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Fritz B. Simon: Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie

Rezensiert von Jörg Latuske, 15.08.2009

Cover Fritz B. Simon: Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie ISBN 978-3-89670-678-2

Fritz B. Simon: Einführung in die systemische Wirtschaftstheorie. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-678-2. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.

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Hintergrund und Zielsetzung

„Warum Wirtschaft?“ fragt Fritz Simon zu Beginn und skizziert damit den roten Faden, der sich durch das Buch zieht. In gewohnt strukturierter Weise geht der Autor dieser Frage nach und beschreibt, wie sich die Regeln des derzeitigen Wirtschaftslebens entwickelt haben.

Hintergrund seiner Betrachtungsweise ist die Annahme, dass Wirtschaft – und die damit verbundenen Theorien – keine harte Wissenschaft, kein unabänderliches Naturgesetz sei, sondern ein durch Interaktion und Kommunikation veränderbares Konstrukt aus sozialen Regeln und Strukturen. Das Wirtschaftssystem stellt in den Augen Fritz Simons keine objektive Wahrheit dar, sondern ein Kommunikationssystem, dessen Teilnehmer (Individuum, Organisation und Staat) aus unterschiedlichen Beobachterperspektiven ihre Handlungen im Markt realisieren und deren Wirkungen wiederum beobachten.

Autor

Fritz B. Simon, studierte Soziologie und Medizin, ist Psychiater, Psychoanalytiker und Systemtherapeut. Er arbeitet als Organisationsberater und ist seit 1999 Professor für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke. Er ist Mitbegründer der Management Zentrum Witten GmbH und der Simon, Weber & Friends Systemische Organisationsberatung GmbH.

Inhalt

Zu Beginn des Buches klärt Fritz Simon einige relevante Begriffe der soziologischen Systemtheorie. Neben den Begriffen „Überleben“, „Beobachtung“ und „Unsicherheitsabsorption“, werden auch die eher wirtschaftlichen Begriffe wie „Homo Oeconomicus“ und „knappe Güter“ in eigenen kurzen Kapiteln erläutert. Die beiden Letztgenannten beschreibt er sowohl aus Sicht der klassischen Wirtschaftstheorie, als auch aus der kritischen Perspektive der soziologischen Systemtheorie.

Etwas ausführlicher betrachtet er die Begriffe „Besitz“ und „Eigentum“. Er folgt den theoretischen Ansätzen von Heinsohn und Steiger (1996), die die Auffassung vertreten, dass die mit dem Begriff „Eigentum“ verbundene Möglichkeit Eigentum zu verleihen bzw. zu verpfänden, menschliches Wirtschaften und die Entstehung von Geld und Zinsen erst ermöglicht hätten.

Nach der Beschreibung von Wirtschaft als autopoietischem System und Erläuterungen zur Bedeutung von Zahlungsvorgängen, wendet sich Fritz Simon in der Mitte des Buches den „ökonomischen Überlebenseinheiten“, den Akteuren des Wirtschaftssystems (Haushalte, Familien und Organisationen, Unternehmen, Volkswirtschaften) zu. Er beschreibt in jeweils eigenen Kapiteln ihre Funktionen und die Art und Weise ihrer Kopplung im Wirtschaftssystem.

Die Betrachtung des Marktes – in der klassischen Wirtschaftstheorie meist ein Einstiegsthema – findet sich bei Fritz Simon erst im letzten Drittel des Buches. In der Erläuterung bleibt Fritz Simon bodenständig und beschreibt am Beispiel des Wochenmarkts die Grundprinzipien des Marktes und abstrahiert von dort auf die Grundsätze des marktwirtschaftlichen Geschehens. Seine paradox anmutende Kernaussage lautet: Markt ist „Umwelt“, nicht Teil des Systems – da alle wirtschaftenden Subjekte aber einen Austauschort benötigten, werde das Wirtschaftssystem als Markt zur Umwelt seiner eigenen Aktivitäten.

In den Kapiteln „Güter- vs. Finanzmärkte“ und „Oszillationen – Aufschwung und Abschwung“ nimmt Fritz Simon Bezug zu den aktuellen Entwicklung der Finanzmärkte. Er verweist auf Luhmanns Aussage, wonach man in der Form von Geld Tauschmöglichkeiten eintausche (Luhmann 1984, S.615); erhaltene Zahlungen erhöhten die eigenen Tauschmöglichkeiten, geleistete Zahlungen verringerten sie. Wenn nun Geld gegen ein (real existierendes) Gut getauscht werde, so sei darin eine Information über die Beziehung der Beteiligten, ihre größere oder geringere Austauschbarkeit füreinander bzw. die des jeweiligen Gutes enthalten.

Wenn aber Geld gegen Geld getauscht werde, so würden lediglich Tauschmöglichkeiten gegen Tauschmöglichkeiten getauscht. Dies erhalte seinen Sinn nur dadurch, dass die Bedeutung der Zahlungen (ihre subjektiven Be-Wertungen) zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich sei.

Somit werden bei Finanztransaktionen keine materiellen Güter gehandelt, sondern ein fiktives knappes Gut: die Zeitdifferenz von Tauschmöglichkeiten. Wer jetzt über Geld verfügen kann, dass er noch nicht verdient hat (bzw. jetzt Geld zur Verfügung stellt, dass er in der Vergangenheit bekommen hatte), drehe die Richtung der Zeit um. Dies beschreibt Fritz Simon als eine grundlegende Funktion von Finanzmärkten.

Die höhere Störanfälligkeit der Finanzmärkte liege nach Meinung Fritz Simons an gerade diesen „fiktiven Tauschmöglichkeiten“. Anders als in realen Gütermärkten, die auch mal gesättigt sein können, sind Finanzmärkte „unersättlich“ (da es sich wie bereits erwähnt „nur“ um fiktive Tauschmöglichkeiten handelt). Diese prinzipielle „Unersättlichkeit“ macht Finanzmärkte besonders anfällig für Massenphänomene wie „Blasenbildung“ und der u.U. folgenden „Depression“.

Fritz Simon schließt sein Buch mit dem Kapitel „Die Spaltung der Gesellschaft – Einige vorläufige Schlussfolgerungen (zum Weiterdenken)“ und fasst darin einige Prinzipien zusammen, die Konsequenzen für unser gesellschaftliches Zusammenleben haben. Wirtschaft beruht auf allgemein akzeptierten Wirklichkeitskonstruktionen: der Idee des Eigentums, des aus ihr abgeleiteten Kommunikationsmediums Geld und der Möglichkeit des Eigentümers über sein Eigentum frei verfügen zu können. Dies kann er aber nur, wenn ein Rechtssystem das Eigentum schützt. Das „System Wirtschaft“ sei somit auf andere Subsystemen wie Staat, Recht, Erziehung, etc. angewiesen. „Nicht irgendeine (wie auch immer definierte) „Gerechtigkeit“ oder „Leistung“ regelt wirtschaftliche Prozesse (die als Markt beobachtbar werden). Die Logik ihrer Selbstorganisation führt – unabhängig von den guten oder bösen Absichten der Beteiligten – dazu, dass sich ökonomische Unterschiede verstärken. Eine Marktwirtschaft, die sich selbst überlassen bleibt, führt aufgrund ihrer Funktionsmechanismen zwangsläufig zu einer Spaltung der Gesellschaft in arm und reich. Wenn man solch eine schlichte soziale Differenzierung nicht will, muss man das Spielfeld, in dem wirtschaftliche Gesetze gelten, begrenzen“ (S.119).

In meinem Verständnis beantwortet er damit die eingangs gestellte Frage „Warum Wirtschaft?“ dahingehend, dass Wirtschaften nicht liberaler Selbstzweck sein kann. Wirtschaft muss sich in der Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Zielsetzungen (immer wieder neu) gestalten, sonst gebiert sie letztendlich selbst das Risiko, ihre fundamentale Grundlage – das Eigentum – durch „Enteignung“ (sei es durch den Staat oder durch marodierende Banden) zu verlieren.

Fazit

Ein lesenswertes Buch! Ein aus meiner Sicht gelungener Ansatz sich dem Thema „Systemische Wirtschaftstheorie“ zu nähern. Eine Portion Vorwissen aus dem systemischen Feld ist aber beim Lesen durchaus von Vorteil.

Rezension von
Jörg Latuske
Unternehmens- & Kommunikationsberatung
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Es gibt 6 Rezensionen von Jörg Latuske.

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ISSN 2190-9245