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Karin Altgeld, Tim Krüger u.a.: Von der Kindertageseinrichtung zum Dienstleistungszentrum

Cover Karin Altgeld, Tim Krüger, André Menke: Von der Kindertageseinrichtung zum Dienstleistungszentrum. Ein internationaler Länderreport. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 155 Seiten. ISBN 978-3-531-16010-8. 22,90 EUR.
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Thema

Anhand systematischer Länderreports werden die Entwicklungen im Bereich der frühkindlichen Betreuung und Bildung in ihrer Dienstleistungsqualität für Familien dargestellt. Mit den bundesdeutschen Entwicklungen werden politische Strategien, Konzepte und empirische Daten aus Belgien, Luxemburg, Großbritannien, Italien, Litauen, Schweden und den USA verglichen.

Ziel

In der Lissabon-Strategie der EU-Mitgliedsstaaten wurde im Jahr 2000 das Ziel formuliert, die EU bis zum Jahr 2010 zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt zu machen. Neben familienfreundlichen und doppelte Erwerbsbiografien (d.h. in der Regel die Erhöhung der Erwerbsquote von Frauen) unterstützenden Betreuungsangeboten sollen hierzu auch die Qualität der frühkindlichen Bildung und Erziehung erhöht und soziale Ungleichheiten in den Bildungssystemen überwunden werden. Die Autorin und die beiden Autoren versuchen die Entwicklungen der letzten Jahre in den sieben untersuchten Staaten nachzuzeichnen und zu vergleichen.

Autorin und Autoren

Die Autorin und die beiden Autoren sind in der Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel (BEST) am Institut „Arbeit und Qualifikation“ der Universität Duisburg-Essen beschäftigt. Sie haben in den letzten Jahren im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes die Grundlagen der Länderreports erarbeitet und diese durch Studienaufenthalte in Schweden und den USA ergänzt.

Aufbau und Inhalt

Die Länderreports umfassen jeweils ca. 20 Seiten und haben den gleichen Aufbau:

  1. Historischer Hintergrund und politische Trends. In diesen einführenden Abschnitten werden die familienpolitischen, strukturellen und organisationalen Entwicklungslinien der Kinderbetreuung knapp skizziert. Aufgrund der Kürze der Texte können keine vertiefenden Informationen mitgeteilt werden.
  2. Strukturdaten. Im jeweiligen zweiten Abschnitt werden in einer unkommentierten Tabelle Daten zum Bruttoinlandsprodukt, zur Armut, zur Fertilitätsrate und zum Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung abgedruckt.
  3. Anbieter und Betreuungsformen. Die Autoren versuchen in diesen Abschnitten die unübersichtliche Landschaft der Betreuungsangebote zu skizzieren. Deutlich wird dabei die sehr unterschiedliche Mischung von öffentlichen und privaten Angeboten, von Tagespflege und institutioneller Betreuung, von Halbtags- und Ganztagsangeboten. Deutlich wird auch, dass die Unübersichtlichkeit der Angebote sowohl für die Familien erhebliche Probleme bei der Auswahl und Abstimmung der Angebote bedeuten, aber auch für die Politik – verstärkt durch föderale Strukturen – zu erheblichen Steuerungsproblemen beitragen. Letztlich sind die Angebote der Tagesbetreuung aufgrund ihrer regionalen strukturellen Vielfalt und Unterschiedlichkeit auch international kaum vergleichbar. Das Dickicht der Angebote und Strukturen ist einzig in Schweden überschaubar, da hier gewerbliche Anbieter und non-profit-Organisationen keine wesentliche Rolle spielen. Allerdings werden auch die Grenzen des schwedischen Wohlfahrtsmodells deutlich, da die Kinder erwerbsloser Eltern lediglich einen Anspruch auf eine 15stündige Betreuung pro Woche haben.
  4. Finanzierung. Es wird versucht, die Aufwendungen der einzelnen Staaten für die Tagesbetreuung darzustellen und zu erläutern. Letztlich jedoch ist ein seriöser Vergleich unmöglich ( und wird auch von den AutorInnen nicht unternommen), da es erhebliche Unterschiede gibt, welche Ausgaben der vorschulischen Betreuung zugerechnet werden. Die Anteile von Kindern an der Bevölkerung sind unterschiedlich, der Schuleintritt erfolgt zu unterschiedlichen Zeiten und in einigen Ländern werden Teile der Kosten für die frühkindliche Bildung bereits den Kosten für schulische Bildung zugeschlagen. In den meisten Ländern spielen Elternbeiträge nach wie vor eine erhebliche Rolle. In der Regel reichen weder die Platzzahlen noch die Betreuungszeiten der öffentlichen Angebote aus, um den Erfordernissen der Arbeitsmärkte gerecht zu werden. Insofern werden die Erkenntnisse der Lissabon-Strategie durch die Praxis der Elternbeiträge in allen Ländern konterkariert. In vielen Staaten sind die Elternbeiträge zudem vom jeweiligen Anbieter abhängig. Die Autoren sprechen hier von einer „Marktsituation“, die durch öffentliche Subventionen zwar korrigiert aber nicht nivelliert wird.
  5. Personalqualifikation. Auch im Bereich des Personals ist die Lage unübersichtlich. Vorbildlich ist wiederum Schweden, wo über 50% der Fachkräfte einen Hochschulabschluss vorweisen können. In den meisten Ländern existiert eine ziemlich undurchschaubare Mischung mit einem hohen Grad an Mitarbeitenden, die über keinerlei spezifische Berufsausbildung verfügen. So gibt es z.B. in England einen relativ hohen Akademikeranteil (20%), zugleich aber arbeiten dort 30% der Mitarbeitenden ohne jegliche spezielle berufliche Ausbildung. Interessant ist, dass es allerdings sogar in Schweden nicht gelingt, Männer für das Berufsfeld der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung zu gewinnen.
  6. Praxisbeispiele für integrierte und flexible Betreuungsformen. In allen Ländern gibt es Best-Practice-Modelle, die flexible und integrierte Angebote für die Familien vorhalten. Einige dieser Modelle,wie die britischen Early-Excellence-Centres oder die amerikanischen Judy-Centres sind in der bundesdeutschen Fachszene bereits relativ bekannt. Neben einer erheblichen Ausweitung der Öffnungszeiten (morgens, abends, nachts, an Wochenenden) soll vor allem den Eltern das Problem abgenommen werden, die vielfältigen öffentlichen und privaten Angebote (z.B. Kita und Tagespflege) miteinander zu koordinieren. Darüber hinaus werden in den neuen Modellen Angebote des Gesundheitswesens, der Elternbildung und Beratung sowie weitere soziale Dienste unmittelbar in der Tageseinrichtung vorgehalten oder von dort aus koordiniert.
  7. Zusammenfassung und Ausblick. Jeder Länderbericht endet mit einem bilanzierenden Abschnitt. Hier werden die wesentlichen Kritikpunkte und Entwicklungsherausforderungen noch einmal gebündelt und scharf formuliert. Dabei werden sowohl pädagogische Probleme als auch organisatorische und quantitative Ausbauprobleme angesprochen.

Die einzelnen Länderreports aus den sieben Staaten werden durch eine kurze Einleitung und eine kurze Zusammenfassung gerahmt.

Diskussion

Die Länderreports informieren über die Probleme der Entwicklung professioneller frühkindlicher Betreuungs- Bildungs- und Erziehungssysteme in den sieben Staaten. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Reports und der immensen Breite der Informationen (aus Ökonomie, Politik, Pädagogik) bleiben die Informationen insgesamt meist recht oberflächlich.

Zwar folgen alle Reports der gleichen Gliederung, aber dennoch sind die Informationen nicht vergleichbar. Das gilt selbst für die Tabellen mit den ökonomischen Daten, da sie sich auf unterschiedliche Bereiche bzw. Stichproben beziehen. Auch die Autorin und die Autoren unternehmen keinen Versuch, die Länder zu vergleichen.

Die Länderreports zeigen eine besondere Sympathie für einen neuen Einrichtungstypus, den sie als „Dienstleistungszentren“ bezeichnen. Angesichts der chaotischen und qualitativ überwiegend miserablen Situation der frühkindlichen Bildung und Erziehung in fast allen Ländern überrascht diese Perspektive etwas. Ein ordentliches, staatliches Ganztagssystem mit hoher Professionalität, wie es in Schweden angeboten wird, kommt ganz ohne diese Begrifflichkeiten aus, erscheint aber aus der Sicht der Kinder und der Familien mit weitem Abstand als die beste und einzig logische Variante (mit dem allerdings erheblichen Kritikpunkt der geringen Betreuungszeiten für die Kinder erwerbsloser Eltern).

Der internationale Länderreport macht deutlich, dass selbst die vielgelobten englischen Sure-Start-Programme und ähnliche Vorhaben in anderen Ländern letztlich nur einen Teil der Familien erreichen. In der Breite sind die frühkindlichen Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungsangebote in allen vorgestellten Ländern, mit Ausnahme von Schweden, weit davon entfernt, die hoch gesteckten Ziele der Lissabon-Strategie zu erreichen.

Fazit

Der internationale Länderreport bietet einen ersten Einblick in die Bemühungen von sieben Staaten, die Kindertagesbetreuung zu modernisieren und professionell auszubauen. Das Ergebnis ist einigermaßen ernüchternd, wenn auch nicht sehr überraschend.

Wer an vergleichenden Analysen und Kommentierungen interessiert ist, wird weitgehend enttäuscht sein, da sich die AutorInnen dieser Aufgabe nicht annehmen. Ebenso enttäuschend ist das weitgehende Fehlen einer pädagogischen Perspektive auf die Kindertagesbetreuung und die Unterstützung von Familien. Im Mittelpunkt steht die politische und ökonomische EU-Strategie, deren weitgehendes Scheitern dokumentiert wird.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 02.06.2009 zu: Karin Altgeld, Tim Krüger, André Menke: Von der Kindertageseinrichtung zum Dienstleistungszentrum. Ein internationaler Länderreport. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16010-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7521.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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