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Klaus Ahlheim: Mut zur Erkenntnis

Cover Klaus Ahlheim: Mut zur Erkenntnis. Über das Subjekt politischer Erwachsenenbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 221 Seiten. ISBN 978-3-89974-468-2. 22,80 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Das Buch und sein Warum

Der Titel des Buches ist dem „Sapere aude!“ Immanuel Kants nachempfunden: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ 7 der 10 Beiträge sind 1990 erstmals erschienen; drei neue Aufsätze sind hinzugekommen, die ganze 25 der insgesamt 221 Seiten ausmachen. Warum 2008 eine geringfügig erweiterte Neuauflage von 1990? Weil die Aussagen „unverändert aktuell“ sind, behauptet der Autor. (S. 197) Einer der umfangreichsten Beiträge ist „Aktueller Rechtsextremismus“ betitelt. (S. 53ff) Er beschreibt die Situation des Rechtsextremismus in den 80er Jahren der Bonner Republik. Heute wiedergelesen, ist er allenfalls ein Dokument historischer politischer Bildung: So hat man vor einem Vierteljahrhundert das Problem gesehen; so hat man damals pädagogisch und andragogisch reagiert. Ohne allerdings dem Phänomen allzuviel anhaben zu können, wie wir heute, 25 Jahre später, konstatieren dürfen. Also könnte man der Aktualitätsvermutung des Autors durchaus zustimmen und polemisch behaupten: Es ist die Wirkungs- und Folgenlosigkeit der politischen Bildung, die „unverändert aktuell“ ist.

Der Autor

Der Autor Klaus Ahlheim, Jahrgang 1942, lehrte bis 2007 politische Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen und lebt jetzt in Berlin.

Die Leitfrage

Empirisch betrachtet, fristet die politische Erwachsenenbildung in den Programmen unserer Volkshochschulen eine Nischenexistenz. Warum geht so wenig Anziehungskraft von ihr aus, obwohl sie ihre Adressaten mit den schönsten Verheißungen einlädt: „aufgeklärte“, „autonome“ und „mündige“ Bürger mit „kritischer Kompetenz“ zu werden? Diese Frage ist der rote Faden, der sich durch alle Beiträge zieht, gleich ob sie sich mit Erziehung im Schatten des Faschismus befassen, mit Autorität und Vorurteil, mit Fremdenfeindlichkeit oder mit Neo-Patriotismus. - Einige Antworten, die das Buch nahe legt:

  • Vielleicht, weil die Aufzuklärenden glauben, bereits aufgeklärt zu sein.
  • Vielleicht, weil die Angesprochenen glauben, dass es sich nicht „lohnt“.
  • Vielleicht, um die kleine heile Fledermaus-Welt nicht zu gefährden: Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.
  • Vielleicht, weil die psychische Belastung, die Aufklärung über eine Welt mit sich bringt, in der „Auschwitz“, „Hiroshima“ und „Tschernobyl“ möglich waren, für den narzisstischen Sozialcharakter des fortgeschrittenen Konsumkapitalismus nur schwer auszuhalten ist.

Sisyphos

Wer allerdings glaubt, politische Bildung sei eine Art Staatsbürgerkunde, die über das Wesen von Politik und das Funktionieren von Demokratie aufzuklären und den Adressaten die Vor- und Nachteile von Mehrheits- und Verhältniswahlrecht auseinanderzusetzen habe, der verkennt die Atlas-Natur unserer politischen Bildner, die angetreten sind, die ganze Welt zu Schultern und besser zu machen. Denn um nichts weniger als „die Reduzierung des militärischen Risikos, die Vermeidung der ökologischen Katastrophe, die humane Gestaltung einer bedrohten Zukunft“ (S. 151) geht es der politischen (Erwachsenen-)Bildung. Sie erklärt sich für die Sicherung des Weltfriedens genau so zuständig wie für die Schließung des Ozonlochs. Wer mit solchem Weltenretter-Pathos auftritt, der programmiert sein Scheitern, der verhindert, dass seine Adressaten zu Subjekten politischer Bildung werden, der provoziert geradezu die von ihm wortreich beklagte „Belehrungsresistenz“ (S. 126) seiner Schützlinge und sollte selbst das heitere Gemüt eines Sisyphos besitzen, wenn er einigermaßen gesund über die Runden kommen will. Die Größe der zu lösenden Probleme macht die Zeitgenossen erbärmlich, ängstlich und ohnmächtig, zumal es auch im Kleinen und Alltäglichen oft an Perspektiven für das eigene (berufliche) Leben fehlt.

Streitbarer Andragoge

Ahlheim legt sich mit vielen Zunftgenossen der politischen Erwachsenenbildung an. Besonders jenen, die mit scheinkritischer Geste ihren Frieden mit dem Status quo gemacht haben. Wer heute glaube, wie nicht wenige Kollegen, politische Bildung habe sich in die florierende betrieblich-berufliche Weiterbildung verlagert, wo „Schlüsselqualifikationen“ hoch im Kurs stehen, die auch für politische Bildung unverzichtbar sind: „Selbständigkeit“, „Konflikt- und Kritikfähigkeit“, „Kreativität“, „Kooperations- und Teamfähigkeit“, „Kommunikationsfähigkeit“ etc., dem hält Ahlheim mit der Gewissheit, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, bloße Augenwischerei vor: Diese „Schlüsselqualifikationen“ der beruflichen Weiterbildung dienen nichts anderem als der Fremd- und Selbstausbeutung der Ware Arbeitskraft, um den wechselnden Anforderungen der abhängigen Beschäftigung besser gewachsen zu sein. Hier lerne man sich den Verhältnissen mit Leib und Seele zu unterwerfen, statt sie zu verändern. (vgl. S. 181)

Für Ahlheim, so scheint es, ist seit 1956 gesagt, was noch heute zu sagen ist. Am Ende des Buches zitiert er ausführlich eine Passage aus Theodor W. Adornos Vortrag auf dem zweiten Deutschen Volkshochschultag 1956. Adorno schreibt der politischen Erwachsenenbildung ins Stammbuch, eine Erziehung gegen die „universalen Verdummungstendenzen“ zu sein. Und weiter: „Der neue Aberglaube, mit dem sie (die politische Erwachsenenbildung, K.H.) es zu tun hat, ist der an die Unbedingtheit und Unabänderlichkeit dessen, was der Fall ist. Dem beugen sich die Menschen, als wären die übermächtigen Verhältnisse nicht selber Menschenwerk.“. Ein Satz, „wie für den aktuellen Globalisierungsdiskurs formuliert“, kommentiert Ahlheim 2008. (S. 200). „Die Undurchsichtigkeit dieser Verhältnisse“, fährt Adorno 1956 fort, „lässt sich aber durchdringen. Die Veränderungen in den Menschen selbst, die sie selbst zu bloßen Agenten der Verhältnisse machen, kann man bestimmen und in den Menschen die Ahnung erwecken, die sie insgeheim bereits hegen: dass sie betrogen werden und sich selber nochmals betrügen.“ (vgl. ebd.)

Fazit

Der intellektuelle Habitus des Autors ist geprägt vom Freudomarxismus der frühen Frankfurter Schule. Er will, weil es ihm um Ursachen und nicht um Oberflächenphänomene geht, über den Kapitalismus und die „Durchökonomisierung“ aller Lebensbereiche sprechen, wenn andere über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sprechen wollen; er tritt modischen Epochenbegriffen („Postmoderne“) und neuen Gesellschaftsdiagnosen („Risikogesellschaft“) skeptisch gegenüber: Genügen „Kapitalismus“ und „Klassengesellschaft“ nicht mehr? Eine Gesellschaft, die sich rühmt, den „Kunden zum König“ zu machen, muss einem dialektisch geprägten Denker wie Ahlheim läppisch und manipulativ erscheinen. Er tritt für eine Gesellschaft ein, in der der „wirklich arbeitende Produzent König ist“ (vgl. S. 125), obwohl es doch statt „König“ sicher „Souverän“ heißen sollte – und muss erkennen, dass ihm für diese konkrete Utopie die Gefolgschaft fehlt. Schon 1990 fehlte. Und 2008 erst recht. – Ein melancholisches Buch, das zeigt, dass es nicht neuer Wahrheiten braucht, wenn die alten noch unabgegolten sind.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 18.04.2009 zu: Klaus Ahlheim: Mut zur Erkenntnis. Über das Subjekt politischer Erwachsenenbildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-89974-468-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7601.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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