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Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hrsg.): Über die (Un)Möglichkeit zu trauern

Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 01.11.2009

Cover Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hrsg.): Über die (Un)Möglichkeit zu trauern ISBN 978-3-608-94531-7

Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hrsg.): Über die (Un)Möglichkeit zu trauern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 399 Seiten. ISBN 978-3-608-94531-7. 32,90 EUR.

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Herausgeber

Die Herausgeber sind Psychoanalytiker mit Zugehörigkeiten zur DPG, DGPT und IPV, vom beruflichen Werdegang her mit Akzenten in Lehre und Forschung wie Arbeitsschwerpunkten im Bereich klinischer Praxis.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist ein Sammelband, in dem die Vorträge der Jahrestagung 2007 der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) zusammengestellt und für die Publikation überarbeitet bzw. ergänzt wurden. Der Klappentext operiert mit folgendem Aufmacher: „Was ermöglicht Trauer, was verhindert sie? Wie können individuelle Verlusterfahrungen im Alltag und im therapeutischen Prozess behandelt werden? Und was bewirkt kollektive Trauer in Kunst, Kultur und Gesellschaft?“.

Aufbau

Die Vorträge der DPG-Tagung wurden von den Herausgebern nach inhaltlichen Schwerpunkten eingeordnet und überschrieben:

  • „Sigmund Freud (1915/17): Trauer und Melancholie“ zu theoretischen Konzeptionen beider klinischer Phänomene
  • Kasuistische Beiträge der „(Un)Möglichkeit zur Verarbeitung von Verlusten im therapeutischen Prozess“
  • Trauerprozesse im Lebenszyklus als „notwendige Brüche und Verluste in der Lebensentwicklung“
  • Trauer und Melancholie als „Verlust und Trauerprozeß im gesellschaftlichen Kontext“
  • „Darstellung von Trauerprozessen in Kunst, Literatur und Film“

Mit dieser Gliederung versuchen die Herausgeber eine sinnvolle Strukturierung der sehr heterogenen Materialien, was inhaltlich prinzipiell gelingt, jedoch unter den Gesichtspunkten einer Hin- und Weiterführung des Lesers – zumindest beim Rezensenten – nicht durchgängig gelang: Die jeweiligen Themenblöcke erwiesen sich als thematisch zu kompakt, um en bloc gelesen werden zu können: Der insofern etwas undidaktisch erstellte Sammelband wird somit leicht zum Reader, dies mit den Vorteilen eines Alternierens von theoretischen, psychotherapeutischen, lebenspraxisbezogenen und kulturspezifischen Themen, allerdings auch mit den Risiken der Beliebigkeit von Präsentation und Rezeption.

Inhalte

Anhand der inhaltlichen Grobgliederung lassen sich Vielfalt bzw. Vielseitigkeit der Inhalte bislang allenfalls erahnen:

Für die fünf theoretischen Beiträge des 1. Kapitels bietet der Bezug auf den klassischen Freud-Artikel zu Trauer und Melancholie einen durchgängigen ‚roten Faden‘, der in unterschiedlichen Facetten (Affektivität, Endlichkeit, Verarbeitung) bzw. Ausdifferenzierungen (der Theoriekonzeptes der Trauer bzw. Melancholie, der Repräsentanzenbildung) weitergeführt wird.

Demgegenüber erweisen sich die acht kasuistischen Artikel des 2. ‚klinischen‘ Kapitels als höchst unterschiedlich angelegt. Ihr gemeinsamer Nenner sind, so Wesle in der Einführung, zwar „die Fähigkeit bzw. die Einschränkungen der Fähigkeit zur Verarbeitung von Trauer und Verlust, der Anerkennung von Getrenntheit und Verschiedenheit“, doch variieren die Beiträge innerhalb dieser thematischen Klammer sehr: Während der erste Text den etappenweisen Verlauf einer Analyse reflektiert, bezieht sich der darauffolgende in seiner Erörterung einer regressiven Entwicklung parallel auf Besonderheiten italienischer Analysen, konzentrieren sich die nächsten Beiträge auf das kleinianische Verständnis kindlicher und adoleszenter Trauerreaktionen, auf die Diskussion einer – ggf. nicht (mehr) sinnvollen – Unterscheidung zwischen traumatisierten und nicht-traumatisierten Patienten und der Konsequenzen für die analytische Technik. Die folgenden Artikel setzen diese theoretische Reflexion klinischer Praxis hinsichtlich der Reife der Objektentwicklung und -repräsentanzen mit ihren Folgen für Selbst-Objekt-Differenzierungen, bezüglich der Indikationen und Chancen neuer Objekterfahrung innerhalb der Analyse und betreffs der Besonderheit indizierter „regelverletzender“ Haltungen und Techniken bei schwer gestörten Patienten fort.

Die drei Beiträge des konsistenten 3. Kapitels referieren unter der Überschrift einer Auseinandersetzung mit Brüchen und Verlusten in der Lebensentwicklung deren Bedeutung, Dynamiken und Funktionen in Phasen der Geburt, der Adoleszenz und dem fortgeschrittenen Lebensalter.

Das 4. Kapitel greift in seinen Bezügen auf die gesellschaftliche Dimension der Trauer die Thematik des – den Tagungs- und Buchtitel (mit) assoziierenden – Mitscherlich-Klassikers über die Unfähigkeit zu trauern auf: Neben einem Beitrag, der diese Feststellung einer kollektiven Abwehrleistung der Nachkriegsleistung kritisch reflektiert und reformuliert, werden in weiteren vier Artikeln die Kriegsfolgen für das deutsche Selbstverständnis und deutsch-jüdische Verhältnis, für intergenerationelle Traumabewältigungen, für die Verarbeitung von Kriegskindheiten und für die Auseinandersetzung einer Zerstörung der identitätsstiftenden Architektur im städtischen Lebensraum dekliniert. Ein Beitrag über Motive, Dynamik und Wirkung sadistischer Gewalttäter auf männliche Folteropfer macht auf die diesbezüglich oft übersehene Dimension einer identitätsbezogenen Trauerarbeit aufmerksam.

Das 5. Schlußkapitel fasst wiederum sehr unterschiedliche Beiträge unter den Stichworten „Darstellungen von Trauer und Trauerprozessen in der Kunst, Literatur und im Film“ zusammen: Während sich ein Erfahrungsbericht der Behandlung traumatisierter Patienten entlang eines Gedichtmotivs von Rilke auf die therapeutische Arbeit bezieht, untersucht der zweite Text die Auseinandersetzung der Autorin Didion in ihrem Buch ‚Das Jahr magischen Denkens‘ mit dem Tod ihres Ehemannes und die zum Teil psychosenahen intrapsychischen Prozesse dieser Trauerarbeit und diskutiert der letzte Beitrag den Film ‚Das Zimmer meines Sohnes‘ von (und mit) Nanni Moretti.

Diskussion

Wie bereits aus den Skizzen der Inhalte deutlich wird, handelt es sich um eine sehr breit angelegte Auseinandersetzung mit den Themen des Verlusts und der Trau­er. Die einzelnen Beiträge vertiefen spezifische Aspekte auf differenzierte und versierte Weise, lassen Theorie und Praxis oszillieren, ermöglichen oft ein sehr gelungenes Alternieren unterschiedlicher Sichtweisen und bieten komplementäre Focussierungen divergierender Themenaspekte an.

Die Stärke dieses Buches erweist sich zugleich allerdings auch als eine Schwäche: Die jeweiligen Auseinandersetzungen müssen in Vortragslänge abgehandelt, zum Teil entsprechen kondensiert werden und setzen daher mitunter mehr als nur ‚Grundkenntnisse‘ in psychoanalytischer Theorie voraus. Ohnehin begrenzt dieser Aspekt den Leserkreis deutlich: Als Ergebnis einer psychoanalytischen Jahrestagung sind die Beiträge Teil eines in gewisser Weise hermetischen, für Angehörige anderer psychologischer und/oder therapeutischer Richtungen eher unzugänglichen Wissenschafts- und Erfahrungsdiskurses. Andererseits liegt in dieser psychoanalytischen Provenienz auch eine Chance des Buches: Als Beiträge einer eben auch kultur- und humanwissenschaftlichen Disziplin entfalten die Texte sowohl theoretische wie klinische und therapeutische, aber eben auch soziale, historische und künstlerische, zudem teilweise wechselseitig aufeinander bezogene Dimensionen des Themenspektrums höchst unterschiedlicher Verlust- und Trauererlebnisse und -bewältigungsnotwendigkeiten als Grunderfahrungen im Leben von Menschen.

Das Buch arbeitet auf den Grundlagen psychoanalytischer Trauertheorie quasi peu à peu neuere Theorie- und Praxisbausteine aus, variiert deren Foki bzw. Dichotomien: Subjekt / Objekt, Internalisierung / Externalisierung, Entwicklungs- und Lebensphasen, Individuum / Kollektiv, Alltagsleben / Traumatisierung, Kriegs- / Nachkriegszeit, Destruktion / Kreation. Damit riskiert dieser Sammelband jedoch auch, zu einer Art Reader zu geraten, der ein stellenweise zu wenig stringend durchkomponiertes Themen-Patchwork um psychoanalytische Betrachtungs- und Verständnisweisen eigener Arbeit mit Trauernden bietet.

Fazit

Mit diesem Sammelband nutzen die Herausgeber die Chance, das Spektrum der Verlust- und Trauererfahrung facettenreich abzuarbeiten und in kongenial angelegten Theorie-Praxis-Vermittlungen zu durchdringen. Dadurch gelingt dem Buch mit immerhin 24 Artikeln die durchaus repräsentative Zusammen- und Darstellung der aktuell wesentlichen psychoanalytischen Beiträge zur Arbeit mit Trauernden.

Allerdings ist dieser Band kein praktisch-probater Übersichtsband für LeserInnen, die sich als thematische Neueinsteiger grundlegend umfassender informieren möchten – hierfür erweisen sich die entfalteten Diskurse in ihren Voraussetzungen an die Kenntnis psychoanalytischer Theorie zur Entwicklung, Struktur, Dynamik und Funktion psycho(patho)logischer Prozesse als zu spezifisch.

Trotz dieser – jeder differenzierteren Insiderdiskussion eigenen – Selbstbeschränkung ist dies ein empfehlenswerter Band für mit Trauernden in Therapie und Beratung arbeitenden KollegInnen.

Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
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Es gibt 18 Rezensionen von Ulrich Kobbé.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 01.11.2009 zu: Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hrsg.): Über die (Un)Möglichkeit zu trauern. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-608-94531-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7491.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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