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Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen

Cover Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 9., vollständ. überarbeitete u. erweiterte Neu Auflage. 378 Seiten. ISBN 978-3-608-94532-4. 34,90 EUR, CH: 59,00 sFr.
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Thema

Es handelt sich um die 9., vollständig überarbeitete und erweiterte Fassung des erstmals 1999 erschienenen Buchs über die Anwendung der Bindungstheorie in der klinischen Praxis.

Autor

PD Dr. med. habil Karl Heinz Brisch ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und leitet als Oberarzt die Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie im Dr. von Haunerschen Kinderspital, Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach Danksagung, Vorworten (u.a. von Lotte Köhler) und einer kurzen Einleitung in fünf Teile gegliedert, die vom Umfang her unterschiedlich lang ausfallen.

Im ersten Teil stellt Brisch die Bindungstheorie und ihre Konzepte vor. Er beginnt mit einem kurzen historischen Abriss, der schwerpunktmäßig auf das Wirken von Bowlby und Ainsworth bezogen ist. Anschließend beschäftigt er sich mit der Entwicklung bindungstheoretischer Konzepte, indem er komprimiert, aber aussagekräftig die Grundzüge der Bindungstheorie und ihre zentrale Begrifflichkeit nachzeichnet (S. 35-72). Das Kapitel über die Bedeutung von Schutz- und Risikofaktoren ist heraus zu heben, weil sich Brisch hier deutlich positioniert. Er führt inhaltlich aus, weshalb ein Säugling nach Möglichkeit nicht vor Ende des ersten Lebensjahres in eine öffentliche Kinderkrippe gegeben werden sollte. Wenn er anschließend für die öffentliche Früherziehung unter Dreijähriger einen Betreuungsschlüssel von 1 zu 2 bzw. 1 zu 3 einfordert, grenzt er sich damit deutlich von den gegebenen Zuständen beim Personalschlüssel in den Einrichtungen ab (S. 77-79). Der erste Teil schließt mit einer kurzen Darstellung von Bindung und Trennung in anderen psychotherapeutischen Schulen. Es ist nachvollziehbar, dass Brisch als ausgewiesener Psychoanalytiker einen Schwerpunkt auf die Konzeptionen von Größen wie Freud, Spitz, Winnicott und anderen legt. Nicht nachzuvollziehen ist jedoch, was ihn veranlasst haben kann, derartig knapp lerntheoretische und systemische Modelle aufnehmen zu wollen. Es wirkt im Kontext des ansonsten sehr gründlich bearbeiteten Buchs befremdlich, auf 20 Zeilen lerntheoretische Modelle abgehandelt zu sehen. Überboten wird dies noch durch die 13 (!) Zeilen, die systemtheoretischen Modellen zugestanden wird. Es wird wohl kein Zufall sein, dass die dazu angeführte systemische Literatur etwas antiquiert wirkt (S. 90-92).

Der zweite Teil thematisiert Bindungsstörungen. Der Autor fokussiert auf Bindung und Psychopathologie, um dann zu der Theorie von Bindungsstörungen zu kommen. Nach einer gut verständlichen Darstellung der Bindungsklassifikationen in diagnostischen Manualen (ICD und DSM) vertieft er die Diagnostik und Typologie von Bindungsstörungen und veranschaulicht die erforderlichen diagnostischen Schritte bis zum Ende des Grundschulalters.

Den dritten Teil, der in der Erstauflage noch mit „Bindungstherapie“ überschrieben war, präzisiert er nun als „bindungs-basierte Therapie“, um sich sehr deutlich von der so genannten Haltetherapie abzugrenzen, die in der Öffentlichkeit missverständlich auch als „Bindungstherapie“ angeboten wird. Brisch findet hier klare Worte und führt aus, dass diese so genannte Bindungstherapie grundlegend den fachlichen und ethischen Standards der Bindungstheorie widersprechen würde (S. 117-118). Spannend wird es dort, wo er kurz die Technik der Behandlung skizziert, weil sich erahnen lässt, wie viel Arbeit und Anstrengung es kosten mag, die klassische psychoanalytische „Ein-Personen-Therapie“ durch die Integration interaktioneller und systemtheoretischer Aspekte zu erweitern, um so den in der Bindungstheorie von Bowlby angelegten Dimensionen von Ethologie und Systemtheorie etwas gerecht zu werden. Da im psychoanalytischen Kontext des Buches eine Erwartung an ausgewiesene systemtherapeutische Interventionen in den Beispielen sicherlich den Rahmen sprengen würde, ist anzuerkennen, wenn er hier zumindest einer „begleitenden Psychotherapie von Eltern oder Bezugspersonen eine große Rolle“ zuspricht (S. 127).

Der vierte Teil, Behandlungsbeispiele aus der klinischen Praxis, umfasst mit 155 Seiten mehr als die Hälfte der inhaltlichen Textseiten und gibt damit dem Buch einen deutlichen Schwerpunkt. Beginnend mit präkonzeptionellen Bindungsstörungen bis hin zu einem Beispiel aus der Gerontopsychotherapie (Altersdepression, S. 288 f.) schlägt der Autor einen großen Bogen bei der Nutzung bindungstheoretischer Überlegungen in der Psychotherapie. Brisch fokussiert in seiner Praxis auf eine bindungsdynamische Sichtweise zum Krankheitsverständnis und auf die Betrachtung der Interaktion zwischen Patient und Therapeut. Durch eine durchgehende Strukturierung der Fallbeispiele – Erstvorstellung und Symptomatik, Anamnese, Bindungsdynamische Überlegungen, Therapieverlauf und abschließende Bemerkungen – kann der Leser diesen Teil auch als hilfreiches Nachschlagewerk für den Einzelfall nutzen. Die vorgestellten Fallbeispiele sind verständlich dargestellt und lassen in vielen Fällen den Prozessverlauf gut nachvollziehen.

Der fünfte Teil widmet sich einem Ausblick auf weitere Anwendungsgebiete der Bindungstheorie. Gut zwei Drittel der Seiten nehmen dabei die Darstellung der Präventionsprogramme SAFE (Sichere Ausbildung für Eltern) und B.A.S.E. (Babywatching) ein. Während SAFE als primäre Prävention zur Bindungsförderung konzipiert wurde, welches unter anderem auch die Nutzung von Videofeedback für Eltern einbezieht, ist B.A.S.E. als sekundäre Prävention bei aggressiven und ängstlichen Verhaltensstörungen von 3 – 6jährigen Kindern angelegt. Im Hinblick darauf, dass sich dieses Buch ausdrücklich an alle Heil- und Sozialberufe wenden will, würde man sich wünschen, dass einer ausführlichen Vorstellung dieser Programme mehr Platz eingeräumt wäre. Stattdessen schließt sich auf ganzen zwei Seiten ein inhaltlich schwaches Fragment über systemische Familientherapie an, dessen Literaturbezüge auf den späten 1980er Jahren beruhen. Diese – konzeptionell – fragwürdige Darstellung setzt sich fort durch zwei Seiten zu Bindung und Gruppe sowie einer (!) Seite zum Thema Pädagogik. Von einem starken Ende des Buches kann man da leider nicht sprechen.

Zielgruppen

Wegen der inhaltlichen Komplexität und der klaren Ausrichtung auf Psychotherapie eignet sich dieses Buch vor allem für professionelle Fachkräfte aus dem Jugend-, Sozial- und Gesundheitswesen sowie für Studierende der entsprechenden Professionen.

Fazit

Es ist ein spannendes und lesenswertes Buch, welches sicherlich seinen Platz in der auf die Bindungstheorie bezogenen Literatur finden wird. Es ist in einer verständlichen Sprache geschrieben und bietet einen umfassenden Einblick in die psychotherapeutische Praxis des Autors. An seine Grenzen kommt es dort, wo Brisch über den Zaun seines wohl vertrauten psychoanalytischen Terrains schaut und Bezug zu den anderen Dimensionen der Bindungstheorie – Ethologie und Systemtheorie – nehmen möchte. Hier wäre auszurufen: Halt – entweder ganz oder besser gar nicht und daher zu empfehlen, dass der qualifizierte (psychoanalytische) „Schuster“ besser bei seinem eigenen Leisten bleiben sollte. Das ansonsten konsistente Buch hat solche Ausreißer eigentlich nicht verdient.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 09.11.2009 zu: Karl Heinz Brisch: Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 9., vollständ. überarbeitete u. erweiterte Neu Auflage. ISBN 978-3-608-94532-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7492.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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