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Hartmut Radebold, Werner Bohleber u.a. (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten

Cover Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 262 Seiten. ISBN 978-3-7799-1735-9. 22,50 EUR, CH: 39,50 sFr.

Reihe: Kinder des Weltkrieges.
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Kriegskinder und kein Ende ?

Führt das Land Krieg? Gegen ein ideologisch gefestigtes Volk, oder einen fanatisierten Stamm ? „....hinten, weit, in der Türkei,“ Oder ist es nicht doch ein humanitärer Einsatz? Aber was bedeutet das, wenn die Akteure dieses Einsatzes Soldaten sind? Und wenn es doch zum Kampf kommt? Sind die Soldaten dann im Kriegseinsatz gewesen oder nicht? Was glauben sie selbst? Und was sollen sie glauben, von oben her?

Wie weit diese Fragen schon in den literarischen Alltag eindringen, liest man im Kriminalroman: Wolfgang Schorlau lässt in seinem Kriminalroman “Brennende Kälte“ den Privatdetektiv Dengler einen Soldaten suchen, der aus dem Afghanistan-Einsatz als Mitglied eines KSK-Sonderkommandos traumatisiert zurückkehrt, unter Flash-backs leidet und dessen Selbstheilungsversuche schließlich tödlich enden, damit (nun romanhaft überzeichnet) eine geheim verwendete Waffe nicht öffentlich bekannt wird. (W.Schorlau: Brennende Kälte. Paperbacks bei Kiepenheuer & Witsch) Köln 2008)

Thema

Im vierten Band der Reihe Kinder des Weltkriegs im Juventa Verlag (siehe auch die vorherigen Rezensionen des Referenten) befasst sich die Arbeitsgruppe in den Aufsätzen mit den Folgen für die Kinder und Enkelkinder der Kriegskinder – mittlerweile also eine respektable Ausweitung der Folgen einer 12 Jahre währenden Diktatur inklusive Weltkrieg -–nimmt man die ersten Jahre der DDR in ihrer repressiven Qualität mit dazu, also doch fast drei Jahrzehnte. Wieviel ist in diesen Jahren nicht nur verdrängt oder aufgearbeitet, sondern auch eingesickert in die alltäglichen Werte und Handlungen, derer wir uns nicht mehr bewusst sind ?

Transgenerationale Weitergabe: wie also geschieht die Weitergabe einer Erfahrung, die zwar kollektiv gemacht, aber nicht kollektiv gleichermaßen erlebt und gemeinsam chiffriert worden ist ? Diese Fragen stellt der vorliegende Band, der ebenso wie die vorhergehenden wegen der Gedanken- und Materialfülle nicht leicht zu lesen ist und im Grunde als Reader daherkommt.

Aufbau

In drei Abschnitten werden die Aufsätze gruppiert:

  1. Kindheiten und Jugendzeiten der Jahrgänge 1927 – 1947,
  2. Inhalte und Wege der transgenerationalen Weitergabe und
  3. Transgenerationale Weitergabe : Differenzielle Aspekte.

Ausgewählte Inhalte

Es kann bei der Fülle und Qualität der Beiträge eine Rezension nur unvollständig sein und im Falle dieses Themas sowieso. Aus den Themen seien einige herausgegriffen.

  • N. Kellermann schreibt über „Die Kinder der Child Survivors“, also Kinder derjenigen Holocaust-Überlebenden, die noch Kinder waren, als sie in die Vernichtungslager verschleppt wurden. Je nach dem Entwicklungsstadium, in dem sie waren , als sie im Lager leben mussten, sind somit unterschiedliche Überlebens- und Abwehrmechanismen, aber auch verschiedene Persönlichkeitsentwicklungen ausgeprägt.
  • H.Welzer schreibt über die „Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen.“
  • I.Kogan über „Die Durchlässigkeit der Grenzen in Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen“ und spricht die Verwischung zeitlicher Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Selbst und Objekt und zwischen Fantasie und Realität an. Bleiben diese Grenzen offen, kommt es zu primitiven Identifikationen, d.h. die Differenzierung von Anteilen an der geliebten Person, die ich für mich übernehmen kann und die, die mir nicht gemäß sind, findet nicht statt. Als Folge wird das Kind von der Wucht massiver elterlicher Gefühle, die die Eltern nicht für sich behalten können, aber dem Kind nicht gelten, überrannt. Dann ist aber auch kein Platz mehr für die eigenen emotionalen Bedürfnisse des Kindes. Auch die Fantasietätigkeit des Kindes wird von den traumatischen Erfahrungen des Elternteiles mit Beschlag belegt und es wird im schlimmsten Falle zum Akteur des Wiederholungszwanges, was ja aber, wie wir wissen, nie gut geht. An Hand einer Falldarstellung erläutert Kogan das gemeinte und das Konzept des Enactment. Leider wird die Mühe der Analytikerin nur unzureichend deutlich, wie überhaupt in den vielen Berichten der vier Bände das Bemühen und der „Kampf um die Erinnerung“ (A.Mitscherlich) allzu oft untergeht, als ob die Analyse dieser Erfahrungen und Traumata nur eine kurze Geprächstherapie wäre.
  • Aus dem Abschnitt „Differenzielle Aspekte“ hebe ich den Aufsatz von Jürgen Müller-Hohagen, „Übermittlung von Täterhaftigkeit an die nachfolgenden Generationen“, hervor. M-H reflektiert aus seiner Arbeit mit Familien die Positionierung einzelner Familienmitglieder als Symptomträger als Funktion der Gewalterfahrungen der vorherigen Generation (Elterngeneration) bei gleichzeitigem ambivalenten Erleben dieser Erfahrung. Der Begriff der Täterhaftigkeit soll dabei die Disposition oder Verhaltensbereitschaft beschreiben, in labilen interaktiven Situationen wie „Partnerschaftskonflikten, Konflikten mit pubertierenden Kindern oder in der Unüberschaubarkeit hochkomplexer Arbeitsprozesse im Zweifelsfall nicht ... das Antlitz des anderen wahrzunehmen, sondern gerade daran vorbei zu schauen und den Mitmenschen aufs Spiel zu setzen“ (S. 157) (Der zur Zeit der Studentenunruhen oft gehörte Satz “dann geht doch nach drüben“ könnte auch aus dieser Ecke stammen, berücksichtigt man die Wut, mit der dieser Satz fast immer gesprochen wurde. Der Kritiker wird ins andere Land abgeschoben – so wie Madagaskar mal im Gespräch war …?) M-H berichtet von Ausgrenzungen einzelner Familienmitglieder auch und gerade in Familien, in denen nach außen alles in Ordnung war und von Gewalttätigkeiten gerade in den großbürgerlichen Vierteln, in denen auf Grund der Herkunft Kontinuitäten zum Nationalsozialistischen Deutschland bestanden. Beispiele dazu finden sich auch im neuen Buch von W.Schmidbauer: Er hat nie darüber geredet. Worauf es M-H im besonderen ankommt, ist nicht die Gewalt als solche, sondern der Einsatz zur Ausgrenzung von Mitmenschen aus der Menschlichkeit und der Einsatz der Gewalt zur vollständigen Vernichtung. Inwieweit, so fragt M-H, wiederholen sich in Familien, in denen nicht nur geschlagen, sondern auch oder stattdessen psychisch oder ideologisch ausgegrenzt wird, solche Gewaltbereitschaften. Wie weit geht eine Familie in der Nicht-Akzeptanz von Sonderlingen, von wenig Begabten, von homosexuellen Kindern? Und inwieweit helfen da soziale Institutionen wie z.B. die Psychiatrie durch Bereitstellung entsprechender Klassifikationen? Vom Wegsperren zum Vernichten war es ja zu Zeiten nur ein kleiner Schritt? (Literarisch: F.J.Degenhardt: Tante Th‘rese.) So wäre dann die Bereitschaft zur totalen Vernichtung ein Erbteil der Nationalsozialisten, auf das es zu achten gelte.

Weitere angesprochene Themen sind

  • „Psychohistorische Besonderheiten Ostdeutschlands“ von Michael J. Froese und
  • empirische Untersuchungen u.a. von Michaela Köttig - „Die Bedeutung der intergenerationalen Weitergabe in Familien- und Lebensgeschichten rechtsextrem orientierter junger Frauen“ – und von
  • Ulrich Lamparter, Linde Apel, Malte Thießen, Dorothee Wierling, Christa Holstein, Silke Wiegand-Grefe: "Zeitzeugen des Hamburger >Feuersturms< und ihre Familien“.

Fazit

Leider muss die eingangs gestellte Frage (Führt das Land Krieg?) doch mit Ja beantwortet werden. Die im Kriminalroman vorgestellte Lösung, Soldaten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung alleine zu lassen, wird, glaubt man den Presseberichten der jüngsten Zeit, nun doch durch Fürsorge ersetzt. Viel wäre gewonnen, den Krieg wieder wie Clausewitz als letztes Mittel der Politik und nicht als erstes, also tatsächlich als ultima ratio bewusstseinsmäßig zu verankern und auch das Soldat-sein nicht mehr als Helfer in Uniform darzustellen. Es ist auch den Mitbürgern, die sich dafür entschieden, nicht zuzumuten, ihren Auslandseinsatz als Entwicklungshelfer im Tarnanzug hinzustellen. Und Psychologen mitzugeben, die dann gegen Heimweh Gespräche anbieten. Eine Gesellschaft, die Gewalt, auch die strukturelle Gewalt innerhalb der eigenen Grenzen, verleugnet, gerät recht bald, wie gegenwärtig auch zu sehen ist, in eine massive Legitimationskrise. Noch lässt sich Krieg nach Außen tragen, aber wie lange noch? Sieht unser Bundesinnenminister vielleicht doch schon weiter?


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 01.03.2009 zu: Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1735-9. Reihe: Kinder des Weltkrieges. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7587.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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