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Matthias Bähr (Hrsg.): Neues aus Pflegeland

Cover Matthias Bähr (Hrsg.): Neues aus Pflegeland. Pflegegeschichten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 149 Seiten. ISBN 978-3-456-84636-1. 14,95 EUR, CH: 24,90 sFr.

Reihe: Programmbereich Pflege.
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Thema

Die Autoren beschäftigen sich mit dem Thema Pflegen und Gepflegt-Werden, wobei sie mit unterschiedlichen Stilmitteln das Innenleben der Pflege und der beteiligten Menschen beleuchten.

Herausgeber und Autoren

Matthias Bähr ist Pflegefachmann und Berufsschullehrer im Gesundheitswesen sowie Schriftsteller und Publizist. Er hat neben Kurzgeschichten, Lyrik und Prosa auch das Sachbuch „Pflegebedürftigkeit – was nun? – Wenn die Eltern älter werden“ (Urban & Fischer 1999) verfasst.

Jürgen Georg ist Pflegefachmann, -lehrer und –wissenschaftler. Er gibt den Pflegekalender heraus, ist Lektor im Huber-Verlag und schreibt für das Fachmagazin für Pflege und Betreuung „NOVAcura“.

Bernd Meyer ist Pflegefachmann, -lehrer, -wirt und –wissenschaftler sowie Qualitätsmanager. Er ist Lehrbeauftragter der Hamburger Fernhochschule und selbstständig u.a. in der Fort- und Weiterbildung tätig.

Entstehungshintergrund

Mit „Neues aus Pflegeland“ liegt eine literarische Auseinandersetzung mit Erfahrungen und Erlebnissen aus dem Bereich Pflegen und Gepflegt-Werden vor. Es möchte die Realität durch Übertreibung sichtbar machen, skurrile Charaktere zeigen, die Pflege als eine abwechslungsreiche Hügellandschaft darstellen. Es möchte mit mehr Facetten der Pflege aufwarten, als es schlechte Nachrichten tun und dabei nicht mit erhobenem Zeigefinger drohen, sondern zum Nachdenken, zum Schmunzeln, Lachen oder Weinen anregen – oder schlicht der Unterhaltung dienen.

Aufbau

Das Buch „Neues aus Pflegeland“ ist eine Zusammenstellung von 29 Kurzgeschichten im Stil von Anekdote, Science-Fiction, Satire, Fabel oder Krimi aus der Welt der Alten- und Krankenpflege, alle illustriert mit Fotos oder Cartoons. Vorangestellt sind ein Geleitwort von Dr. Angelika Zegelin aus dem Wissenschaftsbeirat und ein Vorwort vom Herausgeber.

Inhalt

Matthias Bährs Geschichten, die den Großteil aller Pflegegeschichten ausmachen, haben v.a. die Erlebniswelt alter Menschen im Seniorenheim zum Thema. Besonders den Umzug ins Heim als ein besonders traumatisierendes Erlebnis und die entmündigende Behandlung der alten und quasi übrig gebliebenen Menschen stellt er ins Zentrum seiner Geschichten, die besonders sensibel und größtenteils aus der Perspektive der Betroffenen geschrieben sind. Da ist zum Beispiel das alptraumhafte Erleben von Frau Blumenstein („Ich bin ein Stein“), deren von Angst, Unterdrückung und Verfolgung geprägte Vergangenheit sich ungefiltert durch die Behandlung im Heim Bahn bricht. Frau Niemann wird im Seniorenheim von Pflegekräften wie „ein altes, erwachsenes Kind“ (S. 22) behandelt, wo sie mit „wir“ angesprochen und passivierend gepflegt wird. Pflegehandlungen, wie das Katheterisieren und der Einsatz von Bettgittern, Fremdbestimmung und ein harscher Umgangston wecken Kindheitstraumen der Bewohner, lassen sich Vergangenheit mit Gegenwart vermischen und lösen Verhaltensweisen aus, die aus der Sicht von Pflegenden als „aufmüpfig“, „aggressiv“ oder „verwirt“ beschrieben werden.

Die Fremdbestimmer, das sind bei Bähr vor allem die Pflegekräfte, aber auch die Söhne, Töchter und Ärzte. Allein die Enkel („Das war eine schwere Geburt“) und Pflegepraktikanten („Das wirst Du noch lernen“) können sich auf die Wünsche und Besonderheiten der alten Menschen einlassen. Die alten Menschen finden keinen guten Draht zur Gegenwart, ihre Wünsche und Bedürfnisse können nur erfüllt werden, wenn sie ins System passen: „Ich bin keine Wollerin mehr, darf keine Dürferin sein. Mit einem Sabbermäulchen spricht man nicht“ (S. 55), bringt es „Frau Wolkenstein, das irre Sabbermäulchen“ auf den Punkt.

Mit Spannung erwartet man bei Jürgen Georgs Geschichten „Fällt Frieda Frell?“ oder „Mit Trudi Turtle turteln“ den Ausgang oder die Auflösung der Geschichte. Die Entstehung der Pflege und -theorie in „Das Buch Nancy – Ein Schöpfungsmythos“ wird im Stil der biblischen Genesis erzählt. Automatisiert und voll durchprogrammiert kommen die Arbeit und Versorgung der Menschen in den Science-Fiction Geschichten „2033 – Schöne neue Pflegewelt“ und „www.pflege-2038.fiction“ daher.

Bernd Meyers Protagonisten sind skurrile Charaktere, denen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Eigenarten ungehindert auszuleben: Herr Kreuzer ist „Auf den Hund gekommen“ – ohne diesen würde er nie wieder zurück finden und seine Umwelt auf den Kopf stellen. Die Bewohnerinnen Agnes Karl (!) mit „Helfersyndrom“ und „Schwester Hildegard im Einsatz“ sind zwei alte Damen, die im Pflegeheim auf eine ganz besondere Art ihren gewohnten Dienst tun.

Diskussion

Matthias Bährs Geschichten lösen Betroffenheit aus, und das vor allem deswegen, weil sie so konsequent aus der Sicht der alten Menschen scheinbar alltägliche Pflegehandlungen zur brutalen Gewalt geraten lassen. Besonders die weiblichen Pflegekräfte in seinen Geschichten wirken einfältig oder wie Dragonerweiber, dumm und unsensibel, herrisch, unbarmherzig und gewalttätig oder sie verbreiten einen beißenden Geruch. Eine rühmliche Ausnahme bildet lediglich die Pflegekraft in „Die Frau, die an ihrem Schrei erstickte und weiterleben musste“.

Die Bewohner der Heime werden in das Korsett der Institution gezwängt, was sie selbst als Entwurzelung und Strafe empfinden. Es wird Anpassung von ihnen gefordert, der sie nicht gerecht werden (können). Ihre Sinne werden durch grelles Licht oder lautes Türenschlagen, durch strenge Gerüche oder durch Eintönigkeit mal unter- und mal überfordert. Einfühlsam schildert Bähr diese Inkompatibilität von Alten und Heim und fordert damit seine Leser – Pflegekräfte, aber vielleicht auch pflegende Angehörige - zum Nachdenken und zum Finden kreativer Lösungen auf.

Jürgen Georgs Science-Fiction regt zur Diskussion an, ob die „Schöne neue Pflegewelt“ denn wirklich so schön ist; auch mit „Entwurzelt und verwurzelt“ bietet er einen Gegenentwurf zu den eher melancholisch stimmenden Geschichten von Matthias Bähr an. Ebenso Bernd Meyer, in dessen Geschichten sich die Institution Pflegeheim auf erfrischende Art den Bewohnern anpasst, und nicht von jenen erwartet wird, sich der Institution anzupassen.

Fazit

Insgesamt ergänzen sich die drei Autoren hinsichtlich ihrer Themen und Stilmittel, aber auch mit den Illustrationen, so dass das Buch als Ganzes einen facettenreichen Einblick in die Pflegelandschaft ermöglicht.

Für den Einstieg in den Pflege-Unterricht, für die Fallarbeit oder zur bloßen Unterhaltung, zum Nachdenken, Schmunzeln, Weinen oder Lachen – die Pflegegeschichten von Bähr, Georg und Meyer sind für Insider neben der trockenen Fachliteratur eine humorvolle, vielseitige und ansprechende Alternative.


Rezension von
Dipl.-Pflegepädagogin Anke Jürgensen
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Zitiervorschlag
Anke Jürgensen. Rezension vom 26.02.2010 zu: Matthias Bähr (Hrsg.): Neues aus Pflegeland. Pflegegeschichten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. ISBN 978-3-456-84636-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7557.php, Datum des Zugriffs 04.08.2020.


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