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Klaus Konrad, Silke Traub: Selbstgesteuertes Lernen

Cover Klaus Konrad, Silke Traub: Selbstgesteuertes Lernen. Grundwissen und Tipps für die Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 162 Seiten. ISBN 978-3-8340-0516-8. 16,00 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema

Das Buch befasst sich mit einem aktuellen Trend in der Pädagogik und Psychologie – die Selbststeuerung des Lernenden bzw. autonomes Lernen. Lernende als ihre eigenen Lehrer gewinnen als Idee zunehmend an Bedeutung vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Notwendigkeit des lebenslangen Lernens. Aus sozial-konstruktivistischer Sicht wird kooperatives Lernen als kognitiv konstruierte Wirklichkeit verstanden. Wissen entsteht nicht durch bloße Reproduktion von Informationen, sondern durch einen aktiven Konstruktionsprozess. Wissen ist immer auch subjektives Wissen, das durch wahrnehmungsbedingte Erfahrungen entsteht. Neues Wissen impliziert Umstrukturierung bereits vorhandenen Wissens. Dies geschieht durch das Prinzip der Selbstorganisation. Zur Reflexion und Kontrolle des eigenen Lernhandelns sind metakognitive Fertigkeiten wesentlich.

Autorin und Autor

PD Dr. phil. habil Klaus Konrad lehrt soziale Kognition, Lern- und Sozialpsychologie, Unterrichtsentwicklung und Professionalisierung. Prof. Dr. Silke Traub ist spezialisiert auf Schulpädagogik mit besonderer Berücksichtigung von der Gestaltung von Lernumgebungen, offenem Unterricht und Lehren in der Erwachsenenbildung.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel:

  1. Selbststeuerung – Bedeutung und Klärung
  2. Begründungen für selbstgesteuertes Lernen
  3. Psychologische Voraussetzungen für selbstgesteuertes Lernen
  4. Implikationen für die Förderung selbstgesteuerten Lernens
  5. Diagnose des Selbstgesteuerten Lernens
  6. Wege zum selbstgesteuerten Lernen
  7. Unterrichtsmethoden
  8. Anregungen und Materialien

Zunächst werden Definitionen bzw. Begriffsabgrenzungen versucht, gefolgt von Erkenntnissen aus der Motivations- und Volitionsforschung. Dann folgt eine Beschreibung der notwendigen Lernumgebungen für selbstgesteuertes Lernen sowie Beispiele von Unterrichtsmethoden. Den Abschluss bilden Anwendungsbeispiele und Erfahrungen mit einzelnen Techniken und Methoden.

Inhalte

Die beiden Autoren beginnen mit einer Definition des Begriffes „Selbststeuerung“. Zunächst wird das Selbstkonzept als konstituierendes Merkmal der Persönlichkeit eines Menschen vorgestellt. Internal ablaufende Prozesse der Informationsverarbeitung im Rahmen der Verantwortung und Möglichkeit des Lernenden verlangen eine Beteiligung des Selbst. Das Ich muss integriert sein. Steuerung bezeichnet die Einstellung, Erhaltung oder Veränderung der Zustände eines Systems in Form eines Informationsflusses ohne Rückkoppelung. Selbststeuerung geht also vom lernenden Individuum aus, Fremdsteuerung hingegen umfasst Einflüsse, die von außen auf die Lernenden einwirken.

Selbstgesteuertes Lernen befindet sich auf einem Kontinuum, dessen Pole einerseits „absolute Autonomie“ und andererseits „vollkommene Fremdsteuerung“ heißen. Realistischerweise ist jedes Lernen sowohl fremd- als auch selbstgesteuert.

Die Autoren betonen, dass die Lernenden dazu gebracht werden müssen, selbst die Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen. Sie begründen diese Notwendigkeit mit dem Wandel der Gesellschaft wie zum Beispiel Wertewandel, Veränderungen des familiären Gefüges und neue Lebensstile, die nicht so sehr auf Traditionen beruhen sondern auf individualisierte Lebensführungsprojekte. Berufliche Qualifikationsstrukturen verändern sich durch den Einfluss der Medien und Informationstechnologie. Lernen ist demnach ein individualisierter Prozess und die im Unterricht vermittelten Inhalte müssen individuell verarbeitet werden. Demnach sind Lerntypen, Lernstile, Lernstrategien, Lern- und Arbeitstechniken individuell abzustimmen. Gefordert werden Individualisierung und Differenzierung.

Die Selbständigkeit junger Menschen soll gefördert werden durch die Auseinandersetzung mit Schlüsselproblemen, welche die folgenden Einstellungen und Fertigkeiten erfordern:

  • Kritikbereitschaft und –fähigkeit
  • Argumentationsbereitschaft und –fähigkeit
  • Empathiefähigkeit
  • Fähigkeit zum vernetzenden Denken

Die folgenden psychologischen Voraussetzungen sind notwendig für selbstgesteuertes Lernen:

  • Motivation
  • Lernstrategien
  • Metakognition

Diese werden im Detail besprochen. Erfolgreiches selbstgesteuertes Verhalten ist eine Allianz kognitiver, metakognitiver, motivationaler und situativer Komponenten.

Lehrenden kommt in diesem Kontext eine neue Rolle zu. Sie stehen nicht mehr im Mittelpunkt als Wissensvermittler und steuern nicht zentral den Unterricht. Ihre Rolle ist vielmehr beratend, anregend und unterstützend.

Des Weiteren sind die Lernumgebung und die Gestaltung des Unterrichts von zentraler Bedeutung. Diese müssen den Lernenden die Möglichkeit für selbstgesteuertes Lernen eröffnen. Selbstgesteuertes Lernen bedeutet somit nicht einfach nur die Reduktion fremdgesteuerten Lernens. Anleitung und Begleitung sind besonders wichtig. Lernende brauchen großes Strukturwissen und sprachliche Kompetenz. Lehrende müssen den Lernbedarf erkennen, Lernschritte planen und Lernfortschritte einschätzen können. Sie sind Beobachter und Berater. Schließlich betonen die Autoren, dass selbstgesteuertes Lernen aus Rücksicht auf schwächere Schüler nicht die einzige Lernform sein darf.

Es werden Unterrichtsmethoden selbstgesteuerten Lernens bzw. Mischformen unter dem Begriff des Offenen Unterrichts beschrieben und diskutiert. Die wesentlichen Formen sind die Freiarbeit und der Projektunterricht.

Diskussion und Fazit

Dieses Buch bietet einen fundierten Einblick in das Thema des selbstgesteuerten Lernens. Die günstigen kognitiven, motivationalen und volitionalen Rückwirkungen auf die Lernenden werden anschaulich argumentiert. Im Mittelpunkt steht der Lernende selbst, nicht der Lehrende oder die Inhalte. Damit ist der Lernende gefordert, seine Motivation und Volition zu überprüfen. Selbstgesteuertes Lernen befindet sich an der Schnittstelle zwischen Fremdsteuerung durch Lehrerregulation und der Fähigkeit des lernenden Individuums zur Selbststeuerung. Dazu müssen Lernende willentliche Kontrollprozesse beherrschen:

  • Kontrolle der Aufmerksamkeit
  • Kontrolle der Motivation
  • Kontrolle der eigenen Emotionen
  • Handlungsorientierte Bewältigung von Misserfolgserlebnissen
  • Umweltkontrolle
  • Erkenn der richtigen Gelegenheit zur Handlung

Mittels Selbst-Regulationstechniken können Lernende ihre Handlungen steuern, indem sie sich als selbstbestimmt (intrinsisch motiviert) wahrnehmen, und zwar sozial eingebunden, kompetent und autonom. Im Wesentlichen bedeutet selbstgesteuertes Lernen die Übernahme von Selbstverantwortung, Zielgerichtetheit, Beachtung der Individualität und Kompetenzen in Form von metakognitive Kontrolle und Regulation sowie Entscheidungsfähigkeit und Bewertung.


Rezension von
Dr. Edith Singer
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Zitiervorschlag
Edith Singer. Rezension vom 29.06.2010 zu: Klaus Konrad, Silke Traub: Selbstgesteuertes Lernen. Grundwissen und Tipps für die Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. ISBN 978-3-8340-0516-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7580.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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