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Rudolf Wimmer, Jens O. Meissner u.a. (Hrsg.): Praktische Organisationswissenschaft

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Hahne, 26.09.2009

Cover Rudolf Wimmer, Jens O. Meissner u.a. (Hrsg.): Praktische Organisationswissenschaft ISBN 978-3-89670-680-5

Rudolf Wimmer, Jens O. Meissner, Patricia Wolf (Hrsg.): Praktische Organisationswissenschaft. Lehrbuch für Studium und Beruf. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 297 Seiten. ISBN 978-3-89670-680-5. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Wer sich mit dem Phänomen Organisation beschäftigt, wird schnell mit dem Problem der Inkommensurabilität konfrontiert. Die Unübersetzbarkeit der Begriffe einer Theorie in die andere erschwert den Zugang, ist jedoch dem komplexen Phänomen angemessen. Besonders inkommensurabel erweist sich die Theorie Niklas Luhmanns gegenüber Theorien klassischer betriebswirtschaftlicher, arbeitswissenschaftlicher oder organisationspsychologischer Provenienz. Daher spitzt man die Ohren, wenn ein vergleichsweise schmales Lehrbuch bekannter Systemtheoretiker verspricht, Organisationswissenschaft – noch dazu praktische – vorzustellen.

Herausgeberin und Herausgeber

Für den Sammelband zeichnen drei Herausgeber verantwortlich:

  • Rudolf Wimmer ist außerplanmäßiger Professor am Wittener Universitätslehrstuhl Führung und Dynamik (WIFU), der mit Artist von Schlippe besetzt ist, und – Systemiker kennen die Namen – eine der ersten Adressen angewandter Systemtheorie in Deutschland.
  • Jens Meissner und Patricia Wolf, beide ebenfalls Hochschulprofessoren, kommen von der Hochschule Luzern und der ETH Zürich.

Entstehungshintergrund

Es gibt eine Vielzahl an Organisationslehrbüchern, denn mit Organisationen beschäftigen sich zahlreiche Fachdisziplinen, vor allem die Soziologie, die BWL und die angewandte Psychologie. Bisher fehlte jedoch ein Lehrwerk, das explizit systemtheoretisch ausgerichtet ist und darüber hinaus den Anspruch erhebt, Studierende der Organisationslehre systematisch im Verlauf nur eines Semesters in das Gebiet einzuführen.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in 13 Kapitel, um für den Einsatz, explizit im Bachelor-Studium (!), während eines Semesters als Kernlektüre in Vorlesungen und Seminaren eine wöchentliche Behandlung je einer Thematik vorzugeben. Die Kapitel lassen sich in vier inhaltliche Blöcke gliedern:

  • Kapitel 1: Einführung mit Darstellung des Gesamtkontext durch das Herausgeberteam;
  • Kapitel 2 – 6 mit dem Anspruch, die Wurzeln der systemtheoretischen Organisationswissenschaft darzustellen und gegenüber klassischen Theorien der Organisationsforschung abzugrenzen;
  • Kapitel 7 – 11 mit praxisorientierten Detaildarstellungen von „Wissen und Lernen“, „Kommunikation“ über „Führung und Organisation“, „Strategieentwicklung“ bis zu „Organisationskultur“;
  • Kapitel 12 – 13 mit dem Versuch einer zusammenfassenden „Perlenlese“ unter den Überschriften „Lost & Found“ sowie „Organisation als temporale Form“.

Inhalte

Als leitende Fragestellung formulieren die Herausgeber: „Welche Vorteile bietet eine systemtheoretisch informierte Perspektive für praktische Organisationswissenschaft?“ Sie kündigen an, mit dem Leser die systemtheoretische Brille aufzusetzen, das heißt u.a.

  • Zirkularität zu berücksichtigen,
  • Kommunikation als einzigen (!) Grundbaustein von Organisationen zu begreifen,
  • Organisationen als autopoietische Systeme zu sehen,
  • mit Beobachtern zweiter Ordnung zu arbeiten.

Tatsächlich wird diese Brille oft eingesetzt, vor allem im Bemühen, den systemischen Ansatz von traditionellen, klassischen und sozialkonstruktivistischen Ansätzen abzugrenzen. Dieses Abgrenzungsunterfangen geschieht analog bei den Themen Kommunikation (Jens O. Meissner, Gian-Claudio Gentile, Harald Tuckermann) und Kultur (Christof Baitsch, Erik Nagel). Andererseits besteht rund die Hälfte des Sammelbands aus Beiträgen, bei denen die Systemtheorie keine originäre Rolle spielt, etwa zu Wissen und Lernen (Patricia Wolf, Heiko Hilse), zu Organisationsarchitekturen (Reinhart Nagel), zu Führung und Organisation (Rudolf Wimmer, Thomas Schumacher) und zur Strategieentwicklung (Katrin Glatzel, Rudolf Wimmer). Lesenswert sind auch diese Beiträge, jedoch bedarf es keiner Systemtheorie, um etwa festzustellen, dass „Controllingsysteme immer nur selektive Beschreibungen des eigenen Zustands darstellen“ (S. 188). Auffällig, weil nicht weiter begründet, erscheint dem Rezensenten auch, dass eine Engführung des Organisationsbegriffs auf Wirtschaftsunternehmen vorgenommen wird.

Diskussion

Günther Ortmann von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg soll laut Klappentext gesagt haben: „Organisationstheorie mit Luhmann – verständlich und praxisnah. Wie schön!“ Dieses Werbeversprechen „Luhmann - verständlich!“ ist ein starker Kaufanreiz, kann aber nicht durchgängig eingelöst werden. Luhmann selbst wird nur selten herangezogen, vielmehr wird ein weiter Horizont aufgespannt, unter dem viele Ideen als systemtheoretisch etikettiert werden, die sich in anderer Form auch sonst in der modernen Organisationtheorie (vor allem bei Cyert, March, Simon und Weick) finden: Relation Organisation-Umwelt, Umgang mit Komplexität, Kritik am Machbarkeitswahn und an einer individuumszentrierten Führungsperspektive. Ralf Wetzel und Jens Aderhold ist zuzustimmen, wenn sie in ihrem Beitrag die Anschlussfähigkeit der Systemtheorie an die Klassiker der Organisationsforschung herausarbeiten. Gelegentlich wird jedoch die Vorarbeit der modernen Klassiker einengt, etwa wenn Fritz B. Simon den Ansatz von Crozier/Friedberg auf eine Deskription von Handlungssystemen verkürzt. Unterschlagen wird dabei das politische Element. „Macht“, deren Einsatz „Spiele“ in Organisationen erst zu einem relevanten Erklärungsmuster machen, bleibt nicht nur in diesem Beitrag unerwähnt.

Dass die Systemtheorie Luhmanns Macht quasi wegdefiniert, indem sie die Person in der Organisation zur Umwelt zählt, ist keine neue Erkenntnis. Erwähnenswert wäre es schon, gerade weil Machtbeziehungen (vgl. etwa Küpper/Felsch 2000) oder Macht und Herrschaft als Elemente der Strukturation (vgl. etwa Schwarz 2007) sehr praktische Instrumente der Organisationsanalyse darstellen können. Dies passt nur nicht in die systemische Denkweise – inkommensurabel eben.

Doch zurück zur Fragestellung der Herausgeber nach den Vorteilen einer systemtheoretisch informierten Perspektive für praktische Organisationswissenschaft. Sie selbst reflektieren im Kapitel „Lost & Found“ den Beitrag des Buches eher bescheiden, was sympathisch wirkt:

  • Aufriss der systemtheoretischen Theoriewelt,
  • Klärung der Grundbegriffe,
  • Komplexitätssteigerung,
  • Sammlung praktischer Beobachtungen und
  • Beispiele zur praxisorientierten Anwendung und zur Handlungsrelevanz.

Aus der Perspektive vollmundiger Machbarkeitsphilosophien bekannter Unternehmensberater scheint hier wenig erreicht worden zu sein. Der Eindruck ist gewollt.

Doch das Understatement täuscht letztlich, was der letzte Beitrag von Dirk Baecker signalisiert. Hier wird unter der Überschrift „Organisation als temporale Form: Ein Ausblick“ zum Rundumschlag ausgeholt. Baecker gelingt es, auf gut 16 Seiten rund 300 Quellen zu zitieren und damit, quasi als Aufriss getarnt, die Deutungshoheit der Systemtheorie in der gegenwärtigen Organisationstheorie zu reklamieren.

Nicht nur der anvisierte Bachelorstudent wird hiermit überfordert. Allerdings mindert dieser Stilbruch nicht das Verdienst anderer Beiträge, die gut lesbar und instruktiv sind. Dem eiligen Leser seien vor allem zwei Beiträge empfohlen, die Kapitel 2 (Rudolf Wimmer, Jens Meissner, Patricia Wolf) und 6 (Stefan Jung und Rudolf Wimmer) – und natürlich last but not least das Kapitel 13 von Dirk Baecker. Gelegentlich muss sich auch der Bachelorstudent die Zähne an der Theorie ausbeißen.

Fazit

Ein sehr gelungenes Lehrbuch mit hoher praktischer Verwertbarkeit in der Lehre. Der Einsatz in Vorlesungen und Seminaren ist unter professioneller Anleitung sicher höchst effektiv. Ob die Eignung als Arbeitsbuch zum selbstgesteuerten Studium ebenso vorliegt und ob es wirklich eine Grundlage für die praktische Organisationsarbeit darstellen kann, da hat der Rezensent gewisse Zweifel. Doch diese Zweifel stellen sich auch bei anderen Lehrbüchern der Organisationswissenschaft ein.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
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Es gibt 16 Rezensionen von Anton Hahne.

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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 26.09.2009 zu: Rudolf Wimmer, Jens O. Meissner, Patricia Wolf (Hrsg.): Praktische Organisationswissenschaft. Lehrbuch für Studium und Beruf. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-680-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7669.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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