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Andreas Seiler-Kesselheim: Beratungsangebote in der unterstützten Kommunikation

Cover Andreas Seiler-Kesselheim: Beratungsangebote in der unterstützten Kommunikation. Praxis, Forschung, Weiterentwicklung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2008. Orig.-Ausg., 1. Auflage. 211 Seiten. ISBN 978-3-86059-212-0. 32,00 EUR.

Reihe: Von-Loeper-Fachbuch. Internationale Forschungsreihe zur Sonderpädagogik.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Veröffentlichung basiert auf der Dissertationsschrift des Autors, die im Jahr 2007 am Institut für Sonderpädagogik der Universität eingereicht und angenommen wurde. Neben einer umfassenden Klärung des Beratungsbegriffes und seiner Bedeutung für das Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation stellt das Kernstück der Arbeit eine qualitative Studie dar, die anhand von problemzentrierten Interviews die Perspektive von Betroffenen (n = 5) und ihrer Familien (n = 14) in den Mittelpunkt stellt und auf der Basis der Untersuchungsergebnisse konzeptionelle Überlegungen ableitet.

Aufbau und Inhalt

Zunächst skizziert der Autor die existierenden Beratungsmöglichkeiten im Bereich der Unterstützten Kommunikation als ein heterogen begründetes und umgesetztes Angebot, bei dem überwiegend die theoriegeleitete Fundierung fehlt und die Perspektive der Betroffenen und ihrer Familien zu wenig im Sinne von Partizipation berücksichtigt wird. Die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Grundlegung von Beratungsarbeit unter Beachtung der Sichtweisen der Betroffenen wird von ihm postuliert.

Im Rahmen seiner methodologischen Erläuterungen begründet der Autor den von ihm gewählten qualitativen Forschungsansatz, erläutert verschiedene qualitativ ausgerichtete Forschungsperspektiven und ordnet seine eigene Studie schließlich dem konstruktivistisch orientierten wissenschaftlichen Grundverständnis zu.

Das nächste Kapitel widmet sich der Planung und dem Ablauf der eigenen empirischen Arbeit, die einen Beitrag leisten soll, die aufgezeigte Lücke im Beratungsangebot innerhalb der Unterstützten Kommunikation zu minimieren. Die Stichprobe der Teilnehmer an Seiler-Kesselheims qualitativen Interviews umfasst 14 Familien mit Kindern, die von Geburt an eine massive Beeinträchtigung der kommunikativ-sprachlichen Möglichkeiten aufweisen. Vorherige Erfahrungen und Erlebnisse mit Beratungen zur Unterstützten Kommunikation stellt ein weiteres Kriterium zur Auswahl der Probanden dar. Innerhalb der ausgewählten Familien waren fünf unterstützt kommunizierende Familienmitglieder zusätzlich zu den Angaben ihrer Angehörigen kognitiv und sprachlich in der Lage, die Interviewfragen zu beantworten, so dass insgesamt 19 Interviews durchgeführt und ausgewertet werden konnten.

Die Interviews sind problemzentriert konzipiert und werden anhand eines Interviewleitfadens durchgeführt und mit einem standardisierten Eingangsfrage eingeleitet. Allerdings kommt dem Leitfaden nur eine Orientierungsfunktion zu, da der Autor das Konzept des „zirkulären Fragens“ favorisiert und begründet, d.h. eine Fragetechnik einsetzt, die den Interviewpartner zum Perspektivwechsel anregt. Die Interviews wurden vollständig nach dem System von Hoffmann-Riem transkribiert und thematisch mit Hilfe einer QDA-Software kodiert.

Die Untersuchungsergebnisse machen deutlich, dass aus der Sicht der Befragten Beratungsangebote zur Unterstützten Kommunikation eine integrative Aufgabe des therapeutischen und pädagogischen Fachpersonals darstellen. Der Autor schlussfolgert, dass die in der sozialwissenschaftlichen Diskussion aktuell artikulierte Forderung nach vernetzten, alltags- und lebensweltorientierten Beratungsangeboten, angesiedelt in vorhandenen institutionellen Strukturen, durch seine Studie gestützt werden.

Als erste zentrale Anlaufstelle richten die Befragten ihre Hoffnungen und Wünsche auf Ärzte und Personal von Frühfördereinrichtungen und sprachtherapeutischen bzw. logopädischen Praxen, also Berufsgruppen, die in der Regel nicht selbstverständlich Beratungsangebote für dieses Fachgebiet unterbreiten können. Somit werden die Bedeutung und die Notwendigkeit des Informationstransfers, der Ausbildung und der Schaffung qualifizierter Angebote im vorschulischen Bereich unterstrichen. Die Orientierung insbesondere sprachtherapeutischer und logopädischer Praxen am oralen Paradigma entspricht deutlich nicht den Erwartungen der interviewten Betroffenen.

Die Teilnehmer der Studie melden neben institutionell gebundenen auch einen Bedarf an externen Beratungsangeboten an und wünschen hier neben fachlichen Informationen über Kommunikationshilfen auch Moderation, Supervision und Krisenberatung. Ein Blick von außen wird besonders bei misslungenen oder weniger geglückten Übergängen zwischen Institutionen als hilfreich angesehen.

Ein zentrales Ergebnis der Studie stellt der dringende Wunsch nach Kontinuität der Beratungs- und Förderarbeit dar, begonnen bei den frühen Anlaufstellen, über prozessorientierte Begleitung im Kindergarten, fundierte und breit gefächerte Wissensbasis in den Schulen bis hin zur professionellen Weiterführung etablierter Maßnahmen und zur beruflicher Qualifikation der Betroffenen im nachschulischen Bereich. Deutlich wird auch, wie sehr die Betroffenen Wert auf eine tatsächliche Partizipation am Beratungsgeschehen legen und wie stark die eigene oder familiäre Initiative subjektiv als entscheidend erlebt wurde.

Im letzten Kapitel widmet sich Seiler-Kesselheim den Implikationen, die sich aus seiner Forschungsarbeit für die konzeptionelle Weiterentwicklung der UK-Beratung ergeben. Seine Schlussfolgerungen beziehen sich im Wesentlichen auf folgende Forderungen: Ein gut ausgebildetes interdisziplinäres Team sollte frühzeitig zur Verfügung stehen und zwar nicht nur als Quelle für vielfältige Informationen, sondern als potentieller Kooperationspartner, der auch im Sinne eines entwicklungsorientierten Unterstützungsangebotes handeln kann. Die notwendige Kontinuität bei wechselnden Fachkräften und Institutionen muss von diesem Team durch Schnittstellenmanagement gewährleistet werden. Seiler-Kesselheim fordert eine prozessorientierte und vernetzte Perspektive auf die Beratungsarbeit. Zudem betont der Autor die Notwendigkeit der Partizipation von Eltern und unterstützt kommunizierenden Personen an der gemeinsamen Suche nach individuellen Lösungswegen.

Fazit

Die vorliegende Studie zeigt eindrucksvoll auf, wie hilfreich es für die Weiterentwicklung eines Fachgebietes sein kann, wenn die Forderung nach Partizipation der Betroffenen nicht nur ein theoretisches Konstrukt darstellt, sondern tatsächlich Eingang in die Forschungspraxis und darauf beruhende Konzeptbildung findet. Der konsequente Blick auf die Perspektive der Betroffenen in dieser Forschungsarbeit erlaubt wertvolle Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis, die gelungen und schlüssig in ein theoretisches Konzept eingebettet werden.


Rezension von
Dr. Ursula Braun


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Zitiervorschlag
Ursula Braun. Rezension vom 27.11.2009 zu: Andreas Seiler-Kesselheim: Beratungsangebote in der unterstützten Kommunikation. Praxis, Forschung, Weiterentwicklung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2008. Orig.-Ausg., 1. Auflage. ISBN 978-3-86059-212-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7613.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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