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Michael Winterhoff: Tyrannen müssen nicht sein

Cover Michael Winterhoff: Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung allein nicht reicht - Auswege. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2009. 5. Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-579-07626-3. 17,95 EUR.
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Zu dem Titel liegt eine Leseprobe vor.

Thema und Entstehungshintergrund

Allein die große Nachfrage nach Erziehungsratgebern allgemein und die Tatsache, dass Winterhoffs erstes Buch schon die neunzehnte Auflage in einem Jahr erreicht hat und dieses hier kurz nach erscheinen schon die fünfte, zeigt die Verunsicherung vieler am pädagogischen Prozess beteiligter Menschen. Winterhoff sorgte schon mit dem Titel des ersten Buches: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ für sehr viel Aufsehen, Medienpräsenz und rasenden Absatz des Buches. Wie er selbst meint, „traf er den Nerv der Zeit“. Was bietet sich da mehr an als ganz schnell ein zweites Buch nachzulegen? Schon im Titel des ersten Buches taucht das Wort Tyrannen in Verbindung mit Kindern auf, was offenbar zu viel Kritik führte.

Autor

Michael Winterhoff, geb. 1955, ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und seit 1988 in eigener Praxis tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus acht Kapiteln mit dreißig Unterkapiteln. Es ist in dieser kurzen Form nicht möglich, detailliert darauf einzugehen, stattdessen werden exemplarisch die als wesentlich angenommenen Aspekte dargestellt.

Im ersten Kapitel geht Winterhoff u. a. auf die Kritiken an der Verwendung des Begriffes „Tyrannen“ in seinem ersten Buch ein und bringt eine Definition des Begriffs aus dem antiken Griechenland, auf den er sich bezieht. Er meine in seinen Büchern eine Machtumkehr, die sich auf Grund von Beziehungsstörungen bei immer mehr Erwachsenen in Bezug auf Kinder beobachten lasse. Unter Machtumkehr versteht er, dass Erwachsene zunehmend nicht mehr die Führung und Leitung von Kindern übernehmen, sondern sich stattdessen von Kindern steuern lassen, eher lockere Empfehlungen geben, zu viel diskutieren und zu wenig sagen, „wo es langgeht“. Schon auf den ersten Seiten entwickelt er Weltuntergangsszenarien, obwohl er sich dagegen verwehrt. Dieser Stil zieht sich durch das ganze Buch. Sehr verkürzt ist die Grundaussage, dass unsere Gesellschaft Kinder nicht mehr als Kinder sieht und behandelt. Sowohl bei Eltern, als auch Erziehern im Kindergarten und Lehrern herrsche die Partnerschaft mit Kindern und Jugendlichen vor. Hier werde von einer falschen Prämisse ausgegangen, nämlich, dass man Kinder über Erklären und Verstehen erziehen könne. Übersehen werde dabei, dass die psychische Reifung des Kindes hierfür eine Voraussetzung darstelle. Ein Kind könne nur eine gesunde Reifung erlangen, wenn die „natürliche Hierarchie“ vorhanden sei und gelebt wird. Der Erwachsene soll abgegrenzt sein, klare Strukturen vorgeben, dem Kind Halt und Orientierung geben und das Kind führen und nicht umgekehrt. Die heute vorherrschende Partnerschaftlichkeit in der Erziehung bezeichnet Winterhoff als „eine Zumutung mit katastrophalen Auswirkungen auf unsere gesamte Gesellschaft“ (S. 55). Sehr stark verbreitet seien drei Beziehungsstörungen, wovon bei Eltern alle zu finden seien, bei Lehrern jedoch nur die ersten beiden.

Im zweiten Kapitel geht Winterhoff auf diese drei Beziehungsstörungen näher ein, die er im ersten Kapitel schon kurz skizziert:

  • Die schon erwähnte Partnerschaftlichkeit. Das Kind wird als Partner gesehen und behandelt. Es darf vieles selbst entscheiden, auch Dinge, mit denen es wegen noch nicht erreichter Reife absolut überfordert ist und deren Tragweite es noch gar nicht absehen kann. Somit fehlt der nötige Schutzraum des Kindes. Der Erwachsene hat hier den Wunsch nach Harmonie.
  • Die Projektion nennt Winterhoff auch „emotionalen Missbrauch“ (S.17). Der Erwachsene kompensiert über das Kind Liebe und Anerkennung, die ihm sonst offenbar verwehrt ist. Es ist geradezu eine Abhängigkeit des Erwachsenen vom Kind vorhanden.
  • Die Symbiose ist die psychische Verschmelzung des Erwachsenen mit dem Kind. Das Kind wird nicht mehr als eigene Person wahrgenommen. Es kommt zu Machtkämpfen. Die Eltern fordern ständig, durch diesen Druck verweigert sich das Kind und bekommt für negatives Verhalten Zuwendung. Somit kann das Kind die Eltern steuern.

Alle Beziehungsstörungen sind den Erwachsenen meist nicht bewusst, zumindest nicht die Auswirkungen, und sie haben fatale Folgen für die Kinder und die Gesellschaft

Im dritten Kapitel beschreibt Winterhoff verschiedene Kommunikationsstörungen, die mit den Beziehungsstörungen in Verbindung stehen.

In den folgenden Kapiteln geht er auf die Auswirkungen der Beziehungs- und Kommunikationsstörungen ein und versucht sich in Andeutungen von Lösungen. Wirkliche Lösungen will er nicht geben, da er, wie er betont, nur Mahner und Wegweiser sei. Im Buch verteilt befinden sich einige Beispiele, wobei ich das Beispiel über das Aufräumen hervorheben möchte, da hier sehr genau auf die Reifeentwicklung des Kindes eingegangen wird. Außerdem wird gezeigt, wie Eltern hier sinnvoll handeln sollten und wie Eltern mit Beziehungsstörungen handeln.

Diskussion

Als Zielgruppe werden Eltern, Großeltern und auch pädagogisches Personal in Kindergärten, Schulen und Jugendhilfe genannt. Wenn Winterhoff die Eltern aller Schichten hätte ansprechen wollen, hätte er eine besser verständliche Sprache benutzt. Es ist deshalb davon auszugehen, dass ihm das Elternklientel am Herzen liegt, das auch zu ihm in die Praxis kommt, die sozial und wirtschaftlich Etablierten und Privilegierten. Für pädagogisches Fachpersonal ist der Inhalt, trotz gut übersichtlicher und logischer Gliederung, teilweise unübersichtlich, da es an verschiedenen Stellen zu Wiederholungen kommt und auch zu Widersprüchen. Winterhoff scheint vorwiegend von den Erfahrungen seiner Praxis auszugehen. Das wäre absolut in Ordnung, wenn das dann auch aus dem Titel hervorginge und so gedacht sei. Es ist aber problematisch, wenn er aus den Einzelfällen seiner Praxis und einzelnen Kontakten zu Kindergärten oder einzelnen Lehrern, auf die Gesamtgesellschaft schließt, zumal in der Praxis eines Kinder- und Jugendpsychiaters wohl weniger „Durchschnittskinder“ zu beobachten sind. Er spricht wohl von den Veränderungen der Erscheinungsbilder seiner Patienten in den letzten zwanzig Jahren, stellt also einen Vergleich der gleichen Bezugsgröße an, allerdings rechtfertigt das eben nicht den Schluss auf die Mehrheit aller Kinder. Er erweckt immer wieder den Eindruck, als würde die Mehrheit der Kinder in beziehungsgestörten Elternbeziehungen aufwachsen und sich diese Erscheinung in Kindergärten und Schulen fortsetzen. Die Erhebungen zu Verhaltensauffälligkeiten von Kindern zeigen wohl einen Anstieg derselben, aber alle Zahlen liegen weit unter 20%, was belegt, dass die Mehrheit der Kinder doch eine normale Entwicklung nimmt (z.B. Die Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KIGGS, Der Heilmittelbericht 2009 der AOK).

Er operiert außerdem öfter mit regelrechten „Weltuntergangsszenarien“, wie z.B. bezüglich der Beziehungsstörungen: „Es muss also etwas geschehen, denn: Lassen wir die Entwicklung unreflektiert so weiterlaufen, wie sie seit Jahren läuft, wird der Zusammenhalt und in letzter Konsequenz die reine Existenzfähigkeit der Gesellschaft in nicht allzu ferner Zukunft in Frage gestellt sein“ (S. 20). Er malt aus, wenn kein Reflektieren stattfindet und Veränderung, dass sich dann eine hohe Anzahl von Menschen nicht mehr in ein Arbeitsleben einfinden und dort bestehen kann, da sie so viel Fremdbestimmtheit nicht erträgt, wenn sie in früher Kindheit vorwiegend selbstbestimmt gelebt habt. Die Kriminalität würde stark ansteigen, da sich bei Beziehungsstörungen die Gewissensinstanz nicht bilden kann und die psychisch unterentwickelten Erwachsenen wären in so großer Zahl vorhanden, dass sie unsere sozialen Systeme zusammenbrechen lassen würden (vgl. S. 108ff), um nur einige Details zu erwähnen.

Im ersten Buch waren die Verallgemeinerungen noch häufiger aufgetaucht als in diesem; überhaupt scheint dieses Buch etwas „abgeschwächt“ in seinen Formulierungen zu sein. Im ersten Buch schreibt er: „Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand, in dem Kinder zu Erzieher ihrer Eltern geworden sind . . .“(Winterhoff: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, 19. Auflage, 2009, S. 13). Es ist nicht ausgeschlossen, dass das mit den Kritiken zu tun hat, denen Winterhoff trotz hoher Absatzzahlen seiner Bücher ausgesetzt ist. In diesem Zuge wird auch demnächst ein Buch von Wolfgang Bergmann erscheinen, was als „Gegenbuch“ verstanden wird.

Vielleicht finden sich darin wirkliche Lösungsvorschläge, denn Winterhoff will nur Zustände beschreiben und Hintergründe analysieren. Er wurde offenbar schon nach dem ersten Buch gefragt, was aus seiner Zustandsanalyse folgen solle. Und auch dieses Mal setzt er wieder auf die „eigene Aktivität“ des Lesers (vgl. S. 181).

Fazit

Abschließend sei angemerkt, dass das Buch bei aller Kritik den einen oder anderen Leser, der mit Kindern oder Jugendlichen zu tun hat, zum Reflektieren anregen wird und das wäre gut. Denn trotz Überzeichnung und unseriöser verallgemeinernder Aussagen und Szenarien, ist die Anregung, sich selbst in seinem pädagogischen Handeln zu hinterfragen, eine wichtige, wenn auch nicht neue. Das partnerschaftliche Umgehen mit Kindern und Jugendlichen ist nicht nur eine positive Errungenschaft, sie wird, wie Winterhoff schreibt, häufig als pädagogischer Anspruch verkauft und dient nicht selten der Entlastung von Erwachsenen. Das Resümee, Kinder wieder mehr als Kinder anzusehen und zu behandeln, damit diese die nötige Reife erlangen können, um sich zu voll gesellschaftsfähigen Wesen entwickeln zu können und um ihren Schutzraum zu gewährleisten, kann man aus diesem Buch mitnehmen. Insgesamt eine spannende Entwicklung auf dem Sektor Erziehung. Allerdings ist zu bezweifeln, ob die sehr konträren Positionen eine wirkliche Hilfe für die Eltern sind.


Rezension von
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 04.05.2009 zu: Michael Winterhoff: Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung allein nicht reicht - Auswege. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2009. 5. Auflage. ISBN 978-3-579-07626-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7567.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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