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Jürgen Nowak: Soziologie in der sozialen Arbeit

Cover Jürgen Nowak: Soziologie in der sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2009. 174 Seiten. ISBN 978-3-89974-315-9. 9,80 EUR.

Reihe: Wochenschau Studium. Grundlagen sozialer Arbeit.
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Autor

Der Autor Jürgen Nowak ist langjähriger Hochschullehrer für Soziologie an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Aufgabe seines Lehrbuches ist, das soziologische Grundwissen für sozialarbeiterisches Handeln im Rahmen der Ausbildung bzw. des Studiums zusammen zu tragen. Den Hintergrund für diese Arbeit stellt die Neuorganisation von Studienverläufen im Zusammenhang mit der Einführung des Bachelorabschlusses in der Sozialen Arbeit dar.

Thema

Soziologie im Rahmen der Sozialen Arbeit wird als eine Bezugswissenschaft gesehen. Erklärtes Ziel des Buches ist, den künftigen Sozialarbeitern Fachkompetenz im soziologischen Denken zu vermitteln. Der Autor verweist bereits zu Beginn auf die eigene Parteinahme für sozial Benachteiligte im Rahmen seines Buches hin.

Aufbau …

Das Buch ist in 7 Kapitel gegliedert.

  • In den ersten vier Kapiteln werden sozialhistorische Aspekte des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses sowie die wesentlichen mikro- und makrosoziologischen Begriffe und Mechanismen erörtert.
  • Das fünfte Kapitel stellt soziologische Theorien und ihre Vertreter vor.
  • Im sechsten Kapitel werden Fragen einer „neuen Klassengesellschaft“ diskutiert.
  • Im abschließenden siebten Kapitel werden Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit aufgeführt. Hierzu gehören Familie, Jugend, Alter sowie Gender, Migration und Stadt.

… und Inhalt

Die Stellvertreterposition des Autors für sozial benachteiligte Gesellschaftsgruppen zieht sich wie ein roter Faden durch die Darstellung der soziologischen Themenstellungen. Neben den eher traditionellen Perspektiven, wie der Ganzheitlichkeit und der Berücksichtigung gesellschaftlicher Bedingungen für die Erklärung individuellen Handelns, wird insbesondere der figurative Denkansatz hervorgehoben, den der Autor als Grundlage soziologischen Gesellschaftsverständnisses ansieht. So stellen Privatheit, Markt, Staat und Zivilgesellschaft als Teilfigurationen in ihrer wechselseitigen Bedingtheit mit ihren zahllosen Interdependenzen die Gesamtfiguration der bundesdeutschen Gesellschaft dar (35). Sein Resümee hierzu: „Wer als Sozialarbeiter/in interdisziplinär analysieren und handeln möchte, der/die muss lernen, figurativ zu denken“(47). Der figurative Denkansatz, den der Autor von Norbert Elias adaptiert, ist dann auch die Grundlage für die Strukturanalyse der „Neuen Klassengesellschaft“.

Für den Autor ist die Bundesrepublik Deutschland strukturell eine kapitalistisch-marktwirtschaftlich geprägte und individuell eine demokratisch legitimierte Klassengesellschaft (92). Er verwahrt sich strikt gegen die Überbetonung von pluralen sozialen Milieus, da diese Form der Kulturalisierung nur die realen Klassenverhältnisse verschleiert. Für ihn gilt somit weiterhin „Klasse geht vor Schicht, Ethnie und Milieu (…) (90). Die herkömmliche Klassenanalyse ging von der Verfügbarkeit von Produktionsmitteln aus, wobei der Kapitalbegriff das Klassenverhältnis stets beinhaltete. Unter Rückgriff auf die Figurationsanalyse, die auf ungleiche Verteilungen von Machtpositionen (Machtbalancen) und gegenseitigen sozialen Abhängigkeiten (Interdependenzen) ausgerichtet ist, wird vom Autor ein erweiterter Klassenbegriff eingeführt. Hierbei geht es erstens um die Verfügbarkeit gesellschaftlicher Macht und zweitens um die Verfügbarkeit von individuellen Ressourcen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Machtbefugnisse erfolgt somit in den Dimensionen von Macht und Gegenmacht. So müssen der wirtschaftlichen Machtbefugnis starke Gewerkschaften gegenübergestellt werden, um eine relative Machtbalance erreichen zu können. Hinsichtlich der politischen Machtbefugnis stellt ein starker Parlamentarismus die Gegenmacht dar. Gegenüber medialer Machtbefugnis kann eine Machtbalance durch eine starke politische Öffentlichkeit hergestellt werden. Für den Autor muss die macht- und ressourcenorientierte Sozialstrukturanalyse einer Neuen Klassengesellschaft der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts in Deutschland folgendermaßen vorgehen: Ausgangspunkt der empirischen Analyse ist der Begriff Klasse, definiert als Machtbefugnis und Ressourcenverfügbarkeit. Die Verwendung des sozialen Schichtungsbegriffs, operationalisiert durch die Indikatoren Ethnizität, Geschlecht und Wohnort, erlaubt die Analyse der Binnendifferenzierung der Klassen. Schließlich der Begriff Milieu, der als tertiär sinnvoll verstanden wird, um überlappende Formen des sozialen Zusammenlebens zu beschreiben und sich auf Mentalitäten und Konsumverhalten bezieht. Die empirische Umsetzung dieses abgestuften Begriffstrios führt im Rahmen der Sozialstrukturanalyse zu einer Gesellschaftspyramide mit einer kleinen dominierenden Klasse an der Spitze, einer großen Masse der dienenden Klasse in der Mitte und mit der abgeschriebenen verlorenen Klasse ganz unten (93). In der zuletzt benannten sozialen Gruppe ist dann auch die Mehrheit der Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit zu finden (116).

Diskussion

Die Fokussierung der Soziologie in der Sozialen Arbeit auf die Sozialstrukturanalyse der sogenannten Neuen Klassengesellschaft ist als Beitrag zum Diskurs gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen als wichtig und bemerkenswert anzusehen. Allerdings wäre die Benennung kritischer Positionen sowohl aus konservativ marxistischer Sicht als auch aus modernisierungstheoretischer Perspektive wünschenswert, um z.B. zu erklären, wieso die Gewerkschaften in der Bundesrepublik unter Mitgliederschwund leiden und in der Gesellschaft eine allgemeine Parteipolitikmüdigkeit zu herrschen scheint. Grundsätzlich muss aber die Frage gestellt werden, was denn Studierende in einem Bachelorstudiengang Sozialer Arbeit mit der Aneignung eines klassentheoretischen Ansatzes zur Analyse der Sozialstruktur im beruflichen Kontext anfangen sollen. Zweifellos ist die Vermittlung eines breiten Grundlagenwissens der Soziologie als Bezugswissenschaft für die Soziale Arbeit eine wichtige Voraussetzung für sozialarbeiterisches Handeln. Das Festhalten am Klassenbegriff verstellt aber den Blick auf grundlegende sozialstrukturelle Veränderungen z.B. infolge der demografisch bedingten Alterung der Gesellschaft und damit verbundener Neudefinitionen wie z.B. des Gesellschaftsvertrages und des Begriffs der Solidarität.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Überblick über Themen der Soziologie in der Sozialen Arbeit. Die klare Gliederung und verständliche Sprache vermitteln auch Studierenden, die nur eine eingeschränkte Zugangsberechtigung für ein Hochschulstudium haben, die notwendigen Einblicke in die Soziologie. Die offene Parteinahme des Autors für benachteiligte soziale Gruppen, führt zu einer konsequenten und für sozial Engagierte, gesellschaftskritische künftige Sozialarbeiter, gut nachvollziehbaren Argumentation. Nur muss man die Argumentation nicht in allen Punkten teilen.


Rezension von
Prof. Dr. Christoph Behrend
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Zitiervorschlag
Christoph Behrend. Rezension vom 03.10.2009 zu: Jürgen Nowak: Soziologie in der sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2009. ISBN 978-3-89974-315-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7484.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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