socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Moritz Csáky, Christoph Leitgeb (Hrsg.): Kommunikation - Gedächtnis - Raum

Cover Moritz Csáky, Christoph Leitgeb (Hrsg.): Kommunikation - Gedächtnis - Raum. Kulturwissenschaften nach dem "spatial turn". transcript (Bielefeld) 2009. 172 Seiten. ISBN 978-3-8376-1120-5. 18,80 EUR, CH: 33,90 sFr.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Kultur ist Kommunikationsraum

Diese These klingt erst einmal ganz selbstverständlich und verständig. Erst auf den zweiten Blick – und unter Kenntnis des Perspektivenwechsels, den die Kulturwissenschaften vollzogen haben – wird deutlich, dass hiermit ein Anspruch erhoben wird, Kultur neu zu definieren. Unter Kultur nämlich wird verstanden „das gesamte Ensemble von Elementen, Zeichen, Codes oder Symbolen“ und nicht nur ein fixer „Ort“, dessen kulturelle Bedeutung durch die jeweilige Verortung festgelegt wird. Der „spatial turn“ stellt deshalb einen „Perspektivenwechsel bei der Betrachtung des Räumlichen und des Raumes im kulturellen und historischen Dasein der Menschen“ dar (vgl. dazu auch die Rezension zu: Jörg Döring und Tristan Thielmann (Hrsg.), Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften); wie auch die virulente Frage nach der anthropologischen Bedeutung von Räumen im Zwiespalt zwischen Raum und Geist, Körper und Macht (Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2/2008, siehe die Rezension).

Thema und Herausgeber

„Kultur als Bedeutungsraum“, so benennen die Herausgeber des Sammelbandes „Kommunikation – Gedächtnis – Raum“ ihren Versuch, „Verortungen im spatial turn“ zu reflektieren: Moritz Csáky ist Professor (em.) für Österreichische Geschichte an der Universität Graz; Christoph Leitgeb ist Dozent für neuere deutsche Literaturwissenschaft und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie fassen mit dem Band die Beiträge zusammen, die bei der 9. Internationalen Konferenz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vom 8. bis 10. 11. 2007 zum Forschungsgegenstand „Orte des Gedächtnisses“ in Wien gehalten und diskutiert wurden.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber gliedern den Tagungsband in drei Kapitel:

  1. „Verortungen im Spatial Turn“,
  2. „Inszenierungen des Raums und der Ästhetik“ und
  3. „Virtuelle und reale Räume“.

Die Anglistin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Konstanz, Aleida Assmann, reflektiert in ihrem Beitrag „Geschichte findet Stadt“ die Zusammenhänge von Geschichte, Raum und Gedächtnis am Beispiel der Frage, wie sich „Geschichte in den städtischen Raum einschreibt, in ihm verankert und diesen immer wieder verändert“. Dabei stellt sie besonders heraus, dass bei der Frage nach den Zukunfts- und Vergangenheitsperspektiven, die Zeit und Raum bedingen, andere Paradigmen wirksam sind, als sie bei der Betrachtung von Ort und Geschichte auftreten. Es sind die Erfahrungen von Zerstörung, etwa von Städten bei Kriegen, die im Gedächtnis der Menschen haften bleiben. Dabei haben die „Zerstörer“ besonders symbolträchtigen Zeichen und Monumente im Visier, wie etwa Brücken, Kirchtürme, Kuppeln und Prachtbauten, die gewissermaßen Geschichte auslöschen sollen. Nach dem „Kahlschlag“ folgt, zumindest bei den wohlhabenderen Gesellschaften, der „Wiederaufbau“, der sich heute, als Zeichen der Habhaftwerdung der Erinnerung, als Rekonstruktion, Erneuerung und Modernisierung darstellt.

Die Kulturgeographin der Berliner Humboldt-Universität, Julia Lossau, betrachtet in ihrem Beitrag „Räume von Bedeutung“, indem sie über die Zusammenhänge von Spatial turn, cultural turn und Kulturgeographie nachdenkt und beklagt, dass in der Geografie interdisziplinäre Raumdiskussionen nur zögerlich geführt werden. Die sich vollziehende „Kulturalisierung des Raums“ führe dazu, dass in der (traditionellen) geografischen Disziplin immer noch dem natürlichen geografischen Raum eine größere Bedeutung zugemessen werde; es sei jedoch erforderlich, den gesellschaftlich produzierten, wahrgenommenen und angeeigneten Bedeutungsräumen eine größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Der Soziologe und Gesellschaftswissenschaftler an der Universität Wien, Sighard Neckel, resümiert über „Felder, Relationen, Ortseffekte“ als soziale und physische Räume. Dabei plädiert er für ein relationales Raumverständnis, das es ermöglicht, den sozialen Raum als aktive Praxis zu betrachten. Dies kann bedeuten, dass Erinnerung und Gestaltung von Gedächtnisräumen „die räumliche Nähe zu einem Erinnerungsobjekt nicht zwangsläufig der sozialen Bereitschaft förderlich sein muss, das eigene kollektive Gedächtnis zu aktivieren“.

Das zweite Kapitel „Inszenierungen des Raums in der Ästhetik“ leitet die Professorin für Ästhetische Theorien an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, Michaele Ott, mit ihrem Beitrag „Raum im Film – spatial versus topological turn und der Standort der Kritik“ ein. Dabei geht es ihr darum zu verdeutlichen, dass es in der Moderne um eine „Verschwisterung des Räumlichen mit dem Zeitlichen“, dem „Raumzeitgedanken“ gehe; wobei das Topologische als dynamischer Begriff verstanden wird, der „der sich globalisierenden Gegenwart, ihren sich verlagernden und beschleunigten realen und imaginären Ortsbesetzungen und sich multiplizierenden Vernetzungen bestmöglich entgegenkommt“.

Der Theaterwissenschaftler der Universität Bern, Gerald Siegmund, plädiert mit seinem „In die Geschichte eintreten“ für ein performatives Erinnern und verdeutlicht dies am Beispiel der Arbeiten des Regiekollektivs „Rimini Protokoll“ und Klaus Michael Grübers „Winterreise“. Weil Theater keine Theaterräume brauche, weil es überall stattfinden könne, wo Menschen zusammen kämen, deshalb gehe es beim Theaterspielen um das Zusammenbringen von räumlichen und zeitlichen Distanzen.

Die Berner Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Mechthild Albert setzt sich mit ihrem Beitrag „Zur (De-)Konstruktion von Außen- und Innenräumen in der Literatur“ mit den Pariser Passagen in Louis Aragons Buch „Paysan de Paris“ auseinander, indem sie danach fragt, wie sich die „Dekonstruktion der antithetischen Kategorien von Innen und Außen“ im Foucaultschen Sinne für das moderne Individuum darstellt: Als „Ich selbst“.

Die Musikwissenschaftlerin der Berliner Freien Universität, Christa Brüstle, untersucht den „Klang als performative Prägung von Räumlichkeiten“. Dabei werde erkennbar, dass beim aktiven und aktivierenden Zusammenspiel von Klang und Raum „in dexikalische Zeichen, die nicht nur die Imagination ihrer Ursachen, sondern auch deren Eigenschaften und Umgebung hervorrufen“. So würden Klang und Raum zur Einbildungskraft und zur Erinnerung.

Im dritten Kapitel „Virtuelle und reale Räume“ geht der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Bohemist und Slawist Peter Zajac auf die „Interferenzialität als mitteleuropäisches Raumparadigma“ ein. Es sind insbesondere die Schnittstellen kultureller Kodes, Schwellen „als Orte und Knotenpunkte von Übergängen“, die zum einen räumliche Ambiguität, zum anderen Verzahnung von Zeit und Raum schaffen. Es ist die „paradigmatische Gültigkeit, (die) das komplizierte Netz interferenzieller Orte des Gedächtnisses… hervorbringt“ und damit eine individuelle und kollektive Identität einzelner Räume schafft.

Der Freiburger Historiker Urs Altermatt schließlich stellt die Frage: „Ist die Schweiz ein Europa im Kleinen?“. Es seien die Prinzipien des Föderalismus und der Subsidiarität, die die Schweiz über die Zeit zusammen gehalten hätten, wie auch die vielfältigen Gewebe, die eine interkulturelle und politische Stabilität ermöglichten. Altermatt zeigt dabei eine Reihe dieser „Mehrfachidentitäten“ auf und weist darauf hin, dass es bei der Suche nach den europäischen Identitäten sowohl historische als auch aktuelle Beispiele aus der „Schweiz-Werdung“ gibt, die Denkanstöße für ein Gemeinsames Europa anbieten.

Fazit

Der Diskurs über neue Raumdefinitionen und damit kulturelle, historische, politische und geografische Neubewertungen in der sich immer interdependenter und entgrenzenden entwickelnden Welt ist nicht nur ein theoretischer; er schafft Raum für Auffassungen, Mentalitäten und Identitäten Hier und Heute auch im nationalen und transkulturellen Alltag. Der Tagungsband kann somit als ein wichtiger Baustein für den Perspektivenwechsel sein, von einem bedeutungsneutralen, physischen „Raum“ zu einem kulturell definierten und beladenen „Ort“ zu werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1489 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.04.2009 zu: Moritz Csáky, Christoph Leitgeb (Hrsg.): Kommunikation - Gedächtnis - Raum. Kulturwissenschaften nach dem "spatial turn". transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1120-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7645.php, Datum des Zugriffs 15.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht