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Renate Stemmer (Hrsg.): Qualität in der Pflege - trotz knapper Ressourcen

Rezensiert von Prof. Dr. Michael Schmidt, 10.11.2009

Cover Renate Stemmer (Hrsg.): Qualität in der Pflege - trotz knapper Ressourcen ISBN 978-3-89993-216-4

Renate Stemmer (Hrsg.): Qualität in der Pflege - trotz knapper Ressourcen. Schlütersche Fachmedien GmbH (Hannover) 2009. 123 Seiten. ISBN 978-3-89993-216-4. 22,90 EUR.
Reihe: Pflegebibliothek - Mainzer Schriften. Pflege.

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Thema

Qualität in der Pflege wird von Kosten- und Einrichtungsträgern, von Medizinern, Pflegenden und Patienten sowie von Pflegewissenschaftlern und Politikern seit Jahren kontrovers diskutiert. Im Kontext knapper finanzieller und personeller Ressourcen und eines zunehmenden Wettbewerbs droht durch angemessene Qualität geprägtes Pflegehandeln zunehmend nicht mehr möglich zu sein. Es stellt sich die Frage, was Qualität in der Pflege ausmacht bzw. wie Qualität in Pflege und Versorgung erreicht werden kann. In der Praxis wird Qualitätsmanagement häufig als Aufwand interpretiert, der auf Grund gesetzlicher Bestimmungen zusätzlich geleistet werden muss. Praktische Pflege und Qualitätsentwicklung laufen zuweilen unverbunden nebeneinander her. Die Herausgeberin fordert mit der vorliegenden Publikation durch einzelne Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren auf, ein anderes Qualitätsverständnis zu entwickeln, dass sich nicht durch ein Nebeneinander von Qualität und Praxishandeln kennzeichnet, sondern durch einen konstruktiven Dialog.

Herausgeberin

Dr. Renate Stemmer ist Dipl.-Pädagogin, Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Professorin am Fachbereich Gesundheit und Pflege der katholischen Fachhochschule Mainz. Die Publikation ist im Rahmen der „Mainzer Schriften“ erschienen, die eine Reihe von Veröffentlichungen aus den Arbeitsschwerpunkten des Fachbereichs Gesundheit und Pflege der Hochschule verbindet.

Aufbau

Die vorliegende Publikation ist als Handbuch konzipiert, in dem das Thema durch Einzelbeiträge verschiedener Autorinnen und Autoren in fünf Kapiteln betrachtet wird:

  1. Ulrike Höhmann: Voraussetzungen und Möglichkeiten beruf- und einrichtungsübergreifender Kooperation zur Verbesserung der Versorgungsqualtität pflegebedürftiger Menschen.
  2. Stephan Dorschner, Annette Meussling-Sentpali, Iris Schaefer: Wir tun unser Bestes – Pflegeprozess und Pflegequalität im subjektiven Erleben beruflich Pflegender.
  3. Hermann Brandenburg, Claudia Calero: Pflegequalität in Altenheimen.
  4. Renate Stemmer: Messung von Ergebnisqualität in der Pflege.
  5. Silvia Käppeli: Das Ethos der Pflege –Gedankenspiel oder Verpflichtung?

Da im Rahmen der Beiträge die verschiedenen Themen nicht erschöpfend behandelt werden können, verweisen die Autorinnen und Autoren in jedem Beitrag zur Vertiefung auf weiterführende Literatur. Zur leichteren Orientierung hat die Herausgeberin am Anfang des Handbuchs eine komprimierte Inhaltsübersicht, ein differenziertes Inhaltsverzeichnis sowie am Ende ein ausführliches Stichwortverzeichnis erstellt.

Inhalte

Im ersten Kapitel fokussiert Ulrike Höhmann Voraussetzungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Professionen und Institutionen. Sie differenziert dabei die in Einklang mit dem Gesundheitssystem segmentierten Qualitätsstrategien heuristisch in berufsgruppenbezogene – und organisationsbezogene Typen. Berufsgruppenbezogeneoder „monoprofessionelle“ Typen repräsentieren hierbei den jeweiligen Wissenskörper einer Profession, stärken die Identität, geben Handlungssicherheit gegen ökonomischen Druck, dienen der Begründung und Darstellung des Leistungsniveaus und bilden die Basis für einen interprofessionellen Dialog. Hierzu werden primär wissensbasierte Standards, Leit- und Richtlinien in formal elaborierten Verfahrensanweisungen entwickelt. Die durchaus positiven Effekte weisen nach Höhmann jedoch auch Konfliktpotenziale auf, die sich im Kontext divergierender Normen und Zielvorstellungen anderer Berufsgruppen, intraorganisationaler Ressourcen und Interessen sowie durch die Prioritätensetzung der Betroffenen selbst ergeben können. Organisationsbezogene Qualitätsmanagementverfahren dienen einer Koordination der Verfahrensabläufe. Obwohl diese Ansätze interprofessionelle Abstimmungsprozesse ermöglichen, bewegen sie sich nach Ansicht von Höhmann in den Grenzen der rechtlichen und finanziellen Regeln des fragmentierten Gesundheitssystems, dass eher betriebs- als volkswirtschaftliche Qualitätserfolge belohnt. Höhmann unterzieht in ihrem Beitrag sowohl berufsgruppenbezogene als auch organisationsbezogene Ansätze einer kritischen Bewertung. Ihrer Einschätzung nach gilt das aktuelle Interesse primär spezifischen Anlässen und auf eingegrenzte Personengruppen bezogenen instrumentellen Kooperationskonstrukten, die in ökonomischen Zusammenhängen (z. B. Case Management, Personenbezogenes Pflegebudget) etablierbar sind. Sie identifiziert hingegen verständigungsorientierte Kooperationen als sinnvolle Wege, die jedoch bisher vorwiegend als Projekterfahrungen und nicht als regelhafte Alltagspraxis vorliegen.

Im zweiten Kapitel befassen sich Stephan Dorschner, Annette Meussling-Sentpali und Iris Schaefer mit dem Pflegeprozess und der Pflegequalität im subjektiven Erleben beruflich Pflegender. Auf Grundlage einer Untersuchung in Pflegeheimen und Sozialstationen Thüringens beschreiben die Autorinnen und der Autor bereits vorhandene Potentiale sowie Ansatzpunkte und Lösungsansätze für notwendige Weiterentwicklungen. Exemplarisch diskutieren sie die Bereiche Pflegeprozess und Pflegedokumentation, Pflegequalität und Qualifikation sowie Pflegequalität und Belastungen von beruflich Pflegenden. Die Entwicklung eines Grundinstrumentariums pflegerischen Handelns ist nach Ansicht der Autorinnen und des Autors eine gemeinsame Aufgabe von Pflegewissenschaftlern und Pflegepraktikern. Hierzu bedarf es eines umfassenden pflegewissenschaftlichen Diskurses, insbesondere hinsichtlich der Planung und Evaluation pflegerischer Maßnahmen. Die u. a. durch den demografischen Wandel gestiegenen Anforderungen an die Qualität der Pflege müssen nach Ansicht der Autorinnen und des Autors in der Ausbildung Berücksichtigung finden (z. B. durch Bachelor-Studienangebote). Abschließend plädieren die Autorinnen und der Autor für die Errichtung eines „Nationalen Zentrums für Qualität in der Pflege“, das sich auch an international anerkannte Kriterien und Verfahren - z. B. bei der Entwicklung von Expertenstandards - orientiert. Sie verweisen hierbei als gelungenes Beispiel auf das Netherlands Centre for Execellence in Nursing (LEVV).

Im dritten Kapitel setzen sich Hermann Brandenburg und Claudia Calero mit der Pflegequalität in Altenheimen auseinander. Hierbei geht es der Autorin und dem Autor nicht um eine Vorstellung und kritische Diskussion einzelner Verfahren und Instrumente zur Qualitätssicherung, sondern um die Frage, wie im Kontext der konkreten Bedingungen der stationären Pflege eine Qualitätssicherung möglich ist. Hierzu gehen sie zunächst auf die gegenwärtigen Herausforderungen für Pflege in der stationären Altenarbeit ein. Hintergrund ihrer Überlegungen ist ein grundsätzlicher Wandel der Heime von Versorgungseinrichtungen, die weitgehend durch staatliche Transferleistungen finanziert wurden, in zu wettbewerbsorientierten Sozialunternehmen. Weiterhin zeigen die Autorin und der Autor durch eine Betrachtung der Organisation von Pflegeprozessen aktuelle Schwierigkeiten mit der Qualitätssicherung in Heimen auf. Schließlich verdeutlichen die Autorin und der Autor am Beispiel einer Einrichtung aus Norddeutschland, wie auch unter den gegenwärtigen Bedingungen ein Fortschritt in der Pflegequalität erzielt werden kann. Im Zentrum ihrer Betrachtung stehen dabei Erfolgsindikatoren, wie z. B. die Entwicklung eines Leitbildes, die Einführung eines konsequenten Bezugspflegesystems, die Entwicklung eines Konzeptes zur Pflegevisite sowie der Aufbau eines Pflegecontrollings. Abschließend plädieren Brandenburg und Calero, wie auch bereits Dorschner, Meussling-Sentpali und Schaefer im zweiten Kapitel, dafür, pflegerische Qualitätssicherung zu einer nationalen Aufgabe zu machen, um die Diskussion um die Versorgung alter Menschen in Alten- und Pflegeheimen in der sozialpolitischen, medizinischen und pflegefachlichen Szene zu beleben.

Die Herausgeberin der Publikation, Renate Stemmer, stellt im vierten Kapitel theoretische Grundlagen und Möglichkeiten der Umsetzung pflegebezogener Outcomemessung vor. Hierzu differenziert sie zunächst aus systemtheoretischer Perspektive die Begriffe „Input“, „Throughput“, „Output“ sowie „Outcome“. Während z. B. unter „Output“ das Ergebnis von Input und der Verarbeitung des Inputs durch die Systemprozesse zu verstehen ist, umfasst „Outcome“ die Messung der Wirkung des Outputs im Sinne des eigentlich beabsichtigten Effektes, z. B. einer Veränderung des Gesundheits- oder Pflegezustandes. Stemmer unterscheidet bei der Outcomemessung nach der Mikro-, Meso- und Makroebene. Während die Mikroebene individuelle Ergebnisse des Patienten fokussiert, werden auf der Mesoebene die Wirkungen eines Systems oder einer Institution untersucht. Outcomemessung ist hier z. B. eingebunden in das interne Qualitätsmanagement. Die Makroebene entspricht nach Ansicht von Stemmer nationalen Bemühungen zur outcomebezogenen Datenerhebung. Neben einer Systematisierung der Outcomemessung auf den verschiedenen Ebenen diskutiert die Autorin ausführlich verschiedene Ansätze der Durchführung. Z. B. können ihrer Ansicht nach auf der Mikroebene pflegebezogene Messungen durch eine Ersterhebung im Rahmen von Assessments sowie durch die Erstellung der Pflegediagnose oder die Festlegung der Pflegeziele umgesetzt werden. Als mögliche Instrumente für ein pflegebezogenes Assessment beschreibt Stemmer z. B. das Functional Independence Measure, das Reha-Aktivitätenprofil sowie das Resident-Assessment-Instrument. Stemmer plädiert dafür, quantitative Methoden anzuwenden – ohne dabei jedoch Intuition und implizites Wissen zu vernachlässigen. Pflegesensitive Outcomemessung ist ihrer Ansicht nach unverzichtbar für den Nachweis der Effektivität pflegerischer Leistungen und somit auch für Pflegequalität und die Pflege als Profession.

Imfünften Kapitel unternimmt Silvia Käppeli unter Bezug auf die allgemeine Qualitätsdiskussion im Bereich der Pflege eine Rückbesinnung auf pflegespezifische Werte. Im ersten Teil ihrer Ausführungen analysiert sie zunächst Traditionen und Aktualisierungen ethisch orientierter Pflege. Hierbei unterscheidet Käppeli zwischen einer religiösen Interpretation im Sinne der Pflege als „Liebestätigkeit“ sowie der weltlichen Interpretation des Ethos im Sinne eines „Mit-Leidens“. Sie kommt hierbei zu der Schlussfolgerung, dass beide Positionen konstitutiv für die Solidarität mit den Leidenden und für die Entwicklung eines Gefühls der moralischen Verantwortlichkeit der Pflegenden sein können. Anschließend analysiert Käppeli die Bedeutung des Ethos des tätigen „Mit-Leidens“ für die Kranken, die Pflegenden und die Pflegewissenschaft. In diesem Kontext unterzieht sie die Praxis einer kritischen Betrachtung. Die aktuelle Situation der konfessionellen Krankenpflege zeigt ihrer Einschätzung nach deutlich, dass Orthodoxie in der Umsetzung pflegerelevanter Ethik keine Zukunft hat. Es geht Käppeli in ihrem Beitrag nicht um ein Plädoyer für ein Ethos des „Mit-Leidens“ und auch nicht um sentimental-heroische Überhöhung der komplexen intellektuellen Pflegearbeit. Es ist ihres Erachtens erstrebenswert, dass der Pflegeberuf eine beruflich-wissenschaftliche Identität entwickelt, die zwischen (Mit-)Leidensverherrlichung und (Mit-) Leidensvermeidung steht und in der sich der Dienst an den zu pflegenden Menschen durch berufliche Autonomie und eine Synthese der beiden Perspektiven kennzeichnet.

Diskussion

In der vorliegenden Publikation beantworten Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Blickrichtungen der Frage, was Qualität in der Pflege ausmacht, bzw. wie sie erreicht werden kann. Der Bogen ist hier weit gespannt: Es geht um die verständigungsorientierte Zusammenarbeit von Professionen und Institutionen, um evidenzbasierte Umsetzung von Pflegeprozessen und Pflegedokumentationen, um einrichtungsorientierte Umsetzung von Instrumenten zur Qualitätssicherung und der Messung von Ergebnisqualität sowie um die Verankerung professionellen Handelns in pflegespezifischen Werten. Die inhaltlich interessanten und auch wissenschaftlich gehaltvollen Ausführungen, insbesondere der Beitrag von Renate Stemmer, sensibilisieren aus verschiedenen Perspektiven für die Komplexität und Problematik von Qualität in der Pflege. Dies war auch ein Ziel der Publikation. Alternative bzw. neue Ansätze sind hingegen nicht zu erkennen. Die verschiedenen Beiträge bauen nicht aufeinander auf, sondern betrachten die Thematik aus einer jeweils eigenen Perspektive. Der Verlag hat daher wohl zu Recht für die Schriftenreihe, in der auch diese Publikation erschienen ist, den Begriff der „Pflegebibliothek“ gewählt.

Fazit

Resümierend ist zu sagen, dass die verschiedenen Autorinnen und Autoren mit ihren Beiträgen in einer gut lesbaren und komprimierten Form neue und sehr interessante Perspektiven des Blickes auf eine bereits bekannte Problematik ermöglichen. Sie greifen hierbei Themen auf, die in anderen Publikationen eher vernachlässigt werden – z. B. Ethos der Pflege. Das Buch liefert daher wichtige Beiträge zur Qualitätsdebatte und bietet sich als weiterführende Literatur sowohl für Studierende als auch für Praktiker an, die bereits in die Qualitätsdebatte eingeführt sind.

Rezension von
Prof. Dr. Michael Schmidt
Diplom Pädagoge, Diplom Sozialpädagoge, TQM-Assessor DGQ, Coach (FH), Professor für Management und Organisation Sozialer Arbeit an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden sowie Dozent an der Steinbeis Hochschule Berlin Leadership and Competencies
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Es gibt 12 Rezensionen von Michael Schmidt.

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Zitiervorschlag
Michael Schmidt. Rezension vom 10.11.2009 zu: Renate Stemmer (Hrsg.): Qualität in der Pflege - trotz knapper Ressourcen. Schlütersche Fachmedien GmbH (Hannover) 2009. ISBN 978-3-89993-216-4. Reihe: Pflegebibliothek - Mainzer Schriften. Pflege. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7529.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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