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Peter J. Whitehouse, Daniel George: Mythos Alzheimer

Cover Peter J. Whitehouse, Daniel George: Mythos Alzheimer. Was Sie schon immer über Alzheimer wissen wollten, Ihnen aber nicht gesagt wurde. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 344 Seiten. ISBN 978-3-456-84690-3. 29,95 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Thema

Jede Epoche scheint ihr eigenes zentrales Leiden zu besitzen. Waren es vor mehreren Jahrhunderten noch Pest und Cholera und vor ca. 100 Jahren die Schwindsucht, so scheint gegenwärtig die Demenz vom Alzheimer-Typ neben der Perspektive einer langfristigen Pflegebedürftigkeit die Hauptfurcht in einer zunehmend alternden Gesellschaft zu werden. Und dieser Schrecken kann gegenwärtig und auch nicht in absehbarer Zeit gebannt werden, denn die Forschung ist trotz immenser Aufwendungen noch nicht weit über die Erkenntnisse von Alois Alzheimer von 1906 hinausgekommen. In diesem Kontext kann dann auch die Intention der Autoren der vorliegenden Publikation verstanden werden, sie wollen letztlich Alzheimer entdämonisieren.

Autoren

  • Peter J. Whitehouse (MD, PhD) ist Professor für Neurologie und Kognitionswissenschaften, Psychiatrie, Neurowissenschaften, Psychologie, Pflege und Organisationsverhalten an der Case Western Reserve Universität in den USA.
  • Daniel George (MSc, PhD cand.) studiert und forscht in Cleveland.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung besteht aus drei Teilen

  1. Teil I: Die Geschichte einer Krankheit, Seite 31 - 143
  2. Teil II: Wissenschaft und Behandlung, Seite 145 - 208
  3. Teil III: Mit Gehirnalterung leben: ein neues Modell, Seite 209 - 321,

die wiederum in neun Kapitel zuzüglich Einführung und Epilog untergliedert sind.

Im Teil I (Die Geschichte einer Krankheit) wird auf verschiedenen Ebenen der Gegenstandsbereich Alzheimer abgearbeitet. Zu Beginn wird die „Enttarnung des Alzheimer-Mythos“ vorgenommen, indem er u. a. die vielen ungeklärten Sachverhalte erläutert: die unbekannte Krankheitsursache, die Frage, ob Alzheimer eine Einzelkrankheit oder ein übergreifendes Syndrom ist und ob jeder mit fortschreitendem Alter an Alzheimer erkrankt. Anschließend wird die Sichtweise der Autoren ausführlich beschrieben, dass es sich bei der Alzheimer-Demenz nicht um eine Krankheit, sondern um eine besondere Form der Hirnalterung handelt. Belegt wird diese These mit dem bereits bekannten Wissensstand über das gegenwärtig immer noch grundlegende Unwissen über die Funktionalität des Beta-Amyloids und der Verklumpung deren Fragmente (senile Plaques) im Gehirn. Hierbei wird u. a. auch auf den fehlenden Nachweis der Toxizität der Plaques für die Neuronen verwiesen. Darüber hinaus zeigen die Autoren den Weg der Alzheimer-Demenz von einer fast unbekannten Krankheit zu einer regelrechten „Epidemie“ mitsamt den damit verbundenen Institutionen, Forschungs- und Vermarktungsbemühungen (Medikamente) in den USA („Alzheimer-Imperium“) auf.

Im Teil II (Wissenschaft und Behandlung) wird eingehend auf die äußerst bescheidenen Wirkweisen der gängigen Alzheimer-Medikamente (Cholinesterase-Hemmer und Memantin) eingegangen. Besonders wird dabei hervorgehoben, dass die oft gravierenden Nebenwirkungen dieser Medikamente herunter gespielt werden. Und dass es sich meist hierbei um kommerzielle Forschung (Forschung aus Marketinggründen) mit dem Ziel der Umsatzsteigerung eines Produktes (Medikament) handelt. Des Weiteren werden neuere Entwicklungen in der Genetikforschung und molekularen Medizin wie z. B. ApoE-Test (genetische Beratung), Nervenwachstumsfaktor (NFG) Fibroplasten, aktive und passive Impfungen gegen Alzheimer angeführt.

Teil III (Mit Gehirnalterung leben: ein neues Modell) beinhaltet die Vorstellungen und Konzepte der Autoren über ihr „neues Modell“ im Umgang mit der Alzheimer-Demenz. Im Wesentlichen handelt es um einen Präventionsansatz mit den altbekannten Bestandteilen einer gesunden Lebensführung: ausreichende Bewegung, gesunde Ernährung, geistige Aktivitäten und das Pflegen sozialer Kontakte.

Diskussion

Es ist auf den ersten Blick ein äußerst verwirrendes Buch, denn es bietet verschiedene Facetten der großen Thematik Alzheimer-Demenz. In groben Zügen können die Inhalte teils positiv und teils weniger positiv bewertet werden.

Plusfaktoren für den Leser sind folgende Aspekte:

  • Es werden deutlich die fast schon dogmatisch eingleisigen und seit Jahrzehnten bisher fruchtlosen Forschungsbemühungen aufgezeigt, die sich überwiegend auf die senilen Plaques konzentrieren. Es fehlt hier bei den Akteuren die Einsicht und Besinnung, ohne grundlegendes Wissen über das Hirn mit seinen bisher nicht bekannten Gesetzmäßigkeiten auch kein Erklärungsmodell für das Entstehen degenerativer Erkrankungen dieses Organs ermitteln zu können. Bloßes Herumbasteln an kleinen Bausteinen, z. B. wie beim Beta-Amyloid, dessen Funktion noch nicht einmal erkannt ist, das erinnert stark an das Stochern im Nebel.
  • Die hirnpathologischen Prozesse der Alzheimer-Demenz gemäß dem Stand der Forschung werden sehr fundiert, anschaulich und auch verständlich erläutert.
  • Die Autoren zeigen plastisch auf, dass Alzheimer für die Pharmaindustrie ein Milliardengeschäft geworden ist. Medikamente mit äußerst geringer Wirkung aber oft beträchtlichen Nebenwirkungen deuten auf Renditeerwartungen, sie sind aber kein Indiz für einen Fortschritt in der Forschung.

Weniger überzeugend sind folgende Einschätzungen und Argumentationsweisen der Autoren:

  • Die für Forscherkreise eigentlich unübliche Selbstdarstellung von Peter Whitehouse als „einem der besten Ärzte“ (Seite 28) „führende Kraft“ (Seite 29) und „führender Denker“ (Seite 35) gibt Anlass zum Zweifel, ob hier wirklich eine ausschließlich der Erkenntnisgewinnung verpflichtete Grundeinstellung vorzuliegen scheint.
  • Äußerst problematisch ist die Argumentation der Autoren, dass es sich bei der Alzheimer-Demenz nicht um eine spezifische Gehirnerkrankung handelt, sondern um eine bloße Variante der Gehirnalterung (Seite 47). Begründet wird diese These mit dem Hinweis, dass dieses Leiden nicht eindeutig diagnostiziert werden kann. Demnach sind dann alle Erkrankungen mit eindeutigen Symptomen, deren Ätiologie jedoch noch nicht ermittelt worden sind, Nicht-Krankheiten oder Varianten einer Alterung. Eine äußerst seltsame Schlussfolgerung.
  • Schwer nachvollziehbar ist auch die Einschätzung, dass durch die bloße Umbenennung der Alzheimer-Demenz in eine Hirnalterung das Leiden hierbei gemildert werden kann (Seite 142). Belege für diese These werden nicht angeführt.
  • Des Weiteren kann den Autoren fehlendes Wissen oder bewusste Leugnung der Fakten bezüglich des Abbauprozesses der Alzheimer-Demenz unterstellt werden, denn die Braak-Stadien und ergänzend der Ansatz der Retrogenese sind empirisch belegt, also Stand der Forschung.

Versucht man, dieses Ideengebäude zu klassifizieren, so bleibt nur die betrübliche Einschätzung, dass bei den Autoren die Entsagung oder der Verlust des Bezugsrahmens empirische Forschung aufgrund jahrzehntelanger Ergebnislosigkeit im Bereich Demenzforschung vorzuliegen scheint. Anstatt jedoch wissenschaftlich eine neue Perspektive oder Vorgehensweise zu entwickeln, so wie es im Forschungsbetrieb eigentlich üblich ist, wird geradezu simpler Eskapismus betrieben, indem ein neues Etikett für Alzheimer die Lösung in sich bergen soll. Das erinnert an einen Taschenspielertrick.

Fazit

Diese Publikation kann als Beleg für den Sachverhalt dienen, dass die Alzheimer-Demenz auch vermutlich ursprünglich empirisch arbeitende Forscher regelrecht in die Verwirrung treiben kann. Neue Einsichten oder gar Perspektiven darf man jedoch von dieser Seite weder für die Forschung noch für die Praxis der Pflege und Betreuung erwarten.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 10.10.2009 zu: Peter J. Whitehouse, Daniel George: Mythos Alzheimer. Was Sie schon immer über Alzheimer wissen wollten, Ihnen aber nicht gesagt wurde. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. ISBN 978-3-456-84690-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7643.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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