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Kersten Reich: Konstruktivistische Didaktik

Cover Kersten Reich: Konstruktivistische Didaktik. Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 4., durchges. Auflage. 309 Seiten. ISBN 978-3-407-25492-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Beltz Pädagogik. Pädagogik und Konstruktivismus.
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Autor und Thema

Kersten Reich ist Professor für Internationale Lehr- und Lernforschung an der Universität Köln. Der von ihm begründete Interaktionistische Konstruktivismus ist ein sozialkulturell orientierter konstruktivistischer Ansatz, der die Bedeutung der Beziehungen und Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden bei der Re/De/Konstruktion von Wirklichkeiten beachtet und analysiert.

Aufbau und Überblick

In acht Kapiteln führt Kersten Reich uns ein in seine Begründung einer konstruktivistischen Didaktik, die ein verändertes Lernverständnis gleichsam voraussetzt und nach sich zieht. Dabei lässt er in seinen Ausführungen stets zwei Figuren zu Wort kommen: Die Ironikerin bringt Einwände und stellt kritische Fragen an das soeben Geschriebene. Die Praktikerin hingegen fordert immer wieder den engen Bezug zur Praxis, d.h. sie stellt wichtige Fragen zur Umsetzung. Mit Hilfe dieser zwei Begleiter und dank einer sehr klaren Strukturierung, erhalten wir einen guten Zugang zu der sehr dichten Beschreibung und eingehenden Analyse Reichs. Wer sich von diesem Buch allerdings schnell erschließbare und einsetzbare Wissen (ein Rezeptwissen also) erhofft und eindeutige Handlungsanleitungen erwartet, muss enttäuscht werden: Dies kann dieses Buch nicht leisten, soll und will es auch nicht. – Eine konstruktivistische Didaktik erschüttert den Glauben an universelle Modelle und Konzepte.

Der Leser lernt durch dieses Buch viel: Zunächst einmal – und das ist bedeutsam - erfahren wir, wie anspruchsvoll (spannungsreich, unbequem und anstrengend) didaktisches Handeln sich gestaltet, wenn Lerner und Lehrer sich vom Bild einer objektiven Wirklichkeit verabschieden und Lernprozesse gemeinsam konstruieren wollen. Wir lernen die impliziten Konzepte und Ansätze kennen, die sich hinter dem Begriff Konstruktivismus verbergen und sind damit in der Lage, verschiedene Ausprägungen dieses Ansatzes zu differenzieren, der nicht selten sehr vereinfacht (und damit unangemessen) dargestellt wird. Das Buch regt den Leser auch dazu an, sich über die Entwicklung und kulturelle Prägung konstruktivistischer Ansätze und damit letztendlich auch deren Relativität Gedanken zu machen. Besonders gut gelingt es Kersten Reich seinem Leser vor Augen zu führen, dass die Einsicht in die Relativität der meisten Inhalte, des eigenen Handelns und Wollens nicht Beliebigkeit in eben diesen nach sich zieht. Didaktisch sinnvolles Handeln erfordert ein hohes Maß an Reflexion, Planung von Lehr- und Lernschritten, Wissen um die situative Eignung von Methoden, Beziehungen zu gestalten und Inhalte zu erschließen und Kompetenz, Prozesse zu steuern bzw. zu begleiten. Vor allem lernen wir durch die anregende Argumentation Reichs die zwei wesentlichen Schritte einer konstruktivistischen Didaktik (nach-) zu vollziehen,

  • dass neben den Lehrenden die Lernenden selbst zu Didaktikern werden und
  • wie wichtig es ist, dass die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden in den Vordergrund rückt

Im Folgenden sollen die acht Kapitel des Lehr- und Studienbuches inhaltlich kurz umrissen werden, wobei Kapitel 4, 5 und 6 am seitenstärksten sind und - nach der Aussage Reichs - der Leser an jeder Stelle des Buches einsteigen kann.

1. Beziehungsdidaktik

„Lehrende, so denke ich, sollten Beziehungsdidaktiker sein.“ (21)

Kersten Reich setzt mit dem ersten Kapitel seines Buches den Schwerpunkt seiner gesamten Argumentation auf die Gestaltung der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Indem er die Anforderungen an eine Beziehungsdidaktik beschreibt, stellt er sehr einleuchtend dar, warum, aus einer konstruktivistischen Haltung heraus, die fachliche Kompetenz nicht mehr die wichtigste Stellung einnehmen darf. Auf drei Anforderungen an Lehrende wird in diesem Kapitel eingegangen:

  • pragmatische Haltung: Der Lehrende muss sich darüber bewusst werden, dass jeder Lerner über Erfahrungen (experiences nach Dewey) lernt, weshalb diese auch Ziel und Mittel aller Aktivität darstellen sollen
  • konstruktives Vorgehen: Da Lerner zu Konstrukteuren ihres Lernens werden, müssen Lehrer, Experten bleibend, die neue Rolle annehmen, Wissenskonstruktion zu moderieren. Der Lehrende findet sich in einer Doppelrolle wieder - zwischen Instruktion und Konstruktion – und muss diese stets auf Neue reflektieren
  • systemischer Blick: Lernprozesse sind bedingt durch das Wechselspiel von Inhalten und der Beziehung zwischen Lerner und Lehrer. Wenn sich Lehrende der Zirkularität im menschlichen Handeln bewusst sind, können sie u.a. systemische Methoden bspw. der Beobachtung entwickeln

2. Didaktik heute: Welcher Kontext ist zu beachten?

„Diese paradoxen Anforderungen zeigen, dass es in der Postmoderne schwierig ist zu lehren und zu lernen.“ (69)

In diesem Kapitel zeichnet Reich den Wandel der Eigenschaften und Paradigmen nach, die Lernen und Lehren kennzeichnen. Beginnend mit der Didaktik im Zeitalter der Moderne mit ihrer Orientierung an Rationalität, Wahrheit und Inhalt wird der Übergang hin zu einer postmodernen Perspektive dargestellt. Diese wird als äußerst spannungsreich beschrieben. Wir bewegen uns als Didaktiker zwischen traditionellen Anforderungen und postmodernen Verunsicherungen und sind angehalten, diese Voraussetzungen zu rekonstruieren.

3. Warum konstruktivistische Didaktik?

„Der Konstruktivismus betont zunächst, dass wir einer oft von Menschen naiv unterstellten unmittelbaren Verbindung von Welt (‚da draußen‘) und Abbild (‚in uns‘) misstrauen müssen“ (74)

Wesentliche An- und Herausforderungen an Lehrende und Lernende, die von Reich in den ersten beiden Kapiteln skizziert werden, können mit Hilfe einer konstruktivistisch ausgerichteten Didaktik bestritten werden, so die These des Buches. Im dritten Kapitel führt Reich den Leser ein in die Grundannahmen des Konstruktivismus, stellt seine Vorläufer dar, differenziert verschiedene Strömungen bzw. Ansätze und diskutiert - mit Hilfe von Kommentaren der Praktikerin und Skeptikerin - die spannende Frage (und ihre Bedeutung für das Lernen) nach Realität und Konstruktion.

4. Theoretische Zugänge

„Je enger die bisherige Didaktik auf die Lehrerbildung reduziert bleibt, desto begrenzter sehe ich ihre Möglichkeiten. Öffnet sie sich hingegen dem transdisziplinären Anspruch einer umfassenden Methode und Praxis der Konstruktion von Wissen […] , dann könnte sie sich als Teil einer Kulturwissenschaft entwickeln, deren Relevanz für alle Wissenschaften […] bedeutsam wird.“ (136)

Didaktik ist Wissenschaft und Praxis zugleich. Im vierten Kapitel geht es Reich um die Klärung von Grundlagen, Begriffen und Fragen einer konstruktivistischen Didaktik als wissenschaftliche Disziplin. Bildung als Hintergrund didaktischen Handelns wird hinterfragt und der Status der Didaktik gegenüber anderen Fachdisziplinen kritisch beleuchtet. Zwei Themenkomplexe prägen dieses Kapitel: Zum einen die Betrachtung von Inhalten und Beziehungen in drei verschiedenen Zugängen (symbolisch, imaginär und real). Zum anderen die Reflexion der Geltungsansprüche vor einem erkenntniskritischen Hintergrund unter drei Perspektiven (Konstruktivität, Plastizität und Praktizität).

5. Praktische Zugänge

„Für Didaktiker ist der Weg immer mehr als das Ziel.“ (188)

In diesem Kapitel wird Didaktik als Handlung reflektiert. Dabei konstruiert Reich vier Zugänge zu einer konstruktivistischen Didaktik. Leitend ist für ihn dabei stets John Deweys‘ pädagogischer Ansatz „learning by doing“, der im 6. Kapitel ausführlicher vorgestellt wird. Im 5. Kapitel lernen wir die Begriffe Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion als wesentliche Aufgaben bzw. Perspektiven didaktischen Handelns kennen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen die verschiedenen Handlungsebenen in Lernprozessen auf der einen, Reflexionsperspektiven und Rollen (Beobachter, Akteur, Teilnehmer) von Lehrenden und Lernenden auf der anderen Seite. Sehr bereichernd sind dabei die verschiedenen Beispiele und Beobachtungen aus der Unterrichtspraxis, die Reich anführt und aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

6. Lernen in der Didaktik

„Lernvorgänge sind grundsätzlich konstruktiver Art“ (192)

Im Vordergrund dieses Kapitels stehen lerntheoretische Grundreflexionen. Für die Rezensentin war die Einführung in den Ansatz John Deweys sehr erhellend: Dieser bildet den Hintergrund für 5 Stufen einer didaktischen Raute, nach der die Rezensentin ihre interkulturellen Trainings und Seminare gestaltet. Nun kann kein didaktisches Modell, keine didaktische Theorie Anspruch auf Allgemeingültigkeit beanspruchen. Jedes Modell ist immer auch Kulturprodukt und somit relativ. Was wir tun können, ist uns der Kulturgebundenheit von Methoden und Modellen bewusst werden: Auf welchen impliziten Annahmen fusst bspw. das fünfstufige didaktische Modell der Raute? Diese Hintergründe hilft Reich im sechsten Kapitel erhellen. Im pädagogischen Ansatz des US-amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey findet sich ein pragmatisches Konzept des Lehrens und Lernens, das heute den stillschweigenden Hintergrund vieler englisch- und deutschsprachiger Konzepte in der Didaktik bildet: Dewey ging davon aus, dass erst im Handeln Wissen aufgebaut und verfestigt wird. Lernvorgänge sind nach diesem Modell grundsätzlich konstruktiver Natur. Je mehr das Lernen also als „Learning-by-doing“ erfolgt, desto mehr wird es den Lerner beeinflussen. Man kann davon ausgehen, dass die fünf Handlungsstufen des Lerners im Ansatz Deweys eine wichtige Grundlage gebildet haben für viele spätere Konzeptionen in der Didaktik und Lernpsychologie. Am Ende des Kapitels thematisiert Reich die Rolle der Lernumgebung.

7. Planung

„Die Planung von Lehr- und Lernprozessen verändert sich auf der Grundlage der bisherigen Überlegungen in der konstruktivistischen Didaktik erheblich gegenüber herkömmlichen Modellen.“ (251)

Wie plane ich, damit ich bei meinen Lernern auch tatsächlich das gewünschte Ziel erreiche? Reich unterscheidet bei seiner Betrachtung elementare und ganzheitliche Planung und bekräftig auch in diesem Kapitel, dass Inhalte nicht unabhängig von Beziehungen gedacht werden können also auch bei der Planung von Inhalten die Lerner in den Prozess miteinzubeziehen sind. Am Beispiel des Themas Nachrichten erläutert Reich die Planungsschritte, um konstruktivistisches Lernen zu realisieren, d.h. in Hinblick auf rekonstruktive, konstruktive und dekonstruktive Aufgaben.

8. Methoden

„Die Grundfrage lautet hier: Welche Lernmethode passt für welche Inhalte und Beziehungen?“ (269)

Abschluss und in gewisser Weise auch Höhepunkt des Buches bildet Reichs letztes Kapitel zur Methodenlandschaft konstruktivistischer Didaktik. Neben einer ausführlichen Analyse verschiedener Methodenprinzipien, wird hier der Methodenpool auf der dem Buch beiliegenden CD vorgestellt. Eine Unterteilung in konstruktive Methoden (dienen der inhaltlichen Arbeit) und systemische Methoden (Beziehungsarbeit im Unterricht) mag die Orientierung erleichtern. Wesentlich aber sind Leistung und Wert, die sich hinter diesem Methodenpool für alle Didaktiker – egal in welchen beruflichen Handlungsfeld – verbergen: Auf der CD und dem gleichnamigen Link im Internet http://methodenpool.uni-koeln.de/uebersicht.html findet man ein großes Repertoire an Methoden und Techniken. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine willkürliche Auflistung, die sich in einer Benennung von Methoden erschöpft sondern finden wir eine systematische, ausführliche und reflektierte Beschreibung der einzelnen Methoden: Zu jeder Methode liefert Reich eine kurze Beschreibung, Quellen, eine theoretische Begründung, stellt die Methode dar, nennt Beispiele und schildert Praxiserfahrungen. Die Darstellungen im Internet werden, laut Reich, ständig aktualisiert.

Fazit

Allen interessierten Lesern, vor allem aber solchen, die sich als pädagogisch Handelnde verstehen oder durch das Studium auf pädagogisches Handeln vorbereiten, ist dieses Lehr- und Studienbuch, das hier in seiner 4. Auflage erscheint, sehr zu empfehlen. Kersten Reich analysiert in seinem Buch Theorie und Praxis der Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen in unserer heutigen Zeit. Er entwirft eine lernerorientierte Didaktik, die hilft, die eigene Rolle und Haltung in dem Bereich, in dem man lehrt, (neu) zu reflektieren.


Rezension von
Katharina Kriegel
M.A., Erziehungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena, interkulturelle Trainerin und Mediatorin.
Homepage www.beziehungsportal.de
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Zitiervorschlag
Katharina Kriegel. Rezension vom 02.09.2009 zu: Kersten Reich: Konstruktivistische Didaktik. Lehr- und Studienbuch mit Methodenpool. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 4., durchges. Auflage. ISBN 978-3-407-25492-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7663.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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