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Christian Mürner, Udo Sierck: Krüppelzeitung

Cover Christian Mürner, Udo Sierck: Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2009. 188 Seiten. ISBN 978-3-930830-80-0. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 24,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das zu besprechende Werk befasst sich mit den 14 veröffentlichen Ausgaben der Krüppelzeitung. Anlass ist die im Erscheinungsjahr des Buches 30 Jahre vorher veröffentlichte erste Ausgabe der Krüppelzeitung, einer Zeitung von Krüppeln für Krüppel. 1985 erschien dann die letzte Ausgabe. Die Krüppelzeitung dokumentiert die Brisanz der Behindertenbewegung. „Sie kennzeichnen deren Geschichte genauso wie die Bedeutsamkeit für die Gegenwart“ (S. 8).

Autoren

Christian Mürner ist 1948 in Zürich geboren. Seit 1977 arbeitet er als freier Publizist und Behindertenpädagoge in Hamburg. 1984 promovierte Mürner bei Wolfgang Jantzen mit einer Dissertation zu Entwicklung und Behinderung, die die Schriften Heinrich Hanselmanns darstellt und zu ihnen Stellung nimmt.

Udo Sierck ist 1956 geboren und lebt in Hamburg. Er ist selber behindert und Mitinitiator der Krüppelbewegung.

Aufbau und Inhalt

Der Einleitung folgt die Darstellung des historischen Kontextes für die Etablierung der Krüppelzeitung. Hier wird die Situation der 1970er und 1980er Jahre und der Umgang mit behinderten Menschen betrachtet

Im dritten Teil werden die Personen betrachtet, die an der Krüppelzeitung mitgewirkt haben. Es werden hier die Impressen der unterschiedlichen Ausgaben näher beleuchtet und die sich hierin bemerkbaren Unterschiede herausgearbeitet. Es werden dann die beiden Hauptmacher der Krüppelzeitung dargestellt. Das geschieht:

  1. in einer Darstellung von Franz Christophs Aktivitäten und einem Interview mit Udo Sierck über Franz Christoph, der 1996 im Alter von 43 Jahren verstorben ist und
  2. in einer Darstellung und einem Interview mit Horst Frehe.

Der vierte Teil widmet sich den in der Krüppelzeitung behandelten Themen

  • und das ist das Leitbild Selbstverständnis im Umgang der Nichtbehinderten mit Behinderten,
  • das ist die Zusammenarbeit von Behinderten und Nichtbehinderten,
  • das ist die Behindertenpolitik,
  • das ist das Recht („Unser Recht“),
  • das ist das Jahr der Behinderten 1981,
  • das ist ein Blick nach Italien,
  • das ist die so genannte Institutionalisierung in Heimen, Werkstätten für Behinderte (zur Zeit der Krüppelzeitung war die Werkstatt für behinderte Menschen noch nicht vorhanden) und
  • das ist ein Exkurs in die Chancen und Grenzen des „freien“ Arbeitsmarktes für Menschen mit Behinderung.

Aus ethischer Sicht wird der Gesundheitstag, der vom 30.09. bis 04.10.1981 in Hamburg stattfand, die Eugenik/Humangenetik und die Sterbehilfe thematisiert. So wird hier zur Sprache gebracht, dass die „Selektionsideen keine Erfindung der Nationalsozialisten gewesen waren, sondern in den 1920er Jahren in renommierten Kreisen von Medizin, Justiz oder Pädagogik bereits vorgedacht waren“ (S. 99).

Das Oberthema Kultur wird aus den Perspektiven der Integration/Normalisierung, Körper/Bewegung, Sprache, Gedichte (es gibt wirklich tolle Krüppelgedichte), Märchen (Hamburger Initiative „Humpelstilzchen“), Wunderheilungen und Kunst betrachtet.

Das Thema Integration wird ja gegenwärtig sehr strapaziert – und das nicht nur bezogen auf die Integration Behinderter. Der Autor Christian Ritter zeigt in der ersten Ausgabe der Krüppelzeitung auf, dass der Begriff Integration – und heutzutage spricht die so genannte Fachwelt von Inklusion – auf den Zwang zurückzuführen ist, normal sein zu müssen. Die nichtbehinderte Welt propagiere, Ritter folgend, Normalsein und Normalisierung als das einzig Erstrebenswerte. Nach Swantje Köbsell ist die Integration von Beginn an misstrauisch beäugt worden. So wurde „Integration nicht nur als Teilhabe verstanden, sondern auch als Forderung nach Anpassung und dementsprechend wurde ‚Integration als passiver Vorgang‘ der aktiven Emanzipation gegenübergestellt“ (S. 106). Integration im Sinne einer politischen Eingemeindung wurde – und so ist es wohl auch heute noch - in der Behindertenbewegung zumeist als eine Verordnung der Nichtbehinderten aufgefasst.

Den Frauen-Krüppelgruppen widmet sich das eigene Oberthema Frauen.

Unter Vermischtes sind die Hilfeproblematik, der Fahrdienst, der alltägliche Alltag, und die Utopie (nämlich die Utopie, dass Krüppel für sich selbst reden und leben) Themen des Buches.

Der fünfte Teil beinhaltet das Fazit aus dem in den vorherigen Abschnitten Vorgestellten.

Teil sechs beschäftigt sich mit den Nachfolgeorganen der Krüppelzeitung, als da wären „die randschau“ (URL: http://www.martinseidler2.homepage.t-online.de/randschau.htm [Download: 15.02.2009]) - in ihr durften aber auch nichtbehinderte Autoren ihre „gut gemeinten“ Artikel publizieren, wie z. B. Mathilde Niehaus in Heft 4/97 (S. 29 ff) -, der „newsletter Behindertenpolitik“ (erschien von 2000 bis 2006, Näheres unter der URL: http://www.bioskop-forum.de/newsletter_behindertenpolitik/newsletter-erklaerung.htm [Download: 15.02.2009]) und „kobinet“ (URL: http://www.kobinet-nachrichten.org/ [Download: 15.02.2009]).

Es folgen Anmerkungen (kritische Anmerkung des Rezensenten hierzu siehe unten), Abbildungshinweise und eine Literaturauswahl.

Diskussion

Udo Sierck merkt an, dass Franz Christoph immer sehr kritisch die Nichtbehinderten angesehen hat, die für die Behinderten sprechen und sich somit für die Behinderten einsetzen wollen. Als Beispiel wird hier die Rolle des nichtbehinderten Ernst Klee angeführt. Sierck führt an, dass Klee sich in diesem Ruhm sonne. „Nach Franz Christoph hätte er eigentlich den Mund zu halten, wenn es um die Belange behinderter Leute geht“ (S. 35). Diesbezüglich muss dann im Sinne Christophs nach der Rolle des nichtbehinderten Autors des vorliegenden Bandes, Christian Mürner, gefragt werden.

Horst Frehe führt in einem Interview aus , dass die heutige Behindertenszene „überhaupt kein Interesse an theoretischer Diskussion“ (S. 44) hat. Das sehe ich nicht so. 2007 hat sich ja die Zeitschrift Mondkalb, in der ersten Ausgabe noch als Zeitschrift für Politik und Kultur und in den Nummern 2/2007, 1/2008 und 2/2008 als Zeitschrift des organisierten Gebrechens herausgegeben, gegründet. Wie bei der Krüppelzeitung sind in der Redaktion ausschließlich Behinderte. Da für die professionelle Produktion einer Zeitschrift diesen Formats zwei gesunde Hände erforderlich sind, ist einzig der Layouter nicht behindert. Online ist die Mondkalb unter der URL: http://www.mondkalb.net.tc/ [Download: 14.02.2009] abrufbar.

„Gerade die latente Anpassung an die Normalität unter Behinderten sei ein Problem. Denn wenn Nichtbehinderte in Behinderteninitiativen mitarbeiten (und aktuell geschieht das auch unter dem Deckmäntelchen der Integration und Inklusion – CR), repräsentieren sie diese Normalität“ (S. 58). Eigene Erfahrungen aus der jüngeren Zeit belegen diese Worte von 1981: Zur letzten Jahrtausendwende hat der Rezensent eine Behinderteninitiative in Witten gegründet. Hieran nahmen einzelne engagierte Behinderte teil. Die Mehrzahl der Teilnehmer bestand jedoch aus profilierungssüchtigen Ratsmitgliedern, die den Behinderten ihre Meinung aufdrängten und letztlich sogar in einer Ratssitzung im Jahr 2005 die, durch den behinderten Rezensenten als Ratsmitglied beantragt, Installierung eines Behindertenausschusses im Rat der Stadt Witten ablehnten.

Bezeichnend war übrigens auch die Reaktion einer 32-jährigen Freundin, die das Buch auf dem Schreibtisch des Rezensenten erblickte und nach dem Lesen des Buchtitels meinte, dass sich der Rezensent doch mit etwas Positivem beschäftigen soll und nicht mit diesem Elend.

Fazit

Das Buch behandelt in gebündelter Form die Probleme, denen die Behinderten auch heute noch gegenüberstehen, wenn auch in einem fortschrittlicheren neuen Gewand. Kritisch zu bemerken ist die Bündelung der 61 Anmerkungen auf den Seiten 176 bis 180. Als einarmiger Rezensent war es mir immer nur mit viel Mühe möglich, diese lesenswerten Anmerkungen zu lesen. Eine bessere Variante, die dann auch den einarmigen Lesern zugute kommt, ist das Abdrucken der Anmerkungen auf der jeweiligen Textseite.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 20.03.2009 zu: Christian Mürner, Udo Sierck: Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2009. ISBN 978-3-930830-80-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7543.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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