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Ina Rotermann, Denis Köhler u.a.: Legalbewährung jugendlicher und heranwachsender [...]

Cover Ina Rotermann, Denis Köhler, Günter Hinrichs: Legalbewährung jugendlicher und heranwachsender Sexual- und Gewaltstraftäter. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2009. 153 Seiten. ISBN 978-3-86676-055-4. 22,90 EUR.
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Thema

Zur Einschätzung der Legalprognose bei Straftätern werden Risiko- und Schutzfaktoren herangezogen. Besteht für den Bereich der Risikofaktoren mittlerweile eine ausreichende empirische Fundierung, steht die Forschung im Bereich der Protektivfaktoren noch am Anfang. Die Heterogenität von Delinquenz und die Verknüpfung von Risiko- und Schutzfaktoren im Entwicklungsverlauf, insbesondere von jugendlichen Straftätern, werfen die Frage auf, ob unterschiedliche Variablen, wie z. B. differentielle Entwicklungspfade, oder einzelne Prognosevariablen die Legalbewährung von jungen Straftätern vorhersagen können. Die Autoren beschäftigen sich hier bereits zum zweiten Mal mit der Frage, welche Faktoren für eine gelingende Straffreiheit bei jungen Straftätern bedeutsam sind (vgl. die Rezension zu Kraft/Köhler u. a.: Risiko- und Schutzfaktoren bei jungen Straftätern)

Während in der ersten Studie eine retrospektive Analyse von Gerichtsgutachten hinsichtlich der Identifikation individueller Risiko- und Schutzfaktoren erfolgte, wurden in der vorliegenden Arbeit diese Variablen prospektiv hinsichtlich ihrer prädiktiven Validität untersucht. Datengrundlage waren dabei erneut 153 jugendforensische Gutachten über Gewalt- und Sexualstraftäter, welche hinsichtlich des Vorliegens bestimmter Risiko- und Schutzfaktoren und spezifischer Entwicklungspfade ausgewertet und prospektiv hinsichtlich Legalbewährung bzw. Rückfälligkeit verglichen wurden. Die Studie belegt, dass für die Rückfallfreiheit, bzw. Rückfälligkeit eine Vielzahl bio-psycho-sozialer Faktoren bedeutsam sind. Der Vergleich protektiver Faktoren zwischen rückfälligen und rückfallfreien Sexual- und Gewaltstraftätern belegt, dass neben den bekannten Risikofaktoren besonders diese Schutzfaktoren in der Entwicklung von Jugendlichen und Heranwachsenden bedeutsam sind und die Prognose von jungen Straftätern verbessern.

Autoren und Hintergrund

Die Autoren sind beruflich in unterschiedlichen Behandlungs- und Hochschuleinrichtungen mit Fragen der Entwicklungspsychologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugenddelinquenz beschäftigt. Schwerpunkte sind dabei Entwicklungspsychologie und Pädiatrie (Ina Rotermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Kiel), Persönlichkeitsstörungen, Risiko- und Schutzfaktoren bei jungen Straftätern, psychologische Diagnostik und psychische Gesundheit von Straftätern (Denis Köhler, Professor an der SRH-Hochschule Heidelberg), sowie Praxis, Lehre und Forschung in den Bereichen Kinder- und Jugendpsychiatrie, jugendforensische Arbeit im Strafvollzug, Begutachtung und Kinder- und Jugendpsychiatrische Krankheitsbilder (Günter Hinrichs, stellvertretender Direktor für Forschung und Lehre, sowie Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Kiel des Universitätsklinikums Kiel). Die Autoren sind Projektverantwortliche und –durchführende für die der Publikation zugrunde liegenden Studie.

Aufbau…

Der Band ist in sieben Kapitel unterteilt, in denen die Fragestellung der Studie, Hypothesengenerierung, Studiendesign, sowie Forschungsergebnisse vorgestellt, diskutiert und zusammengefasst werden. In weiteren Abschnitten finden sich Angaben zur Literatur, sowie ein Tabellen- und Abbildungsverzeichnis. Im Anhang sind die verwendeten Forschungsinstrumente, eine Liste der erfassten Risiko- und Schutzfaktoren, sowie Autorenangaben aufgeführt.

… und Inhalt

Im Einleitungskapitel stellen die Autoren den Zusammenhang zwischen Rückfälligkeit jugendlicher Straftäter und dem damit verbundenen medialen und öffentlichen Interesse her: entgegen der reellen Verhältnisse ist hier ein Bild entstanden, dass von einer umfassenden Gefährdung der Gesellschaft ausgeht und Grundlage für eine Vielzahl populistischer, teilweise drastisch sanktionierender Maßnahmenforderungen ist. Mit Verweis auf den aktuellen, vorwiegend angloamerikanischen Forschungsstand belegen die Autoren, dass jugendliche und heranwachsende Straftäter bereits in ihrer Kindheit mit vielfältigen sozialen und individuellen Belastungsfaktoren konfrontiert waren, die vor allem als multifaktorielles Bedingungsgefüge zu delinquenten Verhaltensweisen führen können und bei Vorliegen spezifischer Kontextfaktoren zu einer dauerhaften Aufrechterhaltung kriminellen Verhaltens führen können. Daneben nehmen die Autoren Bezug auf die bislang vorliegende Forschung zu Protektivfaktoren, welche im Zusammenhang mit der Rückfallfreiheit von Straftätern diskutiert werden.

Kapitel zwei ist dem theoretischen und empirischen Hintergrund gewidmet. Hier wird ein umfassender Einblick in die Prävalenz von Gewalt- und Sexualstraftaten Jugendlicher und Heranwachsender, deren Entwicklungsverläufe und insbesondere in die Entstehungsbedingungen für längerfristige Delinquenzverläufe gegeben. Neben der Darstellung des aktuellen Forschungsstandes fallen in diesem Kapitel die gelungenen Tabellen zu individuums- und umweltbezogenen Risikofaktoren der (frühen) Kindheit und Adoleszenz ins Auge, welche dem Leser rasch einen umfassenden Überblick verschaffen. Ebenso umfangreich ist die Darstellung des Forschungsstandes zu protektiven Faktoren, welche der Entwicklung delinquenten Verhaltens entgegenwirken können. Die Autoren geben auch hier einen (fast) vollständigen Überblick zu den aktuellen Studienergebnissen und fassen diesen ebenso tabellarisch zusammen. In einem weiteren Unterabschnitt wird der Forschungsstand zur Rückfallforschung referiert. Rotermann, Köhler und Hinrichs fassen auch hier den vorliegenden Wissenstand zusammen. Die Autoren belegen dabei, dass die in den einzelnen Studien erfassten Rückfallwerte stark differieren. So finden sich Rückfallwerte bei Sexualdelikten in einem Spektrum von 12% - 53% (einschlägige Rückfälligkeit). Hintergrund dafür dürfte, so die Autoren u. a. die unterschiedliche Katamnesedauer der einzelnen Studien sein. Die Autoren belegen, dass hinsichtlich der Rückfallforschung bei Gewaltstraftaten, insbesondere im Bereich der Jugenddelinquenz ein Defizit besteht. Im Gegensatz zur Sexualdelinquenz existieren hier kaum verlässliche Studienergebnisse. Für den Bereich Risikovariablen für Rückfalltaten liegen dagegen umfassende empirische Studienergebnisse vor, welche ebenfalls dargestellt und tabellarisch zusammengefasst werden.

Abgeleitet aus den im vorangegangenen Abschnitt dargestellten Inhalten werden im dritten Kapitel Fragestellungen und Hypothesen abgeleitet. Diese befassen sich mit der Häufigkeit der Deliktrückfälligkeit junger Sexual- und Gewaltstraftäter, mit möglichen Unterschieden zwischen rückfallfreien und erneut straffälligen Tätern in der Vorgeschichte hinsichtlich Deliktvorgeschichte, sowie Risiko- und Schutzfaktoren und auf den Zusammenhang zwischen Legalbewährung und möglichen Korrelationen zwischen Risiko- und Schutzfaktoren.

Kapitel vier erläutert das Studiendesign der vorliegenden Erhebung. Aufbauend auf Voruntersuchungen zur Identifikation von Risiko- und Schutzfaktoren erfolgte die Analyse von 153 jugendforensischen begutachteten Fällen und deren Langzeitverlauf durch Abfrage der aktuellen Bundeszentralregisterauszüge im März 2007. Die Untersuchungsstichprobe umfasst 122 erfasste Fälle, davon 75 Gewalt- und 47 Sexualstraftäter. Der Beobachtungszeitraum (Katamnesezeitraum) variiert zwischen den Einzelfällen abhängig vom Entlasszeitpunkt aus Haft. Die Analyse der BZR-Auszüge erfolgte anonym mittels eines eigens entworfenen Auswertungsbogens. Aus den Vorstudien lagen bereits Erkenntnisse zu Risiko- und Schutzfaktoren der in den Gutachten erfassten Straftäter vor, welche ebenfalls in die Analyse einbezogen wurden. Abschließend werden im vorliegenden Kapitel die durchgeführten statistischen Methoden und Verfahren beschrieben.

Die Vorstellung, Diskussion und abschließende Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse erfolgt in den Kapiteln fünf bis sieben. Diese Ergebnisse belegen, wie auch andere Befunde aus der Literatur, dass mit 60% der größere Teil der Straftäter erneut straffällig wird. Die Werte für einschlägige Rückfälligkeit liegen jedoch mit ca. 10% bei Sexualdelikten und ca. 25% bei Gewaltdelikten deutlich unter diesem allgemeinen Rückfallwert. Bezüglich der strafrechtlichen Vorbelastung der untersuchten Stichprobe ergab sich, dass sich rückfällige Sexual- und Gewaltstraftäter in der Tendenz von Nicht-Rückfälligen unterscheiden. Eine hohe Anzahl von einschlägigen und sonstigen Vorstrafen, frühere Hafterfahrungen und ein früher Beginn der Delinquenz wirken sich negativ auf die spätere Legalbewährung aus. Die hier erneut vorgelegten Befunde entsprechen insgesamt den bereits aus der Literatur bekannten Forschungsergebnissen. Zum Zusammenwirken von Risiko- und Schutzfaktoren ergibt die Studie, dass Rückfalltäter im Bereich Risikofaktoren mit umfangreicheren Merkmalen belastet sind als Legalbewährte. Zudem finden sich hier deutliche Defizite im Bereich der Schutzfaktoren. D. h. die negative Wirkung der Risikofaktoren wird durch Protektivfaktoren nur mangelhaft moderiert, bzw. aufgehoben. Vor allem die Gruppe der rückfälligen Sexualstraftäter weist im Alter von 14 bis 18 Jahren einen gestörten Erwerb von Ressourcen auf. Ebenso wurde eine negative Beziehung zwischen Rückfälligkeit und der Summe der Schutzfaktoren in der Kindheit, Adoleszenz und in der Gesamtsumme belegt. Zusammengefasst konnte empirisch untermauert werden, „je mehr Schutzfaktoren einem Straftäter insgesamt oder in der Kindheit und Adoleszenz zur Verfügung stehen, desto geringer ist das Risiko für erneute Straftaten.“ Insgesamt leiten die Autoren aus diesen Ergebnissen die Bedeutung dieser Faktoren für Legalbewährung und prognostische Einschätzung ab. Die Autoren merken kritisch an, dass die vorliegenden Ergebnisse einer weiteren Überprüfung bedürfen, wobei insbesondere die aktuellen Lebensumstände in die Betrachtung mit einbezogen werden müssen.

Diskussion

Mit der hier vorgelegten Studie erfolgt die weitere, schrittweise empirische Absicherung und erneute Bestätigung des Wissens zu Risiko- und Schutzfaktoren, welche hier auf die Gruppe der jungen Straftäter bezogen wird. Die Autoren wählten auch diesmal einen Forschungszugang, der sich auf Akten- und Registerauszüge stützt. Dabei bleiben die aktuellen Lebensumstände der untersuchten Stichprobe naturgemäß unberücksichtigt. Dieser Umstand schränkt die Aussagekraft der vorliegenden Ergebnisse allerdings nur bedingt ein, vorausgesetzt es erfolgt in weiteren Studien die Überprüfung der vorliegenden Befunde durch Bezugnahme auf die (aktuellen) lebensweltlichen Bedingungen und die Selbstdeutungsmuster der Betroffenen. In der Zusammenschau dieser unterschiedlichen Forschungsstrategien würde sich dann eine umfassende empirische Absicherung der bislang erhobenen Risiko- und Schutzfaktoren, deren Struktur und Zusammenwirken ergeben. Die Autoren haben für derartige Entwicklungsaufgaben in der deutschen Forschungslandschaft eine wesentliche Grundlage geschaffen. Die seit Jahren geforderte Einbeziehung von Schutzfaktoren bei Behandlung und prognostischer Bewertung von Straftätern wird damit ein Stück weit umgesetzt. Die hier vorliegenden Untersuchungsergebnisse geben allerdings keine Auskunft darüber, in welcher Intensität sich einzelne Risikofaktoren oder –gruppen auf die Rückfälligkeit auswirken. Auch der Zusammenhang zwischen Belastungsmerkmalen und Schutzmechanismen bleibt weiter unbenannt. Diese Themen sind weiterer Forschung vorbehalten, wofür die Autoren allerdings eine hervorragende Basis geschaffen haben.

Fazit

Mit der vorliegenden Publikation zu Risiko- und Schutzfaktoren bei jungen Straftätern steht ein weiterer Baustein zur Erforschung der Frage, welche Bedingungen zu erneuter Straffälligkeit bzw. Rückfallfreiheit führen zur Verfügung. Für die in der Praxis mit jugendlichen Straftätern Arbeitenden ergibt sich ein differenzierter Einblick in das Forschungsgebiet. Die vorgelegten Befunde lassen sich bereits jetzt in die Behandlungs- und Beratungsarbeit mit dieser Zielgruppe einbeziehen. Die übersichtliche Gestaltung des Buches, seine verständliche Sprache und die Zusammenfassung wesentlicher Aspekte in Tabellen ermöglichen den Transfer von der Forschung in die Praxis. Es bleibt zu hoffen, dass die Autoren die begonnene Forschungsarbeit fortführen. Dabei wird die Einbeziehung der dynamischen Risiko- und Schutzfaktoren, also die aktuelle Lebenssituation der Betroffenen eine große Rolle spielen.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 09.11.2009 zu: Ina Rotermann, Denis Köhler, Günter Hinrichs: Legalbewährung jugendlicher und heranwachsender Sexual- und Gewaltstraftäter. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2009. ISBN 978-3-86676-055-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7542.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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