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Steve de Shazer: Worte waren ursprünglich Zauber

Cover Steve de Shazer: Worte waren ursprünglich Zauber. Von der Problemsprache zur Lösungssprache. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 288 Seiten. ISBN 978-3-89670-689-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

„Therapie findet in Sprache statt“, so de Shazer, „und sprechen ist es, was Therapeuten und Klienten in der Therapie üblicherweise tun.“(S.18) In seinem 1994 in Amerika veröffentlichten Buch, zitiert de Shazer, Freuds Schrift über die analytische Behandlung: „Nichts anderes…als ein Austausch von Worten…Der Patient spricht…Der Arzt hört zu…Worte waren ursprünglich Zauber.“(S.18) und um Worte bzw. der Sprache in der Therapie, und wie sie genutzt bzw. gelesen werden kann, geht es in diesem Buch. Beginnend bei Freud, über Derrida, Wittgenstein, Bateson, Foucault und Emerson, um schließlich seine eigene Herangehensweise vorzustellen, wechselt de Shazer von der Problemsprache zur Lösungssprache, vom textfokussierten zum leserfokussierten Lesen und somit von den Problemen an die Oberfläche.

Autor

Steve de Shazer (25.Juni 1940 -11.September 2005) studierte am Mental Research Institute in Palo Alto Kurzzeittherapie bei John Weakland und gilt als der Begründer der lösungsorientierten Kurzzeittherapie. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Insoo Kim Berg gründeten sie 1978 das Brief Family Therapy Center in Milwaukee . Seine fünf grundlegenden Bücher gelten als Meilensteine der Kurztherapie: "Patterns of Brief Therapy", "Keys to Solution in Brief Therapy", "Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy", "Putting Difference to Work" und das vorliegende Buch "Words Were Originally Magic".

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Worte waren ursprünglich Zauber“ beginnt wie ein Märchen „es war einmal …in Wien…“ und endet mit einer „Zuversichtlichkeitsskala von 0-10“, die de Shazer bei einem Klienten mit Alkoholproblemen anwendet. Es ist ein Buch in zwei Teilen, einem kompakten, teilweise sehr ins Detail gehenden theoretischen Teil I, bestehend aus sechs Kapiteln, das den Leser auf die Denk- und Handelsebene des Therapeuten de Shazer, die er im Teil II, Kapitel 7-14, anhand von Sitzungsprotokollen (Transkripten) vorbereitet.

In Kapitel 1 „Nichts anderes…als ein Austausch von Worten“ beschäftigt sich de Shazer mit dem Gedanke Therapie als Konversation zu betrachten, zitiert Definitionen zu diesen Begriffen und kommt zum Schluss, dass die „Instabilität von Bedeutungen“ (S.22) ein Teil dessen ist wie Sprache funktioniert. Dabei nimmt er Sprache kritisch „unter die Lupe“ (S.22) und demonstriert dem Leser vier verschiedene Sichtweisen anhand des Begriffes „Eheproblem“: die des Alltagsverständnisses von Sprache, dem traditionellen westlichen Denken, den buddhistischen Standpunkt und die des Poststrukturalismus, in der behauptet wird „Sprache sei Realität“ , so gesehen sei „Eheproblem“ einfach eine Konstruktion desjenigen, der diesen Begriff benutzt.

In Kapitel 2 „Sprache & Struktur, Struktur & Sprache“, vergleicht de Shazer die strukturalistische Vorgehensweise mit dem kriminologischen Gespür von Sherlock Holmes. Freud, Lacan, de Saussure gehen ähnlich wie Sherlock Holmes der Sache auf den Grund „…hinter und unter dem zu graben, was passiert, da (im strukturalistischen Kontext) das, was passiert, nicht alles ist was passiert.“ (S.27). De Shazer stellt das Modell von Bandler und Grindler (1975a,b) vor, den Erben der gesamten strukturalistischen Tradition, das behauptet, dass das, was der Klient sagt, („Oberflächenstruktur“) nicht notwendigerweise das ist, was er meint („Tiefenstruktur“), S.33 um im weiteren Verlauf das textfokussierte Lesen vorzustellen.

Lacans (W)Hole“ in Kapitel 3, ist ein Neologismus de Shazers, um Lacans Bemühen, ein vermeintliches Loch in der Tiefenstruktur zu stopfen, durch die Doppeldeutung der englischen Begriffe „Whole“ das Ganze und „Hole“, das Loch. De Shazer weist auf den fundamentalen Mangel des Strukturalismus hin.

In Kapitel 4 „An die Oberfläche des Problems gelangen“ kontrastiert er schließlich das textfokussierte Lesen mit dem leserfokussiertem Lesen, „.das eine Art des Lesens meint, die an einen Text von außerhalb seines Anliegens herangeht, und dies oft mit einer Logik, die nicht Bestandteil des betrachteten Textes ist.“(S.53).

In Kapitel 5 und Kapitel 6 ergänzt de Shazer seine theoretische Herangehensweise um Batesons „Epistemologie“ und „Freud hatte unrecht: Worte haben nichts von ihrem Zauber verloren“, zwei Titel, die eine gelungene Überleitung zum Teil II bilden und den Leser mit einem anderen Konzept der Therapie bekannt machen, das die Problemsprache weit hinter sich lässt und sich aufmacht zum Land der Lösungssprache de Shazers.

Kapitel 7-14 basieren auf Protokolle/Transkripte verschiedener Therapiesitzungen und bilden die Grundlage für de Shazers therapeutisches Konzept, das in Kapitel 7 “Problemsprache-Lösungssprache“ vorgestellt wird und durch die Gegenüberstellung von den Sitzungsprotokollen Gustavsons, Ackermans und Weaklands getragen und veranschaulicht wird. Ab Kapitel 8 „Zu den „Problemen“ an der Oberfläche gelangen“ werden nunmehr praktisch und einfach nachlesbar für den Leser, die verschiedene Skalen vorgestellt, die sich in Verlauf der Gespräche mit den Klienten, als ein Instrument der Lösungsfindung ergeben z.B. in Kapitel 9 „Zuhören und ernst nehmen, was die Klientin sagt“ , Ausnahmen konstruieren oder in Kapitel 10 „Was hat sich verbessert?“ eine Erfolgsskala erfinden, bis hin zu Kapitel 14 „Warte mal, das wäre ja ein Wunder!“, die „Mit-dem-Trinken-aufhören-wollen-Skala“ oder eine „Zuversichtlichkeitsskala“ erfinden, anbei ein Auzug aus diesem Transkript (SdS steht für de Shazer, K für Klient):

„SdS: O.K. Dieses Mal steht 10 dafür, die Details kenne ich nicht, aber 10 steht dafür, dass Sie so zuversichtlich sind, wie ein Mensch nur sein kann, dass Sie das schaffen können. Dass Sie aufhören können. Und 0 steht für: „Oh Scheiße, ich habe soviel Chancen wie ein Schneeball in der Hölle.“ Wo würden Sie sich selbst da einstufen?

K (Klient).: Ungefähr 5

SdS: Ungefähr 5

K: Ja

SdS: O.K.

K: Weil ich nie aufhören würde, nur so weit aufhören würde und dann aufgeben und sagen, ich kann nicht weiter. Ich würde dem mindestens eine 50-prozentige Chance geben, dass ich es versuche.

SdS: O.K.” (S. 279)

Fazit

Steve de Shazers „make it simple“ Strategie kommt im zweiten Teil des Buches zur vollen Entfaltung. Das Konzept baut sich um die individuellen Stärken und Lösungsansätzen der Klienten auf und seien diese noch so minimal, also auf einer Skala von 0-10, bei 1. De Shazer ermöglicht den Klienten, die eigene Lösung zu konstruieren und befähigt sie während der Therapie Veränderungsmöglichkeiten vorzunehmen. Die Wunderfrage soll sie eher in die Lage versetzen zu beschreiben, was sie von der Therapie wollen. „Wenn sie das wüssten bräuchten sie wahrscheinlich keine Therapie.“ (S.285). Der Leser kann in Gedanken mitgehen oder pausieren, d.h. die „Pausen“ (Gespräche zwischen de Shazer und seiner Mitarbeiter in einem Nebenraum) nutzen um eine eigene Skala zu entwickeln. Ob es vom Autor so gewollt ist, sei dahingestellt, aber es schafft einen Ausgleich zum eher kopflastigen Teil I, das den Leser zwar mit viel Fachwissen bereichert, allerdings ein gewisses Maß an Vorwissen verlangt oder zumindest eine heimliche Leidenschaft für die Linguistik.


Rezension von
Dipl.-Psychol. Aspasia Zontanou


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Zitiervorschlag
Aspasia Zontanou. Rezension vom 17.08.2009 zu: Steve de Shazer: Worte waren ursprünglich Zauber. Von der Problemsprache zur Lösungssprache. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-689-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7605.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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