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Rudolf Tippelt (Hrsg.): Steuerung durch Indikatoren

Cover Rudolf Tippelt (Hrsg.): Steuerung durch Indikatoren. Methodologische und theoretische Reflektionen zur deutschen und internationalen Bildungsberichterstattung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 275 Seiten. ISBN 978-3-86649-246-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 49,00 sFr.

Vorstandsreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft DGfE.
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Thema

Da derzeit so genannte indikatorengestützte Bildungsberichterstattungen politisch gefordert sind und auch, wie im Falle der PISA-Studie, mediale Aufmerksamkeit genießen, eröffnet sich hier für Erziehungswissenschaftler ein profitables Arbeitsfeld und die Hoffnung, politischen Einfluss zu erhalten ähnlich wie bei der Bildungsexpansion der 1960er- und 1970er Jahre. Tippelt betont bei seiner Einführung der Tagung und des Sammelbandes zwar, dass es zwar kein unmittelbar aus Bildungsforschung abzuleitendes Handlungswissen gäbe, dass es jedoch Aufgabe der Erziehungs- und Bildungswissenschaft sei, der Politik Möglichkeiten der Aufklärung und Orientierung bereitzustellen. Indikatoren sollen nun mittels Operationalisierungen des sperrigen Bildungsbegriffes Herr werden, auch um in der internationalen Konkurrenzsituation durch Vergleiche seinen eigenen Standpunkt auszumachen.

Aufbau

Es handelt sich um einen Sammelband, der die Beiträge einer im Oktober 2007 in Berlin stattgefundenen Tagung zusammenfasst. Mit der Einleitung zur Tagung finden sich 16 Beiträge in der Publikation, von denen einige in dieser Rezension exemplarisch näher beleuchtet werden.

Inhalt

Klaus Jürgen Tillmann: Was leistet die PISA-Studie zur Steuerung des Bildungssystems Klaus Jürgen Tillmann untersucht hier anhand zweier Fallbeispiele, inwieweit PISA dem Anspruch, Steuerungswissen für die Bildungspolitik bereitzustellen, gerecht wird. Er legt dar, wie in Bremen durch PISA der Einführung zentraler Prüfungen zum Durchbruch geholfen wurde und in Brandenburg den Ausbau von Ganztagsschulen ebenfalls durch PISA befördert wurde. Allerdings wird auch deutlich, dass die PISA-Studie hier zwar politisch verwendet wurde, um bestimmte Maßnahmen durchzusetzen, dass jedoch keinesfalls von einem schlichten Zusammenhang im Sinne einer „evaluationsbasierten Steuerung“ ausgegangen werden kann, da Ergebnisse der Bildungsforschung immer von verschiedenen Akteuren für ihre Bestrebungen beansprucht werden, sich letztendlich lediglich eine Tendenz durchsetzt. Die Studien setzen also eine in den Medien präsente Diskussion in Gang, deren Ausgang schließlich von Machtinteressen der Steuerungsebene beeinflusst wird. Über diese sicherlich richtige Beobachtung des Autors wäre allerdings zu fragen, warum PISA sich als so geeignet erwiesen hat, bestimmt Maßnahmen durchzusetzen und ob die Studie tatsächlich so „neutral“ und damit Spielball verschiedener Akteure ist und nicht durch ihre Fragestellungen und Gestaltung doch eine bestimmte politische Stoßrichtung begünstigt.

Hans-Peter Füssel: Evaluationsbasierte Steuerung – Was kann die Bildungsforschung leisten? Anmerkungen zum Beitrag von Klaus-Jürgen Tillmann. Die Anmerkungen lenken leider von den richtigen Schlussfolgerungen Tillmanns ab, indem sie Probleme der Verständigung von Wissenschaft und Politik im Bildungsbereich als eigentliche Schwierigkeit gesehen haben wollen.

Thomas Rauschenbach: Informelles Lernen. Möglichkeiten und Grenzen der Indikatorisierung. Nach einigen Erörterungen über den Begriff des informellen Lernens, bei dem sich schließlich drei Dimensionen ergeben (andere Bildungsorte, andere Bildungsmodalitäten, andere Bildungsinhalte), wird der PC als Beispiel für informelles Lernen entsprechend dieser drei Dimensionen aufgeführt, wohingegen PISA lediglich die Inhaltsdimension der Kompetenzentwicklung fokussieren würde. Das Bildungsziel „Verantwortungsübernahme“ werde hinsichtlich der drei Dimensionen nicht klar verortet. Auf der Suche nach geeigneten Erfassungsmöglichkeiten informellen Lernens kommt der Autor zu dem Schluss, dass, da Effekte und Nutzen noch nicht angemessen untersucht werden können, zunächst Gelegenheits- und Ermöglichungsstrukuren und die Inanspruchnahme, also Angebot und Nachfrage, gemessen werden sollten. Die Erfassung von nicht-standardisierten Lernen und Kompetenzerwerb bleibt als zukünftig zu lösende Aufgabe. Die analytischen Unterscheidungen der Dimensionen von Lernen und der Ebenen Gelegenheitsstrukturen, Inanspruchnahme und Effekte, wobei hier wiederum in der Erfassung Messung, Selbst- und Fremdeinschätzung unterschieden werden sollen, sollen nun dazu beitragen, eine möglichst flächendeckende Erfassung auch des informellen Lernens zu erreichen.

Andrä Wolter: Hochschulindikatoren in der nationalen Bildungsberichterstattung: Ihre Stärken und Schwächen. Nachdem auf die Art der Bildungsberichterstattung und die dortige Präsenz des Hochschulbereichs in Deutschland auch im internationalen Vergleich eingegangen wurde, wird auf einige Defizite aufmerksam gemacht. Diese lägen zum einen in der Unmöglichkeit bestimmte Aspekte wie den Wandel der Studienkultur durch den Bologna-Prozess zu indikatorisieren begründet, zum anderen lägen für einige durchaus sachangemessene, erstellbare Indikatoren wie etwa für eine im Schulbereich mit der PISA-Studie populär gewordenen Kompetenzmessung keine entsprechenden Daten vor. Dass Indikatoren die Hochschulpolitik steuern könnten, wird aber angezweifelt, allenfalls könnten diese steuerungsrelevante Informationen zur Verfügung stellen.

Franz-Olaf Radke: Evidenzbasierte Steuerung – Der Aufmarsch der Manager im Erziehungssystem. Im sehr interessanten Beitrag von Radke wird analysiert, welche Auswirkungen die Bemühungen um „evidenzbasierte Steuerung“, wie sie sich etwa in der PISA-Studie verkörpert, haben. Das Bildungssystem unterscheidet sich strukturell von Organisationen des Wirtschaftbereichs, in dem eine rationale Steuerung möglich ist, weil dort planbar ist, auf welche Weise welcher Output erzielt werden kann. Da das Lernen jedoch als solches nicht steuerbar, weil vom einzelnen Schüler abhängig ist, muss die Legitimation von Bildungseinrichtungen über Mythen hergestellt werden. Die Entscheidungsmacht im Bildungssystem verschiebt sich nun zunehmend von nationalen Regierungen auf transnationale Organisationen wie die OECD oder operative Stiftungen wie Bertelsmann. Schwer durchschaubare, an ökonomischen Prinzipien ausgerichtete Indikatoren sollen nun nach außen hin die Legitimität politischer Maßnahmen sichern, indem sie fraglose Plausibilität beanspruchen. Welche Auswirkungen solche Veränderungen an Schulen, die ebenfalls mit einer dem Wirtschaftsbetrieb entlehnten Rhetorik in ihren Schulprogrammen aufwarten, in der konkreten Lehrer-Schüler-Interaktion zu erwarten sind, bleibt abzuwarten.

Hans Döbert et al.: Das Indikatorkonzept der nationalen Bildungsberichterstattung. In der Einleitung des Sammelbandes wird dieser Beitrag hervorgehoben, in dem das Indikatorenkonzept der nationalen Bildungsberichterstattung vorgestellt wird. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Indikatorenmodell der nationalen Bildungsberichterstattung von 2005, sowie mit Indikatorenmodellen in anderen nationalen und internationalen Bildungsberichten und in der Sozialberichterstattung wird schließlich auf den Bildungsbericht 2005 eingegangen. Zunächst wird die Erschließung der Datenbasis beschrieben. Bei der Erklärung der letztendlich verwendeten Indikatoren wird deutlich, dass sich die angenommenen Ziele von Bildung „individuelle Regulationsfähigkeit“, „Gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit“ und „Humanressourcen“ in zwei von drei Fällen deutlich an ein kybernetisches Vorstellungsmodell des Bildungssystems bzw. am ökonomisch motivierten Humankapital-Ansatz orientieren. Mit einer Graphik wird schließlich deutlich gemacht, in welcher Weise die Operationalisierung der Themenbereiche, die schließlich über Kennziffern erschlossen werden sollten, erfolgt ist. Ergänzungsindikatoren sollen aktuell virulente Fragestellungen zusätzlich aufgreifen. Auch informelles Lernen soll zukünftig vermehrt in die Bildungsberichterstattung Einzug erhalten. So entsteht schließlich ein umfassendes Netz von Indikatoren, die sich auf Bildungseinrichtungen aller Ebenen beziehen und deren Output möglichst weitgehend zu erfassen beanspruchen. Der kritische Blickwinkel wie bei Tillmann oder Radke fehlt hier weitgehend.

Diskussion

Das Thema einer output-Steuerung des Bildungssystems ist derzeit hochaktuell. Die Operationalisierung von Zielbestimmungen zur Erstellung möglichst adäquater Indikatoren ist dabei ein wichtiges Instrument und soll Effizienz und Sinnhaftigkeit bestimmter Maßnahmen belegen. Die Beiträge behandeln verschiedenste Themenfelder wie zum einen die für „evidenzbasierte Steuerung“ in der Bildungspolitik paradigmatische PISA-Studie für den Schulbereich (Tillmann), die Berufsbildung (Bathge, Achtenhagen und Zlatkin-Trischanskaia), den Hochschul- (Wolter) und Weiterbildungsbereich (Rosenbladt, Schmidt-Hertha). Weitere Themen sind die Möglichkeiten der Indikatorisierung von informellen Lernen (Rauschenbach), migrationsbezogene Indikatoren (Stanat; Segeritz) und die regionale Bildungsberichterstattung (Weishaupt). Dabei sind die Aufsätze größtenteils eher unkritisch und bemüht, Beiträge zu einer möglichst lückenlosen empirischen Erfassung des Bildungssystems auch für den internationalen Vergleich zu leisten. Die Texte von Tillmann, Radtke und auch Drewek („Grenzen und Probleme der Steuerung des Bildungssystems“) gehen über diesen Anspruch jedoch hinaus und reflektieren die Funktion einer indikatorengestützten Bildungsberichtertattung an sich.

Fazit

Was Bildung für den einzelnen tatsächlich bedeutet, findet in dem Sammelband kaum Beachtung. Er liefert jedoch Einblicke in die derzeitige Verzahnung von erziehungswissenschaftlicher Bildungsforschung einerseits mit politischer Steuerung und ökonomischen Modellen andererseits.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 10.12.2009 zu: Rudolf Tippelt (Hrsg.): Steuerung durch Indikatoren. Methodologische und theoretische Reflektionen zur deutschen und internationalen Bildungsberichterstattung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-246-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7463.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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