socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Inga Mau: Bedingungen und Korrelate des Schulabsentismus

Cover Inga Mau: Bedingungen und Korrelate des Schulabsentismus. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2008. 131 Seiten. ISBN 978-3-86676-044-8. 19,80 EUR.

Reihe: Polizei & Wissenchaft.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Überblick

In der systematisch aufgebauten Studie zum Schulabsentismus wird zunächst die schulrechtliche Seite des Sachverhaltes erörtert, um dann zu einer Begriffsbestimmung zu kommen. Die Autorin sichtet die leider vorhandene begriffliche Vielfalt der Definitionen zum Absentismus ( schwänzen, verweigern, zurückhalten, Ausstieg, Verdrossenheit, unregelmäßiger Schulbesuch ) und entscheidet sich für Absentismus als Oberbegriff in Anlehnung an den renommierten Schulexperten Ricking. Diesem Obergriff folgen dann alle Formen eines veränderten Schulbesuchsverhaltens. Pathologische Schulangst, die zum Absentismus führt, wird allerdings nicht benannt. Ebenfalls nicht einfach ist die Erfassung der Fehlzeiten, die in den einschlägigen Studien sehr unterschiedlich gehandhabt wird und kaum Vergleiche ermöglicht. Dennoch belegen die Ausführungen von Mau zum Umfang des Schulabsentismus, dass ein sehr ernst zunehmendes Problem vorliegt. Sie entscheidet sich dafür, von einem veränderten Schulbesuchsverhalten zu sprechen, wenn die Schüler selbst angeben, regelmäßig Stunden oder Tage im Monat zu fehlen.

Inhalt

Die Verursachungsfaktoren, die zum Absentismus führen, werden auf fünf Bedingungsfelder eingegrenzt:

  1. Familie: z.B. häusliche Gewalt, sozioökonomischer Status, Beziehungsprobleme der Eltern.
  2. Persönlichkeit: Alter, Geschlecht, Krisen im emotionalen Bereich, mangelnde Frustrationstoleranz.
  3. Soziales Umfeld: Werteverlust, soziale Benachteiligung.
  4. Schule: Klassenklima, Probleme mit Lehrkräften, Leistungsprobleme.
  5. Peers: Statusprobleme in der Gleichaltrigengruppe, Verstärkung der Nichtakzeptanz von Lehrkräften.

Präventive Strategien werden nur sehr kurz erwähnt, was allerdings angesichts vielfältiger Bemühungen in der Schule und in der Jugendhilfe schade ist.

Zentral für die Studie ist indes der wichtige Begriff der Selbstwirksamkeit als entscheidender Steuerungsfaktor für menschliches Handeln. Selbstwirksamkeit beschreibt, vereinfacht formuliert, die subjektiven Erfolgsüberzeugungen beim Umsetzen von Handlungsabsichten. Der Gegenbegriff ist sozusagen Hilflosigkeit, z.B. eine schulbezogene erlernte Hilflosigkeit angesichts schulischer Anforderungen. Das empirische Untersuchungsinteresse der Autorin richtete sich auf dieses, von dem amerikanischen Psychologen Bandura entwickelte, Begriffskonzept. Aus diesem Konzept bzw. der dahinter stehenden Theorie lassen sich Motivationsfaktoren ableiten, die Schulabsentismus begründen .Dazu gehört die bereits genannte Hilflosigkeit , ein Desinteresse an einem Schulabschluss und die Normorientierung von Schülerinnen und Schülern an Fleiß, Pünktlichkeit und dem Erledigen von Hausaufgaben. Aufgrund eines auf internationalen Forschungsergebnissen beruhenden Zusammenhanges zwischen Schulabsentismus und Delinquenz wird auch dieser Sachverhalt in die Fragestellungen der Studie mit einbezogen.

Auf diesem Hintergrund wird eine statistisch aufwändige Untersuchung an zwei Kieler Hauptschulen durchgeführt (n = 269). Dementsprechend fällt der empirische Teil der Untersuchung sehr umfangreich aus. Es werden die aufgestellten Hypothesen überprüft sowie explorierende Fragen gestellt. Aus dem reichhaltigen Datenmaterial und der Vielzahl der Ergebnisse sollen im folgenden die wichtigsten signifikanten Erkenntnisse dargestellt werden:

  • Schüler mit einem veränderten Schulbesuchsverhalten besitzen eine geringere Selbstwirksamkeit als Schüler mit normalen Schulbesuchsverhalten.
  • Je höher die unerlaubten Fehlzeiten der Schüler sind, desto geringer ist die schulbezogene Selbstwirksamkeitserwartung.
  • Je höher die unerlaubten Fehlzeiten der Schüler sind, desto höher ist die erlebte Hilflosigkeit.
  • Je höher die unerlaubten Fehlzeiten sind, desto geringer wird der Schulerfolg eingeschätzt.
  • Je höher die unerlaubten Fehlzeiten sind, desto geringer ist die Normorientierung.
  • Je höher die unerlaubten Fehlzeiten sind, desto höher liegt das Risiko zu delinquenten Verhaltensweisen ( dreifache Erhöhung ).

Die sich gegenseitig ergänzenden Ergebnisse skizzieren einen häufig fehlenden Schüler, der dem System Schule letztlich hilflos gegenübersteht. Hier wird auch sehr deutlich, wie irreführend der Begriff Schulverweigerung sein kann. Bei den explorativen Fragestellungen ergeben sich interessante Hinweise zum Alter, zum Geschlecht, zur Migration, zum Notendurchschnitt und dem Wissen der Eltern um Fehlzeiten.

Abschließend seien die Antworten auf die Frage „ Was nervt dich an der Schule am meisten?“ dargestellt:

  • Lehrer allgemein ( 45,3 Prozent),
  • Verhaltensweisen von Lehrern (14,7 ),
  • Probleme mit Mitschülern (17,3 ),
  • Schulzeiten (10,7),
  • Hausaufgaben (9,3),
  • Probleme mit Ausländern (2,7),
  • andere Angaben (13,3).

Fazit

Die Studie stellt einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag zum Schulabsentismus in Deutschland dar und ergänzt amerikanische Studien zum Thema. Bedeutsam ist das Konzept der Selbstwirksamkeit im gesamten schulischen Kontext, weshalb sich auch bereits praktische Umsetzungen in therapeutischen und sozialpädagogischen settings aktuell finden lassen. Beispiele hierfür sind Stabilisierungsprojekte bei Schulabsentismus aber auch soziale Trainingskurse, Maßnahmen zur Gewaltprävention oder auch die Streitschlichterausbildung.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 16.04.2009 zu: Inga Mau: Bedingungen und Korrelate des Schulabsentismus. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-86676-044-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7551.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung