socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Norbert F. Schneider (Hrsg.): Lehrbuch Moderne Familiensoziologie

Cover Norbert F. Schneider (Hrsg.): Lehrbuch Moderne Familiensoziologie. Theorien, Methoden, empirische Befunde. UTB (Stuttgart) 2008. 327 Seiten. ISBN 978-3-8252-8409-1. 19,90 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: UTB - 8409.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Lehrbuch Moderne Familiensoziologie, herausgegeben von Norbert F. Schneider, erschien 2008 als Sammelband im Verlag Barbara Budrich im Rahmen der UTB-Reihe. Im Vorwort schreibt der Herausgeber, es sei die Absicht der Autorinnen und Autoren, „einen einführenden Überblick über die Themen und empirischen Befunde der zeitgenössischen, vornehmlich deutschsprachigen Familienforschung“ (S.7) zu leisten. Zu diesem Zweck versammelt der Band insgesamt 14 Beiträge von namhaften Autorinnen und Autoren aus den Disziplinen Soziologie, Psychologie und Geschichte, die jeweils aus ihrer fachlichen Perspektive zentrale Themen der Familienforschung behandeln. Vorrangige Zielgruppe, so der Herausgeber, seien „Studierende der Familiensoziologie und ihrer Nachbardisziplinen“, daneben richte sich der Band aber auch an „ein breiteres Fachpublikum, an Praktiker und an allgemein an der Entwicklung der Familie Interessierte.“ (S. 8)

Aufbau

Eingeleitet wird der Band durch einen gelungenen Beitrag des Herausgebers, Norbert F. Schneider, in dem er das Feld der Familiensoziologie historisch verortet und in seinen Grundzügen umreißt, Forschungsperspektiven skizziert, strukturelle und demographische Veränderungen der letzten fünf Dekaden nachzeichnet und deren Ursachen andeutet.

Der Band endet mit einem Beitrag von Günter Burkart, der in der Auseinandersetzung mit aktuellen Theorien und zeitdiagnostischen Befunden mehrere Szenarien und zukünftige Entwicklungswege der Sozialform Familie eröffnet. Dazu zählen u.a. Perspektiven, die sich aus der wachsenden Individualisierung ergeben, der gewandelten Bedeutung von Kindheit, sich verändernden Geschlechterrollen, sich abzeichnenden Tendenzen in der Kinderbetreuung und die raschen Fortschritte in der Reproduktionsmedizin. Dazwischen werden in je vier Beiträgen die Überthemen

  • Grundlagen der Familiensoziologie,
  • aktuelle empirische Befunde und Wandlungstendenzen sowie
  • familiale Probleme und sozialpolitische Sicherungsstrategien

behandelt.

1. Grundlagen der Familiensoziologie

Der erste grundlegende Themenkomplex wird eingeleitet mit einem Beitrag von Johannes Huinink, zum „Gegenstand der Familiensoziologie“. An eine definitorische Grundlegung von Familie schließt sich die Betrachtung von Familie aus drei differierenden Theorieperspektiven an: Familie aus der gesellschaftlichen Makroperspektive, Familie als soziale Gruppe und schließlich, Familie aus der Sicht des Individuums. Jede dieser Perspektiven eröffnet spezifische Zugänge auf das Thema Familie und macht so dessen Vielschichtigkeit handhabbar. Dabei reklamiert Huinink die Zusammenschau dieser drei Ebenen und die Entschlüsselung der Interdependenzen zwischen ihnen als genuines Feld der Familiensoziologie.

Auf die „Methoden der Familiensoziologie“ geht der folgende Beitrag von Martin Abraham und Johannes Kopp ein. Im Vordergrund stehen dort Fragen des Untersuchungsdesigns, der Messung und Operationalisierung theoretischer Konzepte und des Auswahlverfahrens sowie eine Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen quantitativer und qualitativer Sozialforschung. Ergänzt wird das Kapitel durch einen nützlichen Anhang, in dem wesentliche Datenquellen für die Familienforschung in Deutschland kurz erläutert werden.

Der Folgebeitrag „Theorien der Familiensoziologie“ stellt prägnant die zentralen theoretischen Positionen innerhalb der Familiensoziologie und die daran geübte Kritik dar. Ausgehend von einer Erörterung (struktur-)funktionalistischer Ansätze machen Paul B. Hill und Johannes Kopp mit Rekurs auf interaktionistische Ansätze und austauschtheoretische Modelle die Grenzen dieser Position deutlich. Gestützt auf divergierende empirische Forschungsergebnisse ist in den letzten drei Dekaden jedoch eine „gewisse Pluralität“ theoretischer Positionen zu beobachten: „ecological framework“, „Familienentwicklungsmodellen“, „feminist theory“, „Bindungstheorie“ oder „Investitionsmodell“ sind theoretische Zugänge, die, so das Fazit der Autoren, durchaus unter dem „Dach“ des Rational-Choice-Ansatzes zusammengeführt werden können.

Den Abschluss des ersten Teils des Sammelbandes bildet der Beitrag von Andreas Gestrich zur „Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit“. Mit dem nüchternen Blick des Historikers räumt er darin eine Reihe historischer „Mythen“ zu Familienformen, Heiratsmustern, Mutterliebe und Ehekonflikten beiseite und macht deutlich, dass die Wirklichkeit oftmals sehr facettenreich ist und entsprechende differenziert wahrgenommen werden muss.

2. Aktuelle empirische Befunde und Wandlungstendenzen

Zu Beginn des zweiten Teils behandelt Michael Wagner in einem Beitrag die „Entwicklung und Vielfalt der Lebensformen“. Ausgehend von der Frage, ob der Wandel der Familie „als Pluralisierung der Lebensformen beschreiben werden kann“ (S. 99), versucht der Autor, zunächst den Begriff Lebensform zu definieren und zu klassifizieren, bevor er auf die Vielzahl empirischer Befunde zu diesem Thema eingeht. Zwar sei es, so das Fazit relevanter Analysen auf diesem Gebiet, „zu einer leichten Pluralisierung der Lebensformen gekommen“, doch bedeute dies nicht, „dass es keine dominanten oder typischen Konstellationen des privaten Lebens mehr geben würde“ (S. 119). Defizite bestünden allerdings nach wie vor bei der Erklärung dieser Differenzierungsprozesse.

Der anschließende Beitrag von Michaela Kreyenfeld und Dirk Konietzka über den „Wandel der Geburten- und Familienentwicklung in West- und Ostdeutschland“ macht deutlich, dass zwischen Ost und West noch immer beträchtliche Unterschiede hinsichtlich des Zeitpunkts der ersten Geburt, der Zweitgeburtenrate sowie der Eheschließung bestehen. Die empirischen Befunde zur Familienentwicklung im Osten mache aber „auch die begrenzte Erklärungskraft der Theorien des zweiten demografischen Übergangs, des Institutionentransfers und des ökonomischen Wendeschocks deutlich“ (S. 136).

Unterschiede hinsichtlich familialer Übergänge wie den „Eintritt in nichteheliche Lebensgemeinschaften, Heirat, Trennung und Scheidung, Elternschaft“ im internationalen Vergleich betont auch der Beitrag von Martina Rupp und Hans-Peter Blossfeld. Zwar, so die Autoren, seien die Entscheidungsspielräume der Individuen gestiegen, doch „die Unterschiede in den konkreten Lebensformen, welche sich im internationalen Vergleich ergeben, zeigen, wie die normativen, sozialpolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen das Optionsfeld öffnen bzw. beschränken“ (S. 166).

Einen gänzlich anderen Zugang zur Beschreibung familialer Übergänge wählen die beiden Psychologen Mirjam Widmer und Guy Bodenmann, die „Beziehungen in der Familie“ und die dynamischen Veränderungen, denen sie unterworfen sind, als individuelle Entwicklungsaufgaben begreifen, die durch Familien gestaltet werden müssen. Nur wenn die Bewältigung dieser Übergänge gelingt, entsteht ein Familienklima, das für die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder förderlich ist und Familie als Ressource erfahrbar macht.

3. Familiale Probleme und sozialpolitische Sicherungsstrategien

Der dritte und letzte Teil des Sammelbandes wird eingeleitet durch einen Beitrag von Andreas Klocke zu „Armut und Gewalt“ in Familien. Der Autor beschreibt in seinem Beitrag zunächst Umfang und Erscheinungsformen von Gewalt und Armut in Familien und weist darauf hin, dass vor allem „Armut oder finanzielle Abstiege, häufig durch Arbeitslosigkeit verursacht, (…) die dominierenden Ursachen für soziale Probleme in Familien“ seien (S. 196). Als protektiver Faktor erweist sich dabei einmal mehr soziales Kapital, das im Rückgriff auf Giddens „als auf Vertrauen basierende Netwerke“ (S. 195) verstanden wird.

Die wechselseitig aufeinander verweisenden Zusammenhänge zwischen „Familie und Sozialstruktur“ werden in dem Beitrag von Stefan Hradil und Silke Masson herausgearbeitet. Trotz einer wachsenden Ausdifferenzierung des Ungleichheitsgefüges in postindustriellen Gesellschaften ist die Herkunftsfamilie nach wie vor von zentraler Bedeutung für die Verteilung von Bildungschancen, ebenso wie für die Partner- und Berufswahl. Damit wird die Struktur sozialer Ungleichheit zu einer maßgeblichen Bestimmungsgröße für den individuellen Lebensverlauf. In erster Linie bedingt durch die technologische Entwicklung dürfte sich zukünftig das Auseinanderdriften von gut und gering Qualifizierten eher noch verschärfen.

Im folgenden Beitrag zu „Familie und Geschlechterverhältnis“ bilanziert Ilona Ostner den aktuellen Forschungsstand der Geschlechterforschung mit Blick auf die Herstellung von Egalität zwischen den Geschlechtern. Ihr Fazit dazu: „Angleichungsprozessen steht das Beharrungsvermögen ungleicher Beteiligung an der Erwerbs- und Familienarbeit gegenüber, das durch entsprechende normative Überzeugungen, wie Frauen und Männer zu handeln haben, gestützt wird.“ (S. 235).

Den Abschluss dieses Themenblocks markiert der Beitrag von Klaus Peter Strohmeier zu „Familie und Familienpolitik in Europa“, in dem er zunächst unterschiedliche, in Europa anzutreffende Wohlfahrtsstaatsmodelle vergleichend nebeneinander stellt und anschließend fragt, wie diese auf Familien wirken. Wie ein Vergleich von Geburtenziffern, nichtehelichen Geburten und Erstheiratsalter in jeweils zehn europäischen Ländern zeigt, sind „nationale Politikprofile, ihre Struktur und ihr Wandel, (…) weniger Motoren des demografischen Wandels, sondern sowohl Ausdruck nationaler kultureller Traditionen und Selbstverständlichkeiten des Familienlebens als auch Reflex internationaler Entwicklungen“ (S.248).

Diskussion

Wenn Lehrbücher als Sammelbände erscheinen, dann ist das eher ungewohnt. Gleichzeitig bildet eine hochkarätige und interdisziplinäre Zusammensetzung von Autorinnen und Autoren den Garant dafür, dass der referierte Forschungsstand aktuell ist und Forschungsdesiderata präzise benannt werden. In dieser Hinsicht ist der Sammelband von Norbert F. Schneider tatsächlich eine Bereicherung für die in den letzten Jahren angewachsene Zahl an familiensoziologischen Lehr- und Einführungsbüchern. Allerdings werden beim Lesen schnell auch die Schwächen der Idee, ein Lehrbuch als Sammelband zu konzipieren, deutlich: Obwohl die allermeisten Beiträge für sich genommen qualitativ überzeugen, sind dennoch nicht alle Beiträge für Studierende oder zum Gebrauch in der Lehre gleichermaßen gut geeignet. Während man sich bei einigen Beiträgen gut vorstellen kann, wie sie von der adressierten Zielgruppe förmlich verschlungen werden, sind andere vergleichsweise voraussetzungsvoll und eher „sperrig“ zu lesen. Auch die theoretischen Rahmungen der einzelnen Beiträge greifen nicht immer friktionslos ineinander und nicht selten fragte sich deshalb der Rezensent, wie Anschlüsse zwischen verschiedenen Beiträgen herzustellen wären. Schließlich lassen sich bei der Gestaltung eines Lehrbuchs als Sammelband – trotz des Versuchs präziser thematischer Abgrenzung – inhaltliche Überlappungen und Redundanzen kaum vermeiden. All dies wäre vermutlich anders, handelte es sich bei diesem Lehrbuch um eine Monographie. Einerseits. Andererseits liegt darin eben auch der Charme des Bandes: die Vielfalt der Positionen und Sichtweisen macht den Facettenreichtum der modernen Familiensoziologie erst deutlich.

Fazit

Als Fazit lässt sich deshalb formulieren: Das „Lehrbuch Moderne Familiensoziologie“ ist ein spannend und anregend zu lesender Sammelband, der auf dem Niveau einer Einführung gelungen und umfassend den aktuellen Stand in der familiensoziologischen Theoriebildung und Forschung darstellt. Insofern ist der Band sicherlich ein Gewinn für alle Studierenden und familiensoziologisch interessierten Leserinnen und Leser.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Hansbauer
Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen, Soziologie.
E-Mail Mailformular


Alle 6 Rezensionen von Peter Hansbauer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Hansbauer. Rezension vom 01.12.2009 zu: Norbert F. Schneider (Hrsg.): Lehrbuch Moderne Familiensoziologie. Theorien, Methoden, empirische Befunde. UTB (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-8252-8409-1. Reihe: UTB - 8409. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7516.php, Datum des Zugriffs 26.04.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung