socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Kinderwelten

Cover Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Kinderwelten. Vielfalt als Chance - Grundlagen einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 254 Seiten. ISBN 978-3-451-32119-1. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 41,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Überschaubare, geschlossene Gesellschaftsstrukturen gehören in der Bundesrepublik Deutschland schon lange der Vergangenheit an. Geradezu das Gegenteil ist Realität: Türkische Familien leben in Nachbarschaft zu spanischen, italienischen, polnischen oder deutschen Familien. Sowohl in den Großstädten als auch auf dem flachen Land trifft man auf eine bunte Pluralität von Lebensformen, Weltanschauungen, Kulturen und Lebensstilen. Für ein gelingendes Zusammenleben ist gegenseitige Achtung und Toleranz erforderlich.

Noch enger als im Wohngebiet sind die Berührungspunkte der Familien aus unterschiedlichen Nationalitäten und Kulturen in pädagogischen Einrichtungen. Mehr noch: Wenn in Kindertageseinrichtungen die sozialpädagogischen Fachkräfte eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern anstreben, dann gewinnt die Bildung und Förderung aller Kinder im hohen Maße. Die vorliegende Veröffentlichung stellt dieses Anliegen in den Mittelpunkt.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung ist eine Sammlung von Beiträgen verschiedener Autoren und Autorinnen. Die Ausführungen sind sozusagen ein Konzentrat der Forschungen und Erfahrungen aus dem Projekt „Kinderwelten“. Dieses Projekt, das eine vorurteilsbewusste Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen realisieren möchte, ist am Institut für den Situationsansatz in der Internationalen Akademie an der Freien Universität Berlin angesiedelt. In den 1990er Jahren versuchte eine Gruppe von Pädagoginnen in den Kindergärten von Berlin-Kreuzberg Auswege aus Engführungen der Interkulturellen Theorie und Praxis ausfindig zu machen. Damit war die Grundlage für das Projekt „Kinderwelten“ gelegt. Dieses Projekt befindet sich jetzt im dritten Arbeitsabschnitt.

Aufbau und Inhalte

Die Inhalte der einzelnen Abschnitte sind dem Grundkonzept des Projekts „Kinderwelten“ verpflichtet, das sich am Situationsansatz und am Anti-Bias Ansatz aus Kalifornien orientiert. Der Anti-Bias Ansatz bezieht sich nicht nur auf kulturelle und ethnische Unterschiede, sondern berücksichtigt auch Unterschiede des Geschlechts, des sozialen Status, des Alters, von Behinderungen, von Hautfarbe, Sprache, Herkunft, sexueller Orientierung und vieles mehr. Dieser Ansatz lässt sich leiten von der Vision, dass alle Kinder ihre Potentiale voll ausschöpfen können, wenn ihre soziale Identifikation und ihre Familienkultur respektiert und anerkannt werden. Demnach haben alle Familien genügend Ressourcen, um ihre Kinder zu stärken. (Vgl. Seite 239) Aus den genannten Konzepten wurden für eine vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung folgende Prinzipien und Ziele herausgearbeitet: „Kinder sollen dabei unterstützt werden, ein positives Selbstbild zu entwickeln, Vielfalt zu respektieren und für Fairness einzutreten. Kinder werden als aktiv und kompetent angesehen. Sie sind Akteure ihrer Entwicklung, die eigensinnig ihr Selbst- und Weltbild konstruieren und Vorgänge kompetent deuten. Sie sind keine „unbeschriebenen Blätter“ in Bezug auf die sie umgebenden Verhältnisse und die Rolle, die Unterschiede spielen. Sie haben Vorstellungen davon, wie die Welt besser sein könnte, für sie selbst und für andere und können die sie betreffenden Sachverhalte kompetent mitentscheiden. Die Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte besteht darin, so zu arbeiten, dass Kinder ihr Wissen über Unterschiede vertiefen und ihre Kompetenzen im respektvollen Umgang damit verbessern.“ (Seite 27 f.) Die bisherige interkulturelle Pädagogik habe mit den Prinzipien der Gleichheit, des Sonderförderbedarfs und der Idee der kulturellen Bereicherung eher Ausgrenzungen vorgenommen und Blockaden errichtet. Die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung bemüht sich um Chancengleichheit und Anti- Diskriminierung.

Die ersten beiden Beiträge – „Gleichheit und Differenz im Kindergarten – eine lange Geschichte“ und „Die Entwicklung moralischen Denkens und moralischer Gefühle in der Kindheit“ – festigen das Konzept einer vorurteilsbewussten Erziehung und Bildung aus historischer und entwicklungspsychologischer Perspektive. Der Abschnitt drei – „Vielfalt und Diskriminierung im Erleben von Kindern“ – versucht mehrere Vielfaltsmerkmale aus der Sicht von Kindern zu beschreiben und zu analysieren. Es werden beispielsweise die Ansichten der Kinder zu folgenden Themen vorgetragen: Geschlechtsbewusste Pädagogik, Behinderung von Kindern, Fragen nach Herkunft und Nationalität, Rassismusfragen, Vielsprachigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit, unterschiedliche Religionen. Die Beiträge stellen nicht nur Kinderaussagen zusammen, sondern zeigen auch die damit verbundenen Schwierigkeiten und pädagogischen Anforderungen auf. Die Schilderungen vieler Einzelfälle machen die Aussagen anschaulich und nachvollziehbar.

Die beiden folgenden Abschnitte – „Zusammenarbeit mit Eltern: Respekt für jedes Kind – Respekt für jede Familie“ und „Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen – aber wie? Anforderungen an pädagogische Fachkräfte“ – setzen sich mit den Vorbedingungen und Anforderungen pädagogischer Fachkräfte auseinander, die für eine vorurteilsbewusste Erziehung grundlegend sind. Es ist ganz besonders die Zusammenarbeit mit den Eltern, die nach dem Konzept der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung an die pädagogischen Fachkräfte hohe Anforderungen stellt. Denn es ist erforderlich in unterschiedlichen Familientraditionen und Lebensstilen förderliche Ansätze für die Bildung der Kinder zu entdecken und fruchtbar zu machen. Dies setzt eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Wertvorstellungen und Erziehungsprinzipien voraus. Appelle und Aufforderungen zur Selbstreflexion seien dabei weitgehend nutzlos. Nur wenn die eigene Einstellung durch Verunsicherung ins Wanken gerät, werden Prozesse der Selbsterfahrung angeregt, die zu größerer Offenheit und Toleranz führen können.

Abgerundet und erweitert wird die Perspektive einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung durch zwei Beiträge, die einerseits Erfahrungen zum Thema aus anderen europäischen Ländern beschreiben und zum anderen aus den USA von Entwicklungen der Anti-Bias Pädagogik berichten.

Diskussion

Die vorliegende Veröffentlichung stellt sich einer pädagogischen Herausforderung, die in Deutschland schon längst überfällig war. Denn bisher haben alle Studien gezeigt: Deutschland ist Weltmeister bei der ungleichen Verteilung von Bildungschancen. Kaum in einem anderen Land ist der Besuch von „höheren Schulen“ so von der Schichtzugehörigkeit abhängig wie in Deutschland. Der hier vorgestellte Ansatz einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung zeigt überzeugend und stringent wie Ungleichheit und Ausgrenzung in Kindertageseinrichtungen überwunden werden können. In verschiedenen Argumentationslinien wird das Konzept abgesichert und fundiert. Weiterhin werden durch viele pädagogische Fälle und Beispiele die Ziele und Prinzipien dieses Ansatzes verdeutlicht.

In den meisten Abschnitten werden zu akribisch die Differenzen hervorgehoben. Viel zu wenig wird darauf eingegangen, dass vor allem Kleinkinder die Unterschiede in der Hautfarbe, in der Sprache oder auch in der religiösen Orientierung oftmals nicht als Problem und Ausgrenzung sehen. Ist die kritische und teilweise abwertende Sicht von Unterschieden oftmals nur eine Erwachsenenperspektive? Leider dringen die Ausführungen nicht bis zu einer pädagogischen Pragmatik vor. So bleiben viele Fragen, die sich für Erzieherinnen im Gedränge des Alltags stellen werden, in der Schwebe.

Fazit

Weil die Veröffentlichung ein so aktuelles und anstehendes Problem von Erziehung und Bildung im Kindergarten aufgreift, sollte diese Veröffentlichung in der Ausbildung von Erzieherinnen ausnahmslos durchgearbeitet werden. Allen pädagogischen Fachkräften in der Praxis ist das Vertrautmachen mit diesem Konzept dringend anzuraten.


Rezensent
Michael Schnabel
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München


Alle 45 Rezensionen von Michael Schnabel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Schnabel. Rezension vom 22.05.2009 zu: Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Kinderwelten. Vielfalt als Chance - Grundlagen einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. ISBN 978-3-451-32119-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7468.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung