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Wolfgang Jantzen, Markus Dederich (Hrsg.): Behinderung und Anerkennung

Cover Wolfgang Jantzen, Markus Dederich (Hrsg.): Behinderung und Anerkennung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2008. 400 Seiten. ISBN 978-3-17-019631-5. 32,00 EUR, CH: 54,90 sFr.
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Thema

Bei der hier zu besprechenden Publikation handelt es sich um den zweiten Band des insgesamt zehn Bände umfassenden Enzyklopädischen Handbuchs der Behindertenpädagogik, das sich mit Behinderung, Bildung und Partizipation befasst. Zentral ist die Kategorie Behinderung, welche „durchgängig in der Perspektive von Anerkennung und Partizipation unter sozial- und kulturwissenschaftlichen, ethischen und rechtlichen Aspekten betrachtet wird“ (S. 9).

Herausgeber

Markus Dederich, Jahrgang 1960, hat 1995 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg eine Dissertation abgeliefert zum Thema: „In den Ordnungen des Leibes: Zur Anthropologie und Pädagogik von Hugo Kükelhaus.“

Gegenwärtig sitzt Dederich auf dem Lehrstuhl Theorie der Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung der Fakultät Rehabilitationswissenschaften an der Technischen Universität Dortmund. Im Rahmen seiner universitären Tätigkeit befasst er sich schwerpunktmäßig mit fünf Themengebieten:

  1. Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen der Behindertenpädagogik und Rehabilitationswissenschaften;
  2. Grundlagen zum Behinderungsbegriff;
  3. Theoretische Grundlagen;
  4. Ethik;
  5. Bildung, Erziehung, Förderung, Rehabilitation

Nähere Angaben zu Dederich sind der URL http://www.fk-reha.uni-dortmund.de/Theorie/ [Download: 02.05.2009] zu entnehmen.

Wolfgang Jantzen, Jahrgang 1941, hat 1972 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Philipps-Universität Marburg eine Dissertation zum Thema - Determinanten der sozialen Stellung und des sozialen Verhaltens von lernbehinderten Sonderschülern in ihren Klassen – verfasst. Von 1974 bis 2006 war er Professor für Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Bremen. In der Zeit von Oktober 1987 bis März 1988 hatte Jantzen die Wilhelm-Wundt-Professur an der Karl-Marx-Universität Leipzig inne.

Die gegenwärtigen Arbeitsschwerpunkte Wolfgang Jantzens sind u.a. Philosophie, Soziologie und (Neuro)-Psychologie der Intersubjektivität.

Näheres zu Wolfgang Jantzen sind seiner Homepage, die unter der URL: http://www.basaglia.de/ [Download: 02.05.2009] abrufbar ist, zu entnehmen.

Aufbau

Die Publikation ist, nach einem Vorwort der Gesamtherausgeber – und das sind Iris Beck, Georg Feuser, Wolfgang Jantzen und Peter Wachtel – und einem Vorwort des zu besprechenden Buches durch die Herausgeber in drei Teile strukturiert:

Teil I umfasst die Aufsätze:

  1. Markus Dederich: Behinderung als sozial- und kulturwissenschaftliche Kategorie
  2. Wolfgang Jantzen: Sinn/sinnhaftes Handeln und der Aufbau der sozialen Welt
  3. Markus Dederich und Martin W. Schnell: Ethische Grundlagen der Behindertenpädagogik: Konstitution und Systematik

Teil II umfasst die Aufsätze:

  1. Ingolf Prosetzky: Isolation und Partizipation
  2. Kerstin Ziemen: Sozialer Tausch
  3. Annedore Prengel: Vielfalt
  4. Yasemin Karakasoglu: Interkulturelle Pädagogik
  5. Anne Waldschmidt: Disability Studies
  6. Georg Antor: Menschenwürde
  7. Volker Schürmann: Person/Persönlichkeit
  8. Detlef Horster: Anerkennung
  9. Theresia Degener: Menschenrechte und Behinderung
  10. Vera Moser: Legitimations- und Kontingenzprobleme

Im dritten Teil dieses Bandes sind die folgenden Beiträge zu finden:

  1. Anke Langner: Identität
  2. Barbara Fornefeld: Selbstbestimmung/Autonomie
  3. André Frank Zimpel: Isolation
  4. Bodo Frank: Bindung
  5. Volker Schürmann: Praxis
  6. Ulrike Schildmann: Normalität
  7. Günther Cloerkes: Stigma/Vorurteil
  8. Dietmut Niedecken: Behinderung/Institution
  9. Swantje Köbsell: Behindertenbewegung
  10. Ulrike Schildmann: Geschlecht
  11. Wolfgang Jantzen: Rassismus
  12. Georg Feuser: Naturalistische Dogmen: Unerziehbarkeit, Unverständlichkeit, Bildungsunfähigkeit
  13. Michael Wagner-Kern: Recht auf Leben
  14. Lutz Dietze: Bildungsrecht
  15. Günther Opp: Prävention
  16. Andrea Dlugosch: Professionalität
  17. Andreas Zieger: Grenzbereiche/Grenzsituationen
  18. Johann-Christoph Student: Sterben/Hospiz
  19. Wolfgang Jantzen: Syndrom und Symptom
  20. Swantje Köbsell: Medizinisierung
  21. Sigrid Graumann: Bioethik/Biomedizin
  22. Michael Wunder: Eugenik
  23. Michael Wunder: Euthanasie
  24. Hajo Jakobs: Anthropologie/Anthropologiekritik
  25. Dieter Gröschke: Tugenden
  26. Claudia Gottwald und Markus Dederich: Leid/Mitleid
  27. Dietmar Mieth: Heiligkeit des Lebens

Am Ende des Bandes befindet sich ein Stichwortregister und ein Autorenverzeichnis.

Der Kapitelaufbau ist in der Regel so strukturiert, dass einer Definition des zu behandelnden Terminus‘ eine Darstellung der Begriffs- und Gegenstandsgeschichte folgt. In einem dritten Teil werden zentrale Probleme benannt. Es folgt final ein Ausblick und das Literaturverzeichnis.

Inhalte

Dieser Band dient „der wissenschaftlichen Konstitutionsproblematik mit Blick auf die wissenschaftstheoretische Begründung des Faches einschließlich der erziehungswissenschaftlichen Verortung und dem Verhältnis von Behinderung und Anerkennung“ (S. 7).

Aus dem zweiten Teil dieses Bandes sei ein Blick auf den Terminus technicus Disability Studies geworfen, welcher von Anne Waldschmidt diskutiert wurde. Die Disability Studies befassen sich mit der Frage wie und warum eine Randgruppe, wie z. B. im konkreten Fall die Behinderten, überhaupt produziert wird. Diese wissenschaftliche Beschäftigung erfolgt aus historischer, sozialer und kultureller Perspektive. „Es geht um Studien über oder zu (nicht-)Behinderung“ (S. 125). In der Begriffs- und Gegenstandsgeschichte zeigt die Autorin das Werden des Begriffs in den USA auf bis er dann endlich nach Deutschland herüberschwappte. Zu den Disability Studies zuzurechnen ist eine der ersten Aktionen der Bremer ‚Krüppelgruppe‘, welche sich mit fragwürdigen Erhebungsmethoden von Behindertenpädagogen an der Universität befasste. Per Einwegscheibe und Videoaufnahme sollten, orientiert am naturwissenschaftlichen Labormodell, pädagogische Interventionen kontrolliert und dabei die Würde der behinderten Probanden ausgeblendet werden. Diese universitäre Aktion bedeutete dann für den behinderten Richter Horst Frehe wohl „den Bruch mit der akademischen Ausbildung. Ich bin im Streit mit dem Behindertenpädagogen Wolfgang Jantzen aus meinem Promotionsstudium ausgestiegen“ (MÜRNER/SIERCK 2009, 42). Gegenwärtig sind Bemühungen um die akademische Institutionalisierung der Disability Studies konstatierbar: „Nach der 2004 an der Kölner Universität gegründeten ‚Internationalen Forschungsstelle Disability Studies‘ (iDiS) entstand 2005 das Hamburger ‚Zentrum für Disability Studies‘ (ZeDiS); im gleichen Jahr wurde in Zürich die ‚Schweizerische Gesellschaft für Disability Studies‘ gegründet. An verschiedenen Hochschulen – in Berlin, Bochum, Bremen, Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Köln, Marburg sowie in Innsbruck und Zürich – sind mittlerweile Lehrtätigkeiten zu verzeichnen“ (S. 128).

Als zentrales Problem ist das der Sprecherposition zu nennen. Als behinderter Rezensent ist es für mich auch die Frage, ob nicht behinderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Disability Studies betreiben sollen, können oder dürfen oder ob dieses Feld nur den behinderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern offen sein soll. „Schließlich geht es der Querschnittsdisziplin auch darum, die hierarchisierten Beziehungen in der Wissenschaft einzueben und behinderten Nachwuchskräften Partizipations- und Karrierechancen zu eröffnen“ (S. 129).

Als eine zentrale Erkenntnis stellt die Autorin heraus das der Bedarf an Analysen des Phänomens Behinderung aus der Perspektive der Disability Studies vorhanden ist und deshalb grundlagentheoretisch und gesellschaftskritisch zu verfolgen ist. Gegenwärtig können für die Disability Studies zwei Schulen unterschieden werden:

  1. die britische Schule, welche vorwiegend von den Prämissen neomarxistischer Sozialwissenschaften ausgehend die Bedeutung von Gesellschaftsstrukturen betont,
  2. die nordamerikanische Schule, die Behinderung als soziale Konstruktion versteht und somit eine gesundheitsrelevante Differenz nicht naturgegeben ist.

Ausgangspunkt für die Disability Studies ist die These: Behinderung wird im Gesellschaftssystem hergestellt, „produziert und konstruiert in wissenschaftlichen Diskursen, politischen und bürokratischen Verfahren, subjektiven Sichtweisen und Identitäten“ (S. 130).

Für die Disability Studies hat sich das soziale Behinderungsmodell als entscheidender Impuls erwiesen, welches innerhalb der Disability Studies auch kritisch rezipiert wird. Kritisch diskutiert wird hier vor allem der Stellenwert des Körpers (vgl. Dederich 2007). Die kulturwissenschaftlich orientierten Disability Studies werfen dem sozialen Modell i. S. des impairment einen unkritischen Naturalismus vor. Die kulturwissenschaftliche Perspektive ist eine Dekonstruktion ausgrenzender Wissensordnungen sowie der durch sie konstituierten Realität. Im Sinne Derridas hat man es bei der allgemeinen Dekonstruktionsstrategie bei einem klassischen philosophischen Gegensatz mit einer gewaltsamen Hierarchie zu tun. „‘Einer der beiden Ausdrücke beherrscht (axiologisch, logisch usw.) den anderen, steht über ihm. Eine Dekonstruktion des Gegensatzes besteht zunächst darin, im gegebenen Augenblick die Hierarchie umzustürzen‘“ (Culler 1994, 95).

Schließlich setzt sich Anne Waldschmidt kritisch mit der Behindertenpädagogik und deren kritischen Ansätze mit Blick auf die Disability Studies auseinander. „Statt auf individualisierende und praxisorientierte Sichtweisen, von denen die Pädagogik geprägt ist, setzen die Disability Studies auf eine sowohl grundlagentheoretische als auch Gesellschaft verändernde Orientierung“ (S. 132).

Diskussion

Auf der Suche nach einer übersichtlichen und umfassenden Darstellung eines Fachgebietes in alphabetischer oder systematischer Anordnung, denn das ist ja eine Enzyklopädie im Unterschied zum Konversationslexikon – und das ist ein alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk zur raschen Orientierung über alle Wissensgebiete -, bin ich nun ein Stück weiter gekommen. Trotzdem ist nach wie vor meine Lieblingsenzyklopädie so wie der Lieblingsbadeanzug von Grell/Grell (1979, 208): „kurz, ansprechend und das Wesentliche abdeckend.“ Ich habe den Eindruck, dass manche Autoren vieles für zu Wesentlich hielten. Positiv herausgegriffen sei hier dann beispielsweise mein Lieblingsbadeanzug zur Normalität von Ulrike Schildmann. Diese Darstellung umfasst insgesamt 4,5 Seiten und deckt das Wesentliche ab. Aus der Behindertensicht sehr vorteilhaft!

Nicht ganz schlüssig ist die Aufteilung des besprochenen Werkes in drei Teile, auch wenn im Vorwort der Gesamtherausgeber steht das das Gesamtwerk (also alle 10 Bände) ca. 20 Haupt-, 100 mittlere und 300 kleine Stichwörter erarbeitet. Dieser Logik folgend handelt es sich bei dem Stichwort Disability Studies also um ein mittleres Stichwort, da es in Teil II zu finden ist. Normalität, ein Stichwort aus Teil III, wird als kleines Stichwort angesehen. Wer hat diese Einteilung in dieser Weise vorgenommen? Aus der Sicht des behinderten Rezensenten sind die letztgenannten Stichworte Hauptstichworte und gehören somit in Teil I.

Fazit

Der Band eignet sich für Studierende, die sich mit dem Thema Behinderung befassen. Er bietet einen guten Überblick über dieses Studiengebiet und kann als Nachschlagewerk und als Lektüre für die Einführung empfohlen werden.

Um es den von einer Behinderung Betroffenen, also diejenigen um die es geht, zugänglich zu machen ist an einigen Stellen eine Übersetzung in eine leichte Sprache anzuraten.

Literatur:

Culler, Jonathan: Dekonstruktion. Derrida und die poststrukturalistische Literaturtheorie. Reinbek bei Hamburg 1994.

Dederich, Markus: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeld 2007.

Grell, Jochen/Grell, Monika: Unterrichtsrezepte. München 1979.

MÜRNER, Christian/SIERCK, Udo: Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung. Neu-Ulm 2009.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 10.07.2009 zu: Wolfgang Jantzen, Markus Dederich (Hrsg.): Behinderung und Anerkennung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-019631-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7536.php, Datum des Zugriffs 19.06.2018.


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