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Ulrike Prokop (Hrsg.): [...] in den populären TV-Ratgebern "Super Nanny" und [...]

Cover Ulrike Prokop (Hrsg.): Erziehung als Unterhaltung in den populären TV-Ratgebern "Super Nanny" und "SOS Schule". Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 265 Seiten. ISBN 978-3-8288-9652-9. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.

Reihe: Kulturanalysen - Band 8.
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Thema

Die Beiträge zu diesem Buch resultieren aus der Arbeit der Forschungsgruppe Tiefenhermeneutik am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Am Beispiel von zwei populären „TV-Erziehungsratgebern“ aus privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wird aufgezeigt, welche Erziehungsmodelle vermittelt, wie mit den Inszenierungen manipuliert und welche Wirkung bei Zuschauern erreicht werden kann.

Herausgeberin

Dr. Ulrike Prokop ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Marburg und Leiterin der Arbeitsgruppe Tiefenhermeneutik Marburg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Beiträge.

Das Vorwort genannte erste Kapitel eröffnet Ulrike Prokop mit einer lesenswerten Einführung in die Thematik des Buches. Es sind drei Komplexe, die die einzelnen Beiträge bearbeiten. Zum ersten soll untersucht werden, welche Erziehungsmodelle in den Sendungen angeboten werden. Zum zweiten wird ausführlich dargestellt, wie die „Ratschläge“ der Professionellen medienwirksam inszeniert werden. Zum dritten wird vorgestellt, was beim Zuschauer ankommt bzw. auf ihn einwirkt und welche Resultate aufgezeigt werden können. Dabei leistet Prokop nicht nur eine medienbezogene Darstellung, sondern leuchtet auch die im Hintergrund wirkende Genderdimension aus. Ihr Beitrag schließt mit einer kurzen Darstellung der dem Forschungsprojekt zugrunde liegenden tiefenhermeneutischen Vorgehensweise (sog. Konversionsanalyse), die für das Verständnis der folgenden Beiträge sehr hilfreich ist.

Im zweiten Kapitel thematisiert Anna Stach Pädagogik als Warenform. Im ersten Teil fokussiert sie dabei auf die „Super Nanny“ und kennzeichnet die Sendung als ein attraktives Narrativ mit den Dimensionen Beratung und Unterhaltung. Anhand des Beispiels einer Familie weist sie auf, wie dieser inszenierte Erziehungsberatungsprozess eine Bewegung vom Chaos zur Ordnung und vom Leiden zur Harmonie vorgaukelt. Sie führt aus, dass dieser Fall chronischer Aggressionen und seine vermeintliche pädagogische Bearbeitung im Korsett der vorgegebenen Dramaturgie von Reality-TV nur zu Paradoxen führen kann. Spannend ist hier, dass sie manifeste und latente Muster identifiziert, die in den Sendungen bei kritischer Betrachtung gut nachvollzogen werden können. So zeigt sich auf der manifesten Ebene durch Frau Saalfrank eine erfolgreiche Erziehungshilfe, auf der latenten jedoch der Erziehungskonfklikt als unterhaltsamer Tabubruch (Seite 52 ff.). Im zweiten Teil fokussiert sie auf die Emotionslenkung im Rahmen der Sendung S.O.S. Schule und zeigt – basierend auf einer tiefenhermeneutischen Analyse – auf, welche manifesten und latenten Muster identifiziert werden können. Dabei sind die aufgezeigten Parallelen in den beiden Sendungen auffallend: Beide inszenieren ein sensationelles Unterhaltungsspiel, in dem Aggression eine zentrale Rolle spielt.

Im dritten Kapitel leistet Katharina Brenneis, dass australische Erziehungsprogramm Triple-P als wissenschaftliche Grundlage für die Arbeit der Super Nanny vorzustellen. Dabei ist es unerheblich, dass weder der Sender (RTL) noch Frau Saalfrank als Super Nanny sich jemals direkt auf Triple-P bezogen haben, sondern immer kunstvoll vage bleiben. Am Rande erfährt man, dass sich die Protagonisten von Triple-P in Deutschland massiv gegenüber Super Nanny abgegrenzt haben. Frau Brenneis kommt zum Schluss, dass die Super Nanny Triple-P im großen Umfang umsetzt. Unterschiede sieht sie nur bei der Interpretation und der Übermittlung der Erziehungstechniken (S. 125). Es hätte hier gut getan, wenn die geäußerte Kritik nicht so verklausuliert dargeboten wäre.

In einem vierten Kapitel zeigt Marius Rausch die Inszenierungsstrategien in der Super Nanny auf. Er behandelt die Dramaturgie der Sendung, die dem traditionellen Muster des dramatischen Geschehens, wie beispielsweise dem Märchen, folgt. Lesenswert ist die Vorstellung der Montagearbeit im Film, die das Sehvergnügen der Zuschauer stark beeinflusst. Zentrales Mittel der Inszenierung ist die Emotionalisierung der Zuschauer, die – so Rausch – auch mit handwerklichen Mittel der Filmerstellung und -bearbeitung gut nachvollziehbar gemacht werden kann.

Im fünften Kapitel problematisiert Jakob C. Will mediale Erziehungsberatung zwischen Unterhaltung und pädagogischem Anspruch. Er führt an einem konkreten Fall einer allein erziehenden Mutter aus, dass die dargestellten Erziehungskonflikte zwar im Beisein der Super Nanny angegangen, jedoch nicht wirklich gelöst werden.

Im sechsten Kapitel zeigt Karin Ziegler mit Hilfe einer tiefenhermeneutischen Analyse von S.O.S. Schule auf, wie die präferierte Problemlösung als pädagogisch unprofessionell und gesellschaftspolitisch prekär bezeichnet werden kann. Hier wird nachvollziehbar gemacht, dass die Aussagen der Bilder nicht mit den gesprochenen Texten übereinstimmen, also eine Form von Sehmanipulation stattfindet. Offensichtlich wird die Wahrnehmung des Zuschauers gelenkt. Autorität erscheint in Form von (schulischer) Allmacht, Durchsetzungsfähigkeit und Überlegenheit. Was verloren geht scheint jeglicher pädagogischer Bezug zu sein. Ziegler kontrastiert diese Schule als Show durch einen Bericht über den pädagogischen Alltag eines gemeinsamen Projektes von Schule und Jugendhilfe, der aufzeigt, wie mühevoll und kleinschrittig sich Beziehungsarbeit, d.h. das Kerngeschäft einer humanen Pädagogik, entwickelt.

Im siebten und letzten Kapitel weist Nina Friese auf, dass das Wesentliche für das Auge unsichtbar bleibt, indem sie ebenfalls mit dem Mittel der tiefenhermeneutischen Analyse sich nochmals der Sendung S.O.S. Schule zuwendet. Als letzten Beitrag zeigt sich bei ihr das Problem der inhaltlichen Wiederholung. Es hätte dem Beitrag gut getan, wenn sie auf die Aspekte verzichtet hätte, die bereits in den Vorbeiträgen dargestellt wurden. Stattdessen wäre Platz gewonnen für die Vertiefung der Analyse. Sie fokussiert auf die pädagogischen Interventionen von Lehrkräften und Coaches. Spannend ist dabei vor allem, was nicht gezeigt wird. Es wird ersichtlich, dass Probleme und Risikofaktoren der Jugendlichen und ihrer Eltern systematisch ausgeblendet werden. Ein pädagogisches Fallverstehen wird noch nicht mal im Ansatz sichtbar. Stattdessen provoziert die einseitige Intervention der professionellen Kräfte den Gedanken, dass hier emotional einem Exklusionsgedanken Vorschub geleistet wird.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Fachkräfte und Studierende aus den Bereichen Pädagogik, Soziale Arbeit und Psychologie.

Fazit

Insgesamt ist mein Eindruck von diesem Buch sehr positiv. Es behandelt die Thematik von medial inszenierter „Erziehungsberatung“ sehr sachlich und unaufgeregt. Mit Hilfe der hermeneutischen Analyse eröffnen sich Sinngehalte, die sich beim bloßen Schauen der Bilder nicht direkt erschließen. Von daher ist dieses Buch ein wertvoller Beitrag gegen die (leider erfolgreichen) Versuche der der privaten und öffentlich-rechtlichen (!) Fernsehanstalten, ihren Kommerz (Werbeeinnahmen bzw. Quote) auch auf dem Rücken von Kindern, Jugendlichen und Eltern zu erzielen. Die Beiträge sind verständlich verfasst und bieten einen guten Einblick in eine Medienentwicklung, bei der Familien aus Eigeninteresse instrumentalisiert werden. Es ist zu wünschen, dass dieses Buch in vielen öffentlichen Bibliotheken seinen Platz findet.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 24.10.2009 zu: Ulrike Prokop (Hrsg.): Erziehung als Unterhaltung in den populären TV-Ratgebern "Super Nanny" und "SOS Schule". Tectum-Verlag (Marburg) 2008. ISBN 978-3-8288-9652-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7563.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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