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Helena Srubar: Ambivalenzen des Populären

Cover Helena Srubar: Ambivalenzen des Populären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2008. 399 Seiten. ISBN 978-3-86764-047-3. 39,00 EUR, CH: 66,00 sFr.

Reihe: Erfahrung - Wissen - Imagination - Band 16.
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Das Ost-West Kinderfernsehen: Zur Einleitung

Einer ganzen Generation von heutigen Mit-Dreißigern ist die Figur des Pan Tau seit ihrer Kindheit vertraut. Als Kinderhelden noch nicht lautstark ihre hohlen Phrasen rufen mussten, noch nicht in hektischer Manier agierten und auch sonst keine quietschbunten Kleider trugen, waren die Zeiten im Kinderfernsehen noch in Ordnung. Pan Tau war ein zurückhaltender und stummer Mann, der sich mit einer Geste an seiner Melone winzig klein machen konnte. Stets war er auf Seiten der Kinder und wehrte sich gegen die Ungerechtigkeiten der Welt. Pan Tau verkörperte das Gute im Kinderfernsehen.

Helena Srubars Buch „Ambivalenzen des Populären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West“ untersucht die populären tschechischen Kinderserien, die seit dem Ende der sechziger Jahre im westdeutschen Programm der ARD ausgestrahlt wurden. Vornehmlich hat sie Pan Tau (1969-1978), Die Märchenbraut (org. Titel: Arabela, 1980-1981) und Die Besucher (org. Titel: Návštěvníci, 1983-1984) in das Zentrum ihrer Untersuchung gestellt, wenn auch sie die anderen zahlreichen tschechischen Serien und Märchenfilme, die ebenfalls in der Bundesrepublik liefen, im Blick behält.

In ihrer Arbeit hinterfragt Srubar die Ost-West Kooperation des öffentlich rechtlichen WDRs mit den sozialistischen Produzenten hinter dem Eisernen Vorhang. Dabei stellt sie sich die Frage, weshalb diese Serien einen kulturübergreifenden Erfolg hatten und welche Deutungsmuster man aus ihnen ableiten kann. Das vorliegende Buch ist die Veröffentlichung ihrer Dissertation in Soziologie an der Universität Konstanz. Helena Srubar wurde hierbei von der Volkswagenstiftung gefördert und arbeitete in diesem Rahmen in der Nachwuchsforschungsgruppe „Konzeptualisierung und Status kleiner Kulturen" an der Universität Regensburg mit. Ihr Ausgangspunkt ist das wissenssoziologische Konzept Bergers und Luckmanns.

Pan Tau und die Ambivalenzen

"Ambivalenzen des Populären" ist in seiner Gesamtheit systematisch gegliedert und folgt einem streng wissenschaftlichen Stil. Helena Srubar hat ihr Buch dabei in zwei Blöcke eingeteilt. Im ersten Teil nähert sich die Autorin der Produktions- und Rezeptionsgeschichte der tschechoslowakischen Kinderserien an. Hier bereitet sie die theoretischen Grundlagen und die historischen Hintergründe für die im zweiten Teil folgenden Analysen vor. Sie beschreibt, wie sich die Wahrnehmung der tschechischen Serien in der Bundesrepublik auf die ästhetische und erzählerische Qualität richteten und wie in ihnen eine völkerverständigende Wirkung, wenn nicht sogar eine potentiell sozialismuskritische Haltung, gesehen wurde. Dagegen sah man in der CSSR diese Serien eher als absolut unpolitisch, beziehungsweise als staatskonform an.

Helena Srubar verbindet ihr Thema mit dem Inhalt des Forschungskolloquiums an dem sie im Rahmen ihrer Dissertation teilgenommen hat und stellt die "Kleinheit" der tschechischen Kultur besonders heraus, verortet diese in die Zeitgeschichte, von der deutsch-österreichischen Einflussnahme über den Prager Frühling und der Normalisierungszeit bis ins Heute. Dabei stellt sie die Sichtweisen der Filmemacher in der CSSR und ihre Intensionen im größeren tschechischen Kontext den geldgebenden Produzenten in der BRD gegenüber.

Ihre Quellen für die Untersuchung sind neben den Filmen hauptsächlich Interviews mit den jeweiligen Medienschaffenden, die sie teilweise selber geführt hat. Auf Seiten der Bundesrepublik sind ihre Hauptquellen, neben verschiedenen Akten aus dem Archiv des Westdeutschen Rundfunks, die Aussagen des ehemaligen Chefs der Sparte Kinderunterhaltung im WDR Gert Müntefering, der für die Sendeanstalt die tschechoslowakische Programme nach Deutschland geholt hatte. Die tschechoslowakische Perspektive wird von Ota Hofman (Drehbuchautor), Jindřich Polák (Regisseur von Pan Tau, Die Besucher und Luzie, der Schrecken der Straße), Václav Vorlíček (Regisseur von Die Märchenbraut und Der fliegende Ferdinand) und Marcela Pittermannová (Drehbuchautorin) bedient.

Helena Srubar stellt sich in ihrem Buch der Frage, inwieweit die tschechischen Kinderserien, als tschechische Populärkultur, zwischen den divergierenden Annahmen steht, sie seien eine unpolitische Nische, bzw. sie dienten dem Staat als systemstabilsierendes Instrument. Hierbei geht sie den national historischen Einflüssen, die sie als Konstanten der Kulturgeschichte begreift, als auch den Bedingungen der internationalen und systemübergreifenden Co-Produktionen nach.

Im zweiten Teil ihres Buches analysiert sie die drei vorher genannten Serien, während die Analyse der drei Staffeln von Pan Tau den größten Part ausmacht.

Der Erfolg der Serien in Ost und West wird von den Machern dem Umstand zugeschrieben, dass diese die universellen Werte Europas transportieren. Srubar deckt die unkritische westliche Haltung gegenüber den Serien, die schließlich aus einem konkurrierenden Gesellschaftssystem stammten, auf. Auch den tschechischen Rezipienten boten die Serien unterschiedliche Lesarten an. In ihrer Analyse kommt Srubar zu dem Schluss "…, dass die in das Material [die Serien] eingeschriebenen Deutungsmuster im Rahmen des tschechischen Diskurses ambivalent lesbar sind…" (S. 248). Diese Deutungsmuster seien dabei im sozialistisch-humanistischen Wertekanon verankert, weswegen sich die Autorin darüber wundert, dass von konservativen Seiten in der Bundesrepublik hieran keine Kritik geübt wurde. Srubar vertritt die These, "…, dass die Vorstellung vom tschechoslowakischen Kinderfilm als idologiefreier, bzw. unpolitische Nische […] ad acta zu legen…" sei (S. 339). Es gäbe nämlich in Bezug auf die sozialistischen Topoi und Werte eine Kontinuität in den Filmen, die trotz Co-Produktion mit dem Westen den Filmen inhärent geblieben sei.

Über diese Muster hinaus, dienten die tschechoslowakischen Kinderfilme für die Macher ebenso als Nische in der sozialistischen Kulturproduktion (S. 364). Zudem waren in den Filmen neben dem sozialistischen Wertekanon auch tschechische Idententifikationsmuster eingeschrieben, die im Rahmen der Kleinheit als nationale Kultur den Prinzipien des sozialistischen Realismus nicht entgegenstanden. Srubar hat den Kinderserien wie Pan Tau, Die Märchenbraut und Die Besucher sogar "… einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung der Mental Map des „Kalten Krieges„…" (S. 370) zugestanden.

Humanismus, Werte und die "Kleinheit": Zur Diskussion

Im Zentrum ihrer Arbeit steht für Helena Srubar die in den Serien inhärenten tschechischen Werte des Humanismus und die Verortung der tschechischen Kultur in Europa, vornehmlich in Westeuropa. Dabei stellt sie diese der Theorie der kleinen Nation, die sich gegen die hegemonialen Bestrebungen der größeren Nachbarnationen, insbesondere Deutschlands, erwehren müsse, entgegen. In den tschechischen Kinderserien wird daher häufig auf den Topos des kleinen Mannes verwiesen, des einfachen Bürgers. Dieser Einblick in die tschechische Kultur ist sehr erhellend, zumal Srubar es schafft, dies in einen historischen Kontext zu betten. Besonders die Einschränkungen in den Medien, die nach den Ereignissen des Prager Frühlings folgten, und der Umgang der Künstler mit den veränderten Bedingungen sind aus historischer Sicht interessant. Sie folgt dabei den Biografien der Filmemacher und legt die Produktionsbedingungen der Fernsehserien offen, wie sie im Spannungsfeld der Interessen des WDRs und der staatlichen tschechoslowakischen Produkionsgesellschaft entstanden sind. Dabei reißt sie neben dem Geldtransfer, die Serien galten als Devisenbeschaffer für die CSSR, auch einen Ideologietransfer von Ost nach West an. Hier wäre besonders eine nähere Analyse von Lucy, der Schrecken der Straße interessant, da diese Serie Außenaufnahmen von Köln als Setting nutzte.

Die persönlich geführten Interviews runden den Blick ab und geben zusätzliche Einblicke in die Entstehung von Pan Tau und Co. Dabei verliert sich Srubar jedoch etwas in den Tiefen ihrer Arbeit, die zwar sehr wissenschaftlich strukturiert, aber nicht rund wirkt. Die zentralen Thesen werden mehrfach wiederholt, um ihre Bedeutung nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Problem kristallisiert sich dabei in dem Buch heraus. Es ist ein Werk, das sich mit Film, bzw. Fernsehen, beschäftigt, aber es fehlt an manchen Stellen der souveräne Umgang mit dem Medium. Vielmehr scheinen Pan Tau, Die Märchenbraut und Die Besucher nur als Vehikel zu fungieren, um ihre Theorie der kleinen (tschechischen) Nation zu bedienen. Leider verzichtet Helena Srubar auf aktuelle film- und fernsehtheoretische Forschungsliteratur, außer einer Einführung in die Filmanalyse, und stellt den Korpus der tschechischen Kinderserie solitär dem der amerikanischen Konkurrenz entgegen. Während sie den tschechischen Serien humanistische und sozialkritische Attribute zuschreibt, sieht sie diese in der sozialistischen Kultur begründet. Die anderen prägenden Kinderserien der Zeit aus der Feder von Astrid Lindgren (Pippi Langstrumpf, Michel) oder die japanischen Animeserien wie Heidi spielen in ihrer Bewertung der bundesrepublikanischen Fernsehlandschaft keine Rolle. Hier liegt ein großes Manko in ihrer Arbeit, da besonders die genannten Beispiele mit ihrem Wertekanon erhebliche Ähnlichkeiten zu den tschechoslowakischen Serien (Humanismus, kapitalistische/bürgerliche Gesellschaftskritik, Humor, "Kleinheit") aufweisen.

Zielgruppe und Fazit

"Ambivalenzen des Populären" ist eine soziologische Dissertation, die aus einem Forschungskolloquium entstand und damit weniger an ein breites Publikum gerichtet ist. Die Satzkonstruktionen sind kompliziert, der Text gespickt mit Fremdwörtern und Fachbegriffen und die Fußnoten reichlich, lang und öffnen hier und da neue Diskussionsstränge, so dass es schwierig ist, Helena Srubar in ihren Gedankengängen zu folgen. Während die soziologische und politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema im Zentrum steht, sind pädagogische oder medienwissenschaftliche Aspekte in dem Werk eher marginal. Helena Srubars "Ambivalenzen des Populären" ist eine wissenschaftliche Arbeit, die fundiert in die Soziologie der "kleinen Nation" Tschechien, bzw. ihrer Vorgängernation der CSSR, einführt und interessante Einblicke in die Produktion der beliebten Serien gewährt.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 26.06.2009 zu: Helena Srubar: Ambivalenzen des Populären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2008. ISBN 978-3-86764-047-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7548.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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