Renate Motschnig, Ladislav Nykl et al.: Konstruktive Kommunikation
Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers, 04.11.2009
Renate Motschnig, Ladislav Nykl, Helmuth Beutel: Konstruktive Kommunikation. Sich und andere verstehen durch personenzentrierte Interaktion.
Klett-Cotta Verlag
(Stuttgart) 2009.
240 Seiten.
ISBN 978-3-608-94514-0.
21,90 EUR.
CH: 42,10 sFr.
Reihe: Konzepte der Humanwissenschaften.
Autoren
- Renate Motschnig lehrt an der Universität Wien und ist Leiterin des Research Lab Educational Technologies. Sie hält zahlreiche Veranstaltungen zur personenzentrierten Kommunikation und zum Technologie-erweiterten Lernen ab.
- Ladyslav Nikl ist externer Lektor an der Universität Wien und der Masaryk- Universität in Brünn. Er arbeitet als personenzentrierter Psychotherapeut, Gruppenleiter und Familienberater in Wien. Er besitzt umfangreiche Erfahrungen in der Leitung von Encountergruppen.
Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile:
- In diesem Teil: „Theorie und Praxis personenzentrierter Kommunikation“ werden theoretische Grundlagen des Personenzentrierten Ansatzes in Verbindung gebracht mit der Theorie der Kommunikation im allgemeinen und neueren Forschungsergebnissen zur Kommunikation ,unter anderem die Beziehung zu Erkenntnissen der Neurowissenschaften . Nach dieser eher allgemein gehaltenen Darstellung geht es um Schlüsselbegriffe personenzentrierter Kommunikation (Kontakt, zuhören, verstehen, mitteilen) und schließlich um das Herausarbeiten charakteristischer Merkmale personenzentrierter Kommunikation.
- In diesem Teil: „Begleitete Wege mit personenzentrierter Kommunikation“ geht es um zwei Beispiele, nämlich um Encountergruppen nach dem Modell von Carl Rogers und um Kommunikation im personenzentrierten technologieerweiterten Lernen.
- In diesem Teil schließlich werden klassische und aktuelle Erscheinungsformen personenzentrierter Kommunikation beschrieben. Nach der Beschreibung grundsätzlicher Qualitäten des interpersonellen Dialogs werden am Beispiel der computer-vermittelten Kommunikation, der Reflektion und des schriftlichen Ausdrucks konkrete Beispiele vorgestellt.
Zielgruppen
Das Buch richtet sich an „alle, die in Interaktionen transparenter, echter und achtsamer sein wollen“. Konkret benannt werden Manager, Berater, Pädagogen, Ärzte, Politiker, Sozialarbeiter, Eltern.
Diskussion
Wie schon aus dem Titel ersichtlich, befasst sich dieses Buch mit einer grundlegenden Kategorie, der Kommunikation. Damit steht es im deutlichen Gegensatz zu Veröffentlichungen zum personenzentrierten Ansatz aus den letzten Jahren. Hier dominierten eher Weiterentwicklungen z.B. der personenzentrierten Störungslehre, aber auch Literatur zur Anwendung des Personenzentrierten Ansatzes in bestimmten Arbeitsfeldern und mit bestimmten Personengruppen (zum Beispiel Jugendliche, Manager oder Behinderte)
Demgegenüber scheint mir in der Verbreiterung des Ansatzes auf den Begriff der Kommunikation eine Chance zu liegen, den in diesem Ansatz steckenden, humanistischen Anspruch wieder deutlicher zu machen.
Von Kritikern des Personenzentrierten Ansatzes wird sehr häufig ins Feld geführt, dass er im Unterschied z.B. zur Verhaltenstherapie weniger gut empirisch überprüft sei - was man sicher auch diskutieren könnte. Dieses Buch macht aber deutlich,
das in der Besinnung und Rückbesinnung auf rogerianische Grundprinzipien, die durchaus zeitgemäß weiterentwickelt werden (z.B. Charakteristika Personenzentrierter Kommunikation, S.89 ) eine Stärke dieses Ansatzes liegt. Das sowohl die Begriffe, wie die Vorgehensweise dabei alltagsweltlich vertraut klingen und scheinbar einfach sind, ist etwas, was personenzentrierte Berater sicher gut kennen. Dennoch gilt hier der Ausspruch von E.T.Gendlin, einem Schüler von Rogers: „It„s simple, but it is not easy“. Besonders interessant sind dabei die Überlegungen (S.142ff), personenzentrierte Grundannahmen nicht nur auf die Beispiele interpersonaler Kommunikation, sondern auch auf intrapersonale Kommunikation anzuwenden. Hier werden Überlegungen aus dem Werk Schulz von Thuns zum „inneren Team“ mit personenzentrierten Annahmen verknüpft.
Im zweiten Kapitel wird ein „klassisches“ Anwendungsbeispiel (Encounter) einem„modernen“ gegenübergestellt, wobei auffällt, dass zur Darstellung von Encountergruppen unverhältnismäßig häufigTexte von Carl Rogers benutzt werden und neuere Erfahrungen nicht so gut vertreten sind.
Im dritten Kapitel wird dagegen der „Dialog“ als klassische Form der Kommunikation überzeugend präzisiert, aber auch der neuen Form, der „computer-vermittelten Kommunikation“ wird Raum gegeben. Hier werden vor allem die Einschränkungen und Möglichkeiten der computer-vermittelten Kommunikation aufgezeigt und realistisch dargestellt, dass diese Form der Kommunikation immer durch Präsenzkommunikation ergänzt werden muss.
Die ebenfalls vorgestellten Kategorien der „Reflexion“ und des „schriftlichen Ausdrucks“ werden nur kurz abgehandelt und verdeutlichen vor allem die Vorbildfunktion von Carl Rogers in seiner wissenschaftlichen Kommunikation.
Im letzten Kapitel wird –dankenswerterweise- noch einmal dargestellt ,dass es sich beim personenzentrierten Ansatz nicht um ein kurzes Training und bei der hier vorliegenden Literatur nicht um eine Art „Crashkurs“ für Praktiker handeln kann, auch wenn derartige Angebote auf dem Fortbildungsmarkt keineswegs selten sind.
Vielmehr geht es um die Entwicklung einer Haltung, die Begleitung, Zeit, Methoden und durchaus auch technische Hilfsmittel braucht.
Fazit
Das Buch stellt keine kurze Anleitung für helfende und andere Berufe dar. Dies ist im personenzentrierten Ansatz weder möglich noch erwünscht. Wer allerdings an einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Kategorie Kommunikation interessiert ist, findet hier sowohl bewährte Bezüge zur Theorie des Personenzentrierten Ansatzes wie auch konkrete Überlegungen und Hilfen, vor allem für den Bereich des Einsatzes technischer Kommunikationsmedien.
Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Gerd Schweers
Systemischer Familientherapeut, Ausbilder der GwG (GF, SV), Supervisor DGSv
Lehrer für besondere Aufgaben (Theorien und Methoden der Sozialarbeit) i.R.
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