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Horst Heidbrink, Helmut E. Lück u.a.: Psychologie sozialer Beziehungen

Cover Horst Heidbrink, Helmut E. Lück, Heide Schmidtmann: Psychologie sozialer Beziehungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 221 Seiten. ISBN 978-3-17-020050-0. 24,90 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Freundschaft und Liebe, gibt es Gemeinsamkeiten und gibt es markante Unterschiede? Was unterscheidet eigentlich Frauen – und Männerfreundschaften? Was macht eine Partnerschaft erfolgreich und was kann sie zerstören? Welche Bedeutungen können Geschwister haben in einer Zeit der Einzelkinder? Kollegen können auch Freunde werden? Aber wie sieht es mit Konkurrenz und Macht am Arbeitsplatz aus? Und was kennzeichnet eine gute Nachbarschaft? Second life im Internet - auch eine Möglichkeit soziale Beziehungen zu gestalten? Diese und viele weitere Fragen zu den zentralen sozialen Beziehungen unseres Lebens werden gestellt in dem Band von Heidbrink, Lück und Schmidtmann.

Menschliche Beziehungen zum Thema zu machen, hat eine lange Tradition, von der nicht zuletzt ganz besonders Literatur und Schauspiel leben. Aber menschliche Beziehungen zum Forschungsgegenstand zu machen, stellt sicherlich eine neue und zeitangepasste Vorgehensweise dar, Antworten auf Fragen zu finden, die das menschliche Zusammenleben aufwirft. Die Beziehungsforschung ist folglich ein noch relativ junges Gebiet, zu dem etliche fachliche Disziplinen und insbesondere die Psychologie und hier die Sozial- und Entwicklungspsychologie beigesteuert haben.

In ihrem Vorwort versprechen Heidbrink, Lück und Schmidtmann, einen verständlichen Überblick über das noch relativ junge interdisziplinäre Forschungsgebiet Psychologie sozialer Beziehungen „mit allen Anzeichen schnellen Wachstums“ (S.7) zu geben. Gelingt es ihnen?

Autoren

Gemeinsam ist den Autoren, dass sie in Forschung und Lehre tätige Diplompsychologen sind:

  • Dr. Horst Heidbrink, FernUniversität Hagen, Arbeitsschwerpunkt: Psychologie des Erwachsenenalters, Leitung des Weiterbildungsschwerpunktes „Themenzentrierte Interaktion: Leitung und Moderation in Gruppen“. Veröffentlichungen zu Freundschaftsbeziehungen, Moralentwicklung, Gruppendynamik.
  • Prof. Dr. Helmut Lück (geb.1941), inzwischen emeritiert, seit 1978 Professor an der FernUniversität Hagen für Sozialpsychologie, Schwerpunkt: Psychologie sozialer Prozesse, Mitherausgeber der Zeitschrift für Gruppendynamik. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialpsychologie, zur Gruppendynamik und zur Geschichte der Psychologie.
  • Dr. Heide Schmidtmann (geb.1969), seit 1999 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Sozialpsychologie an der FernUniversität Hagen, jetzt wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr - University Research School der Ruhr - Universität Bochum.

Aufbau

Kapitel 1 führt in die Psychologie sozialer Beziehungen ein, beginnend mit einem Blick zurück auf Freiherrn von Knigge und seine Empfehlungen dermaleinst zum Umgang miteinander, um sodann die Psychologie sozialer Beziehungen als ein neues und spannendes Forschungsgebiet zu umreißen sowie durch zwei inzwischen schon klassische Studien in die Forschungstradition einzuführen: Die Hawthorne - Studien zu den Wirkungen sozialer Beziehungen im Arbeitsleben und die Heider-Simmel-Studien zur Wahrnehmung sozialer Beziehungen.

Im Kapitel 2 geht es um Beziehungsformen, die im Alltag bedeutsam sind: Freundschaft, Partnerschaft und Liebe, Beziehungen in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft sowie Beziehungen im Internet, online- und offline Beziehungen.

Das Kapitel 3 diskutiert ausgewählte Beziehungstheorien: Von der Evolutionstheorie zur Evolutionspsychologie. - Ausgewählte psychoanalytische Ansätze. –Bindungstheorien. - Austauschtheoretische Ansätze und Gleichgewichtstheorien. - Systemtheoretische Ansätze. - Soziale Netzwerke.

Das Kapitel 4 entwirft einen Blick in die Zukunft: Interpersonelle Beziehungen im Kontext globaler Veränderungen. Eine ironisch satirische, durchaus auch nachdenkliche „Science fiction“ - Betrachtung, bei der es auch um Online - Partnerbörsen und unser Glück geht…

Inhalt

Im Kapitel Beziehungsformen werden neuere und teils auch schon etwas ältere empirische Untersuchungen dargestellt und diskutiert, immer bezogen auf die jeweils thematisierte soziale Beziehung. Dabei werden neben sozialwissenschaftlichen Untersuchungen auch neurobiologische Untersuchungen miteinbezogen, insbesondere in dem Kapitel zu Partnerschaft und Liebe.

In dem Kapitel Beziehungstheorien steht der kritische theoretische Diskurs im Mittelpunkt. Es wird ein weiter Bogen gespannt, um die thematisierten sozialen Beziehungen theoretisch einzukreisen, auch hier immer wieder illustriert durch Studien und empirische Untersuchungen, so wie auch im zweiten Kapitel Beziehungsformen schon auf theoretische Erklärungsansätze vorgegriffen wird. Auf diese Weise wird verdeutlicht, in welch hohem Maße Theorien auf der einen Seite und Forschungsvorgehen auf der anderen Seite miteinander verzahnt sind und wie notwendig es ist, theoretische Konstrukte immer wieder aufs Neue zu prüfen und auch mitunter zu relativieren. Besonders eindrücklich kritisch setzen sich die AutorInnen mit der evolutionspsychologischen Theorie und den Ergebnissen der auf den evolutionspsychologischen Konstrukten basierenden empirischen Untersuchungen auseinander.

Wie gehen die Autoren vor?

Allen Kapiteln ist gemeinsam: Eine gut gelungene Mischung aus komprimierten Darstellungen empirischer Untersuchungen, ausgewählter Modelle und theoretischer Erklärungsansätze, wobei zumeist auch ein aktueller gesellschaftlicher Bezug hergestellt und alltägliche Erfahrungen miteinbezogen werden. Dadurch wird das Interesse geweckt, zum einen konzentriert bei der Sache zu bleiben und zum anderen einen weiten Horizont der Betrachtung aufzubauen. Durch die von den AutorInnen formulierten konkreten Fragen und Problemstellungen wird die aktive Mitarbeit beim Lesen herausgefordert. Und auf diese Weise gelingt eine didaktisch geschickte Darstellungsweise.. Da die Zielsetzung darin liegt, insbesondere in die Forschung zu sozialen Beziehungen einzuführen, sind Grundkenntnisse in den Methoden der empirischen Sozialforschung von Vorteil, aber nicht unbedingt unverzichtbar. Der Bezug zum Alltag wird doch zumeist so weitgehend mitberücksichtigt, dass der Leser, die Leserin auch ohne Methodenkenntnisse „am Ball bleiben“ können.

Diskussion

Der Band führt in großer fachlicher Breite in die interdisziplinäre Beziehungsforschung ein: Ausgewählte repräsentative Theorien und markante Forschungen zu zentralen sozialen Beziehungen werden in verständlich aufbereiteten Texten dargestellt. Der Blick in die zukünftige Forschung geht insbesondere in Richtung der computervermittelten Kommunikation und ihren langfristigen Konsequenzen für die Gestaltung sozialer Beziehungen. Themen, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit und Armut in ihren Auswirkungen auf Familienbeziehungen, bleiben hingegen eher ausgespart. Aggressionen in sozialen Beziehungen werden knapp und sehr interessant beim Thema Partnerschaft und Liebe thematisiert, aber nicht aktualisiert ausführlicher bearbeitet. Im Sachwortregister ist „Gewalt“ ebenso wenig zu finden wie „Arbeitslosigkeit“. Deshalb ist – je nach Fragestellung - auf ergänzende und weiterführende Literatur zu verweisen. Der Band könnte entweder eine Vielzahl neuer Untersuchungen initiieren oder die Recherche nach schon vorhandenen ergänzenden aktuellen Untersuchungen nahe legen.

Die Lektüre der dargestellten Beziehungstheorien könnte als Anregung genutzt werden, theoretische Konzepte und Konstrukte kritisch zu überprüfen und auf Praxistauglichkeit zu befragen. Hier ist den AutorInnen ein facettenreicher und konstruktiver Diskurs gelungen.

Fazit

Die in dem Vorwort zu diesem Band von Heidbrink, Lück und Schmidtmann angekündigte Zielsetzung, einen „verständlichen Überblick über die heutige Forschung“ (S.7) zu zentralen sozialen Beziehungen zu geben, ist voll eingelöst worden. Den VerfasserInnen ist eine Einführung in die Beziehungsforschung geglückt, die eindeutig eine Lücke in der psychologischen Fachliteratur schließt. Der Band dürfte seinen Platz finden entweder als Lehrbuch und dieses auch im Nebenfach Psychologie, wie beispielsweise im Studiengang Soziale Arbeit und gar in der gymnasialen Oberstufe, da er zur kritischen Diskussion auffordert, oder als informative Lektüre für sozialwissenschaftlich interessierte Leser und Leserinnen.


Rezensentin
Prof. Dr. Brigitte Bauer
(im Ruhestand), Dipl. Psych., Psychologische Psychotherapeutin Fachhochschule Münster ; Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Brigitte Bauer. Rezension vom 14.12.2009 zu: Horst Heidbrink, Helmut E. Lück, Heide Schmidtmann: Psychologie sozialer Beziehungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-17-020050-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7572.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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