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Thomas Hegemann, Cornelia Oestereich: Einführung in die interkulturelle systemische Beratung und Therapie

Cover Thomas Hegemann, Cornelia Oestereich: Einführung in die interkulturelle systemische Beratung und Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 128 Seiten. ISBN 978-3-89670-677-5. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.
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Thema

Die zunehmende Pluralisierung der deutschen Gesellschaft spiegelt sich u.a. auch in Beratungssituationen und therapeutischen Settings. Laut Klappentext können Berater und Therapeuten „in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft (…) immer weniger davon ausgehen, dass ihre Klienten die gleichen Vorstellungen über die Welt oder gleiche kulturelle Werte teilen“. Daher widmet sich das vorliegende Buch dem kultursensiblen oder interkulturell kompetenten Vorgehen in der systemischen Beratung und Therapie. Es richtet sich dabei als Einführung explizit sowohl an Personen mit Erfahrungen im beraterischen Bereich ohne interkulturelle Kenntnisse als auch an interkulturell erfahrenen Personen ohne Kenntnisse des systemischen Ansatzes, sowie auch an Neulinge in beiden Bereichen.

Aufbau

Das Buch ist neben Einführung und Schlussfolgerungen in drei große Teile untergliedert:

  1. Grundlagen,
  2. Anwendungen und
  3. Organisationsentwicklung.

Die Grundlagen behandeln die Bereiche Kultur, Systeme und Kontexte, bei den Anwendungen geht es um die Herstellung von Verständigung mit und durch Dolmetschen, Suchen nach Bedeutung, Methoden und die Praxis von interkultureller Beratung und Therapie, der Teil zur Organisationsentwicklung befasst sich mit der Gestaltung kultursensibler Dienste.

1. Grundlagen

Der erste Teil bietet kurze und prägnante Einführungen zu den o.g. Aspekten. Im ersten Unterpunkt Kultur geht es um die Dynamik von Kultur, den Zusammenhang zwischen Kultur und Kontexten sowie um die Verbindung von Kultur und Sprache und um Ethnizität. Hier werden zentrale Aspekte des Kulturbegriffes erläutert und ermöglichen so einen sicheren und reflektierten Umgang mit diesem komplexen Konzept in interkulturellen Zusammenhängen. Die Autoren behandeln diese Sachverhalte zunächst allgemein abstrakt beschreibend und konkretisieren sie direkt im Anschluss durch Beispiele. Dadurch werden die Inhalte leicht verständlich und nachvollziehbar, ohne jedoch verkürzt zu werden.

Der nächste Unterpunkt Systeme stellt in derselben prägnanten Form die theoretischen Grundlagen der systemischen Beratung dar. Dies geschieht in Form von Statements, wiederum ergänzt durch Beispiele und somit leicht nachvollziehbar.

Der letzte Unterpunkt Kontexte behandelt spezifische Rahmenbedingungen, die für Migranten von Bedeutung sind. Dies sind explizit der soziale Hintergrund, insbesondere in der Ausprägung einer sozialen Unterprivilegierung, Sprachbarrieren, kulturelle Fremdheit, rechtliche und gesetzliche Einschränkungen sowie Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus. Hier finden sich bereits erste praktische Hilfen für Beratungsgespräche, z.B. zur konkreten Erfassung der aktuellen Lebenssituation in Deutschland wie auch der Situation im Herkunftsland oder auch zum Umgang mit Befangenheit im sensiblen Bereich von Diskriminierung und Rassismus.

2. Anwendungen

An die Grundlagen schließt sich der zweite große Teil an. Er beginnt mit einem Unterpunktzur Herstellung von Verständigung mit und durch Dolmetschen. Konkret werden hier die Rolle von Dolmetschern, der Ablauf einer Beratung mit einem Dolmetscher und der Genderaspekt in Dolmetscher-Situationen behandelt, wie auch die Rolle von Dolmetschern als Kulturmittlern, was über eine reine Übersetzung hinausgeht. Das Setting einer gedolmetschten Beratung wird ebenfalls explizit behandelt.

Der anschließende Unterpunkt Suche nach Bedeutung bietet eine Orientierung bei der Erfassung der „inneren Landkarten“ von Klienten, was für den Beratungsverlauf von großer Wichtigkeit ist. Hier werden Leitfragen zum Kontext von Migration und kulturellen Weltbildern zur Verfügung gestellt, wie z.B. zur Situation der Familie vor der Migration, Familienstruktur, Ressourcen oder auch Besonderheiten bikultureller Partnerschaften. Im UnterpunktMethoden werden Hypothesenbildung, Zirkuläres Fragen, Genogramm, Visualisierung mit Fotos und Landkarten sowie konstruktivistisches Visualisieren auf dem Familienbrett vorgestellt, auch hier wieder ergänzt durch Beispiele. Der Unterpunkt schließt mit einer vertieften Thematisierung der Lösungsorientierung.

Der den Anwendungs-Teil abschließende UnterpunktPraxis von interkultureller Beratung und Therapie rundet mit ausführlichen, an die vorangegangenen Punkte anknüpfenden Beispielen aus der Praxis interkultureller Beratung den Einblick ab.

3. Organisationsentwicklung

Der dritte große Teil behandelt die Gestaltung kultursensibler Dienste und geht dabei auf Organisationsentwicklung und Serviceangebote als Kundenorientierung ebenso ein wie auf Vernetzung mit Migrantenorganisationen und –communities oder Personalentwicklung und Arbeitskultur in Einrichtungen. Zu diesen Punkten werden Leitideen formuliert, an denen sich Einrichtungen orientieren bzw. messen können.

Das Buch endet nach den Schlussfolgerungen mit einem thematisch gegliederten Literaturverzeichnis, das von systemischen Grundlagen und Spezialthemen über Kultur und Kulturverständnis, Soziologie der Migration nach Deutschland und Dolmetschen bis hin zur Organisationsentwicklung reicht.

Diskussion

Das Buch bietet in all seinen Teilen gut verständliche, fokussierte und praxisnahe Einblicke in das Feld der interkulturellen systemischen Beratung und Therapie und stellt so für eine breite Zielgruppe ein hilfreiches Einführungs- und Nachschlagewerk dar.

Das gesamte Buch überzeugt durch eine ansprechende Mischung aus Theorie und Praxisbeispielen. Dadurch wird das Abstrakte immer direkt greifbar, aber gleichzeitig nie verkürzt. Daneben gibt es in nahezu jedem Kapitel (auch optisch hervorgehobene) übersichtliche Listen mit den wichtigsten Punkten. So wird das Buch nach dem ersten Lesen zu einem schnell einsetzbaren Nachschlagewerk. Dies bezieht sich sowohl auf die Teile zu den theoretischen Grundlagen und den praktischen Hilfen als auch auf die Leitideen zur Organisationsentwicklung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich der Leser bereits nach den Grundlagen gut vorbereitet auf einen reflektierten Umgang mit interkulturelle Situationen fühlen kann und mit ersten hilfreichen Instrumenten ausgerüstet ist. Selbiges gilt für den Bereich der Anwendungen. Auch hier sind die einzelnen Methoden so dargestellt, dass sie den Anspruch der Autoren, eine Einführung auch für Neulinge zu geben, voll erfüllen. Der Leser profitiert von den Erfahrungen, die die Autoren im Laufe ihrer praktischen Tätigkeit und Auseinandersetzung mit der Thematik gesammelt haben. So selbstverständlich beispielsweise das vorherige Planen einer Dolmetschersituation auch erscheinen mag, so hilfreich ist es, hier einen strukturierten und differenzierten Leitfaden an der Hand zu haben. Dasselbe gilt auch für die Leitfragen zur Erfassung der sich aus der Migrationssituation als besonders ergebenden Lebenssituation.

Die Autoren schreiben in der Einführung, dass sich das Buch an Berater, Therapeuten, Pädagogen, Sozialarbeiter, Lehrer, Mediatoren und alle anderen im interkulturellen Bereich tätigen Professionellen richtet. Alle auch über systemische Beratung und Therapie im engeren Sinne hinausgehenden hier explizit genannten Berufsgruppen (und sicherlich noch weitere) können von diesem Buch sehr profitieren. Z.B. sind die sich aus den Leitfragen zur Lebenssituation ergebenden Denkanstöße sicherlich gerade für Lehrer sowohl in der Lehrer-Schüler- als auch besonders in der Lehrer-Eltern-Kommunikation wertvoll. Auch die Grundlagen bieten allen im interkulturellen Bereich Tätigen einen knappen und somit leicht handhabbaren Grundlagenschatz an Basiswissen, der ein reflektiertes Vorgehen in unterschiedlichsten interkulturellen Settings ermöglicht.

Fazit

Das Buch bietet auf seinen 128 Seiten einen pointierten Einblick in die interkulturelle systemische Beratung und Therapie. Durch seine klare Art spricht es unterschiedlichste Berufsgruppen über das Tätigkeitsfeld Beratung und Therapie im engeren Sinne hinaus an und ist sicherlich auch bereits in der Ausbildung außerordentlich hilfreich. Ein durchweg und einer breiten Zielgruppe zu empfehlendes Buch.


Rezensentin
Dipl. Päd. Sonja Bandorski
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen im Arbeitsgebiet Interkulturelle Bildung. Arbeitsschwerpunkte: Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration


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Zitiervorschlag
Sonja Bandorski. Rezension vom 03.09.2009 zu: Thomas Hegemann, Cornelia Oestereich: Einführung in die interkulturelle systemische Beratung und Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-677-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7667.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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