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Peter Pantucek, Maria Maiss (Hrsg.): Die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt

Cover Peter Pantucek, Maria Maiss (Hrsg.): Die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 170 Seiten. ISBN 978-3-531-16514-1. 29,90 EUR.
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Thema

Mit dem Buch „Die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt“ wird einer, lange zu Unrecht in Vergessenheit geratenen österreichischen Theoretikerin der Sozialen Arbeit, gewürdigt.

Aus unterschiedlichen Perspektiven bringen die AutorInnen des Sammelbandes das Denken von Ilse Arlt (1876-1960), die auch als die Begründerin der ersten Fürsorgerinnen Schule in Wien gilt, mit aktuellen Ansätzen und Fragestellungen der Sozialen Arbeit in Verbindung.

Dabei zeigt sich, dass die Möglichkeiten an Arlts Werk anzuknüpfen vielfältig sind.

HerausgeberInnen

Mag. Dr. Maria Maiss studierte an der Universität Wien Pädagogik und Philosophie. Zurzeit arbeitet sie als Dozentin für Philosophie, Ethik und Theorie der Sozialen Arbeit an der FH St. Pölten.

Prof (FH) DSA Mag. Dr. Peter Pantucek ist Studiengangsleiter des Masterstudiengangs Soziale Arbeit an der FH St. Pölten sowie Leiter des Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung.

Entstehungshintergrund

2007 wurde in an der FH St. Pölten das neugegründete Institut für soziale Integrationsforschung nach Ilse Arlt benannt. In diesem Rahmen fand das erste Ilse Arlt Kolloquium statt. Die Vorträge dieser Veranstaltung sind im vorliegenden Sammelband enthalten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in die Abschnitte

  1. Biographisches,
  2. Anschlüsse an Gegenwartsdiskussionen und
  3. Wissenschaftlichkeit.

Im ersten Teil setzen sich sowohl Silvia Ertl als auch Werner Steinhauser mit der Lebensgeschichte von Ilse Arlt auseinander.

Ertl, die ihre Diplomarbeit schon 1995 über Ilse Arlt verfasste, schildert in einem sehr narrativ gehaltenen Artikel unter dem Titel „Auf den Spuren Ilse Arlts. Beschreibung einer Wiederentdeckung“ ihre Erfahrungen bei der Recherche zu Ilse Arlts Leben. Dabei zeichnet sie das Bild einer Frau, die nicht nur im Bereich der Sozialen Arbeit sondern auch in ihrer Auffassung zu methodischen Fragen der Fürsorgerinnenausbildung ihrer Zeit weit voraus war.

Der Ehrengast des Kolloquiums und langjähriger Direktor der Akademie für Sozialarbeit für Berufstätige in Wien, Werner Steinhauser streicht in seinem Referat mit dem Titel „Ilse (von)Arlt als Begründerin der SozialarbeierInnenausbildung im Alten Österreich und Theoretikerin einer zu schaffenden Fürsorgewissenschaft“ vor allem Arlts Aktualität in Bezug auf die Entwicklung der Sozialarbeit als Profession hervor. Arlt stellt die Forderung auf, Forschung, Ausbildung und Praxis als eine Einheit zu sehen und verlangt schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die systematische Erfassung der Ursachen und Wirkungen sozialer Probleme.

Im darauffolgenden Abschnitt „Anschlüsse an Gegenwartsdiskussionen“ weist Peter Pantucek in seinem Artikel „Institutionskritik, Individualisierung, Gesellschaft. Ilse Arlts Denken als Anregung“ auf zwei, den ersten Blick konträre Aspekte hin, die sich durch Arlts Werk ziehen: zum einen die leidenschaftliche Hingabe an den Hilfsgedanken und die Liebe zu den „Unglückseligen“ zum anderen die kompromisslose Ausrichtung zur wissenschaftlichen Rationalität. Er nimmt ihre Aussagen zu einer Fürsorgewissenschaft, die sie im Jahre 1958 veröffentlichte auf und streicht deren aktuelle Bedeutung heraus. Arlts Aktualität wird auch an ihrem anspruchsvollen Programm einer Fürsorgewissenschaft deutlich, indem sie drei Perspektiven in den Blick nimmt: die gesellschaftliche Situation, die Situation der KlientInnen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen ausgeliefert sind und die Institutionen des Sozialwesens, die oftmals einen Bedarf konstruieren abseits den Bedürfnissen der Betroffenen. Pantucek erweitert Arlts Überlegungen zu der Hypothese, dass Soziale Arbeit dort einsetzt, wo schematische Hilfe nichts mehr ausrichtet und individualisierte Hilfe erforderlich ist.

Maria Maiss geht im Artikel „Soziale Arbeit im Dienste der Ermöglichung substanzieller / materieller Bedingungen von Freiheit und Wohlleben“ auf Arlts Bedürfnistheorie ein und stellt diese in Bezug zu den Arbeiten des indischen Nobelpreisträgers Amartaya Sen und der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum. Ähnlich wie Arlt versuchen Nussbaum und Sen gesellschafts- und kulturübergreifende Kriterien zu entwickeln, deren Erfüllung das „Gute Leben“ im aristotelischen Sinne sicher stellt. Sind es bei Arlt 13 Bedürfnisse die über eine Notschwelle hinaus befriedigt werden müssen, so kommen Sen und Nussbaum auf 10 Fähigkeiten. Erst wenn die Möglichkeit zur Ausübung dieser Fähigkeiten vorhanden ist, kann von einem menschenwürdigen Leben gesprochen werden.

Gertraud Pantucek geht im Artikel Ilse Arlt als Pionierin bei der Professionalisierung eines Frauenberufs“ dem Engagement nach, das Arlt für die Ausbildung von Frauen zu Wohlfahrtspflegerinnen an den Tag legte. Pantucek kommt zu dem Schluss, dass Arlts Leitideen sowohl in den Theorien und in der Praxis der Sozialen Arbeit geflossen sind, ohne dass ihre Urheberschaft bewusst wahrgenommen wurde. Mit der Benennung des neugeschaffenen Instituts nach Ilse Arlt soll diesem Unsichtbarwerden weiblichen Wirkens entgegengetreten werden.

Cornelia Frey, die sich 2005 in ihrem Buch „Respekt vor der Kreativität des Menschen - Ilse Arlt: Werk und Wirkung“ ausführlich mit Ilse Arlt beschäftigte, geht in ihrem Beitrag zuerst auf den sozialgeschichtlichen Kontext ein. In ihrem Artikel „Ilse Arlt. Eine frühe Systemikerin?“ stellt sie Wien um die Jahrhundertwende dar, eine Zeit in der die repressive Armutspolitik Zwangsarbeitsgesetze und Besserungsanstalten als Maßnahmen der Armutsbekämpfung, hervorbrachte. Erst wenn dieser Hintergrund mitgedacht wird, zeigt sich deutlich, wie weit Arlt ihrer Zeit voraus war, als sie die Steigerung der Lebensfreude der KlientInnen als Ziel ihrer Fürsorgewissenschaft setzte. Frey vergleicht in weiterer Folge die Hauptelemente Arlts Fürsorgetheorie mit Postulaten aktueller systemischer Ansätze und findet zahlreiche Parallelen.

In ähnliche Richtung geht Michaela Just, die angeregt durch die Lektüre des Buches von Cornelia Frey, sich in ihrem Beitrag „Ilse Arlt. Empowerment durch eine Fürsorgewissenschaft“ auf die Spurensuche nach Ermächtigungsansätzen bei Ilse Arlt macht. Sie sieht in Arlt eine Theoretikerin, die schon sehr früh dem Defizitblickwinkel eine Absage erteilte und die Stärken der Menschen ins Zentrum rückte.

Johannes Pflegerl beschäftigt sich in seinem Artikel „Die Frage des Wie. Ein Aspekt von Qualität in der Dienstleistungserbringung am Beispiel Fremdunterbringung“ mit den Ergebnissen rund um ein Forschungsprojekt zu Qualitätsfragen in der Fremdunterbringung, das im Rahmen der EntwicklungspartnerInnenschaft Donau-Quality in Inclusion sattgefunden hat. Dabei stellt er seiner Meinung nach erstaunliche Querverbindungen zu Arlts Forderungen an die Praxis der Sozialarbeit fest, wie etwa ihre Forderung des genauen Erfassens des Einzelfalls um treffsicher auf die Bedürfnisse der KlientInnen eingehen zu können. Er appelliert für ein neues Verständnis von Wirksamkeit. Nicht die Anpassungsleistung der Jugendlichen soll gemessen werden, sondern inwieweit es gelingt auf die Bedürfnisse der KlientInnen zu reagieren.

Manuela Brandstätter untersucht in ihrem Referat „Ländliche Armut. Theoretische Grundlagen aus der Arlt‘schen Bedürfnistheorie“, ob Arlts Auseinandersetzung mit Armut in Bedürfnisklassen ein geeignetes Instrument ist, dem Phänomen Armut im ländlichen Raum zu begegnen. Sie kommt zu dem Schluss, dass Arlts begrifflicher Apparat sich ausgezeichnet eignet, der Schichtblindheit politischer Verantwortungsträger entgegenzuwirken, da Arlts Bedürfnistheorie sowohl subjektive Fälle narrativ darstellen kann, als auch eine Basis für eine quantitative Erfassung durch Zahlenmaterial bietet.

Tom Schmid beginnt seinen Artikel Ilse Arlt und Gösta Esping-Anderson: Das Insider-Outsider Problem in der Sozialpolitik“ mit einem Abriss über die Entwicklung des Österreichischen Sozialstaates und stellt in weiterer Folge zwei unterschiedliche Sozialstaatsmodelle, das kausal- und das final orientierte, vor. Im kausalorientierten Sozialstaat spielt die Absicherung durch Erwerbsarbeit eine zentrale Rolle. Diese Ausrichtung favorisiert männliche Lebensentwürfe. Im Sinne Arlts geht er der Frage nach ob nicht ein personenzentrierter Ansatz, sprich Sozialarbeit, die Absicherung durch Erwerbsarbeit ergänzt.

Der Dritte und letzte Abschnitt des Buches trägt den Titel „Wissenschaftlichkeit“. Dort findet sich der Artikel „Theorie und Praxis. Eine gefährliche Liebschaft“ von Maria Dorothea Simon, langjährige Direktorin der Sozialakademie Wien. Sie reflektiert über die Qualität von Theorien und folgt dabei der Tradition des kritischen Realismus, indem sie überholte Theorien falsifiziert und Hypothesen und nicht überprüfbare Theorien ihren wissenschaftlichen Gehalt abspricht. Die (hoffentlich) rhetorisch gemeinte Frage „brauchen wir überhaupt Theorien“ bejaht sie und fordert nicht nur gut fundierte empirische Untersuchungen die Handlungstheorien absichern, sondern wünscht sich auch ein verstärktes Engagement im Bereich der Erkenntnistheorie der Sozialen Arbeit.

Diskussion

Auffallend an diesem Sammelband ist die Heterogenität der Beiträge, die sich sowohl stilistisch als auch an der unterschiedlichen Intention, am roten Faden, die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt, anzuknüpfen, zeigt.

Zu bemängeln ist, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Theorie der Sozialarbeit von Staub-Bernasconi bzw. Werner Obrecht fehlt. Ebenso wie Ilse Arlt definiert Staub-Bernasconi Soziale Arbeit nicht über ihre Funktion (Inklusionsvermeidung) sondern über eine inhaltliche Festlegung, den Bedürfnissen der KlientInnen.

Der Verdienst dieses Sammelbandes ist es, die Vielschichtigkeit des Werkes von Ilse Arlt, die Fragen zur Interaktion mit KlientInnen, zu Qualitätsstandards, zu Lehre und Forschung und zu Profession und Disziplin umfasst, deutlich herauszustreichen.

Fazit

Das im Titel angekündigte Vorhaben, die Aktualität des Denkens von Ilse Arlts aufzuzeigen ist zu einem großen Teil gelungen. Erstaunlich viele Bezüge zwischen Arlts Werk und aktuellen Themen heutiger Sozialer Arbeit werden hergestellt. Die Lektüre macht auf jeden Fall Lust sich intensiver mit dieser Frau, die ihrer Zeit so weit voraus war, zu beschäftigen.


Rezensentin
Mag. Andrea Trenkwalder-Egger
Dozentin für Soziale Arbeit am MCI, Management Center Innsbruck, Internationale Hochschule GmbH


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Zitiervorschlag
Andrea Trenkwalder-Egger. Rezension vom 23.07.2009 zu: Peter Pantucek, Maria Maiss (Hrsg.): Die Aktualität des Denkens von Ilse Arlt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16514-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7546.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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