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Margrit Stamm, Christine Ruckdäschel u.a.: Schulabsentismus

Cover Margrit Stamm, Christine Ruckdäschel, Franziska Templer, Michael Niederhauser: Schulabsentismus. Ein Phänomen, seine Bedingungen und Folgen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 142 Seiten. ISBN 978-3-531-16080-1. 22,90 EUR.
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Thema

Die vorgelegte Studie aus der deutschsprachigen Schweiz bereichert die aktuelle Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland (BRD)zum Thema auf jeden Fall. Längst ist in der BRD die Thematik des Schulabsentismus in Theorie und Praxis aus der „Schweigezone“ herausgekommen. Das gilt für die BRD allerdings auch nur für die letzten Jahre, die Schweiz macht sich wohl jetzt auf den Weg. Denn die Studie aus dem Alpenland zielt u.a. darauf ab, das Tabu zu brechen und öffentliches Bewusstsein für das Problem zu schärfen. Selbst von den befragten 28 Schulleitungen sehen 75 Prozent keine großen Probleme und Belastungen mit dem Schulschwänzen.

Vor einer schlichten Übernahme der Ergebnisse bezüglich deutscher Verhältnisse sei allerdings gewarnt. Zum Beispiel ist das Schulsystem wenn auch nicht völlig anders, so doch mit anderen Akzenten und Begriffen versehen. Auch die Größenordnungen sind anders: Von den 28 untersuchten Schulen hat keine mehr als 450 Schülerinnen und Schüler. Ähnliches gilt für die Bewohnerzahl der Kommunen mit den Schulstandorten, nur 11 mal wird die Zahl von 10.000 Einwohnern überschritten. Ein Exkurs zu diesen und anderen Unterschieden wäre hilfreich gewesen.

Inhalt

Untersucht werden in der empirischen Studie das 7. – 9. Schuljahr, das Durchschnittsalter der Schülerinnen und Schüler beträgt 14,5 Jahre. Erfast werden drei schultypenähnliche Segmente: Schulen mit erweiterten Niveau, Schulen mit grundlegendem Niveau vergleichbar mit Hauptschulen in der BRD und sogenannte Kleinklassen vergleichbar mit Föderschulen bzw. Förderklassen hierzulande. Das aufwändige Forschungsdesign der repräsentativen Studie umfast drei Untersuchungsstufen. Zunächst werden die Schulleitungen durch teilstandardisierte Interviews, ergänzt durch Fragebögen, erfast. Dann ca. 4000 Schülerinnen und Schüler sowie 239 Lehrpersonen über Fragebögen angesprochen. In der dritten Stufe werden 14 jugendliche Massivschwänzer mittels qualitativ ausgerichteten Interviews befragt.

Das entscheidende Merkmal der Studie ist eine sozialökologische Ausrichtung, die das Phänomen Schulabsentismus als umfangreichen, vielschichtigen und sich wechselseitig beeinflussenden Faktorenkomplex beschreibt.

In der Untersuchungsstufe I (Befragung der Schulleitungen) werden sechs Variablen berücksichtigt:

  1. Anstrengungen der Schülerinnen und Schüler, Absenz zu vermeiden.
  2. Außercurriculare Angebote innerhalb der Schule( z.B. Schulsozialarbeit, Freizeitaktivitäten)
  3. Sozioökonomischer Hintergrund des Vaters
  4. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund
  5. Schulgröße
  6. Gemeindegröße

Einige Ergebnisse: Kleine Schulen in mittelgroßen Orten (5000-10.000 Ew.) mit eher niedrigem Ausländeranteil, mittelstrengen bis strengen Maßnahmen seitens der Schule gegen Schulschwänzen sowie einem vielfältigen außerunterrichtlichen Angebot haben einen niedrigen Schwänzerinnen- und Schwänzeranteil. Die Autorengruppe verweist aber darauf, das die Evidenzbasierung weiterer Studien bedarf. Tatsächlich entstehen trotz der großen Untersuchungsgruppe sehr kleine Untergruppen (n unter 10).

In der Untersuchungsgruppe II (Befragung der Schülerschaft) stellt sich heraus, dass 70 Prozent der Schülerschaft im untersuchten Schuljahr noch nie geschwänzt haben. Von den verbleibenden 30 Prozent schwänzen 25 Prozent ab und zu und fünf Prozent haben mehr als fünf mal geschwänzt und werden als Massivschwänzer bezeichnet. Diese Zahlen habe eine gewisse Korrespondenz zu Zahlen in der BRD. Weiterhin wird nach den Gründen der Absenz gefragt, nach dem Beginn des Fernbleibens, nach bevorzugten Schwänzorten, nach dem Geschlecht und nach den Reaktionen der Eltern. Da sich ein Vergleich zwischen Nichtschwänzern und Massivschwänzern auf europäischer Ebene (EU) findet, seinen auch diese Zahlen genannt:

  • Nichtschwänzer Schweiz = 70,0%; EU = 66,5%
  • Gelegentliche Schwänzer Schweiz = 25,9%; EU = 25,9%
  • Massivschwänzer Schweiz = 4,1%; EU = 6,6%

(Massivschwänzer Schweiz ohne Kleinklassen, deshalb der Wert von 4,1%)

Bei weitern Vergleichen zwischen Nichtschwänzern und Massivschwänzern werden folgende Variablen untersucht: Geschlecht, soziale Beziehungen in der Klasse, Qualität des Unterrichts, Merkmale der Persönlichkeit, Devianz, Suchtsubstanzen und soziales Selbstkonzept, familialer Kontext, peer-group und Freizeitverhalten. Einige Ergebnisse: Massivschwänzer haben häufig schlechte Beziehungen zu Lehrpersonen und zeigen negatives Verhalten im Unterricht einschließlich innerer Abwesenheit, sie sind häufiger krank und neigen häufiger zum Gebrauch von Suchtsubstanzen. Ebenfalls ist die Delinquenzbereitschaft erhöht. Ihr leistungsbezogenes Selbstkonzept einschließlich der Regeltreue ist wesentlich schlechter als in der Vergleichsgruppe und die Eltern der Massivschwänzer interessieren sich deutlich weniger für schulische Belange.

In der Untersuchungsstufe III ( qualitative Interviews mit Massivschwänzern) finden sich Schülerinnen- und Schülerportraits, in denen biografische Merkmale den jeweiligen Wirkräumen (Schule, Familie, Peers) zugeordnet werden. Festgestellt wird, dass sich aufgrund der in der Studie untersuchten Faktoren keine Vorhersagemöglichkeit für diese Gruppe ergibt. Dennoch wird für diese Gruppe die Schule als stärkster Wirkraum bzw. Verursachungsraum für die Auslösung von Absentismus gesehen.

Fazit

Die Studie ist für Schul – und Sozialpädagogen gleichermaßen interessant und wichtig. Aus theoretischer Perspektive ist der sozialökologische Ansatz, der in der Verknüpfung der genannten Wirkräume einschließlich strukturell-organisatorischer Rahmenbedingungen (z.B. Gemeindegröße) seinen originellen Ausdruck findet, ein umfassender Erklärungsansatz. Durch eine Mehrebenenanalyse ist es möglich, die unterschiedlichen Bedingungsfaktoren und Wirkräume sowie ihre Wechselbeziehungen in einem Vorhersagemodell darzustellen. Disziplinäre Verengungen werden durch eine solche Vorgehensweise vermieden. Leider geht die Studie nicht auf Prävention und Intervention ein. Das mag auch eine Folge der bisherigen Unterschätzung des Absentismusproblems sein. Es ist zu hoffen, dass die Studie im Herkunftsland durch eine nachhaltige Diskussion dem entgegensteuert.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 03.10.2009 zu: Margrit Stamm, Christine Ruckdäschel, Franziska Templer, Michael Niederhauser: Schulabsentismus. Ein Phänomen, seine Bedingungen und Folgen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16080-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7478.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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