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Monica McGoldrick, Randy Gerson et al.: Genogramme in der Familienberatung

Rezensiert von Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder, 24.04.2010

Cover Monica McGoldrick, Randy Gerson et al.: Genogramme in der Familienberatung ISBN 978-3-456-84647-7

Monica McGoldrick, Randy Gerson, Sueli Petry: Genogramme in der Familienberatung. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 3., vollst. überarbeitete und erweiterte Auflage. 346 Seiten. ISBN 978-3-456-84647-7. 34,95 EUR.CH: 49,90 sFr.
Reihe: Klinische Praxis. Originaltitel: Genograms, assesment and intervention.

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Thema

Die Erarbeitung von Genogrammen gehört zum grundlegenden methodischen Repertoire in der Einzel- Paar- und Familienberatung bzw. –therapie, in der Familienmedizin. Auch in Ausbildungskontexten für angehende BeraterInnen und TherapeutInnen spielen sie eine wichtige Rolle bei der Reflexion der Entwicklung der eigenen Berater-/Therapeutenpersönlichkeit. Genogramme dienen dazu, die eigene Lebensgeschichte, Lebenserfahrungen und -entscheidungen als Teil der familiären Entwicklung zu verstehen. Familiäre Muster, lassen sich häufig über mehrere Generationen zurückverfolgen. Überzeugungen und Werte, Haltungen und Verhalten in bestimmten Situationen werden auf dem Hintergrund der familiären Entwicklung über mindestens drei Generationen, der Zeitgeschichte, der sozialen und kulturellen Umgebung sowie der wirtschaftlicher Lage plausibel. Genogramme sind daher ein hilfreiches Instrument, um Informationen aus der Familiengeschichte zusammenzutragen, zu ordnen, Zusammenhänge zu erkennen, zu verstehen und zu integrieren.

Aufbau

Das Buch ist in 11 Kapitel gegliedert. Vorangestellt sind Danksagungen und ein Vorwort der Autorinnen. Am Schluss des Buches findet man einen Anhang mit Hilfen zur praktischen Erarbeitung von Genogrammen sowie ein Stichwort- und Namensregister.

Inhalt

„Zweck des Buches ist es, die praktischen, theoretischen, grafischen und klinischen Einsatzmöglichkeiten von Genogrammen sowie ihr Potenzial für die Forschung aufzuzeigen“.(S.13) Im Vorwort verweisen die Autorinnen auf das langjährige Interesse am sinnvollen Einsatz von Genogrammen in der klinischen Arbeit sowie in Forschung und Lehre und auf die Etablierung von Genogrammen als praktische Instrumente zur Dokumentation von Familienmustern im Gesundheitssystem. Ihr Traum, der in naher Zukunft realisierbar erscheint, ist „eine Computer-Software, die es erlaubt, eine Datenbank anzulegen, mit deren Hilfe Genogramme nicht nur graphisch dargestellt, sondern auch vergleichend analysiert werden können“.(S.11) Fachgebiete, in denen Genogramme nach Auffassung der Autorinnen bereits eingesetzt werden sind, die Genealogie, Medizin, Psychologie, Sozialarbeit, Familienberatung, Pflege und in vielen anderen Bereichen des Gesundheitssystems, sogar in der Rechtspflege und in der Wirtschaft.“

Im 1. Kapitel befassen sich die Autorinnen mit den Vorteilen und Zielen der Erarbeitung von Genogrammen als standarisierte grafische Darstellung von Familiensystemen. Sie betonen die Möglichkeit, komplexe Familienstrukturen übersichtlich darzustellen und diese Darstellung immer wieder zu ergänzen oder zu aktualisieren. Genogramme können sowohl als Momentaufnahme genutzt werden oder helfen, die Komplexität eines Familiensystems in Erinnerung zu behalten. Sie erleichtern es, einen „Zugang“ zu der Familie zu finden und ihre emotional besetzten Themen neu zu formulieren. Unter dem Stichwort „Anwendungsmöglichkeiten“ erstellen die Autorinnen einen kurzen historischen Abriss über die entsprechenden Veröffentlichungen seit 1980. Es schließen sich Informationen zum Einsatz von Genogrammen in der Familienmedizin und über die Bedeutung von Genogrammen in der systemischen Familientheorie an.

Das 2. Kapitel enthält eine differenzierte Anleitung, „wie man Genogramme erstellt“. Alle Zeichen und Symbole für die unterschiedlichsten Beziehungen und familiären Konstellationen werden ausführlich an Beispielen erklärt. Man findet Hinweise zum Umgang mit fehlenden Informationen, z.B. wie Familienmuster in Genogrammen verfolgt werden können und welche demografische Informationen /Fakten gesammelt werden. Dieses Kapitel befasst sich auch mit der Darstellung von funktionalen oder dysfunktionalen Mustern in Familien, mit unterschiedlichen Formen familiärer Beziehungen und Rollen, wie Kontexterfahrungen, kulturelle Einbindungen, religiöse Zugehörigkeiten, der sozioökonomische Status und die gesamte soziale Einbindung einer Familie aufgezeichnet werden. Es schließt ab mit einer Zusammenstellung von Themen, die in Genogrammen nur schwer darzustellen sind.

Im 3. Kapitel wird detailliert beschrieben, wie man ein Genogramm-Interview führt. Auch auf den Umgang mit Widerständen gegen die Genogramm-Fragen, welche potenziellen Probleme für InterviewerInnen entstehen können oder wie man schwierige Themen ansprechen kann wird hiereingegangen. Es gibt Hinweise, wie man Prioritäten bei der Strukturierung gewonnener Informationen setzen kann und was die wichtigsten Punkte eines Kurzinterviews sind.

Das 4. Kapitel enthält eine Anleitung, wie familiäre Muster durch Raum und Zeit verfolgt und Genogramme bei sehr komplexen Familienstrukturen erstellt werden können. Als Beispiele dienen die Genogramme bekannter Familien, wie der von Maria Callas, Bill Clinton oder der Familie Roosevelt.

Kapitel 5 – 8 befassen sich mit der Interpretation von Genogrammen im Sinne der Ableitung von Hypothesen. Ausgangspunkte der Hypothesenbildung sind die a) die grundlegende Struktur einer Familie, b) der Zusammenhang zwischen Familienstruktur und Funktionalität, Beziehungsmustern und Dreiecken oder Veränderungen im Lebenszyklus. Auch hier dienen zahlreiche bekannte Familien zur Veranschaulichung sowohl für die Erstellung wie auch für die Bearbeitung bzw. das Verständnis von Genogrammen.

Im 9. Kapitel werden die klinischen Einsatzmöglichkeiten von Genogrammen beschrieben. “Von den verschiedenen therapeutischen Richtungen werden Genogramme auf sehr unterschiedliche Arten Weisen eingesetzt – um Familien zu mobilisieren, ihre Probleme neu zu fassen und schwierige Themen zu ‚entgiften‘, um Blockaden im System aufzulösen und familiäre Muster zu klären, um die Verbindung des Einzelnen mit seiner Familie deutlich zu machen und ihn dadurch in die Lage zu versetzen, in die Zukunft zu schauen und sich von alten Mustern zu befreien.“ (S. 225) Als psychoedukatives Instrument kann die Erstellung eines Genogramms der Familie helfen, ihre Muster zu erkennen und zu verstehen. Damit wird bereits die Erstellung des Genogramms zur Intervention. Weitere Aspekte, die in diesem Kapitel beschrieben werden sind:

  • die Mobilisierung der gesamten Familie im Genogramm-Interview,
  • der Umgang mit Widerstand,
  • die Klärung von Familienmustern,
  • Normalisierung und Neuformulierung zentraler Familienthemen,
  • die Interventionsplanung in der Beratung oder Therapie auf der Grundlage eines Genogramms,
  • der Einsatz von Genogrammen zur Umwandlung aktueller Beziehungen,
  • Spezifika familiärer Muster,
  • der Zusammenhang signifikanter Ereignisse mit gleichzeitig auftretenden Stressfaktoren und Konflikten durch unterschiedliche kulturelle Prägungen.

Eine Erweiterung der diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten wird im 10. Kapitel als Familienspiel-Genogramm vorgestellt. Die Familienmitglieder wählen aus einem Fundus von Miniaturfiguren (Menschen, Tiere, Gegenstände) jeweils eine für jedes Familienmitglied aus. Mit Hilfe dieser Figuren kann der Austausch zwischen den Familienmitgliedern intensiviert, können Beziehungen dargestellt und ausgedrückt, Geschichten weitererzählt, Eindrücke konkretisiert oder Konflikte leichter dargestellt, sowie mit Lösungsideen experimentiert werden. Der therapeutische Prozess kann durch dieses methodische Element eine Belebung erfahren. Hinweise auf zusätzliche Übungen mit Familienspiel-Genogrammen runden dieses Kapitel ab.

Im 11. Kapitel geht es um Genogramme in der Forschung über Familien und familiäre Prozesse. Einerseits sind in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen erschienen, die sich mit Genogrammen als effektives und weit verbreitetes Hilfsmittel der klinischen Arbeit beschäftigen. Andererseits steckt die Nutzung von Genogrammen als Forschungsinstrument nach Auffassung der Autorinnen noch in den Kinderschuhen. Ein großer Teil bisheriger Forschungen kommt aus der Familienmedizin und zeigt auf, welch starken Einfluss die Familie auf die Gesundheit ihrer Mitglieder hat und wie partnerschaftliche bzw. familiäre Beziehungen auf gesundheitliche Verläufe ebenso großen Einfluss haben, wie biologische Faktoren. Genannt werden Beispiele für Reliabilitätsforschung in der Familienmedizin und Familientherapie. Für die qualitative Forschung mit Genogrammen existieren inzwischen Softwareprogramme, die es erlauben, fast jedes Thema ganz gezielt im Genogramm zu verfolgen. Am Schluss dieses Kapitel wird (endlich!) auf ethische und rechtliche Implikationen im Zusammenhang mit dem Recht auf Schutz der Privatsphäre hingewiesen.

Ein ausführlicher Anhang beinhaltet:

  • Eine Zusammenfassung der standarisierten Themenbereiche bei der Erstellung von Genogrammen
  • Einen Fragenkatalog zur Durchführung von Genogramm-Interviews
  • Eine Zusammenfassung der verschiedenen Kategorien zur Interpretation von Genogrammen

Eine detaillierte Bibliographie, die zur leichteren Orientierung thematisch gegliedert ist und ein Sachregister runden dieses äußerst informative Buch ab.

Diskussion

Die Überarbeitung ist dieser 3., erweiterte Auflage ausgesprochen gut bekommen. Sie ist nicht nur um wesentliche Inhalte ergänzt worden, sondern deutlich klarer strukturiert, so dass einzelne Themen gut nachgeschlagen werden können. Das Buch ist eine wahre Fundgrube für alle, die sich mit den vielfältigen Möglichkeiten des Einsatzes von Genogrammen beschäftigen, sei es in der Praxis, im Studium oder im Kontext von Fort- und Weiterbildung. Konkrete Anwendungsschritte, Varianten von Einsatzmöglichkeiten und die verschiedenen Einsatzbereiche werden detailliert beschrieben und an spannenden Beispielen verdeutlicht. Immer wieder bricht die Begeisterung der Autorinnen für dieses Instrument durch und motiviert so den/die Leser/in, es selbst zu probieren oder das Instrument auf eine neue Art zu nutzen. Diese Begeisterung scheint aber auch zu verhindern, die Erarbeitung von Genogrammen in eine Reihe mit vielen weiteren nützlichen Instrumenten in der systemischen Beratung und Therapie zu stellen! Systemtheoretisch berücksichtigen die Autorinnen ausschließlich die strukturelle Perspektive. Eine Diskussion der Genogrammarbeit auch auf konstruktivistischem Hintergrund wäre sicher ein interessantes Unterfangen. Viel zu kurz kommt leider die Erörterung datenschutzrechtlicher Fragen.

Fazit

Es ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die sich detailliert mit den vielfältigen Möglichkeiten der Genogrammarbeit beschäftigen wollen. Für PraktikerInnen ist es ein hilfreiches Handbuch, für Lehrende gutes Lehrmaterial und für Studierende in beraterisch/therapeutischen Berufen sollte es Pflichtlektüre sein.

Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Dpl. Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSF), Lehrende für systemische Beratung und –Therapie (DGSF), MarteMeo-Licensed Supervisor, freie Praxis für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching, Einzel-, Paar-, und Familienberatung in Brühl /Rhld.
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Es gibt 17 Rezensionen von Annegret Sirringhaus-Bünder.

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ISSN 2190-9245