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Bernhard Krusche: Paradoxien der Führung

Cover Bernhard Krusche: Paradoxien der Führung. Aufgaben und Funktionen für ein zukunftsfähiges Management. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. 189 Seiten. ISBN 978-3-89670-619-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Management.
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Zielsetzung

Der Autor will Führung und ihre Funktionsweisen innerhalb ihrer Rahmenbedingungen beschreiben und widmet das Buch der „regenerative(n) Tätigkeit der Selbstbeobachtung“ (7), welche für Führungskräfte entscheidend ist. Ausgangspunkt ist das „globale Dilemma, in dem Organisationen und ihre Führungskräfte heute stecken“ (9), nämlich das Gefühl von Ohnmacht und Unzulänglichkeit, resultierend aus der letztlich geringen Steuerbarkeit von Organisationen - mit übersteigerten Erwartungen verbunden sind daher chronische Überforderungen.

Aufbau und Inhalt

Eine zentrale Annahme besteht darin, dass das traditionelle Führungsverständnis, das von einer prinzipiellen Berechen- und Steuerbarkeit der Verhältnisse ausgeht, in die Krise gekommen ist. Daher muss das Verständnis von Führung geändert werden.

Theoretische Grundlagen: Gesellschaft wird in der Tradition von Gross als Multioptionsgesellschaft begriffen – die Verhältnisse sind kontingenter als sie je waren. Organisationen werden in der systemtheoretischen Tradition von Luhmann als der einzige Ort der Gesellschaft gesehen, an dem Entscheidungen getroffen werden können, und Führung als jene Instanz, die diese Entscheidungen treffen kann. Damit eröffnet sich die Frage der Durchsetzungswahrscheinlichkeit von Führungsentscheidungen. Im Kern steht eine Paradoxie der Entscheidung: Entscheidungen reduzieren Komplexität, indem sie Möglichkeiten einschränken, da immer auch anders hätte entschieden werden können, verdeutlichen sie allerdings gleichzeitig auch ihre Kontingenz bzw. Willkür.

Da Organisationen nur in ihrem Kontext verstanden werden können, wird in einem ersten Teil die Entwicklung der Gesellschaft und ihrer zentralen Institutionen analysiert. Die Bedeutung von Führung und die Ausformung von Organisationen hängen mit gesellschaftlichen Veränderungen zusammen, etwa in Bildung, Technologie, Marktentwicklung etc., wie auch mit der generellen gesellschaftlichen Transformation, die man als Verlust eines Zentrums zusammen fassen kann. Die Gesellschaft wird dynamischer, sie wird weniger hierarchisch und stärker netzwerkartig-horizontal differenziert, sie bietet immer weniger Sicherheit aber immer mehr Möglichkeiten. Damit gewinnen Kommunikation und Beobachtung an Bedeutung.

Und damit treten – im folgenden Abschnitt – auch Organisationen ins Blickfeld als die einzige Möglichkeit, gesellschaftliche Komplexität durch Entscheidungen wieder einzufangen (S.45). Mit dem realen Bedeutungsverlust von Politik gewinnen diese auch an gesellschaftlicher Bedeutung als Orte von Entscheidungen und deren Umsetzung. Was hier nicht entschieden und ausprobiert wird, findet nirgends statt (nach Baecker).

Danach stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Führung. Diese gewinnt ihre Legitimität bzw. ihren Ort der Wirksamkeit an der Grenze von Organisation und Gesellschaft – sie findet in Organisationen statt, hat aber Auswirkungen auf die Gesellschaft und muss sich der Öffentlichkeit gegenüber legitimieren. Der Blick aufs Ganze, die Sicherung des Überlebens, ist demnach von keinem anderen Ort aus zu leisten (S.16).

Dies ist Grundlage für die Analyse der vier zentralen Aufgaben von Führung: Die Versorgung mit struktureller Spannung im Verhältnis von Außenwelt und Organisation, die nachhaltige Überlebenssicherung (durch Beruhigung von Irritationen und Bereitstellung der Bedingungen für die Leistungserbringung), die Organisation wirksamer Entscheidungsprämissen und die Fokussierung von Aufmerksamkeit (Bündelung der Energie auf ein Ziel hin). Als einzig wirksames Werkzeug von Führung sieht der Autor damit jene „führungsnotwendige Asymmetrie“ (130), die darin besteht, dass einer Bereitschaft, den Führungsentscheidungen zu folgen die Bereitschaft gegenüber steht, diese Entscheidungen in den Dienst der jeweiligen Einheit zu stellen. Es geht jedenfalls immer auch um eine Balance von Beruhigen und Irritieren. Legitimation von Führung ist letztlich immer die „tagtägliche Reproduktion ihrer Sorge um das Ganze“ (129).

Fazit

V.a. die Diagnose, dass die Wiedereinführung von gesellschaftlichen Fragestellungen in Organisationen eine zentrale Aufgabe von Führung wird, gewinnt angesichts der aktuellen Krise an Aktualität. Ansonsten ist das Buch anregend, gibt immer wieder Ansatzpunkte zum Weiter-Denken. KennerInnen der Luhmannschen Systemtheorie werden nicht viel Neues darin finden, dennoch aber eine gute Anwendung der Theorie mit etwas neuen Fokussierungen.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 21.08.2009 zu: Bernhard Krusche: Paradoxien der Führung. Aufgaben und Funktionen für ein zukunftsfähiges Management. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. ISBN 978-3-89670-619-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7656.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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