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Sibylle Prins, Renate Schernus et al.: Wir sind weit miteinander gegangen

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 28.10.2010

Cover Sibylle Prins, Renate Schernus et al.: Wir sind weit miteinander gegangen ISBN 978-3-940636-02-7

Sibylle Prins, Renate Schernus, Fritz Bremer: Wir sind weit miteinander gegangen. Eine Psychiatrie-Erfahrene und eine Psychotherapeutin im Gespräch. Paranus Verlag (Neumünster) 2009. 180 Seiten. ISBN 978-3-940636-02-7. 16,80 EUR.

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Thema

In neun moderierten Gesprächsrunden unterhalten sich eine Psychiatrie– Erfahrene und eine Psychotherapeutin sowohl über die Entwicklung ihrer persönlichen Beziehung und ihrer Zusammenarbeit in den letzten zwanzig Jahren als auch über ihre in dieser Zeit gemachten unterschiedlichen Erfahrungen auf den verschiedenen psychiatrischen Arbeitsfeldern.

Die Gesprächspartner

Sibylle Prins, seit längerem berentete ehemalige Sonderschullehrerin und Verwaltungsangestellte, ist seit 1991 aktiv in der Selbsthilfe Psychiatrie - Erfahrener und seit gut zehn Jahren auch als Referentin, Autorin und in der Fortbildung tätig.

Renate Schernus, ihre Gesprächspartnerin, ist psychologische Psychotherapeutin mit einem großen Erfahrungsschatz u. a. in der Leitung psychiatrischer Einrichtungen sowie in unterschiedlichen sozialpsychiatrischen Initiativen. Auch sie ist als Autorin zu verschiedenen Themen hervorgetreten.

Beide haben zur Zeit des Interviews aus unterschiedlichen Gründen Distanz zum institutionellen Teil der Psychiatrie, eine Gesprächspartnerin ist im Ruhestand und arbeitet nicht mehr in der Psychiatrie, die Psychiatrie – Erfahrene hatte schon Jahre keinen Klinikaufenthalt mehr- gute Voraussetzungen also für einen offenen und ehrlichen Blick auf das psychiatrische Geschehen.

Es bleibt übrig, Fritz Bremer vorzustellen, der die Gespräche moderiert: Als Diplompädagoge arbeitet er seit Mitte der 1970er Jahre in sozialpädagogischen und sozialpsychiatrischen Einrichtungen. Er ist Mitbegründer des Paranus Verlag und ebenfalls Autor zahlreicher Veröffentlichungen. Seine Gesprächspartnerinnen sind zugleich Autorinnen seines Verlages. Ihm geht es in diesen Gesprächen vor allem darum, die Kooperation zwischen Professionellen und Psychiatrie - Erfahrenen zu erhellen.

Entstehungshintergrund

Die Idee, Sibylle Prins und Renate Schernus ausführlich zu befragen, kam Fritz Bremer bei dem Besuch eines Vortrag, der von den Befragten gemeinsam und in Form eines Dialoges im Jahr 2007 gehalten worden war. In dieser Art des Vortrages und in der Kombination von Psychiatrie- Erfahrung und Professionalität sah er etwas Besonderes und seine Neugier auf die persönlichen Erfahrungen und auf das Psychiatrieverständnis der Vortragenden war geweckt. Die Interviewfolge konnte beginnen.

Aufbau und Inhalt

Wie bereits erwähnt, folgt der Aufbau des Buches den Interview – beziehungsweise den Gesprächsfolgen. Insgesamt sind es neun Gespräche, die also auch in neun Kapiteln vorgestellt werden.

Vor jedem Kapitel gibt es eine kurze stichwortartige Zusammenfassung der Gesprächsinhalte. Als Beispiel dafür kann gleich das erste Kapitel dienen. Hier heißt es:

  • Mit etwas Distanz das alles mal anschauen
  • Neugier und Skepsis-erste Begegnung im Rahmen einer Psychosegruppe
  • Lehrbuchprofis und eine Psychologin mit komischem Blick
  • Psychotherapie: Enteignung oder Hilfe, sich selbst zu finden?
  • Mann kann ja schlecht sagen, „ein Anfall von Basisstörungen“
  • Mit sich selbst identisch sein können
  • Gratwanderung: Therapeutische Distanz und menschliche Nähe
  • Neue Erfahrungen
  • Sublime Unterwerfungsszenarien
  • Was eigentlich ist Psychotherapie?

Wenn das erste Kapitel 25 Seiten umfasst, kann man sich vorstellen, dass viele der angesprochenen Themen eben nur angesprochen und skizziert werden können.

Da ich nicht jedes einzelne Kapitel mit seinen Untertiteln wiedergeben möchte, beschreibe ich den Inhalt der Veröffentlichung auf zwei Ebenen:

  1. relativ kurz auf der Ebene der äußeren zeitlichen Beziehungsfolge und
  2. etwas ausführlicher auf der Ebene der psychiatrischen Sachthematik.

1. Die ursprünglich therapeutische Beziehung zwischen Sibylle Prins und Renate Schernus entwickelte sich langsam Schritt für Schritt über mehrere Jahre hinweg - mitbedingt durch gemeinsame Fortbildungen, Vorträge und Redaktionsarbeit – zu einer kollegialen und partnerschaftlichen Beziehung: 1992/1993 beginnt der Kontakt mit der Teilnahme von Sibylle Prins an einer offenen, von Renate Schernus geleiteten Gesprächsgruppe für Psychose-Erfahrene. Nach einer Zeit in einer Wohngruppe folgt für Sibylle Prins ein längerer Klinikaufenthalt und eine Monate andauernde Krise. Ein erneuter Kontakt mit Renate Schernus findet dann 1997 bei einem Fest „5 Jahre Trialog“ statt. Wieder folgt eine lange Unterbrechung des beidseitigen Kontaktes bis zum Oktober 2000, als Sibylle Prins bei Renate Schernus in die Psychotherapie geht. Auch in der Arbeitsgemeinschaft Religion und Psychiatrie treffen sich die beiden wieder. Soviel sei zum äußeren Gerüst der Beziehungsfolge gesagt.

2. nun zu einigen der vielen in dieser Veröffentlichung angesprochenen Sachthemen:

Das Verhältnis von Psychiatrie- Erfahrenen zu den professionellen Helfern wird immer wieder unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert und durchgängig behandelt. Sollen die Psychiatrie- Erfahrenen vor eine professionelle Karre gespannt werden?

Ein weiterer Themenschwerpunkt beschäftigt sich mit dem psychiatrischen Krankheitsbegriff und den psychischen Erkrankungen. Das psychotische Erleben und dessen Inhalte werden dabei als eigene, originelle und in sich wertvolle Daseinsform verstanden.

Interessant auch ein Exkurs über Rolle und Bedeutung der Psychotherapie. Überhaupt sind die Erfahrungen mit Therapien und Therapeuten ein wichtiger Diskussionsgegenstand. Die Pharmakotherapie und die Gefahren, abhängig zu werden, werden als brennende und bisher ungelöste Probleme bezeichnet. Aber auch produktiv- eigene Formen der Krankheitsbewältigung finden Beachtung wie das Schreiben von Gedichten und anderen Texten. Religion und religiöse Erfahrungen finden in diesem Zusammenhang auch ihre Bedeutung.

Wer erfahren möchte, wie man Angehörigenarbeit nicht machen sollte, dem sei die Lektüre ebenfalls empfohlen. In den Kliniken und Tageskliniken, in denen Sibylle Prins Patientin war, hieß Angehörigenarbeit, dass man, ohne sie zu fragen, ihre Eltern einlud, die damals schon lange nicht mehr ihre wesentlichen Bezugspersonen waren.

Auch die nicht so schönen Seiten der gegenwärtigen Psychiatrie wie Erfahrungen von Gewalt, Krisen und Klinikeinweisungen werden nicht ohne das Aufzeigen von Alternativen (Soteria-Häuser und Weglaufhäuser) diskutiert. Manche Milieus als solche sind einfach schon Gewalt fördernd und andere Gewalt reduzierend (Setting-Ansatz).

Wohnen und Arbeiten sowie das soziale Leben – diese grundlegenden Bereiche eines jeden Lebens werden immer wieder angesprochen und beleuchtet. So wird zum Beispiel gesagt, dass gemischte Wohnformen besser sind als solche, in denen psychisch erkrankte Menschen zusammenleben, die eine ähnliche Problematik haben. Auch werden bedenkenswerte Aussagen zur Arbeitswelt und zu angemessenen Formen der Arbeit und Beschäftigung für psychisch kranke Menschen in den Interviews gemacht.

Darüber hinaus machen die von Fritz Bremer klug und sensibel geführten Interviewpartner auch einige Aussagen zu aktuellen Tendenzen der gegenwärtigen Psychiatrieentwicklung.

So sehen sie die fortschreitende Objektivierung und das zunehmende Messen von Therapiezielen in Widerspruch stehen zu solchen Qualitäten wie Offenheit, Nutzen von Zufällen und Aufmerksamkeit. Zu den problematischen Gesamtentwicklungen zählt für sie auch , auf der einen Seite Individuelle Hilfeplanung, Zielvereinbarungen und persönliches Budgets einzufordern, um Subjektivität und Individualität des Erkrankten ernst zu nehmen, auf der anderen Seite aber gleichzeitig Finanzmittel zu kürzen und die Arbeitszeit zu verknappen, die den professionellen Helfern für den Kontakt mit den Patienten zur Verfügung steht.

Auch der Hinweis auf die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen fehlt nicht. Die in der Konvention enthaltenen Forderungen hinsichtlich gesellschaftlicher Teilhabe gehen deutlich über das „soziokulturelle Minimum“ des deutschen Sozialrechtes hinaus Es gibt noch einen großen Diskussionsbedarf über die Bedeutung der Konvention für die Ausgestaltung der psychiatrische Versorgung.

Aber doch drängt sich zum Abschluss der Interviewfolge für die beiden Partner ein (selbst)kritischer Eindruck auf, wenn sie davor warnen, eine „Monokultur besonders Engagierter“ für das Ganze der Psychiatrie zu nehmen und dabei die vielen psychisch Kranken zu übersehen, die sich nicht so gut selbst artikulieren können. Sicherlich ist dies auch ein Grundproblem jeder Psychiatrie.

Fazit

Das Buch enthält eine Vielzahl von großen und kleinen Hinweisen, wie die psychiatrische Arbeit im Alltag verbessert werden könnte und wie das Gesamtsystem Psychiatrie fast kostenneutral an Qualität gewinnen könnte, wenn es nur mehr auf die Bedürfnisse seiner „Nutzer“ hören würde. Dies setzt allerdings auch die Intensivierung des in diesem Buch praktizierten Dialoges zwischen Professionellen und Psychiatrie-Erfahrenen voraus.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
Leiter der Abteilung Gesundheitsförderung und Gesundheitsplanung bei der Stadt Herne
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Es gibt 99 Rezensionen von Alexander Brandenburg.

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ISSN 2190-9245