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Barbara Ortland: Behinderung und Sexualität

Cover Barbara Ortland: Behinderung und Sexualität. Grundlagen einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2008. 164 Seiten. ISBN 978-3-17-020373-0. 24,00 EUR, CH: 48,50 sFr.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Thema

Die Autorin befasst sich mit den zwei Tabuthemen Behinderung und Sexualität aus heil- und sonderpädagogischer Perspektive. Hierbei handelt es sich um die Grundlagen einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik. Das Behinderungsspezifische an dieser Arbeit sind die Forschungsergebnisse Ortlands einer Lehrerinnenbefragung an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung (und das sind die Schulen, die früher korrekterweise Körperbehindertenschulen genannt wurden).

Autorin

Barbara Ortland, Jg. 1966, hat 1994 eine Dissertation eingereicht, die sich mit der Behinderung als Curriculumdeterminante für den Religionsunterricht mit körperbehinderten Schülern befasst. Sie habilitierte sich mit einer Schrift zu Problemfeldern der Sexualerziehung an der Schule für Körperbehinderte aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer.

Entstehungshintergrund

Die Autorin reagiert mit diesem Buch zur sexuellen Entwicklung bei Behinderten und der Darlegung einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik auf die Forschungsergebnisse einer Lehrerinnenbefragung an Schulen für Körperbehinderte – und ich ziehe diese Bezeichnung derjenigen, die von Barbara Ortland benutzt wird, nämlich dieses System als Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und geistige Entwicklungzu benennen, vor (werden die Schüler an Grund-, Haupt-, Real-, Gesamtschulen und Gymnasien nicht auch gefördert?).

Aufbau und Inhalt

Nach dem Vorwort werden im ersten Kapitel einleitende Ausführungen zur relationalen Sichtweise von Behinderung und die relationale Perspektive auf Sexualität und sexuelle Entwicklung geliefert.

Kapitel 2 befasst sich mit der Sexualität. Schon bei der Definition von Sexualität kommt die Autorin ins schlingern, denn „das Grundproblem jeglichen Versuchs, sich Sexualität definitorisch zu nähern, liegt in dem Spannungsverhältnis zwischen einem Höchstmaß an (wissenschaftlich nur schwer zugänglicher) Individualität und Intimität der verschiedenen ‚Sexualitäten‘ […] auf der einen Seite und der starken (versuchten) gesellschaftlichen Beeinflussung durch entsprechende Normen und Werte bzw. heute eher der gesellschaftlichen Tendenz der ‚Entzauberung und Trivialisierung von Sexualität‘ […] auf der anderen Seite“ (S. 17). Aber am Ende dieses Abschnitts liegt eine Definition vor, die auch das zweite Tabuthema, nämlich die Behinderten, umfasst, weil sie für wirklich alle Menschen gleichermaßen gilt. – Und hiernach heißt es: „Sexualität kann begriffen werden als allgemeine, jeden Menschen und die gesamte menschliche Biografie einschließende Lebensenergie, die den gesamten Menschen umfasst und aus vielfältigen Quellen – soziogenen und biogenen Ursprungs – gespeist wird. Sie beinhaltet eine geschlechtsspezifische Ausprägung, kennt ganz unterschiedliche – positiv oder negativ erfahrbare – Ausdrucksformen und ist in verschiedenster Weise sinnvoll“ (S. 18).

Im Weiteren wird Sexualität als interdisziplinärer Forschungsgegenstand besprochen. Dies geschieht aus medizinischer, psychoanalytischer und soziologischer Perspektive. Aus soziologischer Sicht gehört die Sexualität Behinderter zu einem noch nicht liberalisierten Tabubereich – vielleicht ist das – und das schreibe ich als behinderter Rezensent - auch ganz gut so!

Die Einflüsse auf sexuelles Erleben bei Menschen mit Behinderung werden im dritten Kapitel zunächst unter dem Aspekt der sexuellen Funktionsstörungen (Schädigung von Gehirn und Rückenmark, Schädigung von Muskulatur und Knochengerüst, Schädigung durch chronische Krankheit oder Fehlfunktion von Organen) diskutiert. Es folgen die Behandlung der gesellschaftlichen Einflüsse und die behindernden Faktoren der sexuellen Entwicklung. Für Letzteres wird eine Untersuchung von Eva-Maria Weinwurm-Krause aus dem Jahre 1990 herangezogen und dargestellt. So konstatiert Weiwurm-Krause für den Besuch der Sonderschule, dass sich hier entfremdetes Leben in der Bildung und in den sozialen Bezügen zeige.

Das vierte Kapitel nimmt die sexuelle Entwicklung bei Kindern mit und ohne Behinderung in den Blick. Als schwierig habe sich hierbei die Tatsache gestaltet das es sich bei den Behinderten um eine sehr heterogene Gruppe handelt. „Zum anderen hat sich die Forschung bislang nur marginal mit Fragen der sexuellen Entwicklung bei Menschen mit Körperbehinderungen auseinander gesetzt“ (S. 35). Vielleicht ist das aber auch wieder ganz gut so! Die Autorin geht dann die Entwicklungslinien vom ersten Lebensjahr bis zum Beginn der Pubertät durch.

Im weiteren Verlauf wird in Kapitel 5 die sexuelle Entwicklung bei Jugendlichen mit und ohne Behinderung abgehandelt und das über die von Fend so bezeichneten Entwicklungsaufgaben:

  1. Den Körper bewohnen lernen;
  2. Umgang mit Sexualität lernen

Am Ende dieses Kapitels fasst die Autorin zusammen, „dass sich sowohl die sexuelle Entwicklung im Kindes- als auch im Jugendalter durch eine zusätzliche geistige Behinderung für Menschen mit Körperbehinderung wesentlich erschwert“ (S. 79).

Das sechste Kapitel liefert eine zusammenfassende Begründung einer behinderungsspezifischen Sexualerziehung. Die Autorin tut dies für:

  • Kinder mit Körperbehinderung;
  • Jugendliche mit Körperbehinderung;
  • Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung.

Die Sexualerziehung bei Menschen mit Behinderung wird in Kapitel 7 thematisiert. Hier spiele die Auseinandersetzung mit sich selbst in Bezug auf die pädagogische Professionalisierung eine herausragende Rolle. In diesem Kapitel wird die Kompetente, Integrierende Sexualpädagogik thematisiert, wobei es sich um ein Gesamtkonzept für eine behinderungsspezifische schulische Sexualerziehung handelt.

Übergreifende Aspekte der Sexualerziehung bei Menschen mit Behinderung sind das Thema des achten Kapitels. Hier geht es auch um den Schutz vor sexualisierter Gewalt als ein durchgängiges Prinzip der Sexualerziehung.

Kapitel 9 hat ausgewählte Adressatengruppen der Sexualerziehung zum Inhalt, als da wären geschlechtshomogene Angebote für behinderte Mädchen, homosexuelle behinderte Schülerinnen und Schüler und Schwerstbehinderte.

Dem Schlusswort in Kapitel 10 folgen mit Kapitel 11 ein Literaturverzeichnis und ein Anhang in Kapitel 12.

Diskussion

Als schwerbehinderter Rezensent (ich habe immerhin einen GdB von 100 v. H – und das unbefristet, also lebenslänglich) bin ich immer wieder fasziniert darüber, wie sich das nicht mit einer Behinderung ausgestattete Expertentum zeitgleich mit zwei gesellschaftlich tabuisierten Themen befasst: Behinderung und Sexualität. Auch wenn wir mittlerweile alle und früher aufgeklärt sind, als das noch zu den Anfängen von Beate Uhse der Fall war, stellt sich die Frage, ob unsere behinderte Sexualität tatsächlich so von der nichtbehinderten Sexualität abweicht, wie das von Ortland und anderen, sich auf diesem verruchten Feld profilieren Wollenden, angenommen wird. Ganz prekär verhält sich dieses Unternehmen gerade dann, wenn es der Inklusion zuträglich sein soll. Mit Brigitte Schumann (2009, 16) gesprochen ist unter Inklusion auf dem Feld der Bildung und Erziehung „die Wertschätzung der Unterschiedlichkeit aller“ zu verstehen. Unsere behinderte Sexualität, die sich von der der Nichtbehinderten scheinbar radikal unterscheidet soll also eine Wertschätzung erfahren. Ob das klappt?

Auf Seite 15 zitiert Ortland die mit Phokomelie – lt. Psychrembel (Hildebrandt 1998, 381) handelt es sich um eine „Fehlbildung, bei der die Hände bzw. Füße unmittelbar an den Schultern bzw. Hüften ansetzen“ - geborene englische Künstlerin Allison Lapper zur Sexualität: „‘Manchmal fragen mich die Leute, wie ich Sex mache. Dann erkläre ich ihnen, dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern sollen, weil das nun wirklich meine Privatsache ist, außerdem empfinde ich diese Frage oft als leicht beleidigend.‘“ Trotzdem hält das die Autorin nicht davon ab in diesem Bereich weiter herumzustochern.

Es verwundert sehr das Ortland es scheinbar schlimm findet, wenn Behinderte untereinander Kontakt haben. Der mangelnde Kontakt zu Jugendlichen ohne Behinderung kann, der Autorin zufolge, „zu einem Defizit an interaktiven Aneignungsmöglichkeiten im Umgang mit Menschen ohne Behinderung“ (S. 33) führen. Vielleicht soll das aber aus Sicht der Behinderten so sein!

Für die Sonderpädagogik scheint es auch bei allen Rufen nach Integration bis hin zur Inklusion immer noch ein Unding zu sein, behinderte Sonderpädagogen zu akzeptieren. „Die Erfahrungswelten der Schülerinnen mit Behinderung und der in der Regel nicht behinderten Lehrerinnen sind durch die anderen Lebensausgangsbedingungen grundsätzlich verschieden“ (S. 87). Zum guten integrativen und inklusiven Unterricht wird das Ganze, wenn sich die Regel an den entgegen gesetzten Pol verschiebt.

Fazit

Aus Sicht der Disability Studies handelt es sich bei diesem Werk um eines, welches der Fremdbestimmung mal wieder Vorschub leistet und der Aspekt der sexuellen Selbstbestimmung bei Behinderten ausgeblendet wird. Ob das dann im Sinne der Integrations- und Inklusionsbemühungen ist wage ich zu bezweifeln! Nach Marianne Demmer (vgl. 2009) sondern inklusive Gesellschaften nicht aus. Inklusive Gesellschaften lassen aber auch Behinderte sich untereinander vereinigen.

Literatur:

  • Demmer, Marianne: Weltgemeinschaft will Inklusion. Kommentar: Nichts für die Schublade. In: Erziehung und Wissenschaft o. J. (Heft 3/2009) 16
  • Hildebrandt, H.: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Berlin 2581998
  • Schumann, Brigitte: Täuschungsversuche. Politik manipuliert UN-Konvention über Rechte von Menschen mit Behinderungen. In: Erziehung und Wissenschaft o. J. (Heft 3/2009)15 f.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 20.05.2009 zu: Barbara Ortland: Behinderung und Sexualität. Grundlagen einer behinderungsspezifischen Sexualpädagogik. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-020373-0. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7537.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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