socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ernst-Dieter Lantermann, Elke Döring-Seipel u.a.: Selbstsorge in unsicheren Zeiten

Cover Ernst-Dieter Lantermann, Elke Döring-Seipel, Frank Eierdanz, Lars Gerhold: Selbstsorge in unsicheren Zeiten. Resignieren oder Gestalten. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2009. 190 Seiten. ISBN 978-3-621-27620-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 48,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Viele Bilder beschreiben unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation: sie wird als ständig im Fluss beschrieben, ihre Entwicklungen haben einen radikalen und grenzenlosen Charakter, sind sprunghaft, unvorhersehbar und von unabsehbaren Risiken begleitet. So skizzieren auch die AutorInnen, ein Team des Lehrstuhls für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie der Universität Kassel, die gesellschaftliche Situation, vor deren Hintergrund sie Ergebnisse mehrerer Untersuchungen zusammen führen, die darüber Auskunft geben können, welche Bewältigungsmuster Menschen einsetzen, um mit dieser unsicheren Situation umzugehen.

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von der oben skizzierten gesellschaftlichen Situation ist ein eigenverantwortlicher Umgang mit Ungewissheit, Unsicherheit und Unbestimmtheit eine Schlüsselkompetenz für eine erfolgreiche Bewältigung dieser Situation.

Zunächst stellen die AutorInnen im 1. Kapitel Definitionen und theoretische Begründungen der nachfolgenden Konstrukte vor: Selbstsorge, externe und interne Ressourcen, prekäre Lebenslagen, Exklusionsempfinden, Vertrauen und ihre Wechselbezüge. Es mündet in die Darstellung des PRESS.Modells: Prekarität –Ressourcen-Modell selbstsorgenden Handelns.

Im 2. Kapitel wird die Psychologie der Unsicherheit dargestellt, wobei als Unsicherheit einerseits Gefahr und Bedrohung verstanden wird, andererseits Zustände des Nicht-Genau-Wissens. Hier finden sich die aus der Stressforschung bekannten Darstellungen der Bedeutung von Bewertung und Bewältigungsmöglichkeiten. „Das Wissen um Handlungsmöglichkeiten und das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen ist mit Abstand die wichtigste Einflussgröße, wenn es darum geht, ob man Situationen als Herausforderung annehmen kann.“ (S.48) Hier wird angelegt, dass Menschen mit unterschiedlichen Varianten der Selbst-, Zukunfts-, Sozial- und Systemvertrauens auf ähnliche Belastungssituationen unterschiedlich reagieren. Dies leitet über zu unterschiedlichen Bewältigungsformen, proaktive, präventive, passive.

In den Kapiteln 3 bis 8 werden die verschiedenen Untersuchungen zur Fragestellung der Selbstsorge präsentiert. Unterschiedlich ist sowohl der methodische Zugang, Zeitpunkt und Zielgruppe der Untersuchten wie auch die jeweilige Untersuchungsperspektive von Konstrukten und ihren Beziehungen zueinander, oder der Vergleich von Gruppen mit bestimmten Merkmalen.

Im 9.Kapitel werden die Ergebnisse zusammen geführt und es kann etwas repliziert werden, was aus der Sozialen Arbeit aus Einzelfällen bekannt ist: Eine äußerlich missliche, prekäre Lebenssituation ist nicht zwangsläufig auch mit einem „Nachlassen von Selbstsorge, mit Selbstaufgabe, Resignation, Verzicht, oder Rückzug verbunden ...“ (S. 167) Dabei lässt sich zeigen, dass in allen Phasen der Entwicklung einer prekären Situation Vertrauen und Kompetenzen die wichtigsten Schutz- und Resilienzfaktoren.

Umgekehrt: es gibt eine Gruppe der Schutzlosen, der Ressourcenarmen, bei denen sich die zunehmende prekäre Lebenssituation niederschlägt in einer negativen, ängstlichen und sorgenvollen Sicht auf ihre Lebenssituation. Eine wachsende negative Sicht der Lebenssituation korrespondiert mit dem Gefühl, gesellschaftlich nicht anerkannt zu sein, nicht dazu zu gehören. Je negativer sich diese Gefühle in wechselseitiger Verstärkung zeigen, umso mehr zeigen sich auch Gefühle des Überfordertseins und psychosomatische Beschwerden. Sie beginnen zu resignieren, wehren sich kaum gegen riskante Entwicklungen und sind wenig eigeninitiativ, selbstfürsorglich. Zugleich ziehen sie sich sozial zurück, sind nicht motivier zu lernen und engagieren sich auch bürgerschaftlich nicht. Macht man sich diese Zusammenhänge klar, kann man gerade von dieser Gruppe nicht erwarten, dass sie aus eigener Kraft aus dieser negativ gestimmten Situation herauskommt. Vielmehr benötigen sie bereits soviel Kraft, Kompetenzen und Restvertrauen, um die ohnehin prekäre Situation zu bewältigen, dass sie Appelle daran, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, eher als zynisch erleben müssen. Andererseits sind Menschen mit hohem Vertrauen nicht automatisch aktiver in der Auseinandersetzung mit einer prekär gewordenen Lebenssituation, nämlich dann, wenn sie ein hohes Vertrauen in das System von Behörden, Institutionen und Ämtern haben.

Ich überspringe eine Reihe weiterer Facetten der Ergebnisse und nehme noch einmal den Zusammenhang von der Entwicklung selbstsorgenden Verhaltens und einer Vertrauens-Kultur in den Blick. Er zeigt einmal mehr die Abhängigkeit individueller Kompetenzen von gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen - und vice versa -

Fazit

Ein kluges Buch, dem trotz des relativ hohen Preises ein großer LeserInnenkreis zu wünschen ist und zwar zum einen, weil es mit unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden und unter Rückgriff auf bekannte Modelle der Stressforschung den Umgang von Menschen, die in prekäre Situationen geraten, darstellt. So wird diese Gruppe differenziert. Davon lassen sich des weiteren Hinweise auf mögliche und erforderliche individuelle Unterstützung ableiten und können Menschen auch davor bewahrt werden, durch professionelles Handeln unbeabsichtigt beschleunigt in eine Krise befördert zu werden. Wem das zu weit gegriffen ist, dem gibt das Buch schließlich Hinweise, was sinnvollerweise als nächstes empirisch untersucht werden sollte.

Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf der Mikro-, Meso- und Makroebene bleibt das Bemühen um eine wertschätzende Kultur des Vertrauens und Einbeziehung aller zugunsten eines sozialen Gemeinwesens.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
E-Mail Mailformular


Alle 26 Rezensionen von Alexa Köhler-Offierski anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 08.07.2009 zu: Ernst-Dieter Lantermann, Elke Döring-Seipel, Frank Eierdanz, Lars Gerhold: Selbstsorge in unsicheren Zeiten. Resignieren oder Gestalten. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-621-27620-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7596.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Stellvertretende Leitung Finanzen, Berlin

Geschäftsführung (w/m/d), Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung