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Renate Schwarz: Supervision und professionelles Handeln Pflegender

Cover Renate Schwarz: Supervision und professionelles Handeln Pflegender. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 275 Seiten. ISBN 978-3-531-16210-2. 34,90 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Die Pflege ist ein klassisches Feld der Supervision. Pflegende arbeiten in Beziehungen, mit Beziehungen und (möglichst auch) an Beziehungen. Damit solche Beziehungsarbeit professionell getan werden kann, ist es wichtig, das eigene berufliche Handeln in einem geeigneten Setting zu reflektieren. Die klassischen Settings des Pflegealltags wie Übergaben, Visiten und Pflegeplanungen bieten für grundlegende Beziehungsreflexion zu wenig Raum. Andererseits lösen gerade Pflegebeziehungen mit ihrer besonderen, auch körperlichen Nähe, starke Gefühle in Pflegekräften aus, die aber kaum geäußert werden können, sondern beiseitegelegt und am Ende möglicherweise verdrängt werden müssen. Aber kaum etwas ist in Beziehungen so wirksam wie verdrängte Gefühle, und kaum etwas belastet den eigenen Energiehaushalt mehr. So ist es kein Zufall, dass Pflegekräfte in der Kranken- und Altenpflege besonders häufig mit Burn-out-Phänomenen zu tun haben. Supervision dient mit der ihr eigenen Reflexion von Beziehungen einen Raum, in dem Gefühle einen guten Ort haben, der neue Perspektiven eröffnet und einen guten Umgang mit beruflichen Belastungen ermöglicht. Denn jenseits aller Pflege“techniken“ und Anwendungen gilt das Wort, dass Rogers für Therapie formuliert hat, auch hier: Pflege ist Beziehung, und Beziehung ist Pflege.

Autorin

In ihrer Dissertation geht Renate Schwarz eben dieser Frage nach, welchen Beitrag Supervision zum professionellen Handeln Pflegender leistet. Die Autorin ist Diplomsozialarbeiterin und Diplompädagogin, Supervisorin und Tanztherapeutin mit umfangreicher Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Pflege. (Nähere Informationen siehe: http://www.supervision-freiburg.de/profile/schwarz-renate.html)

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel ist der wissenschaftlichen Redlichkeit geschuldet: Die Problemstellung wird beschrieben, das forschungsleitende Erkenntnisinteresse offengelegt, die Vorgehensweise beschrieben etc.

Da es um die Frage nach dem professionellen Handeln Pflegender geht, schließt das zweite Kapitel mit „professionstheoretischen Überlegungen“ an. Schwarz schreibt: „Ziel des Kapitels ist es, ein Konzept professionellen Handelns zu erarbeiten, das sich für die Pflege als tragfähig und für die vorliegende Arbeiut als geeignetes Instrument der Anliegen erweist.“ (S. 39) Jenseits des Alltagssprachgebrauchs werden in der Sozialwissenschaft unter Professionen traditionell solche Berufe verstanden, die „zentralwertbezogene Leistungen für die Gesellschaft erbringen“: Geistliche, Ärzte, Juristen beispielsweise (ebd.). Schwarz referiert unterschiedliche professionstheoretische Ansätze: das strukturfunktionalistische Modell, das sich mit der gesellschaftlichen Funktion von Professionen befasst; das machttheoretische Modell, das nach der herrschaftslegitimierenden Funktion zentraler Professionen für die jeweilige Gesellschaft fragt; und schließlich das systemtheoretische Modell, das die jeweilige Funktion ausdifferenzierter Teilsysteme in den Blick nimmt und (vgl. Stichweh, Dewe) Professionen mit dem Begriff der „stellvertretenden Krisenbewältigung“ beschreibt.

Den Prozess der Professionalisierung des Pflegebereiches schreibt das dritte Kapitel unter der Überschrift: „Professionelles Handeln in der Pflege“. Das Kapitel zeichnet den historischen Prozess der Professionalisierung der Pflege in Deutschland nach, beschreibt die pflegerische Handlungskompetenz und erstellt erste „Elemente eines Konzeptes professionellen Handelns in der Pflege“ (3.6).

Es folgt im vierten Kapitel eine ausführliche Vorstellung des Beratungsformates „Supervision“. Schwarz folgt dem Konzept einer „integrativen Supervision“, wie es vor allem von Hilarion Petzold entwickelt worden ist. Dieses Konzept stellt die Autorin in Kapitel 4.1 vor, um dann in 4.2 grundlegende Formate von Supervision wie Team-, Gruppen- und Einzelsupervision vor und fragt nach dem supervisionstypischen Lernen.

Das fünfte Kapitel ist der Supervision im Feld der Pflege gewidmet und bringt die vorhergehenden Überlegungen zu Pflege und Supervision zusammen. Dabei werden noch einmal theoretische Aspekte bedacht: das Menschenbild, der ethische Standard, das theoretische Wissen, das Verhältnis von Theorie und Praxis und schließlich auch die kritische und politische Funktion von Supervision. Der praxeologische Teil stellt klassische Anlässe, Themen und Inhalte sowie Ziele von Supervision dar.

Das sechste Kapitel sichert die Ergebnisse der Untersuchung. Zunächst wird die „Wirkung von Supervision auf die Handlungskompetenzen Pflegender“ dargestellt: Die in der Supervision installierte Reflexion dient dazu, schwierige Situationen, die heftige Gefühle auslösen, zu klären. Das täglich Erlebte kann durch Reflexion zu einer gut integrierten Erfahrung werden, Qualität kann gesichert werden, Kommunikation kann verbessert und Rollen geklärt werden. Insgesamt gewinnt auch die Kollegialität durch gesteigerte Konfliktlösungskompetenz und bessere Kooperation. Die Autorin verschweigt allerdings auch nicht die Grenzen von Supervision. So kann sie zum Beispiel weder die psychischen Probleme einzelner Pflegekräfte behandeln noch berufstypische Missstände beseitigen. Ebenso ist die Wirksamkeit von Supervision eingeschränkt, wenn sie nicht regelmäßig, sondern lediglich zur Krisenintervention eingesetzt wird.

Das siebte Kapitel bietet eine Zusammenfassung – und damit verbunden den Vorschlag, „die seit langem praktizierte Integration von Supervision im Studium der Sozialen Arbeit als Modell für die Pflegeausbildung und das Pflegestudium heranzuziehen.“ (S. 252) Weiter schlägt Schwarz vor, „Supervision als ‚berufsbezogene Weiterbildung für Erwachsene‘ (Petzold) innerbetrieblich in Organisationen, in denen gepflegt wird, zu implementieren.“ (S. 255).

Diskussion

Dissertationen sind selten so abgefasst, dass sie sich ohne weiteres als Fachbücher für eine breitere Öffentlichkeit veröffentlichen lassen. Meist stehen die akademischen Erfordernisse der Praxisrelevanz – und der Verständlichkeit – im Wege. Bei dem vorliegenden Buch ist das anders: Es gelingt der Autorin, sowohl in der Fragestellung als auch in der wissenschaftlichen Durchführung als auch in den Formulierungen auch für Praktiker relevant – und verständlich – zu bleiben. Wenn überhaupt irgendwo das Akademische in den Vordergrund tritt, dann im ersten Kapitel, der Einführung. Die umfasst aber gerade mal 18 Seiten.

In der Frage der Professionalisierung treffen sich Pflege und Supervision. In beiden Feldern sind parallele Entwicklungen zu beobachten. Beide sind mit „stellvertretender Krisenbewältigung“ befasst. Dabei bedeutet „Krise“, dass „ein Mensch in seiner Autonomie, seiner leiblichen oder psychosozialen Lebenspraxis eingeschränkt“ ist. (S. 50) Professionen als Funktion der Gesellschaft lösen die Aufgabe, die beschädigte Identität durch Medizin, Psychotherapie, Pflege etc. wiederherzustellen. Supervision und Pflege sind gleichermaßen Teil eines solchen gesellschaftlichen Krisenbewältigungssystems, das macht ihre genuine Nähe aus. Darüber hinaus sind beide Disziplinen in einem Prozess der zunehmenden Akademisierung begriffen – alles deutliche Anzeichen einer Professionalisierung.

Längere Zeit ist die Vorstellung von Professionalität in der Pflege von „manageriellen Organisations- und Steuerungsmodellen“ (S. 102) bestimmt worden. Das ist der zunehmenden und nicht umkehrbaren Ökonomisierung von Pflege geschuldet. Genau die produziert aber große Teile des Supervisionsbedarfs, weil professionelles pflegerisches Handelns durch den Kostendruck in Frage gestellt wird: Es bleibt zu wenig Zeit, um sich einzelnen Patienten bzw. Bewohnern zuzuwenden, Fachkräfte werden durch Hilfskräfte ersetzt etc. Da legt es sich nahe, auch im eigenen Fach Krisenbewältigung zu betreiben und zu versuchen, durch regelmäßige Supervision an der Sicherung professionellen Pflegehandelns zu arbeiten.

Das Buch leistet einen guten und wichtigen Beitrag zur Begründung von Supervision im Feld der Pflege. Zu kurz kommt mir eine Analyse der Erfahrung, dass die Akzeptanz von Supervision bei Pflegekräften zunächst einmal nicht sehr ausgeprägt ist – ich vermute, vor allem deshalb, weil für sie das pflegerische Tun im Vordergrund steht und alle anderen Tätigkeiten wie Dokumentation, Diskussion, Reflektion dem gegenüber zurücktreten. Deshalb muss Supervision immer wieder (werbend) deutlich machen, worin der Nutzen für Pflegekräfte – und auch für die pflegende Organisation - besteht. Renate Schwarz liefert für diesen Dialog viele Anregungen und Argumente, die über das von jedem Supervisor, von jeder Supervisorin Gefühlte hinausgehen und wissenschaftliche Stichhaltigkeit an dessen Stelle setzen. Wer selbst Supervision im Pflegebereich anbietet, sollte das Buch lesen! Und wer an leitender Stelle in Pflegeorganisationen arbeitet, sollte die Ergebnisse dieser Untersuchung ebenfalls zur Kenntnis nehmen. Die Arbeit von Renate Schwarz kann wertschätzende, professionelle Begegnungen zwischen Pflege und Supervision anbahnen und begleiten – das macht sie zu einem besonders wertvollen Beitrag!

Fazit

Eine Arbeit, die man SupervisorInnen, die im Pflegebreich arbeiten, besonders ans Herz legen möchte!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 30.08.2010 zu: Renate Schwarz: Supervision und professionelles Handeln Pflegender. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16210-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7520.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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