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Wolfgang Voges: Soziologie des höheren Lebensalters

Cover Wolfgang Voges: Soziologie des höheren Lebensalters. Ein Studienbuch zur Gerontologie. Maro Verlag (Augsburg) 2008. 330 Seiten. ISBN 978-3-87512-314-2. 22,00 EUR.
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Thema

In langer Laufzeit hat Wolfgang Voges seine „Soziologie des höheren Lebensalters“ veröffentlicht. Nun sieht er in der Altenpopulation eine zunehmende Spreizung zum einen in die Älteren, über 60jährigen mit neuen Optionen für nachberufliches Tätigsein und eigenständige Lebensgestaltung und dann in die Hochbetagten, über 80jährigen mit häufiger verbreiteten, chronischen Krankheiten und Pflegebedarfen. Infolgedessen hat der Autor seine Darstellung nicht nur zu einer weiteren, neuen Auflage umgearbeitet, sondern mit einer ersten Auflage einen Neuanfang gemacht. Die neue, 2008 bei Maro in Augsburg erschienene „Soziologie des höheren Lebensalters“ trägt dem sich verbreiternden Fächer der Zubringerwissenschaften entsprechend den Untertitel „Ein Studienbuch zur Gerontologie“.

Autor

Wolfgang Voges lehrt und forscht als Professor am Zentrum für Sozialpolitik und am Institut für Soziologie der Universität zu Bremen.

Aufbau …

Wolfgang Voges widmet sich nach einer einführenden, soziologischen Betrachtung des Alters als Lebensphase im sozialstrukturellen Wandel, mit den sozialwissenschaftlichen Kategorien des Alters und ausgewählten Alterstheorien in einem zweiten, größeren Abschnitt den Lebenslagen im Alter mit Einkommen, Gesundheit/Krankheit, Tätigsein, Wohnen und Familie.

… und Inhalte

Unter dem ersten Abschnitt des Alters als Lebensphase schildert das Buch im ersten Kapitel den sozialen und demografischen Wandel in Bevölkerungszusammensetzung, Familienstruktur und daraus folgendem Hilfebedarf im Alter.

Das zweite Kapitel behandelt vorwissenschaftliche Altersbilder und fragt nach biologischen, psychologischen und soziologischen Aspekten des Alters.

Kapitel drei beschäftigt sich mit einigen gängigen Alterstheorien wie der Aktivitätstheorie, der Disengagementtheorie, dem Etikettierungsansatz und der Austauschtheorie; eingestreut sind hier einige wissenschaftstheoretische Gedanken.

Im zweiten Abschnitt mit einigen ausgewählten Lebenslagen im Alter werden in Kapitel vier zur Einkommenslage nach der Schilderung des Drei-Säulen-Modells der Alterssicherung die gesetzliche Regelsicherung (Rente), Sozialhilfe und Wohngeld erläutert. Eine starke Einkommensspreizung wird festgestellt. Auch die Einkommensverwendung wird angesprochen.

Kapitel fünf behandelt die auch im subjektiven Erleben stark variierenden Krankheits- und Gesundheitszustände und die Bewältigungsstile von gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Somatische und psychische Erkrankungen werden besprochen. Umstände von Sterben, Tod und Suizid werden erörtert.

Kapitel sechs sieht den Berufsaustritt nicht nur als Befreiung von Last an, sondern auch als Wegfall eines Lebens-Konstitutivums. Als Lösungen werden Ehrenamt und sinnstiftende Aufgaben im privaten Umfeld diskutiert. Ausführlich werden Belastungen in der späten Erwerbsphase und betriebliche Ausgliederungspfade behandelt.

Das Wohnen wird in Kapitel sieben als Möglichkeit zu selbstständiger Lebensführung und zu sozialen Kontakten „im Quartier“ gesehen. Seine emotionalen und biografischen Werte werden hoch veranschlagt. Altersgerechtes Wohnen wird thematisiert. Das Heim wird als Notlage bei Versorgungsnotlagen gesehen.

Das letzte und achte Kapitel behandelt unter dem Sammelbegriff Familie die Partnerschaft Älterer mit ihren Fragilitäten bei Partnerverlust, die generativen Beziehungen, Isolation/Einsamkeit und die bei familialen Ausfällen zunehmend bedeutsam werdenden sozialen Netzwerke.

Diskussion

Das Buch „Soziologie des höheren Lebensalters“ ist in seiner Fakten-Darstellung multidisziplinär und aussagereich angelegt. Es ist reichhaltig mit Abbildungen und Statistiken versehen. Die typografische Aufbereitung ist deutlich und gefällig. Register, Glossar und Verständnisfragen im Anhang machen es zu einem echten Arbeitsbuch für Lernende und Studierende

Stellenweise sind die Texte indes mit Statistiken aus zu disparaten Gebieten überfrachtet (Bevölkerungszusammensetzung, Einkommenssituation, Wohnverhalten). Da stürmt eine enorme Datenflut auf die Leserschaft ein, die das Alter nahezu verdeckt.

Wenn schon der Buch-Untertitel auf die Gerontologie verweist, hätte man sich zu Beginn des zweiten Kapitels mit den biologischen, psychologischen und soziologischen (warum nicht auch mit den geragogischen?) Aspekten des Alterns doch eine grundlegende Besinnung auf die die Einzeldisziplinen zusammen fassende Gerontologie als Summe der Alterswissenschaften gewünscht. Selbst im Glossar ist der Begriff „Gerontologie“ nicht vertreten. Offenbar bleibt für den Verfasser entgegen dem Untertitel doch die Soziologie Leitwissenschaft seiner Darlegungen (siehe auch Seiten 49 ff.).

So kommen auch die sozialpolitischen und institutionellen Hilfen für die Hochbetagten-Phase bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit nicht genügend im Zusammenhang zur Sprache. Voges bleibt zu sehr beim höheren Erwachsenenalter stehen und behandelt dieses sehr breit (späte Erwerbsphase, Berufsaustritt, Partnerverluste). So ist auch die Heimdiskussion unter Stichworten wie totale Institution und Interventionsgerontologie nicht geführt, obwohl die statistischen Vorausblicke von Kapitel eins die Frage der Fremdbetreuung im Alter nahe gelegt hätten.

So bleiben einige Wünsche an ein Buch für Ausbildung und Studium von Fachkräften in der Altenpflege offen. Thematisiert werden sollte das Aufbrechen des Dualen Systems der Altenhilfe (aus ambulanter versus stationärer Versorgung) durch innovative Formen der Altenhilfe wie selbstständig-unterstütztes Betreutes Wohnen und kleine, selbstverwaltet-unterstützte Gemeinschaften (wiewohl unter Kapitel 7.4. bei der Darstellung der Heime auch von „versorgtem Wohnen“ die Rede ist, ohne dass diesem erweiterten Begriff inhaltlich entsprochen wird). Fehlanzeige herrscht leider auch bei so wichtigen gerontologischen Inhalten wie Crossover (als Geschlechtsrollen-Annäherung im Alter), dem altersintegrierten Modell von Bildung, Arbeit und Freizeit, den technischen und mikroelektronischen Haushaltsentlastungen sowie bei den geeigneten innerfamilialen Haltungen von filialer Reife und elterlichem Gewährenlassen in der postparentalen Familiensituation.

Fazit

Ein in seiner Fakten-Reichhaltigkeit lesenswertes Buch zum höheren Lebensalter. Es wird eher Fakten- als Handlungswissen für in der Altenarbeit Tätige gebracht. Sollens-Aussagen für eine künftige, humane Altenhilfe fehlen. Die überreichen Seins-Aussagen sind zu sehr am höheren Erwachsenenalter, zu wenig am eigentlichen Alter und leider noch weniger an Hilfen bei Ausfällen in der Hochaltrigkeit orientiert. Symptomatisch: Bei den somatischen und psychischen Erkrankungen wird in Kapitel fünf nur diagnostisch, aber nicht kurativ bzw. therapeutisch argumentiert.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 05.10.2009 zu: Wolfgang Voges: Soziologie des höheren Lebensalters. Ein Studienbuch zur Gerontologie. Maro Verlag (Augsburg) 2008. ISBN 978-3-87512-314-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7588.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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