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Michael Fingerle, Stephan Ellinger (Hrsg.): Sonderpädagogische Förderprogramme im Vergleich

Cover Michael Fingerle, Stephan Ellinger (Hrsg.): Sonderpädagogische Förderprogramme im Vergleich. Orientierungshilfen für die Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 284 Seiten. ISBN 978-3-17-020091-3. 26,00 EUR.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Thema

Im Bereich der Sonder- und Heilpädagogik existieren eine Vielzahl von Förderprogrammen nebeneinander. Nicht selten besteht zwischen den Anhängern der einen und der anderen Förderrichtung – vorsichtig formuliert - traditionelle Abgrenzung. In den Diskussionen über einzelne Fördermethoden und –ansätze ist die Behauptung der Wirksamkeit des jeweils präferierten Verfahrens ein zentrales Argument. Wer ein solches Argument auf sein Belastbarkeit überprüft, stößt nicht selten auf eher überschaubare Privatemperien. Michael Fingerle und Stefan Ellinger haben nun als Herausgeber den Versuch gemacht, hier Klarheit zu schaffen. Sonderpädagogische Fördergramme miteinander zu vergleichen, war das anspruchsvolle Projekt, dem sich die beiden Frankfurter Hochschullehrer mit einem insgesamt 19 Autorinnen und Autoren umfassenden Team gewidmet haben.

Aufbau und Inhalt

Fingerle und Ellinger gliedern ihr Werk in fünf größere Abschnitte; zuvor entfalten und konkretisieren sie das Thema des Buches in der Einleitung. Die Autoren wollen zu verschiedenen, von ihnen als bedeutsam identifizierten Förderansätzen einen Überblick zum jeweiligen Stand der Forschung und der empirischen Absicherung geben und Empfehlungen für Förderansätze und – prinzipien formulieren. Die Ansätze sollen dabei als „bewährte Ansätze“,„vermutlich effektive Ansätze“ oder „potentiell effektiv“charakterisiert werden. Diesem Programm folgen die Ausführungen in den einzelnen Kapiteln weitgehend. Dabei ist festzustellen, dass – wie in der Einleitung angekündigt – kaum „bewährte Ansätze“ oder „vermutlich effektive Ansätze“ gefunden werden können. Im besten Falle werden „potentiell effektive“ Programme identifiziert. Dieses geschieht in folgenden Abschnitten:

  • Unterricht - mit den Beiträgen „Offener Unterricht und Projektmethode“ (Matthias Grünke) und „Portfolio in der Arbeit mit Schülern und Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ (Margarete Imhoff).
  • Lernförderung - mit den Beiträgen „Förderung von selbstreguliertem Lernen und Metakognition“ (Gerhard Bünner, Charlotte Dignath, Barbara Otto); „Förderung bei Lese-Rechtschreibschwäche“ (Barbara Gasteiger-Klicpera,Ute Fischer ); „Förderung mathematischer Kompetenzen“ (Katja Koch) und „Hochbegabung und Begabtenförderung“ (Eva Stumpf)
  • Verhalten – mit den Beiträgen „Aggressivität, Gewalt und Delinquenz“ (Andreas Beelmann), „Resilienzförderung“(Michael Fingerle, Pierre Walther) und „Effektivität von Förderprogrammen bei Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität“ (ADS/ ADHS) (Pierre Walther, Stephan Ellinger)
  • Kommunikation – mit den Beiträgen „Spezifische Sprachentwicklungsstörungen“ (Werner Kany, Hermann Schöler) und „Unterstützte Kommunikation“ (Susanne Nußbeck)
  • Therapieorientierte Ansätze - mit den Beiträgen „Therapeutische und pädagogische Interventionen mit Tieren“ (Erwin Breitenbach) und „Intervention bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS)“ (Kathrin Hippler, Roxane Sousek)

Diskussion

Das Bemerkenswerte an diesem Buch ist die Klarheit, mit der die unzureichende Evaluation der verschiedenen Förderansätze und – programme vor Augen geführt wird. Den Leserinnen und Lesern wird dargestellt, welche Studien zur Wirksamkeit der verschiedenen Programme vorliegen und wie diese Studien einzuschätzen sind. Nicht selten fällt diese Bewertung nachvollziehbar skeptisch aus. Damit wird die für das Buch programmatische Ankündigung der Einleitung im gesamten Text durchgehalten. Das ist vor dem Hintergrund der darzustellenden wissenschaftlichen Realität eine beachtliche Leistung. Die Autoren bleiben bei ihren Ankündigungen und weichen nicht in programmatische Postulate aus.

Mit diesen Darstellungen wird zugleich deutlich, wie wichtig konsistente Wirkungsforschung zu sonderpädagogischen Förderprogrammen ist. Junge Menschen mit sonderpädagogischen Förderbedarfen haben einen auch juristisch durchsetzbaren Anspruch auf effektive Hilfe z. B. nach § 53 SGB XII oder auch nach § 35 a SGB VIII. Doch wie sollen solche Ansprüche durchgesetzt werden, wenn zur Wirksamkeit der begehrten Hilfe nur wenig Belastbares gesagt werden kann? Hier bleibt offenkundig viel zu tun.

Zielgruppen und Fazit

Anregend ist dieses Buch vor allem für Menschen, die systematische Zusammenhänge in der Sonderpädagogik aufspüren und weiterführende Themen sozialwissenschaftlicher Forschung identifizieren möchten. Auch wer einen Überblick über den Stand der Forschung sucht, wird dieses Buch mit Gewinn lesen. Die mit dem Titel nahegelegte Erwartung, dass sonderpädagogische Förderprogramme in ihren Inhalten selbst miteinander verglichen werden, erfüllt sich damit jedoch nicht.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Christian Bernzen
Partner bei BERNZEN SONNTAG Rechtsanwälte und Hochschullehrer an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.msbh.de
E-Mail Mailformular
und
Pastorin Anne Gidion
gottesdienst institut nordelbien, Hamburg
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Zitiervorschlag
Christian Bernzen/Anne Gidion. Rezension vom 03.04.2010 zu: Michael Fingerle, Stephan Ellinger (Hrsg.): Sonderpädagogische Förderprogramme im Vergleich. Orientierungshilfen für die Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-020091-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7480.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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