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Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft

Cover Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft. Prävention, Begleitung, Beratung und Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 373 Seiten. ISBN 978-3-608-94509-6. 36,90 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Thema und Zielsetzung

Das Entstehen von sicheren Bindungen ist ein zentraler Pfeiler bei heranwachsenden Säuglingen, Kindern und Jugendlichen. Es ist für ein langfristiges körperliches, seelisches und soziales Wohlergehen entscheidend. Das Buch informiert den Leser über konstruktive und destruktive Merkmale und Mechanismen in der Entwicklung von Bindungen in der Familie und Gesellschaft.

Entstehungshintergrund

Zu Ehren des Lebenswerkes von Prof. Dr. phil. Klaus Grossmann und seiner Ehefrau Dr. phil. Karin Grossmann wurde im Dezember 2007 in München ein internationaler Kongress abgehalten, der dem Buchtitel seinen Namen verliehen hat. Die Beiträge der namhaften Referenten dieses Kongresses über Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung wurden zum vorliegenden Buch auf Grund großen öffentlichen Interesses zusammengefasst.

Autoren/ Herausgeber

Die Beiträge des Buches wurden von mehreren Autoren artverwandter Disziplinen verfasst. Beide Herausgeber sind in München tätig und haben zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Monographien publiziert. Privatdozent Dr. med. Karl Heinz Brisch ist im Besitz mehrerer Facharzttitel und als leitender Oberarzt in der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität (München) tätig. Darüber hinaus betätigt er sich als Dozent und Lehranalytiker am Psychoanalytischen Institut Stuttgart.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Theodor Hellbrügge war bis zu seiner Emeritierung als Ordinarius für Sozialpädiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität tätig und gilt als wichtiger Gründer der Sozialpädiatrie.

Aufbau und Inhalt

Die 373 Seiten dieses Buch sind in 14 Kapitel untergliedert, von denen jedes Kapitel von einem anderen auf dem oben genannten Kongress vortragenden Referenten verfasst wurde und den Inhalt des jeweiligen Referates widerspiegelt.

  • Das erste Kapitel ist von Klaus und Karin Grossmann geschrieben und gibt einen historischen Überblick über „Fünfzig Jahre Bindungstheorie“ und Entwicklungsforschung. Nach Benennung historischer Stationen gehen sie sowohl auf die Entwicklung von Säuglingen als auch auf spätere Lebensstadien ein und benennen methodologische Vorgehensweisen in der empirischen Forschung. Darauf basierend führen sie bedeutende destruktive und konstruktive Faktoren für die Entwicklung bestimmter Bindungsmuster an. Zum Abschluss des Kapitels schildern sie mehrere Situationen der verschiedenen Lebensstadien und stellen Bedürfnisse und Gefahren dar.
  • Das zweite Kapitel von Katharina Braun, Carina Helmeke und Jörg Bock beschäftigt sich mit „Bindung und der Einfluss der Eltern-Kind-Interaktion auf die neuronale Entwicklung präfrontaler und limbischer Regionen“. Anhand von Tierexperimenten wird hier deutlich, wie sich der mütterliche Umgang mit dem Nachwuchs und Erfahrungen in frühen Entwicklungsphasen auf die neuronale Entwicklung auswirken. Darüber hinaus greifen die Autoren einen uralten Disput auf: die Wirkung von Umweltfaktoren auf die Gene bzw. auf die Genexpression. Sie betonen die Einwirkung von sozio-emotionalen Faktoren auf die neuronale Entwicklung bis hin zur Genexpression und besprechen vor diesem Hintergrund auf Neurotransmitterebene die Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten.
  • Lieselotte Ahnert berichtet über die „Bindungsentwicklung im Spannungsfeld von Familie und öffentlicher Betreuung“, leitet einige Fakten u.a. nach John Bowlby historisch her und thematisiert auf dieser Basis die Relevanz der Mutter-Kind-Dyade und den Übergang der Kinderbetreuung in Kindergärten und anderen öffentlichen Einrichtungen.
  • Sarah L. Friedman und Ellen Boyle stellen kenntnisreich und ausführlich die auf der Fragestellung des vorangegangenen Beitrags aufgebaute prospektive Längsschnittstudie/n des „National Institute of Child Health and Human Development“ (NICHD) vor, die die frühe außerfamiliäre Kinderbetreuung auf die Entwicklung und Bindung von Mutter und Kind untersucht und neben zahlreichen weiteren Ergebnissen ergeben hat/ haben, dass bei einer Fremdbetreuung nach dem ersten Lebensjahr keine erhöhten Risiken für Störungen in Entwicklung und Beziehungsaufbau/ -struktur auftreten. Aus den methodischen Defiziten und den Ergebnissen entwickeln sie Fragestellungen, die Gegenstand künftiger Studien sein könnten.
  • Fabienne Becker-Stoll nimmt sich im fünften Kapitel den nächsten Schritt „Von der Eltern-Kind-Bindung zur Erzieherin-Kind-Beziehung“ vor und zeigt, wie sich die Bindung von Eltern zu ihrem/n Kind/ern auf die Bindung der Kinder zum professionellen Betreuungspersonal in Kindergärten auswirkt. In diesem Übergang löst allmählich die Relevanz von Erziehung und Bildung die reine Relevanz der Bindung ab, womit reine Emotion durch Kognition ergänzt wird.
  • Im nächsten Kapitel führt Heather Geddes diesen allmählichen Übergang weiter und beschreibt „Bildung, Verhalten und Lernen“ als weiterführende Schritte, die allerdings auf ein sicheres Bindungsverhalten angewiesen sind und im Rahmen einer größeren Gruppe nun diversifiziert werden (müssen).
  • Bob Marvin beschreibt in seinem Kapitel aggressive Verhaltensweisen von Kindern und deren Genese und führt diese auf Erkenntnisse aus der Bindungsforschung zurück. Auch er bezieht sich auf die Erkenntnisse von John Bowlby und führt aus, dass Kinder für solcherlei Verhaltensweisen keineswegs (allein) verantwortlich gemacht werden können und beschreibt sie (u.a.) als verzweifelte Versuche auf der Suche nach Interaktion und Bindung.
  • Sir Richard Bowlby, Sohn John Bowlbys, beschreibt im nächsten Kapitel „Das Londoner Modell der bindungsorientierten Tagesbetreuung“ mit dem Kindergärten und Betreuungseinrichtungen heutzutage arbeiten und betont die Relevanz einer kontinuierlich verfügbaren Bindungsfigur.
  • Der Zusammenhang von frühkindlichen Erfahrungen und Psychopathologie wird in den Kapiteln neun und zehn deutlich. Johann Caspar Rüegg beschreibt Zusammenhänge von frühkindlichen Erfahrungen, insbesondere psychosozialen Stressoren mit ihren Einwirkungen auf epigenetischer und Neurotransmitterebene und psychosomatischen Erkrankungen, während John Read und Andrew Gumley den Zusammenhang von Bindungstheorie und Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis darstellen.
  • Inge Bretherton und Kollegen behandeln die belastenden Auswirkungen von Ehescheidungen auf die Entwicklung von Kindern und schildern aus solchen Konstellationen resultierende Aspekte. Sie machen auf die Bedeutung therapeutischer Interventionen aufmerksam.
  • Klaus und Regina Minde tragen mit ihrem Beitrag der multikulturellen Diversifizierung unserer Gesellschaft Rechnung und schildern die Unterschiede in Bindungsmustern durch verschiedene Kulturen und Religionen. Miriam Steele beleuchtet einen anderen Aspekt unterschiedlicher Bindungsmuster. Sie weist auf die Bedeutung und den unschätzbaren Wert der Erkenntnisse der Bindungsforschung im Bereich von Pflege und Adoption hin.
  • Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel von Karl Heinz Brisch über „Bindung, Psychopathologie und gesellschaftliche Entwicklung“, in dem er Grundlagen der Bindungsentwicklung mit klinisch manifesten psychischen Erkrankungen (u.a. ADHS) verbindet. Er betont erneut die Wichtigkeit von emotional sicheren Erfahrungen von Säuglingen, Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen in der Familie und Betreuungseinrichtungen.

Zielgruppe

Die Herausgeber richten sich mit ihrem Sammelband an alle, die privat oder beruflich in der Betreuung von Säuglingen, Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen tätig sind. Namentlich richten sich die Herausgeber insbesondere an Geburtshelfer, Hebammen, Kinderärzte, Krankenschwestern, Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen, Heilpädagogen, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten, Richter und Politiker.

Fazit

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um einen Kongressband, der vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Forschung auf allgemein verständlichem Niveau zunächst historische Stationen und schließlich vor allem Implikationen der Bindungsforschung darlegt.

Es handelt sich um einen interessanten und aktuell zusammenfassenden Überblick namhafter Autoren über die Vergangenheit und Gegenwart der Bindungsforschung. Das Buch ist für all diejenigen eine Bereicherung, die mit der Betreuung von Säuglingen, Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen betraut sind – unabhängig davon, ob in der eigenen Familie oder im Beruf.


Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 20.05.2009 zu: Karl Heinz Brisch, Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft. Prävention, Begleitung, Beratung und Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-608-94509-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7651.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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