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Dankwart Mattke, Luise Reddemann u.a.: Keine Angst vor Gruppen!

Cover Dankwart Mattke, Luise Reddemann, Bernhard Strauß: Keine Angst vor Gruppen! Gruppenpsychotherapie in Praxis und Forschung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 330 Seiten. ISBN 978-3-608-89077-8. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Leben lernen - 217.
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Entstehungshintergrund

„Keine Angst vor Gruppen!“ entstand im Rahmen der Konzeption eines gleichnamigen Weiterbildungscurriculums zu Allgemeinen und störungsorientierten Techniken institutioneller Gruppentherapie (AsTiG) durch Dankwart Mattke und Bernhard Strauß, die beide über langjährige Erfahrung in der Praxis (Mattke) bzw. Erforschung (Strauß) von Gruppenpsychotherapie verfügen.

Autorin und Autoren

Dankwart Mattke ist Facharzt für Psychiatrie. Er arbeitet nach langen Jahren als Leiter einer Fachklinik in Bad Honnef jetzt als freier Berater in München.

Bernhard Strauß ist Psychologe und Psychoanalytiker und Direktor des Instituts für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Luise Reddemann, Nervenärztin und Psychoanalytikerin, war Leitende Ärztin einer Klinik für psychotherapeutische und psychosomatische Medizin in Bielefeld. Als Expertin für Psychotraumatologie ist sie externe Referentin in dem genannten Weiterbildungscurriculum. Ihr Beitrag in diesem Buch wird ergänzt durch ein Kapitel von Dipl. Päd. Claus Schäfer, einem Mitarbeiter der Bielefelder Klinik.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an TherapeutInnen in stationären oder teilstationären Einrichtungen, die mit gutem Grund oft Angst vor Gruppen haben, sind sie doch nur selten für die Durchführung von Gruppenpsychotherapien ausgebildet – und ist vielen von ihnen, wie die Rezensentin hinzufügen würde, auch die Qualifizierung zum / zur PsychotherapeutIn allgemein verwehrt: Die Realität der stationären Versorgung in Deutschland sieht so aus, dass in Sucht-, aber auch in psychiatrischen Kliniken und besonders in teilstationären Einrichtungen oft Sozialarbeiter- bzw. SozialpädagogInnen für Gruppentherapien verantwortlich sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Hauptkapitel. Der praxisorientierte Titel gibt die Zielrichtung an: Die AutorInnen wollen PraktikerInnen konkrete Hinweise zu verschiedenen Aspekten der Gruppenpsychotherapie geben, tun dies aber nicht ohne den Rückgriff auf Theorien und Forschungsergebnisse. Kap. 5 ist ausschließlich der Forschung zu Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik gewidmet.

Dankwart Mattke ist Autor der ersten vier Kapitel:

  1. „Grundlagen der Gruppenpsychotherapie: Sozialpsychologie und Gruppendynamik“,
  2. „Die Gruppentherapien unter besonderer Berücksichtigung der Grundprinzipien psychodynamischer Gruppenpsychotherapie“,
  3. „Durchführung einer psychodynamischen Gruppenpsychotherapie“ und
  4. „Gruppen in Organisationen“.

Er selbst ist psychodynamisch ausgebildet und räumt den psychodynamischen Verfahren hier einen prominenteren Platz ein. Das bedeutet keineswegs, dass er diese Verfahren als besser, wirksamer o.ä. darstellt. Er kann nur in diesen Diskursen auf eigene Erfahrungen und Fallbeispiele zurückgreifen und tut das äußerst gelungen in Form von Vignetten. Er kann auch die Praxis der psychodynamischen Verfahren und die entsprechende Ausbildung anders betrachten und kommentieren, als Außenstehende, d.h. nicht psychodynamisch Ausgebildete, das (sich erlauben) können: Dass in solchen Ausbildungsgruppen ein Wettstreit um Durchhaltevermögen im Schweigen entsteht und dann anekdotisch darüber berichtet wird, dass die TeilnehmerInnen an solchen Gruppen intelligente Neurotiker oder gar „Scheinheilige“ sind (122) – wer kann oder darf so etwas sagen, wenn nicht ein Insider? Mattke ist es ein Anliegen, die Lücke aufzuzeigen, die zwischen der Ausbildungspraxis und der Realität der stationären Versorgung klafft. Er bezeichnet seine Ausführungen dazu – in Kap. 3. – als den „Kernpunkt“ dieses Buches. Und es gelingt ihm zweifellos, diese Lücke nicht nur aufzuzeigen, sondern auch zu füllen: Z.B. mit fundierten Kenntnissen und interessanten wissenschafts- und psychologiehistorischen Ausführungen in Kap. 1. - auch mit allgemeinhistorischen Anmerkungen (Deutschland zu Zeiten des Marshall-Plans im Bemühen bzw. unter Druck, autokratische Erziehungs- und Führungsstile aufzugeben), die viel zum Verständnis der Entwicklung der Gruppenverfahren in Deutschland beitragen und die gerade für die jüngeren Generationen sicher sehr hilfreich sind. In Kap. 1. thematisiert Mattke auch die noch immer nicht vollzogene Integration von gruppendynamischem Wissen und dem Wissen über individuelle Veränderungsprozesse. Es erstaunt in der Tat, dass auch in der heutigen Zeit die Psychologie am Paradigma der Rückführung individuellen Handelns auf Eigenschaften der Person und die Psychotherapie am Paradigma der Änderung über Einwirkung auf die Person festzuhalten scheint – per Herbeiführung von Einsicht oder „aufklärerische(r) Kognition“ (Mattke, 50) in den psychodynamischen Verfahren, per Verhaltensmodifikation in den verhaltenstherapeutischen. Mattke setzt hier wirklich – endlich – Zeichen; d.h. er arbeitet an dieser Integration.

In Kap. 2. beschäftigt er sich mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Verfahren, die nach aktuellem Stand der Psychotherapierichtlinien zugelassen sind zur von den gesetzlichen Krankenkassen finanzierten Behandlung von PatientInnen in und mit Gruppen, d.h. mit tiefenpsychologisch fundierter / analytischer und mit verhaltenstherapeutischer Gruppenpsychotherapie. Auf erstere geht er, wie oben schon gesagt, ausführlicher ein. Der dagegen kürzere Überblick über verhaltenstherapeutische Verfahren ist gleichwohl weder laienhaft, noch oberflächlich oder gar abwertend. Insbesondere widmet sich Mattke in diesem Kapitel 2. den allgemeinen Gruppenwirkprinzipien, die beide großen Verfahren nutzen können, z.B. die Tatsache, dass die Abhängigkeit der GruppenteilnehmerInnen vom Therapeuten / von der Therapeutin in Gruppentherapien geringer ist als im Einzelsetting. Was er sich an dieser Stelle nach Auffassung der Rezensentin gestatten könnte, wäre eine Exkurs über die Anforderungen, die dieses Setting an die „intelligenten Neurotiker“ (s.o.) und Neurotikerinnen stellt, die sich hier ganz anders als in der Einzeltherapie auch mit eigenem Machtverlust auseinandersetzen müssen. Den Exkurs gibt es leider nicht – vielleicht in dem nächsten Buch? Am Ende des Kapitels 2. werden exemplarisch drei Manuale vorgestellt, die einerseits eine der Therapieschulen repräsentieren, andererseits aber gute Beispiele für „Methodenmix“ sind: Hier werden Anleihen beim jeweils anderen Verfahren gemacht.

In Kap. 3. werden konkrete Hinweise zur Durchführung einer psychodynamischen Gruppenpsychotherapie gegeben; und das ist auch für diejenigen interessant, die nicht in diesen Verfahren ausgebildet sind: Hier werden Anleitungen zur Auswahl von PatientInnen für eine Gruppe gegeben, Instrumente und Hilfsmittel zur Auswahl und Vorbereitung von Gruppenmitgliedern genannt u.ä.m. – ein ganz praktisch instruktives Kapitel!

In seinem letzten, dem 4. Kapitel, beschäftigt sich Mattke mit dem Thema Gruppen in Organisationen und hier verständlicherweise speziell mit der Organisation Klinik bzw. Krankenhaus. Auch hier bringt er Vignetten aus seinem eigenen Erleben als Klinikchef ein und bezieht sie theoretisch auf das Konzept der Grundlagenmatrix nach Foulkes, ein Konzept, das in gruppenanalytischen Diskussionen wenig verwendet wird. Den Gruppenpionieren, zu denen Foulkes zweifellos gehört, ging es keineswegs nur um Therapie. Foulkes gehörte mit Bion und anderen zu den Initiatoren des „Northfield Experiments“, in dem erstmalig versucht wurde, ein stationäres Setting zu verändern und es als Ganzes therapeutisch wirksam werden zu lassen. Dieses Experiment der britischen Militärpsychologie zur Behandlung von Kriegsheimkehrern bzw. „-neurotikern“, die schnell wieder fronttauglich gemacht werden sollten, hat in Europa wie in den USA zahlreiche therapeutische Anwendungen generiert. Die Therapeutischen Gemeinschaften haben hier ihre Wurzeln, die Tavistock Methode ebenfalls – und, mit Foulkes, auch die Gruppenanalyse, deren deutsche VertreterInnen (nach Mattke im Gegensatz z.B. zu den KollegInnen in UK) das Konzept der Matrix dann allerdings etwas aus den Augen verloren haben. Mattke rückt es in diesem Kapitel wieder in den Blick. In unserer aktuellen Grundlagenmatrix sind sich beschleunigende Modernisierungs- und Globalisierungsprozesse wirksam, die die Kliniken mit einbeziehen. Hier wirken sich Prozesse wie die Debatten um den Generationenvertrag und entsprechende Mittelkürzung aus. Hier treffen sich diejenigen, die dem Tempo nicht gewachsen sind und die die größten Brüche zu bewältigen haben (147). Es ist evident, dass TherapeutInnen, die in Kliniken und Krankenhäusern arbeiten, in anderer Weise als frei praktizierende KollegInnen mit gesellschaftlicher Komplexität konfrontiert sind. Der Frage, wie sie damit umgehen könnten und sollten, geht Mattke in diesem Kapitel nach. Seinen Konkretisierungen legt er Kernbergs Ordnung der in therapeutischen Institutionen möglichen Gruppenformate zugrunde, als da wären: Gruppendynamische Gruppen, z.B. die Stationsgruppe oder die Morgenrunde, Psychotherapeutische Gruppen wie die Bezugsgruppe, die therapeutische Kleingruppe, Arbeitsgruppen, die organisiert werden, um eine Aufgabe zu erfüllen, wie z.B. ein Projekt der Freizeitplanung – und, wie überall und immer, auch Mischformate. Mattke konkretisiert hier wieder unter Rückgriff auf Fallvignetten.

Gleichwohl, und das sollte die Ausführungen zu den Beiträgen dieses Autors abschließen, blendet er Forschungsaspekte keineswegs aus. Es gelingt ihm im Gegenteil, Forschungsergebnisse zu seinen Ausführungen heranzuziehen, die diese gut belegen bzw. erklären – wie in diesem Kap. 4. z.B. die Ergebnisse einer Studie von Enke-Ferchland von 1969 zu gruppendynamischen Effekten in der Interaktion Teamgruppe – Patientengruppe: Enke-Ferchland hatte eine Patientengruppe in einer psychosomatischen Klinik soziometrisch untersucht; d.h. die PatientInnen trafen ihre soziometrischen Wahlen im Hinblick auf die drei Kriterien Beliebtheit, Tüchtigkeit und Gruppenführung. Die TherapeutInnen stuften dann ihrerseits die PatientInnen unter zwei Kriterien ein, in Bezug auf die therapeutische Mitarbeit und in Bezug auf den Schweregrad der Gestörtheit. Mattke: „Es muss wohl im klinisch-stationären Feld mit Prestigehierarchien und dem Druck von Gruppennormen in Teams gerechnet werden“ (175).

Mit Forschungsergebnissen beschäftigt sich explizit Bernhard Strauß im 5. Kapitel dieses Buches: 5. Evidenzbasierte Gruppenpsychotherapie: Ergebnisse der Gruppenpsychotherapieforschung. Dass das Verhältnis zwischen KlinikerInnen und WissenschaftlerInnen im Bereich der Psychotherapie schwierig ist, ist bekannt, dass zu Zeiten der Ökonomisierung der Psychotherapie der Druck zur systematischen Erforschung der Behandlungsmodelle anwächst, ebenfalls. Wenn auch die Ökonomisierung auf der einen Seite den Gruppenpsychotherapien zugute kommen, d.h. ihnen einen prominenteren Platz in von den Krankenkassen finanzierten Behandlungen verschaffen, könnte, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Forschungsergebnisse, die es gibt, noch unzureichend sind und darüber hinaus einige derzeit noch „prominente Plätze“ nicht rechtfertigen: In den letzten 20 Jahren kam es zu einem Übergewicht der positiven Befunde für die kognitiv-behaviorale Therapie, wohingegen einige Behandlungsmodelle wie insbesondere psychodynamische Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse nur unzureichend bis gar nicht systematisch erforscht sind. Sie laufen, wie Strauß feststellt, Gefahr, aus den Leistungskatalogen der Kostenträger zu verschwinden. Strauß selbst beschäftigt sich seit Ende der 80er Jahre mit KollegInnen im Rahmen der Mainzer Werkstatt zur stationären Psychotherapie mit der Frage der Evidenzbasierung und Erforschung von Gruppenpsychotherapie. Diesem Arbeitskreis hat die Gruppenpsychotherapie, auch und vielleicht besonders die psychodynamische / gruppenanalytische, in Deutschland unzweifelhaft einiges zu verdanken, möglicherweise auch die Tatsache, dass sie noch nicht aus den Leistungskatalogen verschwunden ist. Besonders bemerkenswert ist das auf dem Hintergrund der Tatsache, dass Strauß selbst sich vorwiegend mit der stationären Gruppenpsychotherapie beschäftigt. Wie schwer die Wirksamkeit einzelner Behandlungsangebote in einem komplexen stationären Setting zu identifizieren ist, ist durch Mattkes Ausführungen deutlich geworden.

Strauß stellt in diesem Beitrag zusammen, was an Ergebnissen zur Effektivität von ambulanter und stationärer Gruppenpsychotherapie vorliegt, und formuliert Schlussfolgerungen und Desiderate für künftige Forschung. Eine dieser Schlussfolgerungen erstaunt (die Rezensentin): Immer noch werden viele Behandlungskonzepte offenbar unkritisch, und ohne die Spezifika der Gruppe zu reflektieren, vom Einzel- auf das Gruppensetting transferiert (193). Strauß beschäftigt sich auch mit der Frage, welche Forschungsergebnisse zu Gruppenprozess und Gruppendynamik vorliegen, und stellt fest, dass konzeptuelle Klarheit „immer schon ein Problem der Gruppenpsychotherapieliteratur“ (201) war. Mit dem Konzept der ‚Kohäsion‘ z.B. haben sich viele AutorInnen beschäftigt; und man könnte meinen, es handele sich hier um eine ubiquitäre Gruppeneigenschaft. Noch immer aber liegt keine allgemein akzeptierte Definition von Kohäsion vor. Trotz dieser Lücken in der Forschungsliteratur und dieser definitorischen und konzeptionellen Mängel gelingt Strauß ein beachtliches Resümee zu Forschungsergebnissen in Bezug auf den Gruppenprozess, dem zu wünschen wäre, dass es von KlinikerInnen zur Kenntnis genommen wird – nicht nur, aber insbesondere von denen, die weiterhin Konzepte aus dem Einzelsetting in ein Gruppensetting transferieren, die damit auch ganz erfolgreich sind, solange sie mit homogenen Gruppen störungsspezifisch arbeiten und das Gros der Auseinandersetzung mit der Grundlagenmatrix, s.o., anderen wie den SozialarbeiterInnen und dem Pflege- und Verwaltungspersonal überlassen können.

Dem Thema ‚Bindung und Gruppenprozesse‘ widmet Strauß ein eigenes Kapitel (5.5). GruppentherapeutInnen und –forscherInnen haben sich nur am Rande mit dieser Theorie, die von der Grundlagenpsychologie aufgegriffen wurde, beschäftigt. Forschungsergebnisse zu Beziehungen zwischen Bindungsstatus und Behandlungserfolg in Gruppentherapien gibt es nur wenige. Die, die es gibt, berechtigen nach Strauß aber zu der Annahme, dass Bindungsmerkmale für differenzielle Indikationsstellung bedeutsam sind und dass es sich lohnen könnte, Zusammenhänge zwischen Bindung und Gruppenprozessen intensiv zu prüfen.

Strauß beendet seinen Beitrag zur Forschung – mit den AGPA Praxisleitlinien für die Gruppenpsychotherapie. Dies sei erwähnt, um deutlich zu machen, dass er ebenso wenig nur Forscher ist wie Mattke nur Praktiker. Dass diese beiden Autoren sehr gut kooperieren, ist auch in anderen Publikationen dokumentiert (vgl. die Rezension).

Luise Reddemann beschäftigt sich im sechsten und letzten Kapitel dieses Buches mit dem Thema „Gruppentherapie in der Traumabehandlung – die Gruppe als Ressource nutzen“, also mit einem konkreten Anwendungsgebiet von Gruppenpsychotherapie. Wieder mal eine gender-traditionelle Arbeit, in der die Männer, Mattke und Strauß, die Theorie und die Systematisierung übernehmen und die Frau für die Materialbeschaffung in Form von Falldarstellungen sorgt? (vgl. die Rezension). Mitnichten bzw. nur auf den ersten Blick! Reddemann hat in der Klinik in Bielefeld, die sie bis Ende 2003 geleitet hat, spezifische Behandlungsangebote für schwer bzw. komplex traumatisierte Menschen entwickelt und diskutiert in diesem Beitrag die Möglichkeit der gruppenpsychotherapeutischen Behandlung dieser PatientInnen. Nicht wenige komplex traumatisierte Personen wurden (und werden?) durch Gruppenbehandlungen re-traumatisiert; und die Auffassung, dass Gruppenpsychotherapie bei diesen Diagnosen kontraindiziert ist, lässt sich leicht belegen. Reddemann ist psychoanalytisch ausgebildet und erklärt zu Anfang ihrer Ausführungen, dass Prinzipien der psychodynamischen und psychoanalytischen Therapie für die Arbeit mit dieser Klientel „umakzentuiert“ (282) werden müssten. Ausgiebig erläutert sie, wie bei dieser spezifischen Klientel mit Übertragung umzugehen sei. Einige Aspekte dieser Ausführungen sind für Nicht-PsychoanalytikerInnen zwar nicht ganz nachvollziehbar. – „Dabei spricht vieles dafür, dass die Gegenübertragung des Therapeuten der Übertragung vorausgeht und ein wesentlicher Beitrag zur Beziehung ist“ (291). Warum dann „Gegen-“?! – Verständlich ist aber die Kernaussage, dass sich eine übertragungszentrierte Behandlung bei traumatisierten PatientInnen äußerst ungünstig auswirkt. Reddemann entwickelt ein Modell der Gruppenpsychotherapie, das nur noch sehr entfernt an das erinnert, was als psychoanalytische Gruppenpsychotherapie bekannt ist: Aussagen wie denen, dass weniger Expertentum, sondern mehr Präsenz nötig sei (307) und dass Achtsamkeitspraxis ein Grundprinzip der (Gruppen-) Psychotherapie sein sollte (309), können sicher viele erfahrene PraktikerInnen jedweder Verfahrens-Provenienz zustimmen. Über Viktor Frankl und die Logotherapie im Beitrag einer Psychoanalytikerin zu einem deutschen Buch zu lesen, erfreut die Rezensentin – die mit der Arbeit von Frankl aus Slowenien (Anton Trstenjak Institut), wo Frankl bekannter ist als in Deutschland, vertraut ist. Reddemann fordert die Aufgabe von Phasen- zugunsten von Prozessorientierung, Respekt vor den Wünschen nach Verbundenheit von PatientInnen, das Recht auf Intimität und anderes mehr. Und es ist evident, dass ihre Forderungen ‚eigentlich‘ allgemeiner Natur sind und nicht nur für die Arbeit mit komplex traumatisierten Menschen gelten. Ob sie in Ausbildungseinrichtungen, die mit psycho- bzw. gruppenanalytischer Ausbildung befasst sind, gehört werden, ist die Frage. Eine der Forderungen, die nämlich nach mehr Ressourcenorientierung in der Psychotherapie, wird schwer einzulösen sein – nicht nur von den implizit angesprochenen psychoanalytischen, sondern auch von anders orientierten Ausbildungseinrichtungen: „Grawe und Gerber Grawe (1999) haben gezeigt, dass es den meisten TherapeutInnen schwerfällt, ressourcenorientiert zu intervenieren. Das geht nur durch Übung, Übung, Übung. (Das andere wurde ja auch Jahre und jahrzehntelang geübt!)“ (319). Mit Übung alleine wird es nicht getan sein. Hier wäre nach Auffassung der Rezensentin eine gründliche Revision der für Deutschland so charakteristischen Verortung von Psychotherapie im naturgemäß (? auch das könnte man hinterfragen …) defizitorientierten medizinischen Kontext erforderlich. Wie ressourcenorientiert gruppenpsychotherapeutisch in Bielefeld gearbeitet wird, schildert Reddemann im vorletzten Kapitel ihres Beitrags.

Autor des letzten Kapitels „Qigong – eine körperorientierte Gruppe in der Traumatherapie“ ist Claus Fischer, ein Mitarbeiter der Bielfelder Klinik. Qigong wird in dem Infoblatt, das PatientInnen erhalten, als „Bewegungstherapie“ (346) bezeichnet. Im Text von Fischer ist die Kennzeichnung weniger eindeutig. Von körpertherapeutisch übenden Aspekten ist ebenso die Rede wie von (körper-) psychotherapeutischen Interventionen (345). Was auch immer Qigong nun genau sein mag, diese Art der Intervention wurde in der Bielefelder Klinik evaluiert und von mehr als 50 % der PatientInnen (N = 32) als sehr hilfreich eingeschätzt.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Arbeit löst ihren Anspruch, Psycho- und anderen GruppentherapeutInnen die Angst vor der Arbeit mit Gruppen zu nehmen, zweifellos ein. Was Mattke schon andeutet und Reddemann durch ihre Forderung nach „Umakzentuierung“ auf den Punkt bringt, gibt allerdings zu denken; und hier könnte und sollte weiter gedacht werden, nicht nur von den AutorInnen, sondern auch von denen, die in der BRD für die Ausbildung in Psychotherapie (und die entsprechenden Anerkennungen) zuständig sind. Entspricht die derzeitige Praxis der Ausbildung in Psychotherapie den Erfordernissen der Behandlungspraxis und den Bedürfnissen von PatientInnen? Müsste hier nicht – und keineswegs nur von den von Reddemann und Mattke eher angesprochenen PsychoanalytikerInnen – umgedacht werden?

Kritisch an dieser Arbeit ist das, was fehlt: Es ist anzunehmen, dass es Gender-Differenzen auch in der (Gruppen-) Psychotherapie gibt; d.h. dass einige der Behandlungsformen, die hier angesprochen werden, nicht gleichermaßen wirksam bei Frauen und Männern sind. Sollte es hierzu weder Forschungsergebnisse, noch klinische Erfahrungen geben? Dass Gender gar kein Thema ist in dieser Arbeit erstaunt ebenso wie die Tatsache, dass Mattke und Strauß strikt und durchgängig bei der alten Schreibweise – alles in der maskulinen Form – bleiben, während sich Reddemann und Fischer nicht durchgängig, aber in weiten Teilen um sprachliche Gleichstellung unter Nutzung der Schreibweise mit dem großen „I“ bemühen und Reddemann an einigen Stellen sogar nur die weibliche Schreibweise benutzt. Ein Satz wie „Die Kohäsionswahrnehmungen von Personen sagten für Partner gewalttätiger Männer …… die alle in kognitiv-behavioralen Gruppen behandelt wurden, positive Zielerreichung und Symptomreduktion voraus“ (Strauß, 247) provoziert, handelt es sich doch bei diesen „Partnern“ mit großer Wahrscheinlichkeit um Frauen. Und im Jahre 2009, d.h. 12 Jahre nach den Amsterdamer Verträgen zum Gender Mainstreaming, wären erklärende Worte zu einer solchen Provokation angebracht.


Rezensentin
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit Plus - Migration und Globalisierung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
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Zitiervorschlag
Angelika Groterath. Rezension vom 10.10.2009 zu: Dankwart Mattke, Luise Reddemann, Bernhard Strauß: Keine Angst vor Gruppen! Gruppenpsychotherapie in Praxis und Forschung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-608-89077-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7493.php, Datum des Zugriffs 25.08.2019.


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