Maren Jensen, Michael Sadre-Chirazi-Stark et al.: Diagnosenübergreifende Psychoedukation
Rezensiert von Prof. Dr. Angelika Franz, 17.01.2011
Maren Jensen, Michael Sadre-Chirazi-Stark, Grit Hoffmann: Diagnosenübergreifende Psychoedukation.
Psychiatrie Verlag GmbH
(Bonn) 2009.
120 Seiten.
ISBN 978-3-88414-469-5.
39,95 EUR.
CH: 58,90 sFr.
Reihe: Psychosoziale Arbeitshilfen - 28.
Thema
Wie können Patienten mit unterschiedlichen psychiatrischen Diagnosen dazu befähigt werden, ihren Behandlungsprozess und ihr Gesunden selber aktiv mit zu unterstützen und darüber Selbstwirksamkeit erfahren? Psychoedukation ist eine der Antworten darauf. Zur besonderen Form der diagnosenübergreifenden Psychoedukation stellt das Buch ein Manual für Patienten- und Angehörigengruppen bereit.
Autorinnen und Autor
Die beiden erstgenannten Autoren sind als Arzt bzw. Psychologin in psychiatrischen Kliniken tätig. Sie praktizieren Psychoedukation und sind Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Psychoedukation. Die dritte Autorin ist psychologische Therapeutin und arbeitet in eigener Praxis.
Entstehungshintergrund
Das vorgelegte Manual zur Psychoedukation, die einen verhaltenstheoretischen Hintergrund hat, ist Ergebnis der Erfahrungen und Erkenntnisse von über mehr als ein Jahrzehnt laufender praktischer Arbeit mit psychiatrischen Patienten (und deren Angehörigen).
Aufbau und Inhalt
Einleitend gibt es Informationen, zum theoretischen Hintergrund der Psychoedukation und zu den damit verbundenen Zielen sowie zum Manual für die Gruppenarbeit. Die praktische Durchführung der Psychoedukation in Gestalt von 12 Sitzungen nimmt den größten Raum des Bandes ein (S.35 - S.171). Der Anhang enthält neben einer Literaturliste gesondert Literaturempfehlungen für PatientInnen und informiert über den Autor und die Autorinnen. Alle für die Sitzungen benötigten Arbeitsmaterialien ( wie Seminarankündigungsvordrucke, Aushänge, Anmeldeformulare, Präsentationsfolien, Arbeits- und Informationsblätter, Broschüren zum Krisenplan und im Einzelnen zu Ernährung, Tagesplanung, Bewegungsplanung sowie Anleitungen zum Entspannungstraining nach Jacobson und schließlich auch Evaluationsinstrumente) befinden auf einer beigefügten CD.
Psychoedukation kann, störungsspezifisch konzipiert, bereits auf Prüfungen ihrer Effektivität - bezogen auf Reduktion von Rückfällen und damit auch auf Kosteneinsparungen - verweisen. Dass sie hier diagnosenübergreifend konzipiert wird, ist der Tatsache geschuldet, dass sich nur selten Patienten gleicher Diagnose in genügender Anzahl finden. Die Evidenzbasierung der diagnoseübergreifenden Form steht bisher auf schmaler empirischer Basis; die hier vorgestellte Standardisierung soll u.a. Möglichkeiten weiterer Evaluation erleichtern.
Die Sitzungen zielen auf drei Bereiche. Zum einen auf die Wissensvermittlung über verschiedene Formen psychischer Erkrankungen und über Möglichkeiten der institutionellen Hilfen. Zum anderen auf die Schulung und Nutzung der Selbstbeobachtung, um beginnende Krisen wahrzunehmen. Und schließlich auf Bewältigungstechniken, um diese zu managen oder ihnen gegenzusteuern. Die Sitzungen können bei allen Formen psychiatrischer und neurotischer Störungen mit Ausnahme von primärer Suchtproblematik und Demenz durchgeführt werden. Sie haben im Einzelnen folgende aufeinanderaufbauende Inhalte (die hier, den Unterkapiteln mit einer geringfügigen Vereinfachung folgend, wiedergegeben werden): 1. Sitzung: Begrüßung und Einführung in das Thema; 2. Sitzung: Erkrankungen: Somatische, psychosomatische, neurologische und psychische Erkrankungen, deren Auswirkungen auf unser Erleben und wer helfen kann; 3. Sitzung: Modelle zur Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewältigung psychischer Krisen; 4. Sitzung: Diagnosen: Wie Diagnosen gestellt werden und was sie bedeuten; 5. und 6. Sitzung: Besprechen einzelner Störungsbilder nach den Wünschen der Teilnehmenden; 7. Sitzung: Frühwarnzeichen-/Frühsymptomtraining; 8. Sitzung: Medikamenteninformation; 9. Sitzung: Gesundheitsförderndes Verhalten; 10. Sitzung: Entspannungsverfahren und Anspannungsregulationstraining; 11. Sitzung: Krisenplan, Notfallkoffer, Behandlungshinweise;12. Sitzung: Informationen zu Psychotherapie, ambulanten und teilstationären Behandlungsangeboten, Rehabilitation, Beratungsstellen und Selbsthilfe.
Die Sitzungen haben jeweils den gleichen typischen Aufbau. Zu Beginn wird (ab der 2. Sitzung) das Wesentliche der vorhergehenden Sitzung wiederholt; die in der vorherigen Sitzung gestellten Hausaufgaben werden exemplarisch besprochen. Anschließend wird ein neues Thema behandelt, zu dem es wiederum Hausaufgaben gibt. Den Abschluss bildet eine inhaltliche Zusammenfassung; per Blitzlicht wird außerdem das Befinden der TeilnehmerInnen erfragt, um ggfs. darauf eingehen zu können. Mögliche besondere Vorkommnisse (wie sehr persönliche oder therapeutische Fragen) wollen die Verfasser andernorts bearbeitet wissen.
Die Durchführung erfolgt in doppelter Besetzung. Neben einem Arzt oder Psychologen können Co- Moderatoren andere therapeutische oder pflegerische Ausbildungen haben.
Diskussion
Das Buch macht es leicht, Psychoedukation durchzuführen. Die Materialien werden bereitgestellt, das setting wird präzisiert, Anleitungen werden äußerst sorgfältig gegeben, hilfreiche Hinweise basieren auf reichhaltiger Erfahrung in der Arbeit mit solchen Gruppen. In der Anwendung kann das Manual flexibel gehandhabt werden; statt mit Gruppen kann auch mit Einzelnen gearbeitet werden, statt nur mit Patienten oder Angehörigen auch in gemischten Gruppen, letzteres hat sich als sehr effektiv erwiesen. Je nach inhaltlichem Bedarf und jeweiligem Kontext der Durchführung können auch Sitzungen entfallen.
Die Information für die Patienten ist in Form der Präsentationsfolien eingängig, geordnet und mit treffenden Vergleichen versehen sowie gut nachvollziehbar. Solche Informationen fehlen vielen Patienten und werden deshalb gebraucht.
Das Konzept ist didaktisch durchdacht und sinnvoll. Auf Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse der Patienten wird jeweils individuell Bezug genommen. So geht es z.B. im Rahmen der 7. Sitzung bei jedem Beteiligten um Zusammentragen von Frühwarnzeichen und Frühsymptomen. Patienten werden ermutigt, Verantwortung für den Umgang mit ihrer Krankheit zu übernehmen, andererseits aber auch um Auskunft über die Behandlung nachzufragen, z.B. auf Kontrolle der Nebenwirkungen von Medikamenten zu dringen (vgl. 8. Sitzung). Besonders gelungen sind die Ausführungen zur relativen therapeutischen Bedeutung von Entspannung und zu den Folgen von steigender Anspannung (vgl. 10. Sitzung). Diese fördert Problementstehung und Symptombildung, wie z.B. formale und inhaltliche Denkstörungen oder Impulsdurchbrüche, deren biochemische Begleitprozesse ebenfalls erläutert werden. Über solche Erklärungen werden den Patienten ihre Befindlichkeiten und Symptome einsehbar, das vorgeschlagene Verfahren der Aufmerksamkeitsregulation und die Hinweise zu gesundheitsförderndem Verhalten werden plausibel.
Die Beschreibung der Durchführung der Sitzungen lässt vermuten, dass u.a. die Erreichung von compliance als Befolgen therapeutischer Massnahmen zentral ist, weil die Intention, die die Professionellen damit verbinden, nachvollziehbar wurde. Es wird z.B. keine Debatte um Medikamente geführt; neue und alte Neuroleptika werden nicht abwägend erörtert, sondern es geht allenfalls darum, Nebenwirkungen von Medikamenten zu reduzieren oder abzufedern. Patienten erfahren zudem, wie und wodurch sie selber bei drohenden Krisen Abhilfe versuchen können, was bedeutend ist. Eine sinnbezogene Auseinandersetzung mit sich selbst wird aber zugunsten des Managements vernachlässigt.
Fazit
Das Buch enthält eine hervorragende Anleitung und umfassendes Handwerkszeug zur Durchführung
psychoedukativer Sitzungen. Der Bedarf dazu besteht. Die hier vorgestellte Form der Psychoedukation nutzt erfahrungsbezogenes Wissen der Patienten und stellt psychiatrisches Fachwissen verständlich zur Verfügung mit dem Ziel, Patienten situativ im Umgang mit ihrer Krankheitssymptomatik handlungsfähiger zu machen. Auf diese Weise wird eine wichtige, allerdings lediglich als „technisch“ zu bezeichnende „Vernunft“ (sensu Habermas) gefördert.
Rezension von
Prof. Dr. Angelika Franz
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden
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