Markus A. Landolt, Thomas Hensel (Hrsg.): Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Dr. Alexander Tewes, 23.11.2009
Markus A. Landolt, Thomas Hensel (Hrsg.): Traumatherapie bei Kindern und Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. 316 Seiten. ISBN 978-3-8017-2071-1. 29,95 EUR. CH: 49,90 sFr.
Herausgeber
PD Dr. phil. Markus A. Landolt, geb. 1962. 1983-1988 Studium der Psychologie in Zürich.1993 Promotion. 2004 Habilitation. Seit 2004 leitender Psychologe am Universitätskinderspital Zürich. Privatdozent für klinische Psychologie und Lehrbeauftragter am psychologischen Institut der Universität Zürich. Forschungsschwerpunkte: Posttraumatischer Stress bei Kindern- und Jugendlichen, Coping mit chronischen Erkrankungen und Unfällen.
Dipl.-Psych. Thomas Hensel, geb. 1954. 1975-1982 Studium der Psychologie in Freiburg im Breisgau, 1983-1987 Bildungsreferent in der Jugendarbeit der Caritas Freiburg. Seit 1986 psychotherapeutische Praxis mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Offenburg. Akkreditierter Trainer in Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen und EMDR, langjährige Lehrtätigkeit an verschiedenen Instituten, Leiter des Kinder Trauma Institut (zusammen mit Dr. Meusers).
Thema und Entstehungshintergrund
Traumata sind seit den Zeiten Sigmund Freuds jedem ein Begriff. Was genau ein Trauma ist und wie die Folgen sich darstellen, wissen die Wenigsten. Gerade aktuell rückt die PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) im Zusammenhang mit Soldaten, die aus Auslandseinsätzen heimkehren, auch medial wieder mehr in den Blickpunkt. Das auch gerade im Kindes- und Jugendalter traumatische Erfahrungen den ätiologischen Hintergrund zu anders diagnostizierten Auffälligkeiten liefern können, wird immer noch häufig übersehen. So reagieren traumatisierte Kinder und Jugendliche häufig mit hyperkinetischem, selbstverletzendem oder auch dissozialem Verhalten. Ursachen sind nicht selten sexueller Missbrauch, körperliche oder seelische Misshandlung oder Unfälle. Eine therapieschulenübergreifende Übersicht, wie den Betroffenen geholfen werden kann, fehlte in Deutschland bislang. Das vorliegende Buch schließt diese Lücke.
Aufbau
Das Buch umfasst vier Teile.
A. Grundlagen
Hier beschreiben die beiden Herausgeber in zwei Kapiteln zunächst, was ein Trauma eigentlich ist und wie dies grundlegend behandelt werden sollte. Alle wirksamen Therapien beginnen mit einer Stabilisierungsphase, erst im Anschluss erfolgt die Konfrontation und Integration. Die Autoren kritisieren bereits an dieser Stelle, wie auch später immer wieder zu Recht, dass in der Psychotherapieausbildung zu wenig traumarelevantes Wissen vermittelt werde. Es könne „davon ausgegangen werden, dass approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeuten … über wenig spezifische Kenntnisse im Bereich der Psychotraumatologie im Kindes- und Jugendalter verfügen“ (S. 27). Im weiteren Verlauf wird die traumaspezifische Diagnostik vorgestellt. Auch in diesem Bereich gibt es Unmenden an Fragebögen und Interviews. Die gängigsten, die auch im Leitfaden (Steil & Rösner 2009 https://www.socialnet.de/rezensionen/6937.php) gefordert werden, werden vorgestellt.
B. Verfahren
Hier werden die derzeit gängigsten Therapieverfahren vorgestellt:
- TF-KBT - Trauma-fokussierte kognitiv-behaviorale Therapie (Markus A. Landolt)
- EMDR – Eye Movement Desentization Reprozessing (Thomas Hensel)
- KIDNET – Narrative Expositionstherapie (NET) für Kinder und Jugendliche (Martina Ruf, Maggie Schauer, Frank Neuner, Elisabeth Schauer, Claudia Catani & Thomas Elbert)
- Traumazentrierte Spieltherapie (Dorothea Weinberg & Thomas Hensel)
- PITT – Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (Cornelia Appel-Ramp)
- MPTT – die Mehrdimensionale Psychodynamische Traumatherapie im Kindesalter (Monika Dreiner)
- Hypnotherapeutische Methoden der Traumatherapie im Kindesalter (Susy Signer-Fischer)
- PITT – Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (Cornelia Appel-Ramp)
- Gruppenpsychotherapie mit (kriegs-)traumatisierten Kindern und Jugendlichen: Ein entwicklungs- und resilienzorientierter Ansatz (Hanna Wintsch)
- Pharmakotherapie (Daniel Marti)
Sämtliche Therapieformen werden vor ihrem theoretischen Hintergrund beschrieben. Es folgt jeweils eine Beschreibung des therapeutischen Vorgehens. Anschließend wird die Wirksamkeit der jeweiligen Therapie nach den gängigen Evidenzstufen beurteilt. Abschließend wird das Vorgehen anhand eines oder mehrer Fallbeispiele veranschaulicht.
C. Settings
Hier werden die Settings vorgestellt in denen oben genannte Therapieformen ihre Anwendung finden können:
- Notfallpsychologische Interventionen (Daniel Zehnder)
- Therapie an einer traumatherapeutischen Ambulanz (Andreas Krüger)
- Stationäre Behandlung traumatisierter Kinder und Jugendlicher (Rainer Dieffenbach)
D. Fazit
Abschließend stellen die Herausgeber sämtliche Verfahren erneut im Überblick dar und beurteilen diese auch anhand ihrer klinischen Evidenz. Hierbei werden alle Therapieformen unabhängig von ihrer schulischen Zugehörigkeit gleichrangig nebeneinander gestellt. Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung skizzieren die Herausgeber kurz eine Möglichkeit der Entwicklung einer „allgemeinen Psychotraumatherapie für Kinder“ (S. 306) nach Grawe (2004). Diese spannende und politisch brisante Diskussion wird jedoch leider nicht vertieft.
Zielgruppe und Fazit
Das Buch richtet sich an Psychotherapeuten und alle Fachpersonen, die sich mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen auseinander setzen. Es war überfällig und liefert eine hervorragend strukturierte Übersicht über die gängigen Therapieverfahren. Sowohl Laien als auch approbierte Therapeuten können aus diesem Buch viel Nutzen ziehen. Es bietet jedoch keinen Ersatz für eine zusätzliche Ausbildung in dem gewählten Verfahren. Ein vertiefendes Literaturstudium ersetzt es selbstverständlich ebenfalls nicht. Das war jedoch auch nie das Ziel. Vielmehr hilft es Therapeuten nach Approbation einen gut verständlichen und dringend erforderlichen Einstieg in ein wichtiges Thema zu finden, um sich anschließend für eine Richtung zu entscheiden. Auf interessante Schlussfolgerungen – was wirkt eigentlich in den so unterschiedlichen Verfahren? – und wie ließe sich aus diesen Erkenntnissen eine schulenübergreifende Psychotraumatherapie ableiten? – wird leider nicht vertiefend eingegangen. Dies hätte den Rahmen des Buches wahrscheinlich gesprengt. Die Zeit scheint hierfür ebenfalls noch nicht reif. Ich würde mir persönlich eine Fortsetzung in diesem Sinne wünschen. Das Buch macht Lust auf mehr.
Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Instituts- und Ausbildungsleiter LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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