. Augustin, Krefeld, Münster, Marl. Die Beschreibungen basieren auf leitfadengestützten Interviews, teilnehmender Beobachtung, Begehung, Gesprächen vor Ort und Dokumentenanalyse. Die Beschreibungen werden nach folgenden Kriterien gegliedert:

  1. Kurzbeschreibung
  2. Sozialräumliche Grundvoraussetzungen
  3. Ausgangssituation
  4. Chronologischer Ablauf/Handlungsschritte
  5. Besonderheiten des Projekts
  6. Wirkungen
  7. Handlungsspielraum Streetwork

Ziel der Untersuchungsergebnisse ist eine Intensivierung der Diskussion in der Fachöffentlichkeit über das Thema der Verdrängung Jugendlicher aus dem öffentlichen Raum, aber auch die Klärung von Chancen der Beteiligung sowie der Stärkung des freiwilligen Engagements. Eine Internetseite unterstützt dieses Anliegen (www.betreten-erlaubt.de).

Im weiteren Schritt wird unter dem Titel „Zwischen Hüttenbau und politischer Beteiligung - Evaluation der Projekte“ der Handlungsspielraum von Streetwork/Mobiler Jugendarbeit auf der Basis der empirischen Untersuchungsergebnisse geklärt. Die Evaluationsthemen werden durch Kommentare von Peter-Ulrich Wendt (2008) aus einer vergleichbaren Untersuchung ergänzt. Insbesondere auf der Basis der Interviews werden folgende Auswertungskategorien bearbeitet: Die Jugendlichen in ihren Cliquen und Gruppen und die Selbstverwaltung ihrer Treffpunkte nach der Fertigstellung; die Kooperation und Unterstützung von Politik, Verwaltung und Ämtern; die Verdrängung aus dem öffentlichen Raum; die Handlungsschritte und der Handlungsspielraum von Streetworkern (Milieuarbeit und Öffnung der Milieus). Empfehlungen und Strategien für die kommunale Praxis um die Verdrängung Jugendlicher aus dem öffentlichen Raum als Thema der Jugendhilfe aufzugreifen (Heike Okroy, Ulrich Deinet). Konzeptionelle Gedanken über die Partizipation von Jugendlichen in Projekten von Streetwork/Mobiler Jugendarbeit (Angela Wüsthof) schließen diesen Teil des Buches ab.

Der dritte Teil der Publikation beginnt mit der Beschreibung von zwei Praxiskonzepten der Arbeit mit Jugendlichen in Greven und in Berlin. Es geht um methodische Grundlegung der Mobilen Jugendarbeit, der Raumvergabe an Jugendliche und das Gelingen oder Scheitern von Cliquenprozessen in konkreten Bau- und Treffpunktprojekten (Hüttenprojekte, Bauwagen, Cliquenhaus). Es folgen zwei interdisziplinäre Blickwinkel auf juristische und stadtplanerische Fragestellungen, die bei der Evaluation wiederholt eine wichtige Rolle spielen.

Im abschießenden Beitrag „Stadt für alle- auch für Kinder und Jugendliche“ plädiert Christa Reicher für eine Stadtplanung, die die Bewegungsräume von Kindern und Jugendlichen nicht auf ausgewiesene Flächen begrenzt, sondern für eine Stadt, die in generationsübergreifenden Beteiligungsprozessen die Bedürfnisse aller Bürger/innen in die Bauleitplanung mit einbringt.

Diskussion

Die vorliegende Projektevaluation ist eine fundierte Ergänzung zu den bereits erschienenen Bausteinen zur Methoden- und Konzeptentwicklung auf der Basis der Theorie des Sozialräumlichen Ansatzes von Ulrich Deinet. Den Autoren gelingt es hier, den Blickwinkel auf neue Raumvorstellungen zu lenken und zwar von den theoretischen Kriterien der Raumbildung (spacing) auf konkrete Aneigungsmöglichkeiten durch die Evaluierung von Praxisprojekten. Jugendliche sind heute in vielen Stadträumen präsent, aber entsprechend der öffentlichen Meinung dort als Clique/Gruppe oft nicht erwünscht. Wie Raumentwicklung gelingen und mehr Partizipation gerade für stigmatisierte Zielgruppen eingefordert werden kann, dafür liefert der Band wertvolle Anregungen für die Praxis der Streetwork/Mobilen Jugendarbeit.

Fazit

Resümierend ist zu sagen, dass die vorliegende Publikation sowohl für Praktiker/innen der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit als auch für Studierende der Sozialen Arbeit hilfreiches theoretisches Hintergrundwissen auffrischt und ergänzt und methodische und konzeptionelle Bausteine für die eigene berufliche Praxis bietet.


Rezension von
Prof. Dr. Ursula Mosebach
Dipl. Sozpäd. (FH), Dipl. Pädagogin (Univ), Professorin an der Kath. Stiftungsfachhochschule München, Abt. Benediktbeuern für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit, Schwerpunkte: Jugendarbeit & Jugendsozialarbeit und Sozialinformatik, virtuelles Studium
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Zitiervorschlag
Ursula Mosebach. Rezension vom 26.05.2009 zu: Ulrich Deinet, Heike Okroy, Georg Dodt, Angela Wüsthof (Hrsg.): Betreten Erlaubt! Projekte gegen die Verdrängung Jugendlicher aus dem öffentlichen Raum. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-193-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7461.php, Datum des Zugriffs 06.06.2020.


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