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Roland Stein, Dagmar Orthmann Bless (Hrsg.): Schulische Förderung bei Behinderungen und Benachteiligungen

Cover Roland Stein, Dagmar Orthmann Bless (Hrsg.): Schulische Förderung bei Behinderungen und Benachteiligungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 248 Seiten. ISBN 978-3-8340-0521-2. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.

Reihe: Basiswissen Sonderpädagogik - Band 2.
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Reihe „Basiswissen Sonderpädagogik“ und Ziel des 2. Bandes

Allgemeine Informationen zur Reihe finden sich unter Reihe: Basiswissen Sonderpädagogik.

Ziel dieses Bandes ist die Darstellung und Analyse der klassischen sonderpädagogischen Thematik der schulischen Förderung von Kindern mit Behinderungen und Benachteiligungen.

Aufbau und Inhalt

In seinem einführenden Beitrag „Schulische Förderung bei Behinderungen und Benachteiligungen“ gibt Roland Stein einen Überblick über die Thematik und begründet den Aufbau dieses Bandes.

Sieglind Ellger-Rüttgards Beitrag „Geschichte der schulischen Förderung bei Behinderungen und Benachteiligungen“ gibt die Geschichte der Sonderpädagogik in Deutschland von den Anfängen am Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Zeit nach dem 2. Weltkrieg wieder.
Theoretische Hintergründe in der Aufklärung und der Humboldt'schen Vision einer umfassenden Bildung werden ebenso erarbeitet wie sozialpädagogische Ansätze zur „Rettung“ der durch Industrialisierung vernachlässigten Kinder sowie die teilweise problematische Verbindung zwischen Heilpädagogik und Medizin.
Die widersprüchliche Entwicklung des Schulwesens insgesamt und insbesondere der Förderung von Behinderungen und Benachteiligungen von ersten Ansätzen der Integration durch die „Verallgemeinerungsbewegung“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur extremen Aussonderung und Verfolgung in der NS-Zeit werden im Kontext der historischen und institutionellen Entwicklung analysiert.
Der Beitrag schließt mit der Restauration von Gesellschaft und Sonderschulwesen in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg und ersten demokratischen Reformen als Folge der Kritik des Begabungsbegriffes durch die 68er Studentenbewegung.
Positiv zu werten ist in diesem Beitrag die gelungene Verbindung zwischen der Darstellung ideengeschichtlicher Hintergründe und ihrer Umsetzung in der schulischen Förderung von Behinderungen und Benachteiligungen.

Ulrich Schröders Beitrag trägt den Titel „Schulformen und organisatorische Strukturen“. Nach einer Kritik des Begriffes „Förderschule“ wendet sich der Verfasser der Organisation der Sonderschule zu. Diese stellt keineswegs ein einheitliches und homogenes System dar. Sonderschulen für Sinnesgeschädigte, Verhaltensauffällige sowie körperlich und sprachlich Behinderte können schematisch neben den allgemeinen Schulen angeordnet werden, weil sie vergleichbare Abschlüsse vergeben. Sonderschulen für Lernbehinderte und Geistigbehinderte müssen darunter angeordnet werden, weil sie keine gleichwertigen Abschlüsse vergeben. Letztere machen zusammengenommen mehr als zwei Drittel der Sonderschüler aus.
Trotz gegenteiliger Beteuerungen der Kultusminister, die verbal die Integration proklamieren, ist in den letzten Jahren eine steigende Zahl der Einweisungen in Sonderschulen zu registrieren. Dies gilt insbesondere für den Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“. Eine besondere Benachteiligung stellt der Verfasser hier bei Jungen und bei Kindern mit Migrationshintergrund fest. Benachteiligt sind auch Kinder in Sonderschulen für Lernbehinderte/Förderschwerpunkt Lernen, weil diese Schulen die höchsten Klassenfrequenzen von allen Sonderschulen und - nach den Kindern mit geistiger Behinderung - den geringsten Anteil an Kindern in Integrationsklassen ausmachen.

Ursula Haupts Beitrag „Integrierte Förderung“ vertieft in die schon von Schröder angesprochene Tendenz einer Öffnung der Sonderschule zur Allgemeinen Schule.
Die Verfasserin stellt zunächst grundlegende Anforderungen an sonderpädagogische Förderung und integrierte Förderung dar und wendet sich dann der noch kurzen Geschichte der Integrationsbewegung seit den 60er/70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu. Im Absatz „Wissenschaftliche Befunde und Erfahrungen“ werden zahlreiche Einzeluntersuchungen zu Integrationsversuchen und -modellen dargestellt.
Das Kapitel leidet darunter, dass ideengeschichtliche und gesellschaftspolitische Hintergründe (z. B. Deinstitutionalisierung im Sinne von Illich oder Basaglia, Aufarbeitung der NS-Zeit, Individualisierung und Pluralisierung) gar nicht oder nur unzureichend dargestellt werden.
Der in den angelsächsischen Ländern entstandenen und auch in Deutschland präsenten Inklusionsbewegung, die eine Schule ohne Aussonderung für alle Kinder fordert, wirft sie vor: „Es macht nicht Sinn, die Anerkennung von Verschiedenheit anzustreben und nur einen Weg - den der einen Schule für alle Kinder - für gültig zu erklären“ (S. 106).
Wenn sowohl in die im vorigen Beitrag festgestellte soziokulturelle Benachteiligung als auch die in einem der folgenden Beiträgen angemerkte geringe Rücküberweisungsquote insbesondere aus Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen betrachtet werden, macht diese Forderung sehr wohl Sinn. Eine Verschiedenheit im Sinne von Ungleichheit an Bildungs- und Lebenschancen war jedenfalls nie Ziel der Integrations- und Inklusionsbewegung.

Konrad Bundschuh stellt in seinem Beitrag „(Förder-)Diagnostik“ die von ihm maßgeblich mitgestaltete Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Diagnostik von einer Selektions- zu einer Förderdiagnostik dar. Ziel ist dabei nicht die Diagnose von Störungen, Defiziten und Behinderungen, sondern die „Herausstellung der für eine sonderpädagogische Forderung geeigneten Ansatz- und Ausgleichsmöglichkeiten“ (S. 112). Eine Verstärkung ohnehin vorhandener Stigmatisierung durch wissenschaftlich aufgebauschte Nomenklaturen wird durch diesen Ansatz, der eine besondere Affinität zu Didaktik und Therapie hat, weitestgehend vermieden. Eine wichtige Basis für das auf Förderung ausgerichtete Verständnis von Diagnostik ist die Entwicklungspsychologie z.B. von Piaget.
Auch Gutachten verändern sich, wenn sie unter Fördergesichtspunkten geschrieben werden. Sie erhalten eine beratende Funktion, die sich nicht an von außen kommenden Normen, sondern an der Gesamtsituation des Kindes unter Einbeziehung der sozioökonomischen Lage orientiert.
Da Beratung in der Schule eine wachsende Bedeutung gewonnen hat, wäre im Anschluss an die Diagnostik ein gesondertes Kapitel über sonderpädagogische Beratung wünschenswert gewesen.

Der Beitrag von Anne-Kathrin Faas und Alexandra Stein „Pädagogische und didaktische Aspekte“ befasst sich nach einer Klärung der Grundbegriffe und möglichen Beiträgen von Referenzwissenschaften mit der konkreten Umsetzung in Schule und Unterricht und den hierbei anzuwendenden Prinzipien.
Bereichsdidaktiken (etwa für Lernbehinderte) lehnen die Autorinnen ab, weil zu eng gefasste methodische Prinzipien wie „starke Strukturierung“, „kleinschrittiges Vorgehen“ oder „klare Führung durch den Lehrer“ das Phänomen Lernbehinderung u. U. verfestigen oder gar erst schaffen. Sie plädieren stattdessen für eine Allgemeine Didaktik unter Berücksichtigung sonderpädagogischer Prinzipien. Hier ist eine deutliche Annäherung an integrationspädagogische Vorstellungen zu erkennen.
Positiv ist die knappe Darstellung wichtiger Gestaltungsprinzipien von Schule und Unterricht wie „Kommunikationsorientierung“, „Handlungsorientierung“ oder „Bewegter Unterricht“ zu werten. Das Ziel der Verfasserinnen, in gedrängter Form einen Überblick über die Thematik zu vermitteln, wird voll erreicht.

Im Beitrag von Christoph Ratz, Roland Stein und Stefan Faas „Gestaltung institutioneller Übergänge“ werden die Übergänge vom Kindergarten zur Schule, innerhalb des Schulsystems und von der Schule zu Arbeit und Beruf dargestellt. Schulische Modelle der „flexiblen Eingangsstufe“ können den Selektionsdruck insbesondere für Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ mindern. Nach einer in NRW durchgeführten Studie sind vom Wechsel in die Fördererschule „Lernen“ überwiegend sozial benachteiligte Kinder, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder mit Selektionserfahrungen betroffen (S. 198).
Rücküberweisungen von Sonderschulen mit diesem Schwerpunkt sind selten, weil unterschiedliche Curricula den Anschluss erschweren. In anderen Förderschwerpunkten, die z. T. von vornherein zeitlich begrenzt sind, fällt die Rückschulung dagegen leichter.
Die Übergänge zwischen Schule und Berufswelt werden in ihrer Vielfalt - von Praktika bis zu Schüler Firmen in einem guten Überblick dargestellt.
Die Problematik von Sonderschulen im Zusammenhang mit Durchlässigkeit wird reflektiert (Tendenz zu Selbsterhaltung), hätte jedoch durch die weiter gehende Fragestellung, ob ein vielfältig gegliedertes Schulsystem durch Überweisungen und Rücküberweisung nicht mehr Probleme schafft als es löst, ergänzt werden können.

Im abschließenden Beitrag befasst sich Stefan Ellinger mit dem Thema „Schulische Förderung im Rahmen unterschiedlicher Kooperationsformen“. Schwerpunkte sind dabei die Kooperation

  • Schule - Jugendhilfe
  • Schule - Elternhaus
  • Schule - Betriebe.

Gerade im Bereich der Förderung von Kindern mit Behinderungen und Benachteiligungen ist in den letzten Jahren die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe vorangetrieben worden. Die Kooperation z. B. zwischen Lehrern und Sozialpädagogen wird aber noch immer durch das Machtgefälle zwischen den beiden Professionen erschwert.
Die Kooperation zwischen Lehrern und Eltern hat eine gute Basis, wenn Eltern als „Experten in eigener Sache“ akzeptiert werden. In Förderschulen mit den Schwerpunkten „Lernen“ und „emotionale und soziale Entwicklung“ ist dies jedoch meist nicht der Fall. Hier werden andere Kooperationsformen wie z. B. Elterntrainingstage notwendig.
Kooperationen mit Betrieben haben unterschiedliche Schwerpunkte: von Arbeitsgewöhnung über den schrittweisen Einstieg in die Arbeitswelt bis zur Arbeit an gemeinsamen Projekten.

Fazit

Der Band vermittelt einen guten Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur schulischen Förderung bei Behinderungen und Benachteiligungen. Wer sich mit neueren Ansätzen der Inklusionpädagogik befassen möchte, sollte jedoch nicht auf die Lektüre von Originalliteratur wie z. B. dem von Andreas Hinz im Auftrage der GEW herausgegebenen „Index für Inklusion“ verzichten.


Rezension von
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 18.06.2009 zu: Roland Stein, Dagmar Orthmann Bless (Hrsg.): Schulische Förderung bei Behinderungen und Benachteiligungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. ISBN 978-3-8340-0521-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7561.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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