socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Melzer, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Kulturen der Bildung

Cover Wolfgang Melzer, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Kulturen der Bildung. Beiträge zum 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. 385 Seiten. ISBN 978-3-86649-230-1. 39,90 EUR, CH: 67,00 sFr.

Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE).
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Dieser Kongressband steht unter der Frage, wie „sich soziale Heterogenität und kulturelle Diversität in unserer Gesellschaft“ auswirken und was die „Vielfalt unterschiedlicher sozialer, ethnischer und regionaler Kulturen“ bedeutet für das pädagogische Handeln „in den verschiedenen Bereichen des Bildungs- und Erziehungssystems“ (Vorwort der Herausgeber, S. 9).

Herausgeber

Herausgegeben haben den Band der Vorsitzende des Dresdner Organisationskomitees des Kongresses, Melzer, und der Vorsitzende der DGfE, Tippelt.

Entstehungshintergrund

Der Band soll in Teilen Beiträge und Schlüsse des Kongresses darbieten, der im März 2008 stattfand. Dabei soll er die wichtigsten Linien verkörpern. Ziel sei es, aus Sicht der Erziehungswissenschaft „exemplarisch herauszuarbeiten, […] dass Kulturen das Verständnis von Bildung, Erziehung und sozialer Hilfe wesentlich prägen“ (Vorwort der Herausgeber, S. 9). Der Band soll Impulse geben für die Bildung von Theorie und die Entwicklung des Handelns.

Aufbau

Nach den Vorworten beginnt der Band mit dem Einführungsvortrag Tippelts zum Thema „Kulturen der Bildung“ (S. 17–24). Es folgen alle 13 Hauptvorträge und sodann Berichte über 14 der 20 Symposien. Der größte Teil des Bandes entfällt auf die Hauptvorträge (S. 25–235). Ihnen ist etwa eineinhalbmal soviel Platz eingeräumt wie den Symposien (S. 237–378). Mit dem Verzeichnis der AutorInnen endet der Band.

Inhalte

Tippelt bezeichnet im Einführungsvortrag den Begriff Kultur als vielschichtig: Dieser stehe „für verschiedene Netzwerke von Werten, Einstellungen und kognitiven Konzepten, die die Kommunikation, die Deutungen und die konkreten Dienstleistungen einer Gesellschaft prägen“ (S. 17). Als Kennzeichen des Einschlusses in eine Kultur führt er Einflüsse auf, die verbunden werden etwa mit Milieu, Region, Beruf, Geschlecht, Alter oder Generation. Beim Begriff der Bildung bezieht sich Tippelt auf dreierlei: auf das Können der Einzelnen, ihr Verhalten „selbstständig zu gestalten“; die „Sicherung und Weiterentwicklung des Arbeitskräftepotentials“, wobei es nicht nur um die Wirtschaft geht, sondern auch um Teilhabe; schließlich die „Fähigkeit zur sozialen Teilhabe und zur bewussten kulturellen Auseinandersetzung“ (S. 20 f.).

Die Themen der Hauptvorträge streuen breit. Sie handeln unter anderem von der Entwicklung gesellschaftlicher Bildungsmentalitäten, vom Verhältnis von Schulleistungen und kulturellem Hintergrund, von Schulkultur und Milieu, von politischer Kultur und Rechtsextremismus, von systematischen Aspekten der Bildungstheorie aus Sicht von Kultur, von den zu lösenden Aufgaben Interkultureller Bildung. Die Berichte über die Symposien sind drei Schwerpunkten zugeordnet: „Bildung und Institutionenkultur“, „Kulturvergleich und Interkulturalität“ sowie „Lern- und Schulkultur“. Darunter finden sich auch Themen wie Kulturen der beruflichen Bildung oder der Hochschulbildung, Elite- und Gegenkulturen oder digitale Räume der Kultur und Bildung.

Aus Sicht der Sozialwirtschaft können vor allem Beiträge interessieren, die zeigen, dass Kulturen das Verständnis von sozialer Hilfe wesentlich prägen. Drei der Hauptvorträge lassen sich hierauf beziehen: der des Sozialpädagogen Lothar Böhnisch über „Die neue Kultur der Sorge und die soziale Verlegenheit der Pädagogik“ (S. 45–52), der des Heilpädagogen Urs Haeberlin über „Chancengleichheit als Kulturen verbindende Abwertung von Schwachen?“ (S. 139–154) und der des Wohlfahrtsstaatsforschers John Clarke über „The Contribution of Cultural Studies for Theory and Empirical Research in Social Work“ (S. 227–235).

  1. Böhnisch stellt die weitverbreitete Vorstellung vom selbstorganisierten Akteur bzw. der selbstorganisierten Akteurin infrage. Dem stellt er die Sorgetätigkeit als eine heutige Form der Vergesellschaftung gegenüber. Er schlüsselt wichtige Diskurse um das Thema Sorge auf, auch deren Wandel. In der Pädagogik gerieten damit Brüche und Entwertungen im Lebenslauf in den Blick, die eine Betrachtung verdecke, welche die Einzelnen modelliert als zum Erfolg genötigte WissensunternehmerInnen ihrer selbst.
  2. Haeberlin spricht über die Verbindung von Integration und Chancengleichheit. Zwar geht er stark auf Schule ein, zieht aber Schlüsse, die darüber hinausgehen. Letztlich versucht er, das Postulat der Chancengleichheit auf eine biologistische Ideologie der Leistung zurückzuführen, und kritisiert es damit. Wer von den Schwachen trotz aller Förderung keinen Aufstieg in Bildung und Beruf schafft, gelte als zu wenig mit den nötigen Fähigkeiten ausgestattet. Er oder sie werde in der „Kultur des flexiblen Kapitalismus“ (S. 149) entwertet.
  3. Clarke fordert, dass eine Kulturanalyse Sozialer Arbeit zu fragen hat, aus welchen Vorstellungen dieses Konstrukt besteht. Dabei setzt er voraus, dass es etwas Uneinheitliches, Instabiles und Unvollendetes ist. Er nennt eine Reihe von Merkmalen, an denen eine Kulturanalyse ansetzen kann. Im Anschluss sei interdisziplinär – aus Sicht der Sozialarbeit, Sozialpolitik und Kriminologie – zu erforschen, wie Soziale Arbeit erneuert und von außen neu verortet wird: im Zuge der breiteren Neuerung von Wohlfahrt, Staat und anderen Institutionen, die das Soziale beherrschen und verwalten.

Es lässt sich hieran das Symposion anschließen über „Kulturen der Post-Wohlfahrtsstaatlichkeit. Sozialpädagogische Interventionen angesichts der Transformation wohlfahrtsstaatlicher Arrangements“ (Bericht: Fabian Kessl, S. 261–269). Was derzeit an Wandlungen wohlfahrtsstaatlicher Kultur zu beobachten ist, sei zwar schwerwiegend, könne aber noch als Veränderung von Bisherigem erscheinen: so, wenn „sozialversicherungsrechtliche Leistungen immer deutlicher an fürsorgerische Bedarfsprüfungen gebunden“ und „vom vorgängigen Engagement der Einzelnen abhängig gemacht“ würden (S. 264 f.). Der Bericht macht sich dagegen für eine politische und theoretische Debatte stark, bei der es „um politische Programme einer kollektiven Sicherung alltäglicher Lebensführung“ geht (S. 268) und um die Sicherung der politischen Teilhabe für potenziell alle Mitglieder der Gesellschaft.

Diskussion und Bewertung

Sowohl „Kultur“ als auch „Bildung“ sind Ausdrücke, die reichlich mit Bedeutungen befrachtet sind. Sie gehören der Wissenschaft wie dem Alltag an – mit zum Teil sehr unterschiedlichen Bedeutungen. Auch in der Wissenschaft selbst wird um sie gestritten, und sie unterliegen dem Wandel. Das verlangt im Grunde, dass jede/r Vortragende oder Berichtende zunächst darlegt, was darunter gedacht werden soll. Zum Teil geschieht das; zum Teil zeigt sich aber auch, dass schon innerhalb eines Symposions Ungleiches damit gemeint wird.

Die Berichte der Symposien scheinen teils an eine LeserInnenschaft gerichtet, die mit der speziellen Thematik bekannt ist. Dies zeigt sich an den selbstverständlich gebrauchten Abkürzungen für eine Reihe von Projekten und Initiativen. Zum erheblichen Teil sind die Vorträge und Berichte dicht gepackt und wirken dadurch abstrakt – das gilt auch für die hier vorgestellten.

Wenn der Band Hauptlinien des Kongresses dokumentieren soll, dann führt das zu keiner geschlossenen, einfachen Gestalt. Vielmehr entsteht ein komplexes Gefüge, das mehrere Leserichtungen erlaubt und manchmal auch notwendig macht. Dass es nicht anders geht, liegt aber in der Sache selbst.

Fazit

Stoff zum Stöbern findet in diesem Band, wer sich informieren will über die Vielfalt der Aspekte, welche die Teildisziplinen der Erziehungswissenschaft und verschiedene ihrer aktuellen Forschungsrichtungen zum weit gefassten Kongressthema zusammentragen. Für MitarbeiterInnen der Sozialwirtschaft dürfte nur ein kleiner Teil der Texte von direktem Interesse sein.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


Alle 53 Rezensionen von Christian Beck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 17.06.2009 zu: Wolfgang Melzer, Rudolf Tippelt (Hrsg.): Kulturen der Bildung. Beiträge zum 21. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2009. ISBN 978-3-86649-230-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7662.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung